Handelszeit im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von name, 11. Oktober 2019.

  1. name

    name Mitglied

    Ich war vor einiger Zeit bei einem Vortrag zu Handel im Mittelalter. Dabei wurde erwähnt, dass den Quellen zufolge der größte Teil des Handels im Mittelalter während des Winters stattfand. Insbesondere wurde der Handel über die Alpen erwähnt. Leider wurde dies nur am Rande thematisiert. Habt ihr vielleicht irgendwelche Tipps oder Hiwneise, wo ich mehr darüber finden könnte, bzw. ob das übnerhaupt den Tatsachen entspricht?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das Mittelalter ist lang. Und die Frage, wann und wo Handel stattfand ist von der Frage zu trennen, welche Handelswege vorhanden waren. Und unter welchen politischen und klimatischen Restriktionen der Handel stattfand bzw. überhaupt im logistischen Sinne Waren transportiert werden konnten.

    1. Handel: Folgt man Abu-Lughod (S. 60 ff) dann fanden die Messen in der Champagne im Rahmen eines Zyklusses statt, der Anfang des jeweiligen Kalender Jahres begann und dann sich von Ort zu Ort - "Wanderzirkus" - bewegte. Also das ganze Jahr über gehandelt wurde. Teilnehmer an den Märkten - "Fairs" - waren lokale Händler, regionale und auch Fernhändler aus Norditalien etc..

    2. Logistik: Im Prinzip ergab sich aus dem Stattfinden der "Fairs" ein kontinuierlicher Bedarf an neuen Waren. Die Belieferung mit atlantikgängigen Schiffen war durchaus möglich in Richtung Brügge und Gent und dann auf dem Landweg zu den "Fairs". Es gab aber auch den Weg über die Alpen (vgl. Gilomen, S. 51 ff)

    Dass dieser primär während des Winters genommen wurde, erscheint klimatisch eher unwahrscheinlich. Die Wahl der Route und der Zeitpunkt waren Abhängig von "Transitgarantien", kein Krieg etc., und von der Passierbarkeit von Pässen und der Nutzbarkeit der Straßen.

    Abu-Lughod, Janet L. (post 2006], 1991): Before European hegemony. The world system A.D. 1250-1350. New York, Oxford: Oxford University Press.
    Gilomen, Hans-Jörg (2014): Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters. 1. Aufl. München: C.H.Beck
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich denke auch, wie von Thanepower vorsichtig angedeutet, dass du da eher etwas missverstanden hast. Z.B. ruhte die Seefahrt während des Winters fast vollständig. Ich weiß, dein Fokus liegt auf der Alpenregion, aber der Transport per Schiff war für den Handel essentiell, um mit möglichst wenig men und animal power möglichst viel Ware zu transportieren und auch hier in den Alpen hat man sich, ähnlich wie Seefahrer, im Winter eher häuslichen Tätigkeiten gewidmet, z.B. Reparaturen.
     
  4. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    nu ja, das Meer und die grösseren Flüsse froren in der Regel nicht zu und Sumpf und Morastgebiete waren in Frostperioden oft leichter passierbar- es konnte also durchaus Handel getrieben werden
    Und Bedarf an Gütern des täglichen Lebens wie Holz und Holzkohle oder verderbliche Nahrungsmittel wie Fleischprodukte ließen sich im Winter leichter transportieren
    Nicht umsonst waren bis ins 20-Jahrhundert der November und Dezember auf dem Land die Monat denen geschlachtet wurde -
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Seefahrt ruhte zwischen Martini und Kathedra Petri (11. November - 22. Februar). Nicht weil das Meer zufror, sondern wegen der vermehrten Stürme.
     
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  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Roesdahl schreibt beispielsweise, dass in Süd-Schweden - in der Seenlandschaft - im Winter der Transport über das Eis der Seen erleichtert wurde, via Kufen.

    Roesdahl, Else (2016): The Vikings. Third edition. London: Penguin Books.
     
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  7. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Was aber eher an der Futterknappheit im Winter lag.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das Christentum kennt ja die 40 Tage Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Karsamstag. Es wird hin und wieder mal die Meinung vertreten, dass diese 40 Tage - die natürlich auch mit der Karwoche zusammenhängen, aber die 40 Tage, die Jesus in der Wüste war, liegen am Anfang seiner Predigertätigkeit, nicht an seinem Lebensende, sie müssten also nicht zwingend vor der Karwoche liegen (und diese integrieren) - von der Kirche aus Pragmatismus in den ausgehenden Winter/das beginnende Frühjahr gelegt wurden: Die Vorräte des Vorjahres gingen zur Neige und Frischware gab es noch kaum zu ernten.
     
