Explosionen in Kohlebunker

Dieses Thema im Forum "Technikgeschichte" wurde erstellt von Apvar, 21. Juli 2010.

  1. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Auch wenn es jetzt OT ist habe ich mal eine Frage zum Schutz der Kohlebunker.
    Lese gerade den Bd. 66, Skagerrakschlacht des MgFA.

    Dort habe ich gelesen das die großen Schlachtkreuzer der Briten (und daselbe wohl auch Deutscher Seite) bei AK um die 600t/D Kohle benötigten. Wenn so grosse Mengen Kohle bewegt werden, reibt sie an einander und es fällt auch Kohlenstaub an. Wie wurde verhindert das es zu Explosionen auf den Schiffen kam, besonders in den Kohlebunkern, wen im Gefecht Treffer in dem Bereich der Bunker waren? Vor allem bei den Temperaturen an den Kesselanlagen. Wurden sie vielleicht mit Abgasen der Kessel beaufschlagt, um den Sauerstoff zu verdrängen?

    Apvar
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ad hoc fällt mir dazu die Mutmaßung einer Kohlenstaub-Explosion auf dem Kreuzer Karlsruhe ein (was jedoch nicht geklärt ist).

    Daneben werden allerdings auch Schwelbrände in Kohlenbunkern berichtet, die nicht zur Explosion geführt haben oder eventuell zur Explosion geführt haben (zB USS Maine).

    Kohlenstaubexplosionen aufgrund der Trefferwirkung in Kohlebunker sind zB für das Skagerrak nicht bekannt, obgleich hier etliche Treffer in Kohlebunker dokumentiert sind. Näheres müßte ich raussuchen.
     
  3. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Die Schiffe waren mit entsprechenden Lüftungsanlagen versehen und die Bunkerräume sowie die Transportwege zu den Kesseln waren in der Regel keine großen Räume, hinzukommen trennende Querschotts, die eine große Staubentwicklung verhinderten.

    Lüftungsanlage der Seydlitz:
    The Dreadnought Project

    Lüftungsmaschinen mit Datenkennblatt der Ventilatoren der Kaiser:
    The Dreadnought Project

    Lüftungs- und Bekohlungsplan der Königsberg II und Emden II:
    http://www.dreadnoughtproject.org/plans/SM_Konigsberg_ii_Emden_ii_1916//bekohlungsplan_100dpi.jpg
    http://www.dreadnoughtproject.org/p...Emden_ii_1916//luftungseinrichtung_100dpi.jpg

    Lüftungsplan der Hanover:
    The Dreadnought Project

    Bekohlungsplan der Karlsruhe:
    http://www.dreadnoughtproject.org/plans/SM_Karlsruhe_1914//bekohlungsplan_100dpi.jpg
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich bin mir nicht sicher, ob hier tatsächlich Entlüftungsanlagen für die Kohlebunker vorliegen.

    Bei den transportierten Kohlemengen kann ich mir das wegen der Sauerstoff-Bindung durch die Kohle, der geringen Durchlässigkeit in den Bunkern, und des schwachen Pumpdrucks kaum vorstellen.

    Zudem gab es seit den legendären Havariefällen EUXINE, OLIVER CROMWELL, CALCUTTA, CORA die Erkenntnis, dass gerade die Belüftungsanlage/Ventilation für Kohlebunker das Risiko einer Explosion sogar erhöhen kann (Sättigung mit Sauerstoff, Oxidation, Ausgasung der Kohle).

    Hier ein Beispiel, dass tatsächlich nicht ventiliert wurde, obwohl aufgrund denkbarer Einsatzgebiete eher angebracht als für deutsche Schiffe:
     

    Anhänge:

  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  6. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Also das jetzt genau die Kohlebunker mit Be- und Entlüftungsanlagen versehen waren glaube ich auch nicht. Wie Du schon bemerkst, wäre die Zufuhr von Sauerstoff bestimmt nicht sinnvoll.

    Doch die Kohlenbunker waren meist über das ganze Schiff verteilt und entsprechend weit waren die Transportwege der Kohle zu den Kesseln. Diese Mittelgänge und Seitengänge wiederum waren nun aber in der Regel mit Lüftungsanlagen versehen.

    Somit konnte eine Staubentwicklung auch nur in den Kohlebunker und an den Sammelstellen der Kessel stattfinden. Eine Explosion in einem Kohlebunker halte ich jetzt nicht für so gefährlich, daß ein Schiff davon untergehen könnte. Da halte ich eine Explosion an den Sammelstellen der Kesselanlagen für weit aus gefährlicher, da hier Folgeexplosionen die schon unter starken Druck stehenden Kessel ebenfalls zum bersten bringen könnten.
     
