Der Geschichts- Maler der Kaiserzeit

Dieses Thema im Forum "Kunstgeschichte" wurde erstellt von Arcimboldo, 10. November 2004.

  1. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Wer kennt das Bild nicht :

    Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches „ 18.1.1871
    von Anton von Werner
    Hier könnt ihr erst mal einige seiner bekannten Bilder nebst Kurzbiographie sehen :

    http://www.kronberger-maler.de/victoria/wernerbio.html

    Die Karriere dieses handwerklich enorm begabten Malers dokumentiert aus meiner Sicht einmal die ästhetischen Vorstellungen des gehobenen Bürgertums der Kaiserzeit und die Erwartungen an die bildende Kunst und an ihre offiziellen Künstler.
    Zunächst kommt uns durch die Biographie der Maler hinter den Bildern näher. Reizvoll für euch geschichtsinteressierte Leser ist jetzt mal hinter den Maler ,hinter seine Karriere und somit in diese so national bestimmte Zeit zu schauen .

    Mit der Reichsgründung 1871 herrschte im bürgerlich-protestantischen Kulturmilieu eine ausgeprägt nationale Gesinnung vor, die in erster Linie am Kaisertum als dem Symbol des neuen Nationalstaats orientiert war. Die bürgerlich-liberalen Ideen der national geprägten Kulturnation gingen eine Symbiose mit den monarchischen Gedanken und der höfisch-aristokratische Kultur ein.

    Die Nationalstaatsbildung weckte in der bürgerlichen Bevölkerung die Erwartung, dass eine kulturelle Blütezeit gekommen sei. Tatsächlich war auch ein quantitatives Wachstum des kulturellen Sektors zu verzeichnen .
    Expansion der Kunstakademien und Kunsthochschulen als Sachwalter der offiziösen Ästhetik und konventionellen historischen Malweise . Vor diesem Hintergrund mussten andere Künstler natürlich hinten runterfallen, die nicht dieser Ästhetik entsprachen.

    Zwei Beispiele anhand des verehrten Malers Max Liebermann und dem damals noch unentdeckten Edward Munch verdeutlichen meine Absicht ,den Historien- und Uniformmaler Anton von Werner und seine „kunstbeflissene“ Umgebung aus heutiger Sicht ins rechte Licht zu rücken.
    Max Liebermann war 1898 Gründungsmitglied der Künstlervereinigung Berliner Secession, zu deren Vorsitzendem er im Jahr darauf gewählt wurde. Die Secession wandte sich gegen die Bürokratisierung und Willkür von Wilhelm II. und Anton von Werner bei den offiziellen Kunstausstellungen. Anton von Werner war der bevorzugte Maler des Kaisers, weil er die jüngste Geschichte wie Schlachten, die Kaiserproklamation in Versailles und Hoffestlichkeiten realistisch und effektvoll ins Szene setzte. Als Präsident der Secession (bis 1911) setzte sich Liebermann vehement für die von Anton von Werner abgelehnte Moderne ein .
    Aber auch dem hochdekorierten A.v. Werner, der übrigens ein ganz ausgezeichneter Hobby-Cellist war,unterläuft mal ein „ Fehler“. Er „förderte“ Munchs Karriere unfreiwillig. Dabei spielte durchaus ein modisches Element mit: Alles, wenn es nur aus Skandinavien stammte, wurde damals mit kritiklosem Enthusiasmus aufgenommen; das ging so weit, dass totgeschwiegene deutsche Künstler wie Arno Holz und Johannes Schlaf ihre Werke, damit sie überhaupt erwähnt wurden, unter einem skandinavischen Pseudonym einschmuggelten“.
    Dieser Vorliebe für die skandinavische Kunst hatte der 29jährige Munch 1892 die Einladung nach Berlin zu verdanken. Unterschrieben war sie von Anton von Werner, dem Hof- und „Uniform“-Maler, als Vorsitzenden des Vereins Berliner Künstler. Er – wie fast alle Mitglieder der Ausstellungskommission, die sich einstimmig für Munch entschieden – kannte Munchs Bilder nicht !
    Man war in Berlin entsetzt, als man sich mit Munchs Bildern konfrontiert sah. Anton von Werner wollte die Ausstellung sofort wieder schließen. Dagegen gab es im Verein Widerstand, vor allem unter den jüngeren Mitgliedern. Allerdings weniger, weil man sich für Munch begeisterte. Es ging um die Freiheit eines jeden Künstlers, eigene, auch unkonventionelle Wege zu beschreiten. Trotzdem wurde die Ausstellung nach einer Woche beendet !

    Dumm gelaufen, aber doch aufschlußreich wie es gelaufen ist damals. Ich hoffe es war nicht zu ermüdend und wünsche viel Spaß wenn ihr die Bilder mal im Original seht.Von der "Proklamierung" gibts noch zwei andere Fassungen. :)
    Wer da Interesse hat über die Karriere der Bilder etwas zu erfahren ist hier gut bedient :
    http://www.politischebildung.com/fpb/pdfs/km_22.pdf
     
  2. Mercy

    Mercy unvergessen

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Da fallen so viele Stichwörter, dass ich einen ganzen Tag damit "vergeuden" könnte. Allein der "Trompeter von Säckingen", mit dem ich mich literaturhistorisch vor langer Zeit mal beschäftigt habe, gäbe noch manche Facette her.
    Zur geplanten Ausstattung des Reichstagsgebäude fand ich noch eine nette Episode:
    http://www.bundestag.de/bp/2003/bp0307/0307016.html
     
  3. Arne

    Arne Premiummitglied

    Interessante Arbeit. Nur eine kleine Ergänzung: Lt. meinem Anton von Werner-Buch gab es sogar 4 Fassungen. Eine für´s Schloß, eine für das Zeughaus, die dritte für Bismarck und eine vierte für eine Frankfurter Schule. Die Fassungen waren ja bekanntlich nicht gleich.

    Erhalten blieb aber nur die Dritte.
     

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