Hätten die Azteken eine Chance gehabt?

Dieses Thema im Forum "Lateinamerika | Altamerikanische Kulturen" wurde erstellt von Tianying, 17. Juli 2007.

  1. Dazu sollte und muß man anmerken, dass die Spanier aus klimatischen Gründen und wegen der langen Märsche durch das Land ihre Eisenrüstungen nicht verwendeten sondern wenn überhaupt nur Stepppanzer trugen.

    Die Aztekische Waffe die die Spanier am meisten fürchteten waren Stein Schleudern.

    Der wirkliche primäre Grund war das Kämpfen in Formation. Die Spanier kämpften geschlossen und agierten als Gruppe, die Azteken suchten eher den Einzelkampf und kannten keinen Zusammenhalt. Dadurch fehlte trotz großer Masse den Aztekischen Truppen die Fähigkeit des Drucks, die Spanier konnten daher an jeder einzelnen Stelle der Schlacht den Feind zusammenschlagen obwohl dieser insgesamt numerisch weit überlegen war.

    Im einzelnen Kampf waren die Spanier überlegen und die große Masse des Gegners kam ja in diesem Einzelkampf gar nicht zum tragen. Die Spanier agierten einfach dicht geschlossen und machten den Gegner nieder, neue Gegner konnten nachrücken aber an keiner Stelle der Schlacht konnte der Gegner seine numerische Überlegenheit ausspielen solange die spanische Formation nicht zerbrach.

    Bezeichnenderweise erlitten die Spanier sehr schnell hohe Verluste wenn es ihnen unmöglich war geordnet gegen den Feind zu kämpfen.

    Die Spanier setzten vor allem auf ihre Stangenwaffen, marschierten in dicht geschlossenen Reihen vor, kämpften mit dem Ziel möglichst rasch und direkt zu töten (was der Gegner gerade eben nicht tat) und die Soldaten kämpften zusammen, deckten sich gegenseitig, agierten diszipliniert und als Formation (während der Gegner überspitzt ausgedrückt eine wild hüpfende horde ohne zusammenhalt war)
     
  2. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Man könnte die Frage dahingehend erweitern, ob die Azteken ohne Kolumbus & Co eine Chance gehabt hatten, längerfristig als Hochkultur zu überleben, oder ob es ihnen wie z.B. den Maya gegangen wäre, dass ihre Kultur auch ohne Feindeinwirkung zusammengebrochen wäre.

    Es gibt deutliche Hinweise auf Niedergang, wie exessive Opferungen, die Feindschaft anderer Völker und Illoyalität der eigenen Leute, letzteres bis hin zur Kollaboration mit dem eigentlich gefährlicheren Feind, den Spaniern.

    Ich kann nicht glauben, dass die beschriebenen Massen-Menschenopfer der Normalzustand sein können, insbesondere, da in erster Linie die "Leistungsträger" betroffen waren, die man eigentlich für wichtigere gesellschaftliche Aufgaben brauchte.

    Wie Jared Diamond in seinem Buch "Kollaps" beschreibt, stand am Beginn des Niedergangs der Maya (wie auch der Anasazi) eine dramatische Verschlechterung der Ernährungslage.

    Eine Hochkultur zeichnet sich eben dadurch aus, dass sie es schafft, durch hervorragende Technik und gesellschaftliche Organisation eine besonders hohe Bevölkerungsdichte zu ernähren. Diese Organisation brach aber zusammen, als in einer Trockenperiode auch Missernten auftraten (neben der - eben durch diese High-Tech-Landwirtschaft begünstigten - schleichenden Bodenerosion).

    Da die Bildung der Hochkultur jedoch nicht technokratisch geplant wird, sondern sich auf einer religiösen Basis nach und nach entwickelt, verlieren die (religiös legitimierten) Anführer an Autorität. Denen fällt nichts besseres ein, als ihre Macht durch Repression zu behaupten, den Ausfall an Nahrungsmittel durch extreme Tributforderungen an die Bauern zu kompensieren, Nachbarvölker auszurauben, neue landwirtschaftliche Nutzflächen zu erobern, und ihre religiösen Aktivitäten (Opferungen) bis ins Groteske zu steigern. Die Ankunft der Spanier fiel in eine solche Trockenperiode.
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ein solcher Niedergang ist nicht zwangsläufig! Wer im Jahr 1648 nach Pommern, Sachsen, Thüringen oder Bayern gekommen wäre, der hätte angesichts der völlig verheerten Felder und Ortschaften sowie dem Aderlass von Millionen Menschen ebenfalls keinen Pfifferling auf eine Erholung gesetzt. Dennoch ist es im Lauf mehrer Jahrzehnte dazu gekommen.

    Ein Niedergang kann also durchaus temporär sein, ganz abgesehen davon, dass nahezu alle Staaten Epochen des Niedergangs und Wiederaufstiegs erlebt haben.

    Die Maya-Kultur ist nicht endgültig zusammengebrochen, sondern hat auf der Halbinsel Yucatan eine späte Blüte erlebt. Die haben allerdings ebenfalls die Spanier endgültig geknickt.
     
  4. Big Vis

    Big Vis Neues Mitglied

    Ich denke auch, dass die Spanier einen Vorteil durch ihren Zusammenhalt hatten! Andererseits haben die Azteken auf eigenem Boden gekämpft! Die Spanier waren vielleicht Kampferfahrener und evtl. auch besser ausgerüstet, doch die Azteken hätten wohl auf eigenem Boden den Sieg davon getragen! Ich schließe mich der Vermutung anderer an und denke, dass die Azteken einfach vor den Spaniern erstarrten!
     
