Das Römische Reich in der Byzantike – Ein notwendiger Epochenbegriff

Im Osten überlebte der römische Staat funktionell und institutionell weiter, während im Westen vor allem die ältere lateinisch-römische Traditionswelt fortbestand. Die Stadt Rom selbst blieb dabei das mächtigste Erinnerungszentrum der alten Ordnung — politisch geschwächt, aber symbolisch nahezu unersetzbar.
und da wundert mich, dass es dem Patriarchat von Konstantinopel nie gelang, und sei es gestützt auf den/die Kaiser, zur Chefetage der Kirche (vor dem Schisma) aufzusteigen; verwunderlich, dass die weltliche Hauptstadt wechseln konnte, die geistliche/kulturelle/prestigemäßige hingegen nicht (obwohl überspitzt gesagt Rom zwischenzeitlich im Frühmittelalter heftig abgewirtschaftet und heruntergekommen war)
 
und da wundert mich, dass es dem Patriarchat von Konstantinopel nie gelang, und sei es gestützt auf den/die Kaiser, zur Chefetage der Kirche (vor dem Schisma) aufzusteigen; verwunderlich, dass die weltliche Hauptstadt wechseln konnte, die geistliche/kulturelle/prestigemäßige hingegen nicht (obwohl überspitzt gesagt Rom zwischenzeitlich im Frühmittelalter heftig abgewirtschaftet und heruntergekommen war)
Betrachtet man die unterschiedliche Entwicklung von Ost und West, erscheint diese Konstellation vielleicht sogar weniger verwunderlich, als sie zunächst wirkt.

Im Osten stand der Patriarch von Konstantinopel zwar unter dem Schutz des Kaisers, zugleich aber meist auch im Schatten der fortbestehenden kaiserlichen Autorität. Kirche und Staat blieben dort innerhalb derselben imperialen Ordnung des römischen Staates der Byzantike organisiert. Gerade deshalb konnte sich der Patriarch schwerlich zu einer völlig eigenständigen universalen Instanz entwickeln, wie dies später im Westen geschah.

Im Westen beobachten wir dagegen eine andere Dynamik: Nach dem Zerfall der westlichen Zentralgewalt gewann der Bischof von Rom zunehmend eine eigenständige Autorität, weil er dort nicht mehr dauerhaft von einer funktionierenden kaiserlichen Staatsmacht überragt wurde. Das spätere westliche Kaisertum wiederum konnte sich im Gegenzug zur Kaiserkrönung nur etablieren, indem es die besondere Stellung des Papsttums anerkannte. Daraus entstand letztlich jene Spannung zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, die später auch im Investiturstreit sichtbar wurde.

In diesem Sinne war der Patriarch von Konstantinopel nicht unbedingt „schwächer“ als der Papst, sondern anders eingebunden. Innerhalb seines eigenen Orbis besaß er enorme religiöse Autorität, allerdings eingebettet in die weiterhin existierende imperiale Ordnung Konstantinopels.

Vielleicht erklärt gerade dies auch die eigentümliche Dynamik des Schismas von 1054: Dort standen sich nicht einfach eine starke und eine schwache Kirche gegenüber, sondern zwei unterschiedlich gewachsene Zentren christlicher Universalität, die beide aus derselben römischen Welt hervorgegangen waren.
 
Wenn man sich den Miḥrāb der Moschee von Córdoba und die umgebenden Türen ansieht (die ursprünglich mal zur BIbliothek der Moschee führten bzw. den Zugang des Kalifen zur Moschee ermöglichten, ohne, dass dieser über die Straße musste, sondern stattdessen über ein Brücke, direkt von seinem Palast), dann sind diese mit wundervollen Mosaiken geschmückt.
Diese Mosaike ,die glasiert waren dienten nicht nur zur Verzierung sondern waren auch ein Hygienefaktor.Der Mihrab von Cordoba ist zwar mit Mosaiken bedeckt aber die Säulen im gesamten Sakralbau nicht und dort sieht man über die Jahrhunderte ,die Spuren des Anlehnens /Abstützens. Erst mit den Almohaden wurde ,das "Zellige" mit seinen geometrischen Muster für die Säulen ,die unteren Teil von Wänden und Minarette genutzt ein Merkmal für Magrebinische Moscheen.

