Erfindung und Verschwinden der Kindheit

jschmidt

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Mein Thema hat zwei Ausgangspunkte:
– Für meinen Wohnort habe ich Familienforschung betrieben. Sehr beeindruckt – und bisweilen auch deprimiert – war ich von der überaus hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit zu früheren Zeiten.
– Als ich Material zum Thema »Schwabenkinder« suchte, stieß ich auf diese Aussage: »Die Kinder [hier: Hütekinder] wurden also in sehr jungen Jahren aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen und einer fremden Umgebung überlassen. [...] Diese Kinder konnten nicht verstehen, was ihnen geschah, fühlten sich von ihren Eltern nicht mehr geliebt und verstoßen.« [1]

Das Thema wurde mindestens in zwei weiteren Threads [2] schon gestreift. Ich würde es gern fortführen, z.B. unter diesen Aspekten:

1. Ein Teil der neueren Forschung geht davon aus, dass im Abendland die »Kindheit« (als Lebensphase) um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit neu definiert wurde [3], wobei es mehrere Jahrhunderte dauerte, bis die neue Definition in der Lebens- und Erziehungspraxis aller Bevölkerungsschichten angekommen war.
Frage: Wie werden die Forschungsergebnisse heute bewertet?

2. Vielerorts hat die Hälfte aller Neugeborenen das Erwachsenenalter nicht erreicht; das änderte sich erst nach Beginn des 20. Jahrhunderts.
Fragen: Wie sind die Eltern mit dem Sterben der Kinder umgegangen? Inwieweit beeinflusste die Sterblichkeitsquote ihr Verhältnis zu den Kindern? Woher bezogen sie gegebenenfalls Hilfe und Trost? (Fehlstelle in der Literatur: Wie mögen die überlebenden Geschwister reagiert haben?)

3. Seit einigen Jahren wird »Das Verschwinden der Kindheit« diagnostiziert [4], oft verbunden mit Kritik an den Massenmedien (ab 1950: das Fernsehen).
Fragen: Ist die Diagnose nachvollziehbar? Gewinnt sie angesichts der ubiquitären Nutzung von Computer/Smartphone/Internet – auch durch Kinder – an Plausibilität? Kann man bestimmte Entwicklungen überhaupt zurückdrehen?


[1] Das Schicksal der Hütekinder im Schwarzwald
[2] https://www.geschichtsforum.de/thema/kinderarbeit-im-mittelalter.46697
https://www.geschichtsforum.de/thema/die-psychohistorie-und-ihr-begruender-lloyd-demause.18922
[3] Als Protagonist dieser Forschung gilt Philipp Ariès; seine »Geschichte der Kindheit« erschien bereits 1960, in Deutsch erst 15 Jahre später.
[4] Mit am bekanntesten: das gleichnamige Buch von Neil Postman (1982, dt. 1983), der in den ersten vier Kapitel auch die »Erfindung« thematisiert.
 
2. Vielerorts hat die Hälfte aller Neugeborenen das Erwachsenenalter nicht erreicht; das änderte sich erst nach Beginn des 20. Jahrhunderts.
Fragen: Wie sind die Eltern mit dem Sterben der Kinder umgegangen? Inwieweit beeinflusste die Sterblichkeitsquote ihr Verhältnis zu den Kindern? Woher bezogen sie gegebenenfalls Hilfe und Trost? (Fehlstelle in der Literatur: Wie mögen die überlebenden Geschwister reagiert haben?)
aus meiner Familiengeschichte kenne ich es so, dass nachgeborene (manchmal die Geschwister, manchmal spätere Generationen den Namen des früh Verstorbenen bekommen haben.
 
Als kleines Mosaiksteinchen zu diesem umfassenden und hochkomplexen Thema, bzgl. 2: "Der Mond ist aufgegangen", von Matthias Claudius, wohl aus der Sicht eines mehrfach Betroffenen (vgl. den entsprechenden Wikipedia-Eintrag zu Claudius). Nach meinem Verständnis wird der Tod hier im Sinne der christliche Jenseitsvorstellungen beschönigt bzw. verharmlost.
 