  5. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Ich hingegen schließe mich der Vermutung an, dass die von den Europäern importierten Viehseuchen verheerender waren als uns heute bewußt ist, dass vor dem (Völker)Mord der Europäer an den nord-, mittel- und südamerikanischen Indianern ein viel schlimmeres Sterben lag, das man allerdings eher als Fahrlässige (Völker-)Tötung klassifizieren müsste.

    Vor Kolumbus lag die Bevölkerung Amerikas bei mindestens einem Viertel der Weltbevölkerung, entsprechend 50 Millionen Menschen*). Das große Sterben (von dem die Europäer kaum was gemerkt haben,) geschah in Nordamerika um 1500. In Mittelamerika waren die Spanier militätrisch praktisch geschlagen und im Rückzug begriffen; die "Noche Triste" hatte sie 900 von 1200 Männern gekostet. Cortès griff erst wieder an, nachdem einige Monate später in Mexiko die Pocken gewütet hatten.

    Man hat in Europa Massengräber aus der Frühzeit des Ackerbaus gefunden, mit Opfern von Seuchen, die von Vieh übertragen wurden. Es hatte in Europa offenbar verheerende Epidemien gegeben, die durch die Domestizierung von eurasischen Tierarten auf den Menschen übertragen worden sind. Während die Europäische Population sich von diesen Massensterben erholt haben, wobei die Nachkommen der Überlebenden oft resistent gegen diese Krankheiten waren, brachen nun alle diese Seuchen (Pest + Pocken + Schweinepest +...) in kürzester Zeit gleichzeitig über Amerika her und potenzierten sich in ihrer Wirkung. Solch ein Massensterben bringt natürlich nicht nur Individuen um, sondern zerstört auch soziale, wirtschaftliche und militärische Strukturen und bewirkte eine zusätzliche Schwächung der Indianer.

    *) Ronald Wright "Eine kurze Geschichte des Fortschritts"
     
  6. Gneisenau

    Gneisenau Neues Mitglied

    Mit Interesse habe ich die verschiedenen Ausführungen zum Thema Azteken / Inkas / Conquistadoren gelesen.

    Hier einige Anmerkungen:

    1. Gelegentlich werden die Conquistadoren als "Analphabeten" und "goldgierige Abenteurer" beschrieben. Das mag teilweise zutreffen, Pizarro soll sich früher ja u. a. mal als Schweinehirt durchgeschlagen haben. Cortes jedoch hatte Jura an der Universität Salamanca studiert, welche damals neben Bologna, Padua und Paris als eine der besten Hochschulen der christlichen Welt galt. Im Aztekenfeldzug zeigte sich Cortes als herausragender politischer und militärischer Führer.

    2. Die Streitkräfte von Cortes waren keine marodierende Räuberbande, sondern eine disziplinierte, gut ausgerüstete Truppe mit geschulten Offizieren und Mannschaften. Im taktischen Verhalten auf dem Gefechtsfeld zeigten sie sich den Streitkräften der Azteken deutlich überlegen. Das spanische Militär der damaligen Zeit verfügte über einen außerordentlich hohen Standard - eine Folge der Reconquista.

    3. Die Streitkräfte der Azteken waren gut organisiert, gut geführt, gut geschult sowie gut bewaffnet und ausgerüstet. Es fällt schwer, sich die Azteken als "eine wild hüpfende Horde ohne Zusammenhalt" vorzustellen. Wenig effektiv war jedoch die Kampfweise der Azteken, welche darauf abzielte, möglichst viele Gefangene einzubringen. Es war viel ehrenvoller, Gefangene zu machen als Gegner im Kampf zu töten. Das mag sicher so manchen Spanier vor dem Tod gerettet haben.

    4. Die Wunderwaffen der Spanier - Pferd und Feuerwaffen - waren ohne Zweifel von großer, aber sicher nicht von entscheidender Bedeutung. Sicherlich machten Pferde und Feuerwaffen zumindest anfänglich einen großen Eindruck auf die Azteken und schafften auch eine gewisse militärische Überlegenheit. Schnell erkannten die Azteken jedoch, dass auch die Pferde verwundbar waren und die Feuerwaffen nach jedem Schuß zeitaufwendig nachgeladen werden mußten.

    5. Entscheidend für den Ausgang des Feldzuges war, dass es Cortes geschickt verstand, sich die alten Streitigkeiten der indianischen Völker untereinander zunutze zu machen. So wäre z. B. ohne die von Tlascala gestellten Träger, welche Waffen, Munition, Ausrüstung und Lebensmittel der Spanier nach Tenochtitlan schleppten, Cortes mit seiner Truppe nicht einmal in die Nähe der aztekischen Hauptstadt gekommen. Ohne seine indianischen Verbündeten wäre der Feldzug des Hernando Cortes zu Ende gewesen, bevor er überhaupt begonnen hatte.

    6. Wie viele indianische Völker kämpften auch die Azteken mit großer Tapferkeit gegen die weißen Eindringlinge. Cortes schrieb über die Kämpfe um Tenochtitlan: "Drei oder vier Soldaten, die in Italien gewesen waren, schworen mehr als einmal bei Gott, daß sie so wütende Kämpfe weder gegen die besten Truppen des Königs von Frankreich noch gegen die heidnischen Türken erlebt hatten." Den Azteken und ihren Nachbarn gelang es jedoch in der entscheidenden Stunde nicht, über die alltäglichen Streitereien hinweg zu einem gemeinsamen politischen und militärischen Handeln gegen die neue Bedrohung zu finden.

    Gneisenau
     
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