Ideologische und realpolitische Kontexte des Stalinismus

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von thanepower, 12. Januar 2019.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Da wenig konstruktives von Chan zum "Forschungsstand der Stalinismusforschung kommt, eine ähnlich unsachliche Antwort:

    Es sind nicht nur Buchstaben verloren gegangen, sondern auch der Sinn dieser zufälligen Auflistung bekannter stereotyper Beschreibungen. Deren Quellen nicht selten dubios sind und zur Erklärung des Stalinismus wenig beitragen.

    Es ist lächerlich im Jahr 2019 die historische Erkenntnis über den Stalinismus und die Ursachen des stalinistischen Terrors in einer Auflistung beliebiger Textschnipsel zu suchen und zu glauben, man hätte irgendetwas erklärt, das dem Phänomen des Stalinismus gerecht werden würde.

    Und gleichzeitig offensichtlich den Kontext zum "Forschungsstand" nicht ansatzweise zu kennen. Wie auch, wenn man nicht über WWW-Schnipselsammlungen hinauskommt. Wenn man sich mit der stalinistischen Verfolgung beschäftigt, dann wäre es mindestens notwendig, zwei der zentralen und aktuellen relevanten Erklärungsansätze in die Beschreibung des Stalinismus einzubeziehen. Zum einen die Arbeit von Khlevniuk: The history of the gulag und Arch Getty: Practicing Stalinism

    Zumal die Auflistung dieser "Schnipsel" von insbesondere Naimark und Baberowski in das Repertoir des Kalten Krieges gehörte, in eine Zeit, in der die neutrale und objektivierende Erklärung des Stalinismus für die Öffentlichkeit als "Ideologie" emotional aufgeladen war.

    Und noch nicht mal Naimark und Baberowski gerecht werden: Ähnlich wie Arch Getty vetritt Baberowski die These: "Peripherie und Stalinismus stehen in einem Zusammenhang. Ich möchte die These wagen, dass gewaltsame terroristische Methoden der Konfliktregulierung, die Schrecken des stalinistischen Alltags in der Auseinandersetzung des Zentrum mit der Peripherie wurzelten." (Baberowski, S. 308 in Hildermeier: Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg)

    Und in diesem Sinne selbst Naimark und Baberowski wohl kaum zustimmen würden, derartige reduktionistisch interpretiert zu werden.

    Richtig! Eigentlich nicht, weil der Drops längst gelutscht ist. Und der Griff in die Mottenkiste der kalten Kriegs Ideologie die Frage aufwirft, was sowas soll, außer einem sinnfreien - weil nur einen geringen Erkenntniswert aufweisend - ideologischen Dejavu.

    Und zur generellen Kritik an Stalin - aus der Perspektive des Kalten Krieges - empfehle ich gerne zusätzlich das - sinnfreie - Schwarzbuch des Kommunismus die einschlägigen Autoren zu Mao: Jung Chang und Jon Halliday. Dort wird man garantiert fündig für weitere Argumentationen zur ideologischen Ertüchtigung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Januar 2019
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  2. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Was im Speziellen Baberowski betrifft, argumentiert dieser in seinem "Verbrannte Erde, Stalins Herrschaft des Verbrechens" aber durchas nicht nur mit sadistischen Wesenszügen Stalins, sondern auch mit der Systematik seiner Maßnahmen.
    Insofern mag Stalin möglicherweise psychopathische Züge gehabt haben oder nicht. Ich für meinen Teil halte ich Baberowskis Darstellung in dieser Hinsicht für etwas überprononciert und pathetischer als es einer historischen Betrachtung eigentlich gut täte, aber das außen vor gelassen ist Stalin nicht auf seine Wesenszüge reduzierbar..
    Die interessantere Frage, die sich dadurch ergeben würde und keineswegs eindeutig beantwortet ist ob der "Wahnsinn" bei Stalin Methode hatte.

