jschmidt
Aktives Mitglied
Ergänzend zu Assmann:
Das wirkt, zumindest ohne weiteren Zusammenhang, bezogen auf den Alten Orient doch arg anachronistisch, um nicht zu sagen möglicherweise nicht primär wissenschaftlich motiviert. Führt Assmann dieses Thema weiter aus? Drückt er sich an anderen Stellen ähnlich aus?
Es sind im Wesentlichen zwei (weitere) Stellen, in denen es um »Kolonialismus« geht.
Zum einen bezieht sich Assmann (S. 67) auf die lange ägyptische Oberherrschaft über Kanaan. Hypothese: »Der Exodus-Mythos könnte seine entscheidenden Motive aus einer anti-kolonialistischen, ›nativistischen‹ Widerstandsbewegung gegen die Kolonialmacht bezogen und dann umso mehr an Durchsetzungskraft gewonnen haben, als sich die kolonialistische Unterdrückung ab Mitte des 8. Jahrhunderts unter den Assyrern und später den Babyloniern wiederholte, bis hin zu den Persern, Seleukiden und Römern.«
Zum anderen zitiert Assmann (S. 276) diese längere Bibel-Passage:
Denn mein Engel wird vor dir hergehen und wird dich bringen zu den Amoritern, Hetitern, Perisitern,
Kanaanitern, Hewitern und Jebusitern; und ich werde sie austilgen.
Du sollst dich vor ihren Göttern nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen,
und du sollst nicht nach ihren Taten tun,
sondern du sollst sie ganz und gar niederreißen und ihre Gedenksteine völlig zertrümmern. […]
Und ich werde deine Grenze festsetzen:
vom Schilfmeer bis an das Meer der Philister
und von der Wüste bis an den Strom,
denn ich werde die Bewohner des Landes in deine Hand geben, so dass du sie vor dir vertreiben wirst.
Du sollst mit ihnen und mit ihren Göttern keinen Bund schließen.
Sie sollen nicht in deinem Land wohnen bleiben,
damit sie dich nicht zur Sünde gegen mich verführen;
denn [dann] würdest du ihren Göttern dienen, und es würde dir zu einer Falle sein. (Exodus 20, 23 f., 31–33)
und bemerkt dazu:»Befreiung und Eroberung, Revolution und Kolonialisierung gehören als zwei Seiten derselben Geschichte zusammen. So wie der Exodus die Urszene revolutionärer Freiheitsbewegungen ist, bildet die Landnahme mit ihrer Lizenz, ja Pflicht zu Vertreibung und Vernichtung die Urszene des Kolonialismus.«