Glücksspiel oder Strategiespiel? Historische Perspektiven auf Kartenspiele

Scorpio

Aktives Mitglied
Ganz sicher! Einen stundenlang am Schach sitzenden Napoleon kann ich mir auch auf St. Helena nicht so recht vorstellen.



Aber gerade die meinte ich. (Welches Kartenspeil ist eigentlich kein Gluecksspiel?)
Und mogeln kann man doch ueberall, ob Canaster, Romme, Skat, Mau-Mau, whatever. Und sei's nur mal, beim Nachbarn in die Karten zu schauen.

Gruss, muheijo

Whist oder das aus Whist abgeleitete Bridge erfordert Gedächtnisleistung und Kombinationsvermögen, manche passionierten Bridgespieler vergleichen es mit Schach. Natürlich hat man mal ein besseres, mal ein schlechteres Blatt, man hat mal einen Könner, mal eine Niete als Partner, aber wenn man mehrere Partien spielt, dann werden, ähnlich wie beim Schach die besseren Spieler weitaus mehr Partien gewinnen.

Poker ist natürlich ein Glücksspiel, ein unerfahrener Spieler kann eine gute Hand bekommen und damit gewinnen. Das Bluffen im Poker egalisiert in gewisser Weise das Zufallsprinzip. Menschenkenntnis, Nervenstärke oder einfach auch die Skrupellosigkeit und Besessenheit des leidenschaftlichen Spielers, bedenkenlos irrsinnige Einsätze auf eine einzige Karte zu setzen, kann das reine Zufallsprinzip bis zu einem bestimmten Grad ausgleichen. Auch in einer Pokerrunde werden sich in der Regel auf die Länge gesehen, erfahrene Spieler durchsetzen.
Ein erfahrener Pokerspieler, ein leidenschaftlicher Spieler sagte mal zu mir:

"Du brauchst einfach ein zu gutes Blatt, um zu gewinnen."

Spiele wie Siebzehn und Vier (Vingt et un), Baccarat, Black Jack, Faro, Pharao u. a. sind dagegen reine Glücksspiele. Kartengedächtnis, Nervenstärke, Menschenkenntnis spielen nicht eine so große Rolle. Das Zufallsprinzip entscheidet über Sieg und Niederlage.
Whist oder später Bridge wurden auch gerne bei Hauspartys gespielt.

Faro, Pharao(n) waren dagegen reine Glücksspiele, und es wurde häufig auch um hohe und sehr hohe Einsätze gespielt. Casanova hat beim Faro hohe Summen gewonnen und verloren, und da versuchten manche Spieler dem Zufall/Glück etwas auf die Sprünge zu helfen.
Das sprach sich natürlich herum, weshalb Faro oft verboten wurde und man versuchte (vergeblich) Glücksspiel einzuschränken.
 
Spiele wie Siebzehn und Vier (Vingt et un), Baccarat, Black Jack, Faro, Pharao u. a. sind dagegen reine Glücksspiele.
Siebzehn und Vier und das davon abgeleitete Black Jack sind keine reinen Glücksspiele.

Beim Black Jack kann man durch die sog. Basic Strategy den Bankvorteil erheblich minimieren und durch Kartenzählen und einige andere Methoden kann ein sehr guter Spieler den Bankvorteil mehr als ausgleichen.

Das ist auch nicht illegal, wobei die Kasinos versuchen, Kartenzähler zu identifizieren und vom Spiel auszuschließen. Viele Kasinos versuchen auch mit technischen Methoden den Vorteil des Kartenzählens zu minimieren oder ganz zu verhindern.

 
Siebzehn und Vier und das davon abgeleitete Black Jack sind keine reinen Glücksspiele.

Beim Black Jack kann man durch die sog. Basic Strategy den Bankvorteil erheblich minimieren und durch Kartenzählen und einige andere Methoden kann ein sehr guter Spieler den Bankvorteil mehr als ausgleichen.

Das ist auch nicht illegal, wobei die Kasinos versuchen, Kartenzähler zu identifizieren und vom Spiel auszuschließen. Viele Kasinos versuchen auch mit technischen Methoden den Vorteil des Kartenzählens zu minimieren oder ganz zu verhindern.


Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit sind die Gewinnchancen unterschiedlich bei verschiedenen Kasino-Spielen. Die sogenannten Slot-Machines, Keno (eine Art Zahlenlotto) oder auch amerikanisches Roulette (mit 2 Nullen), Glücksrad gelten als Spiele, die man bei Casino-Besuchen eher meiden sollte, da der Bankvorteil (House Edge) dabei weit größer ist.
Blackjack und Baccara, europäisches Roulette (nur mit einer Null) gelten als Casino-Spiele, bei denen der Hausvorteil günstiger für den Spieler ist.