    Wenn man Baberowskis Darstellung (Genanntes Werk, allerdings auch sein Buch zum Thema "Gewalt") folgt, dann wird im Bezug auf Stalin dahingehend argumentiert, dass Stalin durchaus ein sadistisches vergnügen an derlei Maßnahmen gehabt habe, was nicht suazuschließen ist. Darüber hinaus wird aber auch die These in den Raum gestellt, dass dieser Sadismus keineswegs nur auf zügelloster Laune beruhte, sondern schlicht und Ergreifend Mittel zur diesziplinierung des KP-Apparates gewesen sei.
    Insofern wäre es verkürzt Stalin wegen der von ihm angewandten Methoden als einen vom Wahnsinn getriebenen darzustellen, bei dem das zügellose Ausüben von Gewalt einen Zweck für sich darstellte, sondern Barberowski folgend handelte es sich dabei eher um das Mittel zum Zweck der Stabilisierung der eigenen Herrschaft in einem weitgehend staatsfernen Raum mit schwacher Zentralgewalt.
    Baberowski folgend (und das unterstellt er den Bolschewiki von Beginn an), sei der ostentativ fabrizierte und gelebte Terror, sowohl des "Kriegskommunismus" in der leninschen, als auch des stalinistischen Terrors in der Stalinzeit weitgehend Mittel gewesen eine unregierbare, da staatsferne und entwicklungstechnisch vollkommen heterogene Ansammlung von Territorien und Bevölkerungen regieren zu können.

    Im Hinblick auf Stalin kommen noch die innerparteilichen Rivalitäten hinzu.
     
  3. hatl

    hatl Premiummitglied

    Die psychopathische Persönlichkeitsstörung hat keinen erkennbar negativen Einfluss auf die Fähigkeit rational zu handeln.

    Psychopathen sind keine Wahnsinnigen, d. h. sie haben keine Halluzinationen.
    Sie sind schlicht und einfach arm an Empathie, tendenziell insgesamt gefühllos, erleben sich selbst als unterbewertet. Man könnte sagen eine Art Hochwertigkeitskomplex.
    Die Psychopathieforschung befindet sich noch in den Kinderschuhen, ich würde aber darauf tippen,
    dass sie in der Lage sein wird künftige Beiträge zum Verständnis der Geschichte beizutragen.
     
  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    @hatl

    Ich beanspruche, wenn ich "Psychopath" schreibe auch weder vor dem Standpunkt der Medizin irgendweche Exaktheit, denn davon habe ich keine Ahnung, noch würde ich Psychopathen Halluzinationen unterstellen wollen.

    Zum zweiten, möchte ich das auch gar nicht behauptet haben. Der Begriff "Wahnsinn" war hier unpräzise bis falsch von mir gewählt, "Paranoia" hätte es besser getroffen, dennoch danke für die konstrukitve kritik.:)
     
  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    "Paranoia"

    Wenn jemand sich fortlaufend bedroht fühlt, ohne dass ein vernünftiger Grund dafür vorhanden ist;
    dann ist er wahrscheinlich paranoid.
    Stalin hatte wohl vernünftige Gründe die eigene Ermordung zu fürchten.
    Insofern ist diese Diagnose fragwürdig.
     
  6. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Er hatte vernünftige Gründe seine Ermordung duch seine politischen Gegner zu fürchten, nicht aber aus den Reihen der eigenen Weggefährten oder gar Familienangehörigen.

    Ich sage auch nicht, dass ich der Darstellung zustimme, ich hatte mich ja lediglich darum bemüht Baberowskis Ausführungen, der an mehreren Stellen den Begriff "Paranoia" duraus wörtlich in den Mund nimmt zu paraphrasieren.
    Angesichts dessen, dass sein Terror auch solche betraf, von denen er nichts zu befürchten hatte, ist die Erklärung "Paranoia" wohl durchaus in der Verlosung. Festlegen würde ich mich darauf nicht wollen, dafür fehlt es an Anhaltspunkten.
     