[...] dass nachgeborene (manchmal die Geschwister, manchmal spätere Generationen den Namen des früh Verstorbenen bekommen haben.
Das kam im 19. Jh. nicht selten vor! Es gab Familien, wo »Peter« dreimal vorkam (und alle drei Namensträger früh starben).
[...] Nach meinem Verständnis wird der Tod hier im Sinne der christliche Jenseitsvorstellungen beschönigt bzw. verharmlost.
Streitbare These. Es geht Claudius mE nicht primär um Kindestod. Zu letzterem denke ich an den Liederzyklus von Friedrich Rückert, der von Gustav Mahler genial vertont wurde.
 
Interessant. Da ich mich mit der Thematik bisher in meinem Leben nicht einmal am Rande beschaftigt habe, kein Versuch hier strukturell Wesentliches zu sagen, sondern nur ein paar punktuelle Anmerkungen:
1.
Was mir fehlt - zumindest ist sie in den Zuammenfassung der zitierten Werke, die ich auf die Schnelle konsultiert habe, nicht erwähnt, sondern bestenteils vorausgesetzt - ist die soziale Dimension. Aries analysiert anhand von überlieferten Dokumenten und Bildzeugnissen: Die haben - naturgemäß - jene hinterlassen, die über genügend Bildung und Einkommen verfügten, um solche Dokumente zu schaffen: Alle anderen, die das nicht konnten (wahrscheinlich die übergroße Bevölkerungsmehrheit), bleiben damit unbeachtet. Angesichts deren sozialer Lage scheint mir hier eine gleichzeitige Entwicklung fraglich. Nicht umsonst war eine der Hauptklagen gegen die Einführung einer Schulpflicht ja der Entzug dringend benötigter Arbeitskraft für den Lebenserhalt. Müßte man hier nicht die "Erfindung der Kindheit" deutlich später ansetzen?
Ähnlich ins Leere geht mMn. die Argumentation Postmans von der Bedeutung des Buchdrucks und der damit verbundenen Schaffung eines Wissensschatzes ausschließlich für Erwachsene: Immerhin betrug die Analphabetisierungsrate in D. um 1800 etwa rund 75%. Nebenbei bemerkt: Manche Kinder können mit 8-9 Jahren "handwerklich" schon sehr gut lesen - was fehlt, ist oft das Verständnis für die Thematik.
2.
Um 1800 betrug die Lebenserwartung in Europa grob geschätzt 30 Jahre. In den nordenglischen Industriestädten sank sie für die dortige Arbeitsbevölkerung bis Mitte der 19. Jhrhunderts sogar auf etwa 15 - 20 Jahre. Wenn diese - von mir nur schnell recherchierten - Zahlen auch nur halbwegs tragfähig sind, zeigt sie das Bild einer Epoche, in der der Tod allgegenwärtig war und wahrscheinlich mehr als wir uns heute vorstellen können zum Alltag gehörte: Daß Söhne, Töchter und Geschwister im Kindesalter starben, war "normal". Erwachsenen ging es auch nicht viel besser. Ich nehme an, das wird das emotionale Gefühl für solche Vorgänge geprägt haben.
3.
Ich sehe keine Ende der Kindheit, sondern im Gegenteil ein immer komplexeres ausdifferenziertes Bild von "Vor-Erwachsenen"-Stufen: Baby/Säugling, Kleinkind, Kind, Jugendlicher mit den zugeordneten Hauptverantwortungsträgern Eltern - Kinderkrippe/-garten - (Pflicht-)Schule - Lehrausbilung & weiterführende Schulen, die sich neuerdings zeitlich immer weiter in das vormalige Erwachsenenleben hineinschieben (etwas die letzterdings gerne zitierten jungen Erwachsenen im "Hotel Mama"). Daß dieser ganze Apparat sich jetzt auflöse, weil manche jetzt Kinder vors SmartPhone statt vors Bilderbuch setzen, entzieht sich meinem Begriffsvermögen.
 
