Die Neolithische Revolution in Europa - Wie und warum?

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von Pope, 21. Juni 2007.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sozusagen vorbereitend zum eigentlichen Thema:

    In einem mesolithischem Stratum im Adria-Raum sind Zahnreste gefunden worden, die nach Isotopenanalysen auf eine Nahrungsaufnahme vorwiegend in Form von Fisch und Pflanzen deuten. Die dort vor der neolithischen Revolution lebenden Vorfahren übten sich offenbar als Pescetarier:

    Nature Scientific Reports, im open access
    Dental calculus and isotopes provide direct evidence of fish and plant consumption in Mesolithic Mediterranean
     
  2. superneun9

    superneun9 Neues Mitglied

    wie und warum scheint geklärt zu sein,
    meine frage am rande zu dem thema wäre,
    Was bist du?
    welcher genetikträger bist du?
    Trägst du die Genetik von den---> aus Afrika stammenden Jäger und Sammlern,
    oder die Gentik dieser eingewanderten Bauern aus Kleinasien bzw. Anatolien?
    man kann die 2 Populationen genetisch unterscheiden,
    grüße,
    9er
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Siehe oben ab #233.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    und im preview ein ähnliches Ergebnis aus Brandenburg, Fundstelle "Friesack 4", Fisch und pflanzliche Nahrung, mesolithisch-neolithischer Übergang.

    Im open access vorab unter bioxriv:

    Fine Endmesolithic Fish Caviar Meal Discovered by Proteomics of Foodcrusts
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zur Kupfersteinzeit im Übergang zum Neolithikum im Nahen Osten (heutiges Israel) weist jetzt eine Studie erneut hohe Migrationsanteile auf. Die Übergangsphase zwischen 4500/3800 v.Chr. ist durch einen Wechsel der Materialkultur gekennzeichnet, die sich trennscharf von den Phasen davor und danach abhebt.

    Genetische Untersuchungen (wieder mal unter Beihilfe von David Reich/Harvard) haben aDNA von 22 Knochenfunden untersucht, und dabei neben einem hälftigen Anteil ansässiger Bevölkerung hohe populationsgenetische Anteile aus dem Iran und Anatolien festgestellt. Da es sich um das neolithische Anatolien handelt, dürfte es hier auch zu einem Kulturtransfer und Verbreitung der Landwirtschaft gekommen sein.

    Publikation in der Nature
    Ancient DNA from Chalcolithic Israel reveals the role of population mixture in cultural transformation

    Presse, zB
    DNA analysis of 6,500-year-old human remains in Israel points to origin of ancient culture
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Polen in Zentraleuropa ist prähistorisch im Thema hier unter zwei Aspekten interessant: zum einen die Ausbreitung der neolithischen Revolution, die als Migration von Kleinasien über Südosteuropa bis nach Großbritannien populationsgenetisch nachgewiesen ist, zum anderen die spät-neolithische Transition in die frühe Bronzezeit, mit den zuletzt intensiv untersuchten "Steppemigrationen" von Osten bis nach Frankreich.

    Hierzu eine neue Studie, die diesen geografischen Brennpunkt der offenbar stattgefundenen Umwälzungen von Populationen zum Gegenstand hat:

    A genomic Neolithic time transect of hunter-farmer admixture in central Poland
    (open access in der Nature)


    Abstract: ~ deepL
    Alte DNA-Genom-weite Analysen neolithischer Individuen aus Mittel- und Südeuropa zeigen ein Bevölkerungs-Fluktuationsmuster, bei dem wandernde Bauern aus Anatolien und dem Nahen Osten die autochthonen mesolithischen Jäger und Sammler weitgehend ersetzt haben.

    Die genetische Geschichte des neolithischen Übergangs in Gebieten nördlich der europäischen neolithischen Kernregion beinhaltete jedoch eine unterschiedliche Vermischung mit Jägern und Sammlern. Hier analysieren wir genomweite Daten von 17 Individuen, die sich vom Mittelneolithikum bis zur frühen Bronzezeit (4300-1900 v. Chr.) erstrecken, um den neolithischen Übergang in Nordmittelpolen und die lokalen Auswirkungen von Jäger-Bauern-Kontakten und spätneolithischen Steppenwanderungen zu bewerten.

    Wir bewerten/schätzen den Einfluss dieser Faktoren auf die lokale Bevölkerung und beurteilen, ob und wie sie sich im Laufe der Zeit ändern, indem wir Nachweise für eine wiederholte Vermischung von Jäger und Landwirt über drei Jahrtausende und das Zusammenleben von nicht gemischten Jägern und Sammlern bis 4300 v. Chr. erbringen.