  7. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Stalin als paranoid einzustufen, bedeutet nicht, seine Verbrechen zu verharmlosen, wie der eine oder andere hier zu befürchten scheint, sondern ist ein wissenschaftlich legitimes Mittel, der Kausalität seiner Denk-, Fühl- und Handlungsweisen auf den Grund zu kommen. Ohne eine psychologisierende Betrachtung kratzt man nur an der Oberfläche und wird nie verstehen, was einen Menschen dazu bringt, sich wie ein Monster zu gebärden. Genau das aber - dass sich Stalin wie ein Monster gebärdet hat -, das scheinen einige Leute hier nicht begriffen zu haben. Sein Verhalten auf Kalkül zu reduzieren, ist wissenschaftlich naiv und bedeutet eine wirkliche Verharmlosung Stalins.

    Paranoide Persönlichkeitsstörung – Wikipedia

    Hauptmerkmal der paranoiden Persönlichkeitsstörung ist die Neigung, neutrale oder freundliche Handlungen anderer als feindselig zu interpretieren. Dies erfolgt aus einem Misstrauen heraus, welches dann in der entsprechenden Fehlinterpretation seine Bestätigung findet (siehe auch Zirkelschluss). Manchmal geht die paranoide Persönlichkeitsstörung mit erhöhter Wachsamkeit einher. Ihr Misstrauen kann sich entweder durch offene Streitbarkeit oder durch stille Reserviertheit mit aggressivem Klagen äußern.
    Es besteht eine Tendenz zu übermäßiger Empfindlichkeit und Kränkbarkeit, was häufig Rechthaberei und Streitsucht zur Folge hat. Betroffene sind oftmals sehr verschlossen, weil sie befürchten, dass preisgegebene Informationen gegen sie verwendet würden. Sie haben häufig das Gefühl, hintergangen oder ausgenutzt zu werden. Auch nahestehende Personen oder Familienangehörige werden verdächtigt und deren Treue immer wieder in Frage gestellt.
    Menschen mit paranoider Persönlichkeitsstruktur können andererseits zu überhöhtem Selbstwertgefühl und übertriebener Selbstbezogenheit neigen. Aus tiefenpsychologischer Sicht besteht bei Personen mit paranoider Persönlichkeitsstörung die Tendenz, eigene Aggressionen den Mitmenschen zuzuschreiben und dann dort als Feindseligkeit wahrzunehmen und zu bekämpfen (Projektion)


    The Ruthlessness and Paranoia of Joseph Stalin

    In each case, as Mr. Kotkin shows, Stalin’s personal character—a combination of ruthlessness and paranoia—played a key role in the unfolding of event (...)

    Stephen Kotkin:

    Stephen Kotkin - Wikipedia

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    Stalin Vol 2: Waiting for Hitler review: A flawed masterpiece

    Stephen Kotkin’s key insight in the first volume of his groundbreaking biography was that Joseph Stalin’s personality was moulded and driven by the politics of ruthless class war in defence of the revolution and the pursuit of communist utopia. Stalin’s paranoia was political and ideological, honed by the isolation of the Soviet state and the siege mentality required to survive in a hostile capitalist world.


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    Stalin and the Great Terror: Can Mental Illness Explain His Violent Behavior? | Guided History

    “Personality and Foreign Policy: The Case of Stalin,” which appeared in the journal Political Psychology is an excellent source in understanding the theory that Stalin’s terrorizing behavior stemmed from paranoia. The author, Raymond Birt, explains that paranoia often begins during childhood in a situation in which the child feels both dependent on and threatened by the father. Stalin indeed experienced this situation with his drunken and abusive father. Birt claims his behavior while in power is indicative of a paranoid need to protect his narcissistic ego from external threats. This journal article is a good source because it explains how paranoia develops and then connects it to Stalin’s case. It is easy to understand and makes a strong case for mental illness in Stalin.
    (...)
    Tucker, Robert C. “The Dictator and Totalitarianism.” In Political Leadership: A Source Book, edited by Barbara Kellerman, 49-57. Pittsburgh: University of Pittsburgh Press, 1986

    In this essay by Robert C. Tucker studies the theory of totalitarianism, specifically by looking at the cases of Hitler and Stalin. Both leaders demonstrated psychiatric conditions which would be designated as paranoid. Tucker says that their needs as paranoidal people were powerful motivating factors in dictatorial decision making and were not confined to their personal lives. This is helpful in understanding how Stalin’s condition influenced his actions during his Great Terror. It also puts in to perspective the differences between the totalitarianism of Stalin’s reign and of those before and after him.