  7. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Der ganze Weg der Kohle, vom Bunker bis zum Kessel wird voll mit Kohlenstaub gewesen sein. Kann mir ganz gut vorstellen wenn es in einem Bunker kracht, das dann ein Bunker nach dem anderen hochgeht. Als Kettenreaktion sozusagen. Falls der Staub auf denn Wegen brennt, sollte man das Feuer noch schnell mit Wasser löschen können, trotz der Temperaturen in den Kesselräumen.
    Hab bei der Ausgangsfrage gedacht das es nur ein oder zwei Bunker gab, aber dank der Grafiken von Köbis bin ich eines besseren belehrt worden.

    Apvar
     
  8. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Wie schon Silesia schrieb, Schwelbrände durch Reibung der Kohle sind schon gelegentlich vorgekommen, auch auf Frachtschiffen. Es ist auch eine der Hypothesen zur Explosion der Maine: Die Kohle im Bunker entzündete sich durch Reibung und brachte ein anliegendes Munitionsmagazin zur Explosion. Bei späteren Entwürfen hat man die Kohlenbunker räumlich von den Munitionsdepots getrennt.

    Für eine Staubexplosionen fehlte es in den Schiffen an ausreichender Luft. Es muss erst ein richtiges Gemisch mit einem relativ hohen Luftanteil entstehen. Es wäre nur bei einem leeren bzw. fast leeren Bunker möglich gewesen. In ähnlicher Form sind z.B. Tanker und Gastransporter wesentlich gefährlicher wenn sie fast leer sind als unter voller Zuladung.

    Eine Explosion durch Destilationsgas aus der Kohle, wäre dagegen nur möglich, wenn die Ladung längere Zeit unter hohen Temperaturen gehalten worden wäre, und das hätte man wohl vorher bemerkt und unterbunden.
     
  9. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Eine interessante Nebenbemerkung dazu:
    Luckner führt in seiner Beschreibung der Sakagerakschlacht als Grund für die Verluste der Royal Navy unter anderem die neu eingeführte Ölfeuerung und die damit verbundenen Expolsionsgefahr an.und streicht die Vorteile der Kohlefeuerung heraus. kohlestaubexplosionen scheinen damals bei der Marine also kein Problem gewesen zu sein.
     
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  10. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Also ich weis nicht. Warum ist den die Ölfeuerung dann eingeführt worden, wenn sie viel gefährlicher ist? Glaube eher das der Herr Graf sehr Konservativ war.

    Ölfeuerung bringt mehrere Vorteile:

    Weniger Leute im Kesselraum, weil die Kohlenstauer wegfallen.

    Mit einer Ölfeuerung sollte man schneller die Dampferzeugung anpassen können.

    Man muss, um das Brenngut in den Kessel zu bringen, diesen nicht öffnen. Durch das öffnen kommt mehr Luft in den Kessel und reisst nicht komplett ausgebrannte Kohle mit, die folge ist starker Rauch. (Sieht man heute noch bei kohlegefeuerten Dampflokomotiven.) Damit sollten die Schiffe auch mit weniger Rauch unterwegs sein. Folglich schwerer zu entdecken.

    Und das Bunkern von Öl sollte auch leichter sein, als das Bunkern der Kohle.

    Apvar
     
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  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    zaphodBs Hinweis ist schon richtig, was die Vermutungen der deutschen Seite nach der Skagerrak-Schlacht betrifft (die allerdings falsch waren).

    Ebenso richtig ist der Hinweis, dass Treffer keine besonderen Explosionsgefahren brachten:

    - einmal kann man das anhand der tatsächlichen Ereignisse gut nachvollziehen
    - andererseits wurden Kohlebunker als Puffer gegenüber den Vitalzonen des Schiffes betrachtet, quasi als Expansionszone bei Zündung nach Durchschlag der Panzerung. Allerdings hatte man bei der Verteilung entlang der Schiffe kaum konstruktiv Alternativen (Stabilität, Raumbedarf, Prioritäten der Bestückung, Munitionierung und des Antriebs). Ölbunker wurden später als Expansionszone für Torpedotreffer "angesehen" (Problem: Druck und damit Belastung der Torpedoschotts).

    Von einer wesentlichen Kohlebunker-Explosion nach Zündung eines Geschosses ist mir so nichts bekannt (-> detaillierte Trefferbeschreibungen zB bei Campbell: Jutland - An Analysis of the Fighting)
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Bei der Suche nach dem verschwundenen Flugzeug MH370 in den endlosen Weiten westlich Australien, südlich Indien sind jetzt Wracks zweier Schiffe gefunden worden, jeweils in großer Tiefe.

    Möglicherweise handelt es sich um Verluste aus Kohleexplosionen in einem Bunker oder Frachtraum, ein häufiger Zwischenfall vor 1900 (Schwelbrände, Staubentwicklung, mangelnde Belüfungssysteme speziell bei Äquatorialfahrten).

    Die Versicherungen wird es nicht mehr interessieren.

    Shipwrecks found in MH370 search identified as 19th century merchant vessels | PerthNow E75E0AC7-C328-46A4-9F6C-B54A76DB9F1F.jpeg
     
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