Ich habe in einem anderen Thread den Grabstein des vierjährigen Quartulus (Quartus) vorgestellt, der war vermutlich der vierte Sohn oder das vierte Kind seiner Eltern (Quartus) und wurden von denen, die seinen Grabstein aufstellten, zärtlich Quartulus genannt. Der vierjährige Quartulus war Minenarbeiter und wird mit Spitzhacke und Tragekorb dargestellt. Metall-Gewinnung im römischen Reich
Er hatte sicher kein gutes Leben, wurde aber von seinen Eltern (welche ich als die Aufsteller des Grabsteins identifiziere) sicher geliebt. Kindheit: ja, aber wenig Wahl.
 
Der vierjährige Quartulus war Minenarbeiter und wird mit Spitzhacke und Tragekorb dargestellt.
Unter Berücksichtigung der in diesem Alter sehr geringen Konzentrations- und Aufmerksamkeitsspanne und ebenso geringen psychischen (und physischen) Belastbarkeit erscheint mir der Begriff "Minenarbeiter" nicht passend gewählt. Plausibler erschiene mir, dass Quartulus seine älteren Brüder (oder Eltern) bei der Arbeit begleitet hat, und - zeitlich begrenzt und in einfachster Weise, u. U. spielerisch - zuarbeiten "durfte".
 
Die Spitzhacke zeigt mE, dass das Standeszeichen sind. Selbst wenn Kinder im Bergbau schon früh mithelfen mussten, haben die so jung sicher keine Spitzhacke geschwungen. Man kann daher ohne weitere Informationen nicht sagen, ob das nicht einfach "Kind von Bergarbeitern" sagt, und wann Kinder wirklich zur Arbeit (in- oder ußerhalb der Mine) herangezogen wurden.

Daß Söhne, Töchter und Geschwister im Kindesalter starben, war "normal". Erwachsenen ging es auch nicht viel besser. Ich nehme an, das wird das emotionale Gefühl für solche Vorgänge geprägt haben.
So "normal", wie es für uns heute ist, irgendwann Vater und Mutter zu Grabe tragen zu müssen. Ich denke, es ist für den Umgang der Gesellschaft mit solchen traurigen bis traumatischen Erfahrungen tatsächlich wichtig, wie gewöhnlich sie sind, wieviele andere diese spezielle Situation auch kennen.
 
ein Vierjähriger???
Vielleicht war er ja schon 9 Jahre alt.
Andrea Giardina meint, das Alter sei als VIIII zu lesen.

Giardina, A., 2000, Bambini in miniera: Quartulus e gli altri, in Paci, G., Hsg., 2000, EPIGRAFAI. Miscellanea epigrafica in onore di Lidio Gasperini, Seiten 407-416.

Er wird jedenfalls so zitiert, u.a. in
(Seite 684)

oder in
Claire Holleran: Labour mobility in the roman world: a case study of mines in Iberia
(PDF Seite 21, Anmerkung 112)

Schwierig. Ich sehe zwar eine Interpunktion zwischen V und IIII, aber der Grabstein weist auch andere Interpunktionen bzw. ähnliche Vertiefungen auf, wo sie nicht hingehören.
 
Ohne die interessante Diskussion um Quartulus stören zu wollen, diese Hinweise:

Ariès geht auf die Kindheit bei Griechen und Römern nur ganz am Rande ein.

Postman schreibt (S. 18), »dass uns die Griechen sehr wohl eine Vorahnung von der [heutigen] Idee der Kindheit geschenkt haben. Wie viele [andere] Ideen [...] verdanken wir [ihnen] auch die Vorstellung der Kindheit, jedenfalls in Teilen [...].« Die Römer »entwickelten sogar ein Bewußtsein für die Eigenart der Kindheit, das über die griechischen Vorstellungen hinauswies« (ebd.) [1]
Die griechischen und römischen Ideen zur Kindheit seien aber, so Postmans These (S. 20), in nachrömischer Zeit verloren gegangen; es sei »zum Erlöschen der Kindheit [im heutigen Sinn]« gekommen. Die Veränderungen betrafen besonders das »Schulleben«, dem Aries das längste Kapitel seines Buches (S. 221–466) gewidmet hat; das lädt zu vertiefter Diskussion ein – aber nicht unbedingt an dieser Stelle.