Das Know-How dürfte von den Byzantinern gekommen sein ,daher gibt es Debatten über den ersten Gebrauch von "Zellije" Hauptstadt der Almohaden versus ehemaliges Byzantinischegebiet (Ifriquia)
 
gerade die frühe "Byzantike" war sehr engagiert darin, die nichtchristliche Gelehrsamkeit zu verbieten und zu verjagen!
Natürlich überlebte einiges bei den byz. klerikalen Kopisten, aber die waren nicht die einzige "Sammelstelle": vergessen wir nicht, woher im Gefolge der Kreuzzüge die z.B. medizinische Gelehrsamkeit kam, nämlich aus dem arabischen Raum (wo man sie bewahrte) - letztlich hat das byz. "bewahren" wohl nur die kleinere Hälfte der Überlieferung ausgemacht.

Aber gerade die frühe "Byzantike" war doch entscheidend für die Überlieferung, und das über viele Jahrhunderte!
Die byzantinische Überlieferung wird nicht vor dem 7. Jahrhundert (schwerpunktmäßig wohl erst im 9./10. Jahrhundert) von den Arabern übernommen.
 
Aber gerade die frühe "Byzantike" war doch entscheidend für die Überlieferung
und sie war - Justinian - entscheidend 529 für die Schließung der Athener Philosophenschule, 545 Verfolgung heidnischer Gelehrsamkeit, 562 Bücherverbrennung. Das spukte mir noch durch den Kopf - ich glaube, im Faden über Bücherverluste vor Jahren hatten wir das thematisiert (was, wie viel, warum usw ging verloren)
Freilich janusköpfig in diesem Theme gab es nicht nur Justinians drastische Politik, sondern eben auch
Im griechischen Osten des römischen Reiches wiesen die Traditionslinien, zumal verglichen mit dem lateinischen Westen, weitaus weniger Brüche auf, sowohl was die Überlieferung als auch was die Bildungstradition anbelangt. Zumindest bis um 600 existierte hier weiterhin eine gebildete Elite, die sich um die Pflege der überlieferten Literatur kümmerte.
 
... übrigens war parallel in Byzanz und im oströmischen Reich ebenfalls ne Menge los, ja sogar dieselbe Menge ;)
Diese Anekdote erinnert mich daran, wie ich als kleines Mädchen artig mit Messer und Gabel aß und von den Erwachsenen mit bewundernden Blicken und Worten des Lobs bedacht wurde, bis mein kleiner Ungeist den letzten Bissen mit der Hand zum Munde führte, was ein lautes "Oh!" der Tischgesellschaft zur Folge hatte. Die Episode, als ich im zarten selben Alter beim Kaffeekranz die Tischdecke samt Gedeck vom Tische zog, erzähle ich ein andermal...
 
2. Zur 'Verschrobenheit' des Begriffs:
Ich kann den Einwand verstehen – jeder neue Begriff wirkt anfangs 'unbeholfen', weil er das gewohnte Sprachgefühl stört. Aber ist 'Oströmisches Reich' (eine Himmelsrichtung) oder 'Byzantinisches Reich' (eine fiktive Ethnie) weniger unbeholfen, wenn man die staatsrechtliche Realität betrachtet? Die Byzantike ist ein funktionales Werkzeug. Sie ist vielleicht verschroben, wie eine neue Maschine verschroben wirkt, bis sie das Problem löst, für das sie gebaut wurde: Die nahtlose Benennung der römischen Kontinuität.
Der Unterschied ist aber, dass "Oströmisches Reich" oder "Byzantinisches Reich" keine völligen sprachlichen Neuschöpfungen sind. Zwischen einem Römischen Reich des Westens und des Ostens unterschied etwa schon Marcellinus Comes, und der Begriff "byzantinisch" findet sich - wenn auch nur sehr vereinzelt und in grausigen Schreibweisen wie "bisantinus rex" - mitunter auch schon im Mittelalter. Beide Begriffe - so problematisch sie auch sein mögen - haben also wenigstens durchaus historische Tradition.
Die Byzantike ist deshalb mehr als nur ein Zeitabschnitt für einen Einzelstaat. Sie beschreibt die Phase, in der das Römische Reich das strahlende Zentrum des bekannten Universums war. Von den Wikingern im Norden bis zu den Kalifen im Süden und den Kleinkönigen im Westen: Alle richteten sich kulturell, religiös und zeremoniell nach Konstantinopel aus.
Das halte ich für arg übertrieben, nicht nur, aber vor allem was das Religiöse betrifft. Zwischen der östlichen und der westlichen Christenheit bestand schon vor dem Schisma im 11. Jhdt. eine tiefe Kluft. Es ging da keineswegs nur um Fragen des päpstlichen Primats, sondern auch um theologische und liturgische Aspekte (bis hin zu Fragen wie ob man den Messwein mit kaltem oder warmem Wasser zu mischen hatte).
Die zeremonielle Ausrichtung kann ich auch so nicht erkennen. Das überaus komplexe System von Titeln und Rängen, das sich im Osten entwickelte, blieb dem Westen in dieser Intensität fremd, ebenso (im weltlichen Bereich) die Proskynese.
Für die Wikinger war Rom in erster Linie als Arbeitgeber (Warägergarde) und als Handelspartner interessant.
Strahlend wirkte Konstantinopel durch seinen Reichtum und seine Altehrwürdigkeit, aber tatsächliche Nachahmungsversuche im religiösen und zeremoniellen Bereich hielten sich in Grenzen. Nicht vergessen sollte man die sprachliche Barriere: Im Westen konnte jahrhundertelang kaum jemand Griechisch.
Man könnte sagen: Die spät-byzantiken Gelehrten reisten nicht in die Fremde, sondern in einen anderen Teil der römischen Welt, der sich früher vom Zentrum emanzipiert hatte. Der Erfolg der Renaissance in Italien ist ja gerade deshalb so groß gewesen, weil der Boden dort bereits durch Jahrhunderte römischer Tradition (und byzantiker Einflüsse) bereitet war.

