Scorpio
Aktives Mitglied
Gefangenschaft kann sehr kreativ machen, erfinderisch machen. Nirgendwo sonst hat man soviel Zeit wie in Gefangenschaft. Es liegt natürlich nahe, an spektakuläre Ausbrüche und Fluchten zu denken. Giacomo Casanova ist nicht zuletzt durch seine spektakuläre Flucht aus den Bleikammern in Venedig bekannt geworden, ähnlich wie Friedrich Freiherr von der Trenck und Henri "Papillon" Charriere bekannt wurden durch ihre Biographien, in denen sie ihre Fluchten aus Glatz und Magdeburg und von den Iles de Salut in Französisch Guayana.
Das alles zu planen, durchzuführen und zu beschreiben, das sind natürlich auch beachtliche Leistungen, auch intellektuelle Leistungen, aber in diesem Thread soll es vor allem um Gefangene gehen, die in Gefangenschaft geschrieben, musiziert, gemalt haben, von denen es einige zu Koryphäen auf einem bestimmten Gebiet gebracht haben.
Ich mache mal den Anfang, indem ich ein paar Persönlichkeiten aufzähle, die mir spontan einfielen:
Christoph Ernst Graf von Diez war der Sohn von Landgraf Philipp aus der morganatischen Ehe mit Margarethe von der Saale.
Christoph studierte an der von seinem Vater gegründeten ersten protestantischen Universität in Marburg und in Straßburg Theologie und widmete sich der Philosophie. Nach seinen Studienjahren in Marburg pflegte er aber einen Lebensstil, der so gar nicht zu seinen frommen Neigungen passte. Er überfiel Kaufmannszüge, nahm Geiseln, entführte Frauen und benahm sich ziemlich scheußlich, bis es seinen Halbbrüdern aus dem Haus Hessen zu viel wurde. Georg I. von Hessen-Darmstadt und Ludwig IV. von Hessen-Marburg hoben schließlich von Diez Burg Ullrichstein aus und nahmen ihn gefangen.
Dietz wurde zunächst inhaftiert in einem alten Wehrturm, im sogenannten Rangenturm der Festung Ziegenhain. Später wurde er in den Gouverneurs-Flügel des Landgrafenschlosses verlegt. Dort lebte Christoph von Dietz noch 30 Jahre, und er war der erste prominente Gefangene der Festung Ziegenhain. Die Haftbedingungen im Rangenturm dürften ziemlich grell gewesen sein. Im Gouverneursflügel hatte von Dietz weitaus mehr Freiheiten und komfortablere Haftbedingungen. Dietz hatte mehrere Bedienstete und verkehrte mit den Offizieren.
In Gefangenschaft zeigte er vielseitige Interessen, nach wie vor interessierte e sich für Theologie und philosophische Themen und legte eine kostbare Sammlung von Handschriften an, die er nach seinem Tod seiner alten Alma Mater, der Philipps-Universität zu Marburg vermachte. Dietz Bibiothek legte so den Grundstock für die Universitätsbibliothek.
Donatien Alphonse Marquis de Sade hat den größten Teil seines Lebens in verschiedenen Gefängnissen und in der Nervenanstalt Charenton verbracht. Zeitweise saß er in der Bastille, wo er sich aus einer Blechdose ein Megaphon bastelte und versuchte, das Volk zu Paris aufzuwiegeln, indem er behauptete, dass die Gefangenen ermordet würden. Daraufhin wurde verlegt nach Charenton, und es sollte noch einige Zeit dauern, bis er wieder freikam.
Doch was hatte de Sade Schlimmes getan, dass er über eine Lettre de cachet im Gefängnis landete?