    Während des Spätneolithikums berichten wir über das Auftreten von Steppenabstammungen, jedoch in geringerem Umfang als zuvor für andere mitteleuropäische Regionen beschrieben, mit Beweisen für eine stärkere Verwandtschaft zu Jägern und Sammlern als zu Steppenpastoralisten. Diese Ergebnisse helfen, die neolithische Paläogenomik eines anderen mitteleuropäischen Raums, Kuyavia, zu verstehen und zeigen die Komplexität der Populationsinteraktionen während dieser Zeit auf.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Ausbreitungswellen der neolithischen Revolution mit Einführung der Landwirtschaft und der Verdrängung oder dem Nebeneinander mit Jäger-Sammler-Gesellschaften sind seit Jahrzehnten auch Gegenstand mathematischer Modelle, die sich mit der Bestimmung der Ausbreitungsgeschwindigkeiten beschäftigen.

    Ursprünglich wurde hier das Fisher-Modell für "biologische Invasionen" verwendet, dann zum Fisher-Skellam-Modell transferiert, eingeführt durch den jüngst verstorbenen Pionier der Populationsgenetik Cavalli-Sforza mit Kollegen 1971/1973.

    Mit Einführung von (verzögernden) "Umweltvariablen", insbesondere das Nebeneinander mit Jäger-/Sammler-Gruppen, wurde daraus Mitte der 1990er das Shigesada-Modell.

    Alles in allem unbefriedigend, da Ausbreitungsgeschwindigkeiten von 2,8 km/Jahr über die Zeiträume prognostiziert wurden, die etwa das 250% über den Nachweisen lagen.

    Der Modellfehler soll jetzt korrigiert worden sein.
    On a three-component degenerate reaction-diffusion model for the population of farmers and hunter-gatherers
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eine neue Studie unter Mitwirkung von David Reich ist in der Vorab-Publikation erschienen. Es geht um genetische Einträge der vorhandenen Jäger-Sammler-Populationen in die sich ausbreitende landwirtschaftlich orientierte Bevölkerung in Europa.

    Die genetischen Unterschiede sind nachweisbar, da letztere Population anatolischen Urspungs ist. Bislang wurde auch eine Vermischung dieser Population mit lokalen Jäger-/Sammler-Gruppen untersucht, aber nicht die "umgekehrte" Richtung.

    Es geht also um die "frühen Linearbandkeramiker". Die Studie stellt auch hier, jedenfalls mit Einschränkung auf die untersuchte aDNA aus Beunn, bei den sesshaften neuen Gruppen Souren der JS-Bevölkerung fest, wenn auch in geringem Umfang. Frage ist, welche Repräsentativität dieser "Punktbetrachtung" beigemessen werden kann?

    Zur Studie: (auf bioRxiv)
    Interactions between earliest Linearbandkeramik farmers and central European hunter gatherers at the dawn of European Neolithization
     
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  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Update zur Bevölkerungsgeschichte von Korsika.
    Früheste Besiedlung etwa um 10.000 BP, über See.

    Markante populationsgenetische Spuren aus dem Zeitraum der letzten 3000 Jahre, insoweit wenig überraschend.
    Mit einer Nähe zum nord- und mittelitalienischen Pool, auch wenig überraschend.

    Nature, Scientific Reports, Open Access:
    Genome-wide analysis of Corsican population reveals a close affinity with Northern and Central Italy
     
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  11. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

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  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Vielen Dank für den Hinweis!
     
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  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eine weitere Publikation beschäftigt sich mit den Details der Ausbreitung von Tierhaltung und Landwirtschaft aus Anatolien über den Rest von Europa.

    Hier geht es um Datierungen, bei denen auf den ägäischen Inseln die Verbreitung von Nutztieren aus denselben Herkunftsgruppen nachgewiesen wurde, die zuvor in Ostanatolien entstanden sind, Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine (und auch Hunde) breiteten sich zusammen mit den Menschen in Westrichtung aus. Dieses "Erfolgsmodell" schlug sodann über 2000 Jahre bis zu den Britischen Inseln auf.

    Publikation:
    Spread of domestic animals across Neolithic western Anatolia: New stable isotope evidence from Uğurlu Höyük, the island of Gökçeada, Turkey

    aus dem Ergebnis: ~ deepL
    Auch ohne detailliertere paläoökologische Daten konvergieren zooarchäologische und stabile Isotopennachweise unabhängig voneinander und deuten darauf hin, dass die ersten neolithischen Bewohner von Gökçeada ihre Tiere aus dem gleichen kolonisierenden Bestand ausgewählt haben, einer Populationsquelle auf dem Festland, die sich über Westanatolien und auf das griechische Festland ausbreitete, wie ähnliche LSI-Werte in der Franchthi Höhle (Munro und Stiner 2015) und im Vergleich zur Fauna in den Phasen IV und III unter Uğurlu Höyük belegen.


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