Es ist nicht unbedingt illegal, aber durch Kartenzählen und Basic Strategy kann, wie du ganz richtig sagst, den Hausvorteil gewaltig minimieren, und das wiederum kann dazu führen, dass Casinos einen glücklichen Black Jack Spieler vor die Tür setzen oder nicht wollen, dass er Black Jack spielt.

Ich denke, dass was ich über Poker sagte, dass sich auf die Länge bessere Spieler durchsetzen, gilt auch für Spiele wie Faro, Black Jack oder Baccara. Baccara hat ein ähnliches Spielprinzip wie Black Jack, nur dass man mit 2-3 Karten möglichst nahe an die 9 statt an die 21 herankommt.

Baccara (Chemin de fer) ist das Lieblingsspiel von James Bond, und auch Edward VII., damals noch Prince of Wales, liebte Baccara. Bei einer Hausparty, zu der Edward eingeladen war, wurde Baccara gespielt, damals illegal in GB, und es wurde dabei offenbar noch falsch gespielt, weshalb der Fürst von Wales im Tranby Croft-Skandal öffentlich aussagen musste.

In Casino Royale hat Le Chiffre Gelder von SMERSCH veruntreut, die er im Casino Royale sich wieder beschaffen will, bevor es auffällt. Bond wird ins Casino eingeschleust mit dem Ziel, Le Chiffre zu ruinieren. Anders als in dem gleichnamigen James Bond-Film mit Daniel Craig spielt Bond aber nicht Texas Hold´em, sondern eben Baccara.

In einem Kapitel erklärt Bond Vesper Lynd und dem Deuxieme Bureau Agenten René Mathis erläutert Bond die Spielregeln und seine Strategie.
 
war das Lieblingsspiel von Franz Liszt, dessen Schwiegersohn Richard Wagner sich darüber beklagt hatte, dass Abende lang Whist gespielt statt über Opern debattiert werden müsse, sowie Liszts Besuch anstand :)
"Abbè" Liszt hatte auch seine weltlichen Seiten.
Es muss im 19. Jahrhundert sehr beliebt gewesen sein, und auch eine Reihe von literarischen Personen waren begeisterte Whist-Spieler. Jules Vernes Romanheld Phileas Fogg aus in 80 Tagen um die Welt verbringt einen Großteil seiner Zeit im Reform Club mit Whist spielen.

Scarlett O Hara-Butler lernt das Spiel erst als erwachsene Frau, entwickelt sich aber bald schon zu einer guten Spielerin.

Ein besonders geschickter Whist-Spieler ist Forresters Romanheld Horatio Hornblower. Whist spielt in seiner Biographie immer wieder eine Rolle. Er trifft beim Whist immer wieder kongeniale Geister, die ihn fördern. Als junger Leutnant, auf Halbsold gesetzt, verdient sich Hornblower seinen Lebensunterhalt als Whist-Spieler. Durch sein hervorragendes Whist-Spiel wird eine hochgestellte Persönlichkeit auf ihn aufmerksam, der ihm sein erstes Kommando verschafft.

Als Kommandant der Fregatte Lydia beweist er seine Kaltblütigkeit, indem er vor dem Kampf gegen die überlegene spanische Fregatte Natividad erst noch ein paar Rubber Whist mit seinen Offizieren spielt.

Ein begeisterter Whist-Spieler war auch Ernst August I. König von Hannover und Duke of Cumberland. Eines Tages spielte er in Bath mit Bekannten, die ihm ein ganz fantastisches Blatt, die sogenannte Duke of Cumberland Hand zuteilten und ihm erklärten, dass er trotz seines fantastischen Blatts nicht einen einzigen Stich machen würde. Ernst August wollte es nicht glauben, und er soll 20.000 Pfund darauf gewettet haben.

Die Duke of Cumberland Hand gilt im Bridge als legendär, ähnlich wie die Unsterbliche Partie im Schach als Andersen gegen Kieseritzky als Andersen mit Weiß einen Läufer, beide Türme und zuletzt auch die Dame opferte und mit drei Leichtfiguren ein Matt erzwang.

Auch die berühmte Cumberland-Hand wurde literarisch verarbeitet. Ian Fleming war begeisterter Bridge-Spieler. In dem Roman "Moonraker" überführt Bond Hugo Drax des Falschspiels. Bond spielt gemeinsam mit M und teilt Drax die Cumberland-Hand aus.

