Diskussion um das Vorurteil "dunkles Mittelalter"

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Plinius, 4. November 2007.

  1. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Der Ausdruck "dunkles Mittelalter" bzw. "finsteres Mittelalter" stammt aus der Renaissancezeit, deren Anfänge kurioserweise aber selbst im späten Mittelalter liegen.
    Von der oftmals bis heute postulierten Quellenarmut insbesondere des Frühmittelalters kommt der Ausdruck "Dunkle Jahrhunderte" bzw. "Dark Ages", doch einige Arbeiten haben sich aufzuzeigen bemüht, daß zumindest Historiker derartige Charakterisierungen überdenken sollten.
    Maximilian Weltin greift in seinem 2006 erschienenen Das Land und sein Recht: Ausgewählte Beiträge zur Verfassungsgeschichte ebenjenen Satz auf, welchen Heinrich Fichtenau bereits 1984 in seinen Lebensordnungen des 10. Jh. tätigte:
    Vgl. dazu Das Land und sein Recht: Ausgewählte ... - Google Buchsuche
    Michael McCormick wiederum spricht zwar in seinem 2001 erschienenen Origins of the European Economy. Communications and Commerce, A.D. 300-900 von einer "early and incomplete study", zeigt jedoch ein weitaus dichteres Netz an Quellen und Belegen auf, als es bisher angenommen bzw. berücksichtigt wurde wurde.
    Rezension dazu: Michael McCormick: Origins of the European Economy

    Er gilt zwar als Hauptquelle, aber nach neuerem Forschungsstand als nicht immer zuverlässig; außerdem gibt es bzgl. Merowingern und Merowingerzeit noch zwei weitere nicht weniger gute - i.S.v. aussagekräftige - Quellen: Prokopios von Caesarea und Agathias.
     
  2. Tib. Gabinius

    Tib. Gabinius Neues Mitglied

    Zufällig über dieses alte Thema gestolpert.
    Das haben Historiker bereits lange getan. bspw.
    Hans-Werner Goetz, Professor für mittelalterliche Geschichte in Hamburg:
    "Im allgemeinen Sprachgebrauch wird das Mittelalter oft abschätzig beurteilt: Es gilt - mit den Augen der Aufklärung bzw. des Bürgertums - als "finster" und rückständig, als das "Pfaffenzeitalter", in dem Weltliches und Geistliches miteinander um den Vorrang stritten; als "mittelalterlich" werden gern solche Zustände bezeichnet, die hoffnungslos veraltet sind (auch wenn sie tatsächlich vielfach erst später entstanden sind). Da hilft es wenig, den Begriff selbst abschaffen zu wollen. Es gilt vielmehr, das Bild vom "finstren" Mittelalter durch Forschung und intensive Öffentlichkeitsarbeit aufzuhellen."

    Lies dir dazu mal bitte die medizinischen Ratschläge des Plinius d.Ä. durch. Das ist Hausmedizin wie sie im Buche steht.
    Dagegen stehen mittelalterliche Spitäler u.ä. die mitunter sogar mehr auf dem Kasten hatten (Stichwort: Kräuterkunde).
    Dagegen sind Seuchen, gerne auch als Pest bezeichnet, nicht erst mittelalterliche / neuzeitliche Phänomene, sondern werden in der Antike eingeschleppt, und deren Medizin steht ebenso machtlos daneben, wie die mittelalterliche.

    Nur als Einwurf, weil es hier auch besprochen wurde: Das Bild des "dunklen Mittelalters" hat keineswegs nur kleine Kreise beibehalten. Darsteller, die z.T. in Museen als Vermittler von Geschichte und Rekonstrukteure eines Bildes bestimmter Zeiten auftreten halten ebenfalls noch gerne an diesem Bild und den pauschalisierenden Schuldzuweisungen in Richtung Kirche fest.
    Beispielhafte Diskussionen anderer Foren kann ich gerne anführen :)
    Das hat wenig mit Romantik zu tun, eher mit eigenen Klischeevorstellungen, Vorurteilen und mangelndem Wissen / Willen sich zu informieren.
     

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