Entwicklung von Siedlungen und Technologie

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Jürgen, 6. Mai 2005.

  1. Jürgen

    Jürgen Neues Mitglied

    Warum deutsche Siedler herangeführt wurden hat viele Gründe:

    Siedler aus Deutschland wurden angeworben um deutsche Agrartechniken zu etablieren.

    Das waren im Wesentlichen, die Verwendung des eisernen Räderpfluges, die ein Umbrechen der Ackerkrume in einem Zuge ermöglichte, während der einheimische Hakenpflug nur ein Anritzen der Oberfläche erlaubte und vor Einbringen der Saat sogar ein kreuzweises Pflügen zum Aufbrechen der Ackerkrume erforderlich machte.

    Einheimische Bauern erhielten 2 Haken (2 x 10 Ha). Deutsche Siedler 2 Hufen (2 x 33 Ha). Das war aber in Tagewerk gerechnet gleich.

    Dann ging es um die Einführung der Dreifelderwirtschaft, die 1/3 der landwirtschaftlich genutzten Fläche der Weide überliess, währen die einheimische Zweifelderwirtschaft die Hälfte der Ackerfläche als Weidefläche abstellte und nur alle zwei Jahre die Ernte einer Feldfrucht ermöglichte.

    Die einheimische Bevölkerung ernährte sich in erster Linie von Getreidebrei, den sie mit Handmühlen erzeugen konnte. Erst die Einführung der Mühlentechnik der deutschen Siedler ermöglichte das Backen von Brot.

    Durch Ansiedlung deutscher Händler und Handwerker wurde es möglich selbstverwaltete Städte zu errichten und einen organisierten Handel in Gang zu setzen.

    Kurzum, die Werbung deutscher Siedler war nicht national begründet, sondern sachlich geboten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Mai 2005
  2. Andronikos

    Andronikos Neues Mitglied

    [Ironie]Genau. Wenn wir Deutschen denen nicht mit Schwert, Kreuz und deutscher Agrartechnik die Zivilisation gebracht hätten, würden sie wahrscheinlich heute noch mit ihrer Handmühle Getreidebrei zubereiten.[/Ironie]
     
  3. Tib. Gabinius

    Tib. Gabinius Neues Mitglied

    Nichts für Ungut, aber wer behauptet, dass Backen von Brot sei durch die Nutzung einer Handmühle unmöglich, der hat nicht gut in Agrarwirtschaft aufgepaßt...
    Um Brot zu backen, ist eine Geitreidesorte wichtig, die "Kleber", die sog. Gluten, enthält. Darunter fällt etwa Weizen, Einkorn, Dinkel oder Emmer. Weniger gut geeignet sind da Roggen, Hafer, Gerste, Hirse und das "moderne" Mais.

    Mit einer Handmühle können annähernd gute Ergebnisse erzielt werden, wie etwa mit einer hochmittelalterlichen Wassermühle, es kommt bei beiden letztlich nur auf die Anzahl der Durchläufe an. Ist das Getreide aufgerieben genug, setzt es beim Kneten die Gluten frei, und die sorgen dafür, dass der entstandene Teig zum aufbacken geeignet ist (oder nicht).
    Das ist mit einer der Gründe, warum sich die frühe römische Bevölkerung vorwiegend von "Puls" dem Getreidebrei ernährte, und später dann sich bspw. in der Legion, das Panis militaris durchsetzt, das flache Brot. Man hatte das Getreide gewechselt...
    Und auch heute noch mahlen viele Völker ihr Getreide direkt vor der Tür selbst und backen sich daraus ihre Brote und machen sich eine zähflüssige Brühe.
    Nichts ist also mit glorreicher und qualitätsspendender "deutscher Technik". Vielmehr ermöglichte diese Technik dem Berufsstand des Müllers einen Aufschwung, da er nun in der Lage war, leicht große Mengen zu mahlen, anstelle von mühsam kleinere.
     