De Sade hatte für ein Schäferstündchen zwei Prostituierte engagiert und ihnen pilles galantes verabreicht. Das war sozusagen das Viagra des 18. Jahrhunderts. Sie enthielten Canthariden, spanische Fliegen, eigentlich ein Käfer, ein Forstschädling, der als Aphrodisiakum galt. Neben diesen "spanischen Fliegen", die nicht ganz ohne toxische Wirkung waren, enthielten diese pilles galantes oder diavolini wie man sie in Italien nannte, noch andere Drogen, vor allem Cannabis. In Nordafrika und der Levante wird ein Konfekt Majoun oder Davamesk nach ähnlichen Rezepten zubereitet. Außer den Kanthariden ist die Rezeptur fast die gleiche. Solche Pillen nun hatte de Sade unwissentlich den Prostituierten verabreicht, die ziemlich verwirrt waren und glaubten, sie seien vergiftet worden. Gegen Geldzahlungen nahmen die Huren die Anzeige aber wieder zurück. Dennoch wurde auf Betreiben seiner Schwiegereltern de Sade verhaftet und zum Tode verurteilt.
Sein wirkliches Vergehen bestand darin, dass er den dubiosen Lebensstil eines radikalen Libertins pflegte, vor allem aber, dass er das Geld seiner Frau und seiner Schwiegereltern mit vollen Händen ausgab und dazu noch ein Techtelmechtel mit seiner Schwägerin angefangen hatte.
De Sade schrieb die meisten seiner großen Werke in Haft, und in Charenton muss er auch Theaterstücke aufgeführt haben.
Er schrieb neben den 120 Tagen von Sodom und der Philosophie im Boudoir auch ziemlich heftige Pornographie. Im realen Leben aber hatte de Sade eigentlich keine Verbrechen begangen, die eine so lange Haft ohne Urteil und ohne Anklage rechtfertigen konnte.
De Sade wurde kurzzeitig Richter, anscheinend aber war er viel zu wenig linientreu und viel zu lasch. Zu seinen Gunsten muss man sagen, dass der Marquis de Sade sich niemals an seinen Unterdrückern, an den Leuten die ihn für Jahre hinter Gitter gebracht hatten niemals gerächt hat, obwohl er durchaus die Möglichkeit dazu hatte.
Der dritte Gefangene war vielleicht der merkwürdigste von allen. Robert Stroud, der Vogelmensch von Alcatraz entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem anerkannten Ornithologen, der für seine Arbeit zuletzt auch von Koryphäen viel Anerkennung erfuhr. Strouds Schicksal wurde verfilmt, nach einer Biographie "Der Gefangene von Alcatraz. Burt Lancasters spielte den "Vogelmann" als einen freundlichen, geduldigen älteren Herrn. Justizbeamte und Gefangene, die den realen Stroud kannten, hielten diese Darstellung für unglaubwürdig. Nach ihrer Beschreibung war er viel eher ein extrem gewalttätiger Psychopath und ein Soziopath.
Richtig aber ist, dass Stroud eines Tages in Leavenworth beim Hofgang ein Nest mit Spatzen fand, die er wieder aufpäppelte und dressierte. Er beschäftigte sich mit Kanarienvögeln, durfte in Leavenworth Vögel halten (in Alcatraz war das, anders als im Film, gar nicht erlaubt). Mit großer Geduld eignete sich Stroud Fachwissen an. Er stellte Medikamente für die Vögel her und schrieb mit der Zeit mehrere Bücher und wurde mit der Zeit zu einem anerkannten Fachmann.
Anfangs wurden seine ornithologischen Arbeiten wohlwollend gefördert. Es schien das einzige Mittel, diesen Soziopathen zu bändigen. Strouds Außenweltkontakte wurden immer misstrauischer beobachtet. In Alcatraz beschäftigte sich Stroud mit juristischen Themen und er veeöffentlichte dort ein Buch über den amerikanischen Strafvollzug. Vier Jahre vor seinem Tod 1963 wurde er von Alcatraz nach Springfield Missouri verlegt.