Die Gelehrten brachten lediglich das 'Hochprozentige' (die griechische Philologie und Philosophie) zurück in eine Region, die ihre eigenen römischen Wurzeln gerade erst wiederentdeckte. Es war eher ein Familientreffen als ein Kulturschock.
Das sahen die meisten spätbyzantinischen Gelehrten aber anders. Westorientierte (und antipalamitische) Gelehrte wie Demetrios Kydones, der Latein lernte und ein großer Fan von Thomas von Aquin war, waren Ausnahmen. Ihre meisten Kollegen rümpften über den Westen die Nase (freilich waren das dann nicht unbedingt die, die in den Westen gingen), und der Durchbruch des Palamitismus im Osten im 14. Jhdt. vertiefte die Kluft noch.

Umgekehrt wartete man auch in Italien nicht nur unbedingt und konsequent auf die Bereicherung aus dem Osten und das Wiederanknüpfen an die Antike. Es gab auch andere, eigenständige Entwicklungen wie den Durchbruch des Italienischen als Literatursprache vor allem dank Dante.
 
Zuletzt bearbeitet:
Der Unterschied ist aber, dass "Oströmisches Reich" oder "Byzantinisches Reich" keine völligen sprachlichen Neuschöpfungen sind. Zwischen einem Römischen Reich des Westens und des Ostens unterschied etwa schon Marcellinus Comes, und der Begriff "byzantinisch" findet sich - wenn auch nur sehr vereinzelt und in grausigen Schreibweisen wie "bisantinus rex" - mitunter auch schon im Mittelalter. Beide Begriffe - so problematisch sie auch sein mögen - haben also wenigstens durchaus historische Tradition.

Das halte ich für arg übertrieben, nicht nur, aber vor allem was das Religiöse betrifft. Zwischen der östlichen und der westlichen Christenheit bestand schon vor dem Schisma im 11. Jhdt. eine tiefe Kluft. Es ging da keineswegs nur um Fragen des päpstlichen Primats, sondern auch um theologische und liturgische Aspekte (bis hin zu Fragen wie ob man den Messwein mit kaltem oder warmem Wasser zu mischen hatte).
Die zeremonielle Ausrichtung kann ich auch so nicht erkennen. Das überaus komplexe System von Titeln und Rängen, das sich im Osten entwickelte, blieb dem Westen in dieser Intensität fremd, ebenso (im weltlichen Bereich) die Proskynese.
Für die Wikinger war Rom in erster Linie als Arbeitgeber (Warägergarde) und als Handelspartner interessant.
Strahlend wirkte Konstantinopel durch seinen Reichtum und seine Altehrwürdigkeit, aber tatsächliche Nachahmungsversuche im religiösen und zeremoniellen Bereich hielten sich in Grenzen. Nicht vergessen sollte man die sprachliche Barriere: Im Westen konnte jahrhundertelang kaum jemand Griechisch.

Das sahen die meisten spätbyzantinischen Gelehrten aber anders. Westorientierte (und antipalamitische) Gelehrte wie Demetrios Kydones, der Latein lernte und ein großer Fan von Thomas von Aquin war, waren Ausnahmen. Ihre meisten Kollegen rümpften über den Westen die Nase (freilich waren das dann nicht unbedingt die, die in den Westen gingen), und der Durchbruch des Palamitismus im Osten im 14. Jhdt. vertiefte die Kluft noch.