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    Stalinsche Säuberungen – Wikipedia

    Wie es zu den Stalinschen Säuberungen kam und welche Funktion sie im Herrschaftssystem des Stalinismus hatten, ist in der Forschung umstritten. Es wird einerseits für möglich gehalten, dass Stalin von den Verschwörungstheorien, die den Anklagen zugrunde lagen, wirklich überzeugt war – die Ursache also die persönliche Paranoia des „Führers“ der Sowjetunion war, wie er sich damals nannte. Dieser Meinung hängen z. B. Oleg Gordijewski und Christopher Andrew an, die in ihrer Studie über den KGB schreiben, es könne nicht bezweifelt werden, dass „Stalin an seine eigenen Verschwörungstheorien glaubte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Januar 2019
  8. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Den Zustand der Paranoia als gegeben zu betrachten geht mir etwas weit. Das festzustellen wäre Sache der Medizin. Ich bin kein Experte in Sachen psychischer Krankheitsbilder und werde mich denentsprechend auch nicht als einer aufspielen.
    Da es, siehe Baberowski, Einschätzungen gibt, die das Element "Paranoia" durchaus wörtlich in ihren Erklärungsansatz mit einbeziehen (und auf betreffende Person im Vorhinen Bezug genommen worden war), wäre es unangebracht dieses Momentum völlig unter den Tisch fallen zu lassen.

    Hier betreffende Textstelle:
    Inwiefern das Momentum "Paranoia"vom medizinischen Standpunkt her gestützt werden kann und wird, ist mir, stand jetzt nicht klar. Ich vermute dass es, da dies der Ferndiagnose, noch dazu der eines Toten, den man nicht mehr befragen kann, bedürfte, nicht einwandfrei möglich ist.
    Durch die Entscheidungen Stalins auch ehemalige enge Freunde in den Tod zu schicken, die ihre gesammte Karriere Stalin verdankten, sein Ableben also eher zu fürchten, als zu ersehnen gehabt hätten oder solche Personen, die so weit von ihm entfernt waren, dass er nichts zu fürchten gehabt hätte und das in Teilen ohne erkennbaren Sinn lässt 3 Interpretationen zu:

    - Krankhafter Sadismus als Triebfeder
    - Paranoia als Triebfeder
    - Grausames Handeln aus Kalkül heraus, zwecks Abschreckung und Disziplinierung der Kaderelite und des Führungszirkels der Sowjetunion, wobei dieses mit einem oder beiden ersteren Momenti einhergehen kann oder nicht.


    Das Gebärden als "Monster" macht, bedenkt man Stalins Weg an die Spitze der Sowjetunion durchaus Sinn.

    In Lenins Regime war Satlin ja durchaus nicht etabliertes Mitglied des engsten Kreies um Lenin und als "Kronprinz" vorgesehen, sondern faktisch ein Emprokömmling aus der zweiten Reihe.
    Einen Namen hatte er sich durch das Organisieren "direkter Aktion" gemacht, namentlich durch rigororses und grausames Requirieren im Besonderen.
    Das war eine Fähigkeit, die Lenin und Genossen für ihre Revolution und während des Bürgerkrieges gut brauchen konnten, aber was sollte man danach damit anfangen?
    Als großer Theoretiker hat er bekanntlich nie geglänzt, da hatte die Partei nach Lenins Ableben etwa mit Bucharin, Sinowjew, Trotzki, Radek und anderen in verschiedenen Bereichen und Denkrichtungen deutlich versiertere Köpfe aufzubieten.
    In der Armee und in der Tscheka hatte er ebenfalls zunächst mal keinen überdurchschnittlich starken Rückhalt für seinen persönlichen Machtanspruch, die Armee war bis 1925 Spielfeld Trotzkis, die Tscheka Dzerzhinskis Angelegenheit bis zu dessen Tod. Entsprechend konnte Stalin hier im Gegensatz zu der Partei, wo er mit dem Ressort für Personalfragen eine Schlüsselposition inne hatte, keine eigenen Geschöpfe seiner Politik einsetzen, respektive erst viel später damit beginnen.
    Nicht zulestzt ist ja heute auch bekannt, dass Lenin die Partei in seinem politischen Testament ausdrücklich vor dem Gewaltmenschen Stalin zu warnen und zu empfehlen gedachte, dieses aus dem Kreis der Macht zu entfernen, weswegen Stalin bekanntlich die Veröffentlichung verhindern musste.