Stroud war ein ziemlich schlimmer Finger, ein sehr gewalttätiger Mensch, keineswegs der freundliche ältere Herr. Seine Sachkenntnis auf dem Gebiet der Ornithologie aber war unbestritten. Stroud hat sich auf diesem Gebiet autodidaktisch ein beachtliches Fachwissen angeeignet, und er arbeitete nach wissenschaftlich-empirischen Methoden.
wikipedia.org
de.wikipedia.org
Das alles zu planen, durchzuführen und zu beschreiben, das sind natürlich auch beachtliche Leistungen, auch intellektuelle Leistungen, aber in diesem Thread soll es vor allem um Gefangene gehen, die in Gefangenschaft geschrieben, musiziert, gemalt haben, von denen es einige zu Koryphäen auf einem bestimmten Gebiet gebracht haben.
Ich mache mal den Anfang, indem ich ein paar Persönlichkeiten aufzähle, die mir spontan einfielen:
Christoph Ernst Graf von Diez war der Sohn von Landgraf Philipp aus der morganatischen Ehe mit Margarethe von der Saale.
Christoph studierte an der von seinem Vater gegründeten ersten protestantischen Universität in Marburg und in Straßburg Theologie und widmete sich der Philosophie. Nach seinen Studienjahren in Marburg pflegte er aber einen Lebensstil, der so gar nicht zu seinen frommen Neigungen passte. Er überfiel Kaufmannszüge, nahm Geiseln, entführte Frauen und benahm sich ziemlich scheußlich, bis es seinen Halbbrüdern aus dem Haus Hessen zu viel wurde. Georg I. von Hessen-Darmstadt und Ludwig IV. von Hessen-Marburg hoben schließlich von Diez Burg Ullrichstein aus und nahmen ihn gefangen.
Dietz wurde zunächst inhaftiert in einem alten Wehrturm, im sogenannten Rangenturm der Festung Ziegenhain. Später wurde er in den Gouverneurs-Flügel des Landgrafenschlosses verlegt. Dort lebte Christoph von Dietz noch 30 Jahre, und er war der erste prominente Gefangene der Festung Ziegenhain. Die Haftbedingungen im Rangenturm dürften ziemlich grell gewesen sein. Im Gouverneursflügel hatte von Dietz weitaus mehr Freiheiten und komfortablere Haftbedingungen. Dietz hatte mehrere Bedienstete und verkehrte mit den Offizieren.
In Gefangenschaft zeigte er vielseitige Interessen, nach wie vor interessierte e sich für Theologie und philosophische Themen und legte eine kostbare Sammlung von Handschriften an, die er nach seinem Tod seiner alten Alma Mater, der Philipps-Universität zu Marburg vermachte. Dietz Bibiothek legte so den Grundstock für die Universitätsbibliothek.
Donatien Alphonse Marquis de Sade hat den größten Teil seines Lebens in verschiedenen Gefängnissen und in der Nervenanstalt Charenton verbracht. Zeitweise saß er in der Bastille, wo er sich aus einer Blechdose ein Megaphon bastelte und versuchte, das Volk zu Paris aufzuwiegeln, indem er behauptete, dass die Gefangenen ermordet würden. Daraufhin wurde verlegt nach Charenton, und es sollte noch einige Zeit dauern, bis er wieder freikam.
Doch was hatte de Sade Schlimmes getan, dass er über eine Lettre de cachet im Gefängnis landete?
De Sade hatte für ein Schäferstündchen zwei Prostituierte engagiert und ihnen pilles galantes verabreicht. Das war sozusagen das Viagra des 18. Jahrhunderts. Sie enthielten Canthariden, spanische Fliegen, eigentlich ein Käfer, ein Forstschädling, der als Aphrodisiakum galt. Neben diesen "spanischen Fliegen", die nicht ganz ohne toxische Wirkung waren, enthielten diese pilles galantes oder diavolini wie man sie in Italien nannte, noch andere Drogen, vor allem Cannabis. In Nordafrika und der Levante wird ein Konfekt Majoun oder Davamesk nach ähnlichen Rezepten zubereitet. Außer den Kanthariden ist die Rezeptur fast die gleiche. Solche Pillen nun hatte de Sade unwissentlich den Prostituierten verabreicht, die ziemlich verwirrt waren und glaubten, sie seien vergiftet worden. Gegen Geldzahlungen nahmen die Huren die Anzeige aber wieder zurück. Dennoch wurde auf Betreiben seiner Schwiegereltern de Sade verhaftet und zum Tode verurteilt.