  4. Livia

    Livia Mitglied

    Der schwere Räderpflug ist eine slawische Erfindung, die sich seit dem 6.Jh. langsam von Ost nach West ausbreitete und spätestens seit dem 8. Jh. allgemein bekannt war. Auch die Dreifelderwirtschaft war kein neues landwirtschaftliches Prinzip mehr - und schon gar keins, was auf Deutschland beschränkt geblieben wäre. Dass die Dreifelderwirtschaft nicht überall praktiziert wurde, hatte hauptsächlich mit den rechtlichen Problemen, die sich aus der Aufteilung der Felder in Gewanne ergaben, zu tun. Eine solche Aufteilung ließ sich natürlich auf neu erschlossenem Land leicht durchsetzten, da keine alten Rechtsansprüche berührt wurden.
    Zu Handmühlen und Getreidebrei hat Tib.Gabinus ja schon war geschieben, nur ergänzend: Getreidebrei blieb, auch in den deutschen Gebieten auf dem Land lange ein ganz normales Nahrungsmittel, Brot (insbesondere Weissbrot) wurde eher in Städten angeboten (dort lebte aber nur ein kleiner Teil der mittelalterlichen Bevölkerung). Städte gab es auch nicht nur in Deutschland - Italien, Frankreich, Skandinavien, England, Polen, Böhmen usw. hatten sowas auch schon.
    Es gab also keinen technischen Grund, sich die Siedler ausgerechnet im "deutschen" Raum zu suchen.
     
  5. Jürgen

    Jürgen Neues Mitglied

    Mag sein, dass der Räderpflug eine slavische Erfindung ist, aber scheinbar ist seiner Verbreitung von Ost nach West, keine Verbreitung von Süd nach Nord gefolgt. Wie wäre sonst die Landaufteilung nach Haken für die Einheimischen und Hufen für die Siedler nachzuvollziehen?
    Die Verbreitung der Dreifelderwirtschaft stelle ich auch nicht in Frage, aber offensichtlich gab es ein Defizit im Gebiet der dt. Ostsiedlung.
    Bei meiner Aussage, dass erst die Mühlentechnik das backen von Brot erlauben würde, habe ich mich offensichtlich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Ich gebe zu, dass es auch mit der vorhandenen Handmühlentechnik möglich gewesen sein muss Mehl zu mahlen, das zum Backen von Brot geeignet gewesen wäre. Hier wende ich aber ein, dass diese Mühen wohl nur, zu besonderen Anlässen oder für besondere Gäste in Angriff genommen wurden. Eine Alltagsnahrung war gebackenes Brot nicht, bevor das Mehl nicht aus der Mühle kam.
    Ja, es gab Siedlungen im wendischen, polnischen oder baltischen Gebiet, die in Grösse und Einwohnerzahl einer Stadt entsprachen. Aber diese Siedlungen hatten keinen Magistrat, keine Selbstverwaltung und unterstanden den jeweiligen Landesfürsten. Sie waren also keine Städte in unserem Sinne.
    Wirtschaftliche Defizite gab es offensichtlich. Durch Ansiedlung deutscher Ostsiedler konnte man die Wirtschaft fördern. Der "deutsche" Raum lag nebenan. Es war möglich die deutschen Nachbarn durch Gewährung einfacher Privilegien zum übersiedeln zu bewegen. Die waren sicherlich technisch auch nicht versierter als Italiener, Franzosen oder Engländer aber warum sollte man andere Siedler von weither herbeikarren?
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Mai 2005
  6. Strupanice

    Strupanice Neues Mitglied

    Hallo Jürgen,
    allgemein kann das mit den Städten in den slawischen Gebieten nicht gelten. Es ist schon wichtig, hier den Zeitraum zu nennen. Im Übrigen waren 99% aller deutschen Städte bis in die Neuzeit auch im hohen Maße, wenn nicht sogar ganz von dem jeweiligen Landesfürsten abhängig. Eine Stadt kennzeichnet sich nicht durch deren Abhängigkeit von jemanden, sondern durch Erfüllung gewisser Funktionen und gewisser grundlegender Privilegien, die sie durch den Landesfürsten erhielt. Auch die Größe hatte keine Aussagekraft.
    So gibt es heute noch Städte, wo man ganz ehrlich gesagt, nur daran erkennt, daß es eine Stadt sein soll, weil es in den Unterlagen der Stadt geschrieben steht.
    Die Verwaltung der meisten Städte bestand durch eine sehr kleine Zahl von Personen, die zwar von der Gemeinschaft gewählt wurden, vom Landesherren aber auch bestätigt werden mussten.
     