[1] Die Römer erließen 374 auch das erste bekannte Gesetz gegen Kindestötung (Postman S. 20).
 
1. Ein Teil der neueren Forschung geht davon aus, dass im Abendland die »Kindheit« (als Lebensphase) um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit neu definiert wurde [3], wobei es mehrere Jahrhunderte dauerte, bis die neue Definition in der Lebens- und Erziehungspraxis aller Bevölkerungsschichten angekommen war.
Wirklich nur ein "Teil" der Forschung? Ich hätte dies für einen allgemeinen Konsens gehalten.

Für das Mittelalter lässt sich verallgemeinernd sagen, dass Kinder mit dem Erreichen der Geschlechtsreife als "unfertige Erwachsene" galten. Nicht nur waren sie prinzipiell heiratsfähig, man bürdete ihnen auch die Aufgaben der Erwachsenen auf. Mädchen etwa mussten bei der Erziehung jüngerer Geschwister helfen. Für England ist eine Ordinance des dritten Eduard überliefert, derzufolge Jungen ab dem dreizehnten Lebensjahr der Obrigkeit bei der Suche nach entflohenen Straftätern zur Hand zu gehen hatten.

Naturgemäß war nicht bekannt, dass die kindliche Psyche sich von der erwachsenen grundlegend unterscheidet. Gleichwohl zeigt sich vielfach anekdotisch, dass Eltern durchaus bestrebt waren, ihre Kinder vor den Härten der Welt zu schützen. Zum Beispiel wurde in vielen Eheverträgen durch Eltern kindlicher Bräute festgelegt, dass die Ehe erst mit dem Erreichen eines bestimmten Alters vollzogen werden durfte.
Woher bezogen sie gegebenenfalls Hilfe und Trost?
Aus dem Glauben.
(Fehlstelle in der Literatur: Wie mögen die überlebenden Geschwister reagiert haben?)
Gut beobachtet, interessante Frage!
3. Seit einigen Jahren wird »Das Verschwinden der Kindheit« diagnostiziert [4], oft verbunden mit Kritik an den Massenmedien (ab 1950: das Fernsehen).
Fragen: Ist die Diagnose nachvollziehbar? Gewinnt sie angesichts der ubiquitären Nutzung von Computer/Smartphone/Internet – auch durch Kinder – an Plausibilität? Kann man bestimmte Entwicklungen überhaupt zurückdrehen?
Es handelt sich dabei natürlich um eine sehr okzidentalistische Betrachtungsweise. Vielen Kindern auf dieser Welt ist noch heute keine behütete Kindheit vergönnt. Nicht kindgerechte Erlebnisse finden für sie nicht nur auf den Displays der Smartphones statt.
 
Für das Mittelalter lässt sich verallgemeinernd sagen, (...) Mädchen etwa mussten bei der Erziehung jüngerer Geschwister helfen.
Das Zitat nur stellvertretend für einige andere mit ähnlichen Tendenzen nehmend - nämlich alles "Böse" und Unvertraute auf jahrhundertealte, längst vergangene Zeiten zu schieben - , etwas Anektotisches (das als solches natürlich auch keine direkte Beweiskraft hat):