Sein wirkliches Vergehen bestand darin, dass er den dubiosen Lebensstil eines radikalen Libertins pflegte, vor allem aber, dass er das Geld seiner Frau und seiner Schwiegereltern mit vollen Händen ausgab und dazu noch ein Techtelmechtel mit seiner Schwägerin angefangen hatte.
De Sade schrieb die meisten seiner großen Werke in Haft, und in Charenton muss er auch Theaterstücke aufgeführt haben.
Er schrieb neben den 120 Tagen von Sodom und der Philosophie im Boudoir auch ziemlich heftige Pornographie. Im realen Leben aber hatte de Sade eigentlich keine Verbrechen begangen, die eine so lange Haft ohne Urteil und ohne Anklage rechtfertigen konnte.
De Sade wurde kurzzeitig Richter, anscheinend aber war er viel zu wenig linientreu und viel zu lasch. Zu seinen Gunsten muss man sagen, dass der Marquis de Sade sich niemals an seinen Unterdrückern, an den Leuten die ihn für Jahre hinter Gitter gebracht hatten niemals gerächt hat, obwohl er durchaus die Möglichkeit dazu hatte.
Der dritte Gefangene war vielleicht der merkwürdigste von allen. Robert Stroud, der Vogelmensch von Alcatraz entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem anerkannten Ornithologen, der für seine Arbeit zuletzt auch von Koryphäen viel Anerkennung erfuhr. Strouds Schicksal wurde verfilmt, nach einer Biographie "Der Gefangene von Alcatraz. Burt Lancasters spielte den "Vogelmann" als einen freundlichen, geduldigen älteren Herrn. Justizbeamte und Gefangene, die den realen Stroud kannten, hielten diese Darstellung für unglaubwürdig. Nach ihrer Beschreibung war er viel eher ein extrem gewalttätiger Psychopath und ein Soziopath.
Richtig aber ist, dass Stroud eines Tages in Leavenworth beim Hofgang ein Nest mit Spatzen fand, die er wieder aufpäppelte und dressierte. Er beschäftigte sich mit Kanarienvögeln, durfte in Leavenworth Vögel halten (in Alcatraz war das, anders als im Film, gar nicht erlaubt). Mit großer Geduld eignete sich Stroud Fachwissen an. Er stellte Medikamente für die Vögel her und schrieb mit der Zeit mehrere Bücher und wurde mit der Zeit zu einem anerkannten Fachmann.
Anfangs wurden seine ornithologischen Arbeiten wohlwollend gefördert. Es schien das einzige Mittel, diesen Soziopathen zu bändigen. Strouds Außenweltkontakte wurden immer misstrauischer beobachtet. In Alcatraz beschäftigte sich Stroud mit juristischen Themen und er veeöffentlichte dort ein Buch über den amerikanischen Strafvollzug. Vier Jahre vor seinem Tod 1963 wurde er von Alcatraz nach Springfield Missouri verlegt.
Stroud war ein ziemlich schlimmer Finger, ein sehr gewalttätiger Mensch, keineswegs der freundliche ältere Herr. Seine Sachkenntnis auf dem Gebiet der Ornithologie aber war unbestritten. Stroud hat sich auf diesem Gebiet autodidaktisch ein beachtliches Fachwissen angeeignet, und er arbeitete nach wissenschaftlich-empirischen Methoden.