Die Römer in Mittelhessen ¹

Ich möchte mich hier mal selbst zitieren mit einem Beitrag von 2014:

Die Streckenführung am nördlichsten Wetteraulimes habe ich übrigens auch nie verstanden. Geht man in Pohlheim nur 150-200 m weiter nach Norden. kann man das gesamte Lückebachtal überblicken, und hat den Sturzkopf, den Dünsberg und den Schiffenberg im Blick. So, wie der Limes ausgeführt war, sieht man nicht allzu viel, höchstens Richtung Süden, also innerhalb des Limes (heute stört da ein Waldstück).
Das ergibt für mich sehr wenig Sinn.

Das Zusammenspiel zwischen Römischer Grenze und germanischen Siedlungen gibt hier einige Rätsel auf.
Wenn man die nördlichen Nachbarn im Lahntal und rund um Waldgirmes/Dünsberg im Auge behalten wollte, was ja sinnvoll erscheint, wäre die Streckenführung völlig unsinnig.
 
... ob die Belegung am Ort überhaupt in das 2.
Jahrhundert n. Chr. hineingereicht hat. Der Betrieb der Eisenproduktionsanlage, mit deren Auflassung die Belegung der Fundstelle zu enden scheint, kann auf dieser vorläufigen Grundlage in die zweite Hälfte des 1. Jahrhundert n. Chr. gestellt werden."

Da haben wir einen direkten Widerspruch. Nach den Keramikfunden ist keine Siedlung ab der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts belegbar, die Metallurgie zeigt eine durchgehende Bewirtschaftung bis etwa 1200.
 
Der Limes ist ja nicht ein massiver Verteidigungswall, sondern dient als Annäherungshindernis und v.a. zur Lenkung und Kontrolle des Grenzübertritts.
Er hat hier mit dem Ausbau in Holz-Erde-Technik und mit begrenzten Ressourcen begonnen. Die Kontrolltürme wurden zunächst auf den günstig gelegenen kleinen Kuppen angelegt.

Sehr schön finde ich die Schautafel am Wachtturm WP 4/62 "Auf dem Kratzert" bei Muschenheim, die auch den Wachtturm WP 4/61 bei Birklar anhand von sehr guten Luftaufnahmen und mit vergleichender Grafik anschaulich erläutert (Private Fotos der Tafel findet man unter Google Maps, man muss sie stark vergrößern um den Text lesen zu können).

Und das ist hochinteressant: Du findest eine Doppelpalisade mit Tor- oder Torturmdurchgang (rechteckige Holzkonstruktion), und nordwestlich davon eine Unterbrechung der äußeren Palisade i.S. einer Schlupfpforte mit einem Clavicula-Tor nach innen!
Südwestlich und mit Abstand zur Doppelpalisade ist aber ein runder Turm, vermutlich aus Stein, oder quadratischer Turm mit kreisförmigem Wall und Graben. Und diese aufwendigeren Türme sind m.E. eine Besonderheit des Wetteraulimes, sie werden höher gebaut gewesen sein und eine gute Aussicht gehabt haben.

Berühmt ist der steinerne römische Wachtturm südöstlich von Burg Münzenberg im Wölfersheimer Wald, an einer römischen Straßengabelung, der eine weite Aussicht ermöglichte.
 
Zuletzt bearbeitet:
Der Limes ist ja nicht ein massiver Verteidigungswall, sondern dient als Annäherungshindernis und v.a. zur Lenkung und Kontrolle des Grenzübertritts.
Er hat hier mit dem Ausbau in Holz-Erde-Technik und mit begrenzten Ressourcen begonnen. Die Kontrolltürme wurden zunächst auf den günstig gelegenen kleinen Kuppen angelegt.

Richtig. Und bei Watzenborn blieb man - warum auch immer - unterhalb der Kuppe.
Von weiteren Turmbauten dort ist zumindest nichts erhalten.
Und 200m weiter, vor den Limestürmen, hat man einen hervorragenden Weitblick bis ins Lahntal.
 