Eine meiner Urgroßmütter bekam ihre Kinder zum kleineren Teil während des ersten Weltkriegs, größtenteils danach. Von ihren zwölf Kindern erreichten zwei Drittel (acht) das Erwachsenenalter. Mein "Onkel Toni" war nicht ihr erstes Kind mit diesem Namen (Uropa hieß halt auch so), aber der erste überlebende Sohn; mit den Töchtern hatte sie mehr Glück - schon die erste Theresa (so hieß sie selbst) überlebte.
Meine Großmutter - die drittälteste Tochter - hatte selbstverständlich die Pflicht, sich um ihre jüngeren Geschwister zu kümmern und sie zu beaufsichtigen. Eine Tätigkeit, die sie so liebte, daß sie schon von frühen Kindesbeinen an beschloß, am liebsten keine Kinder haben zu wollen (meine Mutter war dann wahrscheinlich ein liebesbedingter "Ausreißer"). Das elterliche Haus verließ sie frühestmöglich um "in Dienst" (wie sie das ausdrückte) zu gehen.
Dabei war die Familie zwar nicht gerade gut situiert, aber als selbständiger Schneider in einer ausgewachsenen und nicht völlig verarmten Landgemeinde mit eigenen kleinen Haus stand mein Urgroßvater sicher nicht auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter.
Und - wie gesagt - das war nicht Mittelalter, sondern zwanzigstes Jahrhundert.

"Gott gibt, Gott nimmt" - ist das jetzt "Glauben" oder sich in die Umstände einpassender Fatalismus.

okzidentalistische Betrachtungsweise
Auch vielen Kindern in Europa ist
noch heute keine behütete Kindheit vergönnt.
 
Vielleicht war er ja schon 9 Jahre alt.
Andrea Giardina meint, das Alter sei als VIIII zu lesen.

Giardina, A., 2000, Bambini in miniera: Quartulus e gli altri, in Paci, G., Hsg., 2000, EPIGRAFAI. Miscellanea epigrafica in onore di Lidio Gasperini, Seiten 407-416.

Er wird jedenfalls so zitiert, u.a. in
(Seite 684)

oder in
Claire Holleran: Labour mobility in the roman world: a case study of mines in Iberia
(PDF Seite 21, Anmerkung 112)

Schwierig. Ich sehe zwar eine Interpunktion zwischen V und IIII, aber der Grabstein weist auch andere Interpunktionen bzw. ähnliche Vertiefungen auf, wo sie nicht hingehören.
Da kann ich Andrea Giardina nicht zustimmen.

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Hier ist ganz klar zu erkennen:
QARTVIVS
AN[n]ORV[m] · IIII · ST[L]
[… … … … IIII …]
​

Andrea Giardini spaltet das V (/u/) von annorum ab und ignoriert den · zwischen annorum und IIII.
 
»[...] Bild einer Epoche, in der der Tod allgegenwärtig war und wahrscheinlich mehr als wir uns heute vorstellen können zum Alltag gehörte: Daß Söhne, Töchter und Geschwister im Kindesalter starben, war "normal". Erwachsenen ging es auch nicht viel besser. Ich nehme an, das wird das emotionale Gefühl für solche Vorgänge geprägt haben.

Du sprichst einen der Aspekte an, bei denen Ariès die meiste Kritik entgegenschlug. Ich zitiere zwei Passagen seines Buches:

– Immerhin konnte das Kind in den allerersten Jahren, wenn es noch ein kleines drolliges Ding war, auf eine oberflächliche Gefühlszuwendung rechnen, die ich »Gehätschel« genannt habe. Man vergnügte sich mit ihm wie mit einem Tier, einem ungesitteten Äffchen. Wenn es dann starb, wie es häufig vorkam, mochte dies den einen oder anderen betrüben, doch in der Regel machte man davon nicht allzuviel Aufhebens: ein anderes Kind würde sehr bald seine Stelle einnehmen. Aus einer gewissen Anonymität gelangte es nie heraus. (S. 46)

