Die Thüringer zur Zeit Karl des Grossen

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Neuling01, 17. November 2021.

  1. Neuling01

    Neuling01 Gast

    Guten Abend Geschichtsprofis,

    Ich habe eine Frage zu den Thüringern zu der Zeit Karl des Grossen. Welche Sprache war zu dieser Zeit im alten Königreich der Thüringer gängig? War es schon das Latein? Weiss man vielleicht etwas über ihre Schriftsprache?

    Vielen Dank für Eure Antworten und einen guten Abend
     
  2. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    An schriftlichen Zeugnissen gibt es außer dem "Lex Thuringorum", dem Gesetz der Thüringer, wahrscheinlich kaum etwas anderes. Das Lex Thuringorum ist wie alle anderen Gesetzeswerke dieser Zeit auf Latein geschrieben. Die wenigsten dürften jedoch Latein gesprochen haben. Vermutlich wurde ein altmitteldeutscher Dialekt gesprochen.

    Edit: In einigen Teilen Thüringens dürfte auch eine slawische Sprache, Sorbisch (?), üblich gewesen sein.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. November 2021
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  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Zur Zeit Karls des Großen gab es kein thüringisches Königreich mehr, ja wenn ich mich richtig erinnere, hatten schon die Merowinger Thüringen ihrem fränkischen Merowingerreich einverleibt, dessen Nachfolger dann die Karolinger waren.
    Die Thüringer im karolingischen Reich dürften ihre Variante des "althochdeutschen" gesprochen haben, der Klerus schrieb spätlatein bzw frühes "kirchenlatein" und war vermutlich zweisprachig.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. November 2021
  4. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

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  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Darin findet sich eine sprachwissenschaftliche Untersuchung zu den Runeninschriften von Weimar (aus vorkarolingischer Zeit, Mitte 6. Jahrhundert), hier online nachzulesen:
    https://www.idiotikon.ch/Texte/Graf/Thueringer.pdf

    Vor weitergehenden Schlussfolgerungen warnt der Autor allerdings:
    "Mit dieser knappen Analyse ist noch wenig gewonnen. Auch wenn sprachlich auf Ostgermanisches hindeutende Züge wahrscheinlich gemacht werden können, besagen diese wenig über die Sprache der völkerwanderungszeitlichen Thüringer. Denn letztlich steht hinter jedem Runenzeugnis ein schreibkundiges Individuum, dessen ethnischer und sprachlicher Status (wenn er überhaupt bestimmt werden kann) noch nicht viel aussagt über die Provenienz des beschrifteten Stücks oder über die Sprache und Herkunft der Person, die das beschriftete Stück besessen hat. Sicher ist einzig, dass die Runeninschriften von Weimar in einem kontinentalgermanischen Rahmen zu verorten sind."​

    Zur Sprachsituation Thüringens zu Beginn des fränkischen Einflusses schreibt Hans Walther, Namenkunde und geschichtliche Landeskunde. Ein einführender Überblick. Erläuterungen namenkundlicher Fachbegriffe. Auswahlbibliographie zur Namenkunde und Landeskunde Ostmitteldeutschlands. Mit einem kurzen Wegweiser durch das Studium und Beiträgen aus Ostthüringen und Westsachsen. (Leipzig 2003):


    Mit Sicherheit ist nun für die Zeit vor dem fränkischen Ausgriff nach Südostsachsen für das Gebiet nördlich von Hainleite, Kyffhäuser, Schrecke und Finne mit einem altniederdeutsch-altsächsischen Sprachstand zu rechnen. Damit verbindet sich die Frage, ob auch das zentrale Thüringen bis zu den Höhen des Thüringerwaldes vor seiner Frankisierung seit a. 531 ursprünglich niederdeutsch sprach und ob entsprechende lautliche Charakteristika dafür in den Namen der zentralthüringischen Orte festzustellen sind. In diesem Zusammenhang spielt die bekannte Schenkungsurkunde des in Würzburg ansässigen Thüringerherzogs Heden von a. 704 (Kopie zwölftes Jahrhundert) für Bischof Willibrord von Utrecht, ausgestellt in castello Virteburch, eine wichtige Rolle. In dieser Urkunde begegnen sowohl hochdeutsche als auch niederdeutsche Namenformen für thüringische Güter. [...] Daß solche älteren nichtverschobenen Namenformen im zentralen Thüringen noch Spuren des altniederdeutschen Sprachstandes dokumentieren, sollen einige Beispiele (siehe Anlage 3) dartun. Auf einige davon hat schon Max Bathe neben Karl Bischoff hingewiesen, doch haben beide bei verschiedenen Fällen nicht berücksichtigt, daß der Schreibgebrauch des Ausstellers (Ausstellungsort, Notar beziehungsweise Schreiber, Tradition und so weiter) zuweilen diesbezüglich in die Irre führt. Beispielsweise bieten die meisten im 12./13. Jahrhundert in den Klöstern Walkenried (bei Nordhausen) und Pforta (Schulpforta bei Naumburg), die beide mit niederrheinischen Zisterziensern besetzt wurden, geschriebenen Urkunden niederdeutsche Graphien, die nicht immer den lokalen thüringischen Dialekten entsprechen. Grundsätzlich ist also bei jeder Urkunde das ganze Beurkundungsgeschäft sorgfältig zu beachten.