Umgekehrt wartete man auch in Italien nicht nur unbedingt und konsequent auf die Bereicherung aus dem Osten und das Wiederanknüpfen an die Antike. Es gab auch andere, eigenständige Entwicklungen wie den Durchbruch des Italienischen als Literatursprache vor allem dank Dante.
Danke für die ausführliche und faire Rückmeldung – insbesondere auch deshalb, weil du ja selbst einräumst, dass sowohl „Ostrom“ als auch „Byzanz“ letztlich problematische bzw. konstruierte Begriffe sind. Genau dort setzt mein Gedanke zur Byzantike eigentlich an.

Dass Begriffe wie „Oströmisches Reich“ oder vereinzelte Formen wie „bisantinus“ historische Vorläufer besitzen, bestreite ich keineswegs. Allerdings scheint mir die bloße historische Überlieferung eines Begriffs allein noch kein ausreichendes Argument für seine langfristige historiographische Zweckmäßigkeit zu sein. Viele mittelalterliche Fremdbezeichnungen entstanden aus sehr spezifischen politischen oder kulturellen Perspektiven heraus und waren oft polemisch oder situativ geprägt.

Gerade deshalb interessiert mich weniger die Frage, ob ein Begriff irgendwo bereits einmal auftauchte, sondern ob er geeignet ist, die tatsächlichen historischen Verhältnisse möglichst klar abzubilden. Und hier scheint mir „Byzantike“ den Vorteil zu besitzen, dass der Begriff die Eigenart der Epoche benennt, ohne zugleich die römische Staatlichkeit begrifflich auszulagern.

Den Einwand bezüglich meiner Formulierung, „alle“ hätten sich kulturell, religiös und zeremoniell nach Konstantinopel ausgerichtet, halte ich dagegen für berechtigt – das war zu pauschal formuliert. Treffender wäre wohl: Auf die eine oder andere Weise mussten sich die Staaten des Mittelalters zum fortbestehenden römischen Zentrum in Konstantinopel verhalten. Die einen stärker religiös, die anderen diplomatisch, wirtschaftlich oder zeremoniell.

Gerade die Vielfalt dieser Beziehungen zeigt meines Erachtens, dass die mittelalterliche Welt sehr wohl wahrnahm, dass in Konstantinopel weiterhin der Träger des alten römischen Kaisertums existierte – selbst dort, wo man diesen Anspruch ablehnte oder konkurrierende Modelle entwickelte.

Was die spätbyzantiken Gelehrten betrifft, stimme ich ebenfalls zu, dass die kulturelle Kluft zwischen Ost und West real war und besonders in der Palaiologenzeit eher zunahm. Mein Punkt zielte weniger auf ein harmonisches „Wiedererkennen“ beider Welten ab, sondern eher darauf, dass die italienische Renaissance auf einem Boden entstand, der trotz aller Unterschiede weiterhin tief von antik-römischer Tradition durchdrungen war. Der Einfluss verlief dabei sicherlich wechselseitig und keineswegs nur einseitig vom Osten in den Westen.

Vielleicht liegt gerade hierin die eigentliche Schwierigkeit der Epoche: Wir erleben einen in verschiedenen Richtungen sich auseinanderentwickelnden Orbis Romanus, der in dem Maße sich verstetigt, wie der Römische Staat sich endgültig auflöst.
 
Treffender wäre wohl: Auf die eine oder andere Weise mussten sich die Staaten des Mittelalters zum fortbestehenden römischen Zentrum in Konstantinopel verhalten. Die einen stärker religiös, die anderen diplomatisch, wirtschaftlich oder zeremoniell.
Mussten sie das? Manche Könige der britischen Inseln pilgerten nach Rom - aber das Verhältnis zu Konstantinopel war meist wohl eher überschaubar. Auch die Franken scheinen nach dem 6. Jhdt. erst wieder im späten 8. Jhdt. intensivere diplomatische Kontakte gepflegt zu haben, als sich durch ihre Verwicklung in die italienischen Angelegenheiten Reibungsflächen ergaben.
Das religiöse Verhältnis des lateinischen Westens zum Osten konzentrierte sich vor den Kreuzzügen eher auf den Missionierungswettlauf am Balkan und in Osteuropa.

Intensive Kontakte zwischen Ost und West gab es außerhalb Italiens - neben dem Handel - im Zuge gelegentlicher Heiratsverbindungen ab dem 10. Jhdt. und dann im Zuge der Kreuzzüge - wobei die intensivierten Kontakte im Rahmen der Kreuzzugsära eher zu einer Vertiefung der Entfremdung als zu einer Förderung des gegenseitigen Verständnisses führten. Davor (7.-11. Jhdt.) existierten das Oströmische Reich und die meisten Staaten des Westens eher neben- als miteinander.
 