– Die Vorstellung, das Bild eines Kindes zu bewahren, ob dieses nun am Leben geblieben und erwachsen geworden oder aber im zarten Alter gestorben war, kannte man nicht. Im ersten Falle war die Kindheit nur eine bedeutungslose Übergangszeit, die man nicht im Gedächtnis zu behalten brauchte; im zweiten Falle, d. h. wenn das Kind gestorben war, fand man nicht, daß dieses kleine Ding, das allzu früh wieder aus der Welt verschwunden war, des Andenkens würdig sei: dafür gab es zu viele, die unter den gleichen Schwierigkeiten am Leben erhalten werden mußten! Die Einstellung, daß man mehrere Kinder haben wollte, um wenigstens das eine oder andere am Leben erhalten zu können, war — und blieb noch lange Zeit — tiefverwurzelt. Noch im 17. Jahrhundert beruhigt in Le Caquet de l'accoucheé eine Nachbarin, Frau eines Ratsschreibers, die besorgte Wöchnerin und Mutter von fünf »kleinen Kanaillen« : »Ehe sie so weit sind, daß sie dir viel Sorgen machen können, wirst du die Hälfte oder vielleicht alle wieder verloren haben.« Ein seltsamer Trost! Man konnte sich nicht zu sehr an etwas binden, das man als potentiellen Verlust betrachtete. Das erklärt auch andere Außerungen, die für unser heutiges Empfinden erstaunlich sind, wie etwa die Montaignes: »Ich habe zwei oder drei Kinder im Säuglingsalter verloren, nicht ohne Bedauern, aber doch ohne Verdruß« (S. 98)

Wieso hat das soviel Kritik auf sich gezogen? Weil es der heutigen Auffassung von Kindheit – und von elterlicher Liebe! – so gar nicht entspricht?

Wenn die Eltern Trost suchten, so wurde gesagt, fanden sie ihn im »Glauben«. Ist damit der christliche Auferstehungsglaube gemeint oder etwas anderes? Verschwammen gelegentlich die Grenzen zwischen Glauben und Fatalismus?
 
Zuletzt bearbeitet:
Wenn die Eltern Trost suchten, so wurde gesagt, fanden sie ihn im »Glauben«. Ist damit der christliche Auferstehungsglaube gemeint oder etwas anderes? Verschwammen gelegentlich die Grenzen zwischen Glauben und Fatalismus?
Ich würde mal die These aufstellen, jeder Glaube enthält trostbringende Elemente für genau solche Gelegenheiten; weil jeder Glaube bzw Anhänger oder Vertreter jedes Glaubens mit entsprechenden Fällen konfrontiert werden. Das macht noch nicht aus jeder Person einen guten Seelsorger, aber es wird Strategien zu Bewältigung geben, grad bei Dingen, die oft geschehen. Ist ja nicht so, dass eine hohe Kindersterblichkeit nur im christlichen Abendland existierte...

Ist eigentlich die Einsicht, dass Menschen nun mal sterblich sind, auch schon Fatalismus? ;)
 
Wieso hat das soviel Kritik auf sich gezogen? Weil es der heutigen Auffassung von Kindheit – und von elterlicher Liebe! – so gar nicht entspricht?
Ohne dass ich die Kritik jetzt konkret kennen würde: Denkbar ist das m. E., es entspräche ja vertrauten Mustern "öffentlicher Empörung". Was wiederum nicht zwingend bedeutet, dass die Kritik damit auch sachlich unberechtigt wäre.

Als Folgefrage würde ich in den Raum stellen: Gibt es empirische Belege für die eine oder andere Sicht? Anthropologische Feldstudien o.ä.? Psychologische Fallstudien von Betroffenen hoher Kindersterblichkeit in prekären Situationen (Kriege, Hungersnöte, Seuchen, Naturkatastrophen, extreme Armut)? Ggf. anekdotische Evidenz, z. B. in ausführlichen (Auto-)Biographien Betroffener?
 