  9. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Bis zur ersten Ernte dauert es auch nach der Fastenzeit noch mehrere Monate. Selbst nennenswerte Gemüseernten gibt es frühestens im Mai oder Juni.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das spricht wegen der Streckung von Vorräten aber nicht gegen solche Motive.
     
  11. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Naja, das gibt ein entschiedenes Jain und ein eindeutiges Sowohl-Als auch :D . Natürlich werden durch Fastenzeiten die Vorräte etwas mehr verteilt, aber andererseits endet die Fastenzeit mit einem mehrtägigigen Fest und entsprechendem Schmausen. Das könnte insofern auf eine Milchmädchenrechnung hinauslaufen: zwar wird am einen Ende gespart, am anderen aber mit vollen Händen verteilt. Und Pfingsten will dann essenmengenmäßig auch noch bewältigt werden.
     
  12. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    In der Fastenzeit isst man halt kein Fleisch und trinkt keinen Alk, aber irgendwas muss man ja essen. Vorräte braucht es also doch.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Da kann man natürlich fragen: Warum das Osterei? Warum gefärbte Eier?
    Der Katholizismus war ja mitunter kreativ, wenn es darum ging, das Fleischverbot zu umgehen, weshalb Fisch und zeitweise Geflügel ja gewissermaßen zum "Nichtfleisch" erklärt wurden. MAn hat aber in der Fatsenzeit durchaus auch auf Eier verzichtet und diese haltbar gemacht. Das sind gewissermaßen die Soleier. Je nachdem, womit man die Sole würzt, kann es auch passieren, dass Soleiergefärbt sind, wenn man die Schale anditscht, dann ist das Eiweiß an der Oberfläche mamoriert.

    Es ging ja auch um Streckung, nicht um Totalverzicht. Der Alkoholverzicht in der Fastenzeit ist allerdings eher ein modernen Phänomen, im MA hat man in der Fastenzeit besonders viel Starkbier getrunken, das war erlaubter Ersatz für feste Nahrung.
     
  14. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Ich glaube, das Thema "Wasser oder Bier" hatten wir neulich erst in einem anderen thread.
    Straßenreinigung
    Bier im allgemeinen macht irgendwann mal betrunken, Starkbier noch viel schneller. Selbst wenn die Jungs damals härter im Nehmen waren als wir heutzutage, sind sie bestimmt nicht wochenlang hackedicht durch die Gegend gelaufen. Solche Aussagen wecken bei mir deshalb ganz leichte Zweifel.

    Und bezüglich der Eier, viele Hühnerrassen legen im Winter keine Eier. Das ist abhängig von der Tageslänge, weshalb in modernen Hühnerbatterien entsprechend beleuchtet wird.
    Zumal es zu der Zeit Hühnerrassen im heutigen Sinne noch nicht gab und die einfachen Hof- und Straßenhühner bestimmt keine Hochleistungsrassen waren. Kurz gesagt, sehr viele Eier, auf die man verzichten musste, gab es ohnehin nicht.
     
  15. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Es gibt aber wohl auch einen Unterschied in der Schlagzahl, also der pro Stunde getrunkenen Gläser Bier, je nachdem obs ein Besäufnis oder Flüssigkeitsaufnahme im normalen Rahmen sein soll. Die Zielsetzungen sind halt unterschiedlich. Im einen Fall heißt es: "Ich muß zu sein, bevor der Wirt heute zusperrt" (alte Volksweisheit: halb besoffen ist rausgeschmissenes Geld.... :rotwerd: ). Im anderen trinkst du halt so wie wir morgens ein, zwei Becher Kaffee dein Dünnbier, zum Mittagessen auch wieder und abends dito. Wobei die drei Mahlzeiten pro Tag vermutlich nur von wenigen realisiert werden konnten. Es kommt dazu, daß -äh: Training auch die vertragene Menge beeinflußt. Also sind die meisten wohl über einen leichten Glimmer pro Tag gar nicht rausgekommen.
     
  16. Dackelhasser

    Dackelhasser Mitglied

    Einfach mal selber testen. Den Tag mit Dünnbier anfangen, statt Kaffee, mittags wieder Bier statt Cola und abends ebenfalls. Das hält man nicht lange durch ohne in die Alkoholsucht abzudriften.
     
  17. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Danke nein, bin seit 40 Jahren trocken und das soll so bleiben :winke:
    Alkoholsucht ist aber wenns hart auf hart kommt etwas anderes als den ganzen Tag sturzbesoffen durch die Gegend schaukeln.
     
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  18. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Bei Josef Löffl, Die römische Expansion (habe das Buch gerade nicht greifbar, es geht hier aber schwerpunktmäßig um die Expansion in den Alpen- und Voralpenraum unter Augustus) habe ich gelesen, dass Zugtiere im Winter leichter und preisgünstiger requiriert werden konnten. Bis zur Ernte wurden sie ja in der Landwirtschaft gebraucht.
     

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