Mussten sie das? Manche Könige der britischen Inseln pilgerten nach Rom - aber das Verhältnis zu Konstantinopel war meist wohl eher überschaubar. Auch die Franken scheinen nach dem 6. Jhdt. erst wieder im späten 8. Jhdt. intensivere diplomatische Kontakte gepflegt zu haben, als sich durch ihre Verwicklung in die italienischen Angelegenheiten Reibungsflächen ergaben.
Das religiöse Verhältnis des lateinischen Westens zum Osten konzentrierte sich vor den Kreuzzügen eher auf den Missionierungswettlauf am Balkan und in Osteuropa.

Intensive Kontakte zwischen Ost und West gab es außerhalb Italiens - neben dem Handel - im Zuge gelegentlicher Heiratsverbindungen ab dem 10. Jhdt. und dann im Zuge der Kreuzzüge - wobei die intensivierten Kontakte im Rahmen der Kreuzzugsära eher zu einer Vertiefung der Entfremdung als zu einer Förderung des gegenseitigen Verständnisses führten. Davor (7.-11. Jhdt.) existierten das Oströmische Reich und die meisten Staaten des Westens eher neben- als miteinander.
Du hast recht - „mussten“ war vielleicht zu pauschal formuliert (mal wieder:), insbesondere mit Blick auf entferntere Randräume wie die britischen Inseln, die zeitweise nur geringe direkte Berührung mit Konstantinopel hatten. Gemeint war eher, dass das fortbestehende römische Zentrum in Konstantinopel für große Teile der mittelalterlichen Welt weiterhin einen wichtigen zivilisatorischen Referenzpunkt darstellte — allerdings mit sehr unterschiedlicher Intensität je nach Region und Epoche.

Gerade in den Grenz- und Kontaktzonen des Reiches der Byzantike war diese Wechselwirkung besonders stark. Am Balkan, in Osteuropa, im Kaukasus, in Süditalien oder später auch im Kontext der Kreuzzüge. Dort ging es häufig um: Missionierung, dynastische Heiraten, Hofzeremoniell, Titelverleihungen, Handel, diplomatische Anerkennung oder bewusste politische Abgrenzung.

Viele Herrscher bemühten sich um byzantik-römische Titel, Prestige oder verwandtschaftliche Anbindung an Konstantinopel, während andere ihre eigene Stellung gerade im Gegensatz zum Reich definierten.

Vielleicht könnte man daher eher sagen:

Je näher ein politischer Raum geographisch oder kulturell an den Orbis des fortbestehenden Römischen Reiches rückte, desto stärker musste er sich in irgendeiner Form zu diesem Zentrum verhalten — sei es durch Annäherung, Konkurrenz oder Abgrenzung.
 
Viele Herrscher bemühten sich um byzantik-römische Titel, Prestige oder verwandtschaftliche Anbindung an Konstantinopel, während andere ihre eigene Stellung gerade im Gegensatz zum Reich definierten.
Gilt das nicht lediglich in der Spätantike, danach nicht mehr so sehr? Mir fällt da hoc für später nur Theophanu ein, die mir da eher als Ausnahme denn als Regel erscheint.
 
Heiratsverbindungen zwischen westlichen und dem oströmischen Herrscherhaus gab es im Hoch- und Spätmittelalter recht häufig.

Nur einige wenige Beispiele von vielen:
Kaiser Manuel I. Komnenos war in beiden Ehen mit "lateinischen" Frauen verheiratet. Auch seine überlebenden legitimen Kinder heirateten "westlich".
Herzog Heinrich II. Jasomirgott von Österreich und Theodora
König Philipp von Schwaben und Eirene aus der Dynastie der Angeloi
Leopold VI., Herzog von Österreich und Steiermark, und Theodora
Die Palaiologen-Kaiser Andronikos II. und III. waren beide mit Prinzessinnen aus dem Westen verheiratet.

Nicht unerwähnt bleiben sollte freilich, dass Ehen oströmischer Kaiser mit Frauen aus dem Westen in Konstantinopel auf viel Kritik stießen und sogar zu Gewaltausbrüchen und Umstürzen führen konnten.
Dass nach dem frühen Tod von Andronikos III. seine Witwe Anna von Savoyen die Regentschaft für den minderjährigen Sohn Johannes V. führen wollte, war mit ein Grund für die (einige Zeit erfolgreiche) Usurpation von Johannes VI. und die daraus resultierenden verheerenden Bürgerkriege, die den endgültigen Niedergang des Reiches besiegelten.
 
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