Die Einstellung, daß man mehrere Kinder haben wollte, um wenigstens das eine oder andere am Leben erhalten zu können, war — und blieb noch lange Zeit — tiefverwurzelt. Noch im 17. Jahrhundert beruhigt in Le Caquet de l'accoucheé eine Nachbarin, Frau eines Ratsschreibers, die besorgte Wöchnerin und Mutter von fünf »kleinen Kanaillen« : »Ehe sie so weit sind, daß sie dir viel Sorgen machen können, wirst du die Hälfte oder vielleicht alle wieder verloren haben.« Ein seltsamer Trost! Man konnte sich nicht zu sehr an etwas binden, das man als potentiellen Verlust betrachtete. Das erklärt auch andere Außerungen, die für unser heutiges Empfinden erstaunlich sind, wie etwa die Montaignes: »Ich habe zwei oder drei Kinder im Säuglingsalter verloren, nicht ohne Bedauern, aber doch ohne Verdruß« (S. 98)

Wieso hat das soviel Kritik auf sich gezogen? Weil es der heutigen Auffassung von Kindheit – und von elterlicher Liebe! – so gar nicht entspricht?
und ganz anders dann die Reaktion und Verarbeitung solcher Schicksalsschläge im 19. Jh. bei z.B. Eichendorff ("auf meines Kindes Tod") - ich kenne mich in diesem Thema (Kindheit(en) im Lauf der Geschichte) nicht aus, weigere mich aber zu glauben, dass eine derb-utilitaristische Haltung bzgl. der Kindersterblichkeit vorgelegen haben soll. Montaigne, upper class, für die Nachwelt schreibend, in einer Atmosphäre, wo das Bonmot gesucht war, auch das zynische - während seine Frau sicherlich keine andere Biologie/Psychologie gehabt haben dürfte, wie wir heute, d.h. das "Kindchenschema" mit allen Konsequenzen wird auch damals, auch in den unteren Gesellschaftsschichten, wirksam gewesen sein.
Erinnert man sich an den beinahe inflationären Gebrauch von Kindheit/Kindermetaphorik in den Predigten (Kinder Gottes etc) kommt man eigentlich auch nicht auf den Gedanken, dass Kinder/Kindheit sowie Kindersterblichkeit lediglich als lästige bis kostspielige Begleiterscheinung wahrgenommen wurden: die Bildsprache der Kirche wäre in diesem Fall auf taube Ohren...
Wie schaut es denn mit archäologischen Sachen aus? Hat man nicht einiges an Spielzeug, römisch wie mittelalterlich, gefunden (mag sein, dass das, was überdauert hat, aus dem upper class Umfeld stammt - das sagt nicht allzu viel: die upper class atmete, aß, trank, wohnte und spielte, die unteren Schichten ebenfalls, wenn auch nicht so komfortabel)
Wie schaut es mit Kindheitsbildern in der Literatur aus? Ich erinnere mich bei Prokop (Gotenkrieg, eine der Belagerungen Roms) an eine Szene mit spielenden Kindern.
Buchillustrationen aus Für- & Hochmittelalter, war die nicht auch das eine und andere Kindheitsbild?
 
Letzte Tage wurde im Thread zu den archäologischen Entdeckungen auf den Fund eines Kindersarkophags aus Constanța (Konstanza) hingewiesen. Das Kind war liebevoll bestattet worden. mit Blumengirlanden und Spielzeug als Grabbeigaben.

Auch ich habe im Pädagogiktstudium gelernt, das Kinder bis ins 18. Jhdt. als "kleine Erwachsene" behandelt wurden, als Beleg wurde angeführt, dass Kinder im Prinzip die Miniaturvariante von Erwachsenenkleidung trugen. Nun, ich erinnere mich als ich mal einen Vater mit seinem Sohn (ein Kind von vier, fünf Jahrne) sah, die beide exakt gleich angezogen waren. Soll man darauf die Schlussfolgerung ziehen, dass im Ruhrgebiet der späten 1980er frühen 1990er es keine Kindheit gab?
Sicher ist, dass Kinder anders behandelt wurden, sie mussten früh zum Familieneinkommen beitragen, aber davon kann mein Vater auch noch ein Liedchen singen. Da kam der Bauer in die Schule, suchte sich ein paar Jungs aus und die mussten dann auf den Kartoffelacker - von wegen Schulpflicht... Gab gutes Essen und ein Handgeld, war also nicht unbeliebt bei den Jungs. (Wobei mein Vater bzgl. Versorgung in seiner Kindheit nicht zu klagen hatte, er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen.)