Um es zu veranschaulichen:

Blick vom Limesturm:
Blick vom Limesturm.jpg


Kurz dahinter Blick zum Dünsberg:
Blick Dünsberg.jpg
 
Wunderschöne Aufnahmen! Du warst also auf dem Wachtturm WP 4/49, Barbarenstein.

Es gibt ein ganz tolles nicht-kommerzielle Seite bzw. Programm zum Erstellen von Panoramabildern, von U. Deuschle: Alpenpanoramen erzeugen.

Ich möchte es Euch allen ans Herz legen! Ich messe damit die Fernsicht aus, die ich vom heimischen Rothaargebirge bis zur belgischen Grenze bei Rötgen habe (> 150 km), oder nach Mainfranken (> 146 km), oder zum Thüringer Wald. Ich wette, dass keiner von Euch eine bessere Aussicht hat...

Du gibst die Dezimal(!)-Koordinaten ein, also
50.51773, 8.71387
Du musst sie getrennt eingeben.
Stelle die Vergrößerung auf den Faktor 20 ein (das entspricht auch meinem geliebten - militärischen - Fernglas Zeiss 20x60, mit kardanischer Aufhängung und optischer Stabilisierung, das technisch von der Zieloptik des Leopard 1 abgeleitet und bei Hensoldt hergestellt wurde).

Du siehst bei der einstellbaren Kamerahöhe (10 m = Voreinstellung) alles, bis in den Norden Mittelhessens (bei Marburg: Frauenberg, Ortenberg, Moischter Stempel, Amöneburg; Lumdatal: Totenberg; Kellerwald: Wüstegarten, und in den Raum Kassel). Du siehst praktisch alle latènezeitlichen Ringwallanlagen der Region.

Also, der Turm muss höher gewesen sein, und war dann optimal plaziert.

 
Zuletzt bearbeitet:
Also, der Turm muss höher gewesen sein, und war dann optimal plaziert.
Ein Stockwerk wie vermutet reicht möglicherweise nicht.
Dennoch verwundert die Lage, da ja das Vorfeld ja nicht einsehbar ist hinter der Kuppe.

Der schöne Link bitte ohne Doppelpunkt am Ende:
 
Das Kastell Pohlheim liegt selbst nur auf ca. 220–230 m ü. NN. Entscheidender sind wahrscheinlich die angrenzenden Wachtürme. Bei den markierten Türmen habe ich zusätzlich 8,75 Meter für die Höhe der Aussichtsplattform angenommen und in QGIS eine Sichtfeldanalyse gemacht.

Sichtfeldanalyse ist mit einem DGM 200 erstellt und deshalb ist die Darstellung so grobpixlig und dient nur zur einer groben Übersicht.

Die Türme westlich des Kastells bieten einen guten Fernblick in den Wetzlarer Raum. Allerdings sind der Schiffenberg (281m) und Höhlerberg (262 m) nach Norden und Nordwesten ein Hindernis, auch der Kolnhauser Kopf (214m) liegt direkt vor dem Limes mit ca. 200 m.

Also täte sich dort mit einem nur um max. 5 km geänderten Verlauf, viel mehr überwachen lassen.

Allerdings hatten die Römer im 1. Jahrhundert mit dem Kastell Hofheim auch einen VRV und mit den abgesetzten Türmen auf dem Kapellenberg auch eine Überwachungsposition.


2gf.jpg

Hier die Sichtbarkeit nur mit den markierten Türmen direkt am Limes.

3gf.jpg

Hier mit Wachtürme auf dem Schiffenberg und Höhlerberg.
 
Auf dem Schiffenberg gibt es eine fast 1000 jährige Fundleere, die größtenteils auf die massive spätere Bebauung (Klosteranlage) zurückzuführen ist. Die Vorstellungen eines Wachturms dort wäre charmant.
 
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