In der Verfilmung von Moonraker von 1979 ist die Szene nicht enthalten, M erwähnt nur, dass er mit Drax mal Bridge gespielt hat.

Als Ernst August 1851 (?) in Bath spielte, gab es Bridge allerdings noch nicht, und der Herzog von Cumberland wird wohl Whist gespielt haben. Die Original-Whist-Hand weicht etwas von der im Roman Moonraker erwähnten Bridge-Hand ab.
 
beim Faro hohe Summen gewonnen und verloren
Puschkins Erzählung Pique Dame und auf ihr basierend Tschaikowskys gleichnamige Oper handeln vom Pharospiel, auch in anderen Opern taucht es auf (Hoffmans Erzählungen von Offenbach, Manon von Massenet, evtl auch in La Traviata von Verdi; Pharo und Poker in Puccinis la fanciulla del West)
 
[ach, eine Themenabtrennung. Und ich dachte mir so "wo kommt das jetzt plötzlich her"]

In dem Napoleon-Thread waren die Beiträge über historische Hasard- und Kartenspiele tatsächlich sehr weit vom Thema abgeschweift.

Ich begrüße es aber, dass diese Beiträge nicht im Orkus gelandet sind und man das Thema in einem eigenen Thread weiterverfolgen kann.
 
Ein Spiel, das vermutlich von Whist abgeleitet wurde, war nach Napoleon benannt.
Napoleon oder Nap war anscheinend im 19. Jahrhundert recht weit verbreitet vor allem in GB.

Eine literarische Hommage an Napoleon oder Nap findet sich in Jack Londons Roman "Der Seewolf".

Im Roman klaut der schmierige Schiffskoch Thomas Murgridge, ein Cockney, dem Zwangs-Passagier Humphrey Van Weyden die Brieftasche. Der erzählt es dem Kapitän Wolf Larsen, der dazu nur sagt: "Nebeneinnahmen, Cooky`s Nebeneinnahmen!"
Larsen beschließt, Murgridge das Geld wieder abzunehmen, er spricht Murgridge darauf an:

"So, du kannst Nap spielen? Hätte ich mir denken können, dass ein Engländer dieses Spiel kennt, ich habe es auch auf englischen Schiffen gelernt."
"Ja, Sir, Nap ist das wahre Spiel für Gentlemen, Poker reicht lange nicht an Nap ran."

Larsen erlaubt ihm, am Kapitäns-Tisch Platz zu nehmen, und Murgridge bekommt auch reichlich Bourbon eingeschenkt und eine Gentleman-Zigarre bekommt er auch noch von Larsen.
"Ein wahres Gentleman-Getränk" sagt Murgridge noch, und das sind die letzten nüchternen Zeilen, die man von ihm an diesem Tag hört.

Es endet, wie es enden musste, und Larsen brauchte vermutlich nicht mal die Unterstützung von Schnaps und Falschspiel, um dem schmierigen Schiffskoch das ganze Geld sehr bald wieder abzunehmen.

Als er den letzten Einsatz macht, erklärt Murgridge, dass er auch wie ein Gentleman verlieren kann, und bricht in Tränen aus, als er den auch noch verliert.

Larsen steckt das Geld ein und sagt ungerührt: "Genau XY Dollars, genau wie ich es mir gedacht habe, der Lump ist ohne einen Cent an Bord gekommen.

"Das Geld, das sie gewonnen haben, gehört mir, Sir!"

"Ich habe mich mal mit Grammatik beschäftigt, ich glaube, du bringst die Zeiten durcheinander. Hat mir gehört, hättest du sagen sollen."

Van Weyden erhält von Larsen einen Einblick in dessen Moral: Wer wie Van Weyden Geld herumliegen lässt, legt es darauf an, betrogen und beklaut zu werden und verdient es nicht besser. Außerdem habe Weyden nicht nur dumm und gedankenlos gehandelt, sondern auch gesündigt, indem er den armen Murgridge ganz unnötig in Versuchung führte, der dieser natürlich nicht gewachsen ist.

Einige Tage später beschwert sich Van Weyden wegen einer Morddrohung Murgridges. Larsen sagt, er solle einfach ein Messer in ihn hineinstechen und sich selbst und die Crew vom Problem Murgridge befreien.

Der versucht, Van Weyden dadurch einzuschüchtern, dass er demonstrativ das Messer schärft. Der entschließt sich notgedrungen, sich auf die Hinterbeine zu stellen und schleift ebenfalls das Messer. Die Crew hat sofort raus, dass Murgridge, ein notorischer Feigling, verloren ist, allein weil Weyden sich endlich wehrt, und sich damit den Respekt der Crew verdient.
 
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