Ariès hat sicher einige Punkte, aber überinterpretiert vielleicht manches, sieht anderes zu rigide. Dass Kinder früh zur Arbeit herangezogen wurden, widerspricht nicht dem, dass sie als Kinder wahrgenommen wurden. Aber es ist ja schon äußerlich deutlich, dass die Pubertät eine Übergangsphase vom Kind- zum Erwachsenwerden ausmacht. Das war für jedermann offensichtlich, auch ohne, dass man die Veränderungen, welche Menschen im Gehirn zusätzlich durchmachen, kannte.
 
Was meint Kindheit? Welchen Zeitraum beschreibt sie? Zumindest in den ersten Jahren sind Kinder halt Kinder. Man kann eine Zehnjährige wie eine kleine Erwachsene behandeln, aber keine Zwei- oder Vierjährige. Die Frage ist, wie lange eine Gesellschaft/Kultur/Whatever Kindern einen besonderen Status einräumt, nicht ob sie es tut. Und in wievielen und welchen Schritten sie ihn ausklingen lässt. Heute sind das Grenzen wie Kind, Jugendlicher, Heranwachsender, Erwachsener, oder die Stufen der Geschäftsfähigkeit, alle gesetzlich definiert. In anderen Gesellschaften (zB der hiesigen früher) sah das anders aus. Die eigentliche Kindheit endete früher, die Übergangsformen von Kind zum Erwachsenen waren (aus heutiger Sicht) unschöner, weil oft von der Familie getrennt und Menschen ausgeliefert, die va an der Ausbeutung der Arbeitskraft interessiert waren. Auch wann die entscheidende Grenze zum Erwachsenen überschritten wird unterscheidet ich; manchmal in der Geschichte war das früher, manchmal später als 18 wie heute. Aber irgendein Kindheitskonzept kennt jede Gesellschaft, da führt kein Weg dran vorbei.


Erinnert man sich an den beinahe inflationären Gebrauch von Kindheit/Kindermetaphorik in den Predigten (Kinder Gottes etc) kommt man eigentlich auch nicht auf den Gedanken, dass Kinder/Kindheit sowie Kindersterblichkeit lediglich als lästige bis kostspielige Begleiterscheinung wahrgenommen wurden: die Bildsprache der Kirche wäre in diesem Fall auf taube Ohren...
Hier spielt mE auch der Aspekt der Abstammung eine Rolle. "Kinder Gottes" kann auch, ähnlich wie bei Familien- oder Sippennamen, die gemeinsame Abstammung (sei sie religiös oder tatsächlich familiär begründet) betonen, und nicht den Kindstatus oder Kindheitsaspekt.

Wie schaut es denn mit archäologischen Sachen aus? Hat man nicht einiges an Spielzeug, römisch wie mittelalterlich, gefunden (mag sein, dass das, was überdauert hat, aus dem upper class Umfeld stammt - das sagt nicht allzu viel: die upper class atmete, aß, trank, wohnte und spielte, die unteren Schichten ebenfalls, wenn auch nicht so komfortabel)
Hat man. Aber wie lange wurde das genutzt? Ich erinnere mich an die Darstellung griechischer Mädchen, die ihr Spielzeug verbrannten (glaub ich), bevor sie (idR sehr jung) heirateten. Was mich daran erinnert, dass alles, was ich oben gesagt habe, natürlich für jedes Geschlecht getrennt betrachtet werden muss, da die Unterschiede hier sehr groß sein können. Aber abseits davon: Sicher gibt es Spielzeug, und wenn es keins gibt, bauen die Kinder sich selbst welches. Aber wie lange ist das normales Kinderverhalten, und ab wann sollte "man" sich nicht mehr mit Kinderkram befassen, sondern mit Beschäftigungen für Erwachsene, was immer das in der jeweiligen Gesellschaft auch ist? Ab wann sollte man Mensch-Ärger-Dich-Nicht weglegen, und Skat oder Schach oder Warhammer zocken?
 
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