    So bleiben zunächst auch weiterhin einige noch nicht befriedigend geklärte Fragen zur frühdeutschen Sprachgeschichte Thüringens offen [...]​

    Namenkunde und geschichtliche Landeskunde. Ein einführender Überblick. Erläuterungen namenkundlicher Fachbegriffe. Auswahlbibliographie zur Namenkunde und Landeskunde Ostmitteldeutschlands. Mit einem kurzen Wegweiser durch das Studium und Beiträgen aus Ostthüringen und Westsachsen. Universitäts-Verlag, Leipzig 2004

    Für das eigentliche Thema wäre relevant:
    Heinz Rosenkranz, Der Thüringische Sprachraum; Untersuchungen zur Dialekgeographischen Struktur und zur Sprachgeschichte Thüringens, Leipzig 1964.
    Das muss ich mir aber selber erst besorgen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. November 2021
    Hannes, Carolus, Maglor und 3 anderen gefällt das.
  6. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Die Frage nach den sprachlichen Verhältnissen zu der Zeit ist sehr spannend.

    Dieses Stammesrecht legt auch die Anwesenheit von Angeln und Warnen in heutigen Mitteldeutschlland nahe. Es gibt aber meines Wissens keine Hinweise auf sprachliche Unterschiede zwischen diesen germanischen Stammesgruppen und überhaupt ist über die Angeln und Warnen in Mitteldeutschland und ihr Verhältnis zu den Thüringern fast nichts bekannt.

    Aufgrund der angelsächsische Mission spielten spielten gelehrte Angelsachsen in den neu gegründeten Klöster eine sehr bedeutende Rolle. Latein wurde den Thüringern zuerst vor allem durch Angelsachsen vermittelt. Die geistliche Elite der frühen Karolingerzeit konnte sicherlich auch altenglisch. Wer in Thüringen Latein lernen wollte, muss sich mit den Angelsachsen irgendwie unterhalten. Die Unterschiede den beiden germanischen Sprachen waren jedoch viel geringer als heute.

    Thüringische und ostfränkische Mönche wurden mit verschiedenen germanischen Dialekten konfrontiert, da die Sprachgrenze zwischen altniederdeutsch und althochdeutsch wahrscheinlich quer durch Thüringen verlief. Für weitere Verwirrung sorgten die angelsächsischen Lehrer. Das berühmteste Resultat dieser Sprachverwirrung ist das Hildebrandlied im Mischdialekt mit altenglischen Einflüssen. (Dass das Kloster Fulda eigentlich nicht in Thüringen liegt, ist mir schon bekannt, aber ganz weit weg davon ist es nicht.)

    Die Anwesenheit slawischer Bevölkerung im Bereich der Flüsse Ilm und Saale ist archäologisch erst ab dem 8./9. Jahrhundert nachgewiesen. Die Ansiedlung erfolgte vielleicht erst in karolingischer Zeit. Politisch scheinen sie keine besondere Rolle gespielt zu haben, zumindest sind weder slawische Stammesnamen, noch slawische Fürsten aus der Region bekannt. Lediglich slawische Ortsnamen sind bekannt. Da sich auch die slawischen Ortschaften auch in Abhängigkeit der Klöster befanden, muss es auch hier eine Verständigungsmöglichkeit gegeben haben.

    Alltag in Thüringen: Der slawische Bauer zahlt seinen Zehnt an den angelsächsischen Abt und thüringische Klosterschüler lernen Latein von angelsächsischen Lehrern.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. November 2021
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  7. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich schätze, dass die angelsächsischen Missionare auch die Sprache der Kontinentalgermanischen "Heiden" mehr oder weniger beherrschten. Man wollte ja auch Menschen bekehren, die kein Latein sprachen. Zwischen Altenglisch/Angelsächsisch und Altsächsisch auf dem Festland scheint es bis ins Frühmittelalter keine großen Verständigungsprobleme gegeben zu haben. Ob dies so auch für Thüringen gilt, ist möglich aber steht natürlich zur Frage.

    Also können wir zur Zeit von Karl dem Großen, auf die der Fragesteller die Zeit ja anfangs eingegrenzt hat, auch von slawischsprechenden Menschen in Thüringen ausgehen. Gut möglich, dass viele davon neben ihrer slawischen Sprache auch den lokalen thüringisch/germanischen Dialekt sprachen und dass der ein oder andere auch Latein gelernt hat.
     

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