  7. Jürgen

    Jürgen Neues Mitglied

    Zunächst möchte ich mich bedanken, dass es mir erlaubt wurde hier zu antworten.

    Zum Thema Ostsiedlung habe ich zwar nicht viele Worte verloren aber, nicht zuletzt deswegen, heftigen Einspruch geerntet.

    Nun, es geht um die Zeit vom 12. bis 14. Jahrhundert, in der sich die Bevölkerung Westeuropas verdoppelt und in manchen westeuropäischen Ländern nahezu verdreifacht hat.

    Dies war nur möglich durch die Verbesserung von Produktionstechnik, Agrartechnik und Bodennutzung (Mühlentechnik, Räderpflug und Dreifelderwirtschaft).

    Nützlich dazu: http://www.ipp.mpg.de/de/pr/veranstaltungen/archiv/prometheus/doc2000/haeggermann.pdf.

    Wie ich gelesen habe, soll der Räderpflug etwa im 6. Jahrhundert in Mittel-Osteuropa entstanden sein.

    Seine Verbreitung auf ganz Europa fand aber offenbar erst im Kontext mit der Verbesserung von Produktionstechnik, Bodennutzung und Bevölkerungswachstum statt. Wobei sich diese Neuerungen, beginnend im Süden und Westen Europas langsam nach Norden und Osten ausbreiteten.

    So wäre die deutsche Ostsiedlung aus dem wachsenden Bevölkerungsdruck zu sehen. Im Rahmen der Ostsiedlung wurde die einheimische Bevölkerung nicht vertrieben. Auch in den neugegründeten Städten gab es Anteile an einheimischer Bevölkerung. Der Hauptanteil der Ostsiedlung wurde nicht durch Siedler aus dem Inneren des Reiches gestellt, sondern von ehemaligen Ostsiedlern, deren Nachkommen neues Siedlungsland suchten.

    Voraus ist angeklungen, dass mehr als nur der Räderpflug, Mühlen- und Dreifelderwirtschaft auf die Gebiete der dt. Ostsiedlung zukam, sondern eine Umwälzung, in Agrar- und Produktionstechnik, die in ganz Europa im Gange war. Nicht zuletzt berührte dies auch die Rechtsform städtischer Siedlungen.

    Hier muss ich mich aufgrund mangelnder Kenntnisse auf die Stadtprivilegien im dt.Ordensgebiet beschränken.

    Stadt und Burg in dt. Ordensstaat blieben zwei getrennte Rechtsgebilde, die nebeneinander existierten. Dadurch konnte der dt. Orden auf eine Steuerbefreiung seines Besitzes auf Stadtgebiet verzichten und der Stadt erwuchs so kein Gebiet, dass bezuschusst werden musste. (Problem der toten Hand). Die Städte erhielten Privilegien nach Regelung der Kulmer Handfeste.

    Danach verlieh der Orden das Flämische Erbrecht, wonach Männer und Frauen in der Erbfolge gleichberechtigt waren. Damit wurde ein wichtiger Faktor zur Förderung der Siedlungspolitik hergestellt. Den Stadtbewohnern wurde die Befreiung von allen unrechten Abgaben "außer" dem Zins garantiert. Die vom Deutschen Orden gegründeten Städte Kulm und Thorn erhielten die freie Richterwahl. Durch die Einführung von Zollfreiheit und ein standardisiertes Maß- und Münzwesen wurden gute Bedingungen für die Entwicklung des freien Handels geschaffen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Mai 2005

Diese Seite empfehlen