    Hinzu kommt die "stagnierende Entwicklung des Sozialismus", mindestens werden das einige Zeitgenossen so wahrgenommen haben. Die wirtschaftliche Entwicklung war zwar zunächst mal durchaus positiv (allerdings vom katastrophalen Niveau des Bürgerkrieges aus gesehen), nur ging die NEP ja durchaus nicht auf das Konto Stalins, sondern war noch eine lenin'sche Maßnahme. Vor denen, die dem ökonomischen Fortschritt Priorität einräumten konnte er damit von dem her nicht wirklich glänzen und den ideologischen Hardlinern, denen die NEP zu "kapitalistisch" war, passte das naturgemäß auch nicht.


    Mit anderen Worten, Stalin fehlte es von seiner Persönlichkeit her sowohl an in der Situation benötigten Fähigkeiten, als auch an Charisma, um den Führungsanspruch, den er erhob aus sich selbst heraus durchsetzen zu können. Bis zu der Stelle ist Trotzkis herablassende Bemerkung stalin sei die "hervorragenste Mittelmäßigkeit der Partei" gewesen vermutlich sehr treffend.
    Insofern sind Thesen, die mehr oder minder davon ausgehen, dass die von Stalin parktizierte ostentative Gewalt möglicherweise nichts anderes war, als ein Kompensat für fehlende Legitimation, dass ihm obendrein die Möglichkeit gab interne Konkurrenten auszuschalten und durchaus nicht medizinisch bedingt war, durchaus denkbar.
    Von dieser Warte aus betrachtet konnte es für Stalin auch Sinn machen den "Wahnsinnigen" einfach nur zu spielen, was ich genau so wenig als gegeben ansehen möchte, wie das Modell eines von Paranoia getriebenen Stalins, eine Verharmlosung kann ich her aber nicht sehen, seine Bluttaten bleiben dieselben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Januar 2019
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  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    @Chan:
    Das Ergebnis der Internetrecherche sind also folgende Verweise:

    - Rezension Wall Street Journal
    - Kotkin-Artikel von Wikipedia
    - Rubrik aus der Irish Times.

    Ich gehe davon aus, dass Kotkin gelesen wurde, wenn mit Kotkin argumentiert wird. Zumal sich weiter über "Wissenschaftlichkeit" ausgelassen wird.

    Hast Du die Passagen gelesen, in denen sich Kotkin in der Stalin-Publikation über die Frage auslässt?
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vielen Dank für den Hinweis auf die sozialpsychologische Seite von Herrschaft. Hast Du zufällig vorher meinen Beitrag in #21 dazu gelesen? Und es ist hinzuzufügen, dass es einer sozialpsychologischen Deutung der Anhänger bedarf, also von denen die Stalin bereit waren zu folgen. Vielllicht sind wir ja dann wieder beim "autoritären Charakter".

    http://www.geschichtsforum.de/thema/hilfe-hitlers-rhetorik.49411/page-2

    Sofern man "Kausalität" allerdings zum alleinigen Faktor erklärt, und das ist die Kritik an Deiner reduktionistischen Argumentation, ignoriert man 99 Prozent der restlichen Erklärungen zum Stalinismus. Was nicht weiter verwundert, da man aus der Not eine Tugend machen muss, wenn man inhaltlich nicht im Thema steckt und es auf eine besonders "weiche Form" der Erklärung reduziert. "Stalin war halt ein kranker Typ. Noch Fragen?"

    Ansonsten: Stalin, Monster, Mutationen und ein Richelieu beleuchten die eher zufällige alltägliche Wortwahl. So spricht beispielsweise Kissinger in "Diplomacy" davon: "Stalin was indeed a monster, but in the conduct of international relations , he was the supreme realist - patient, shrewd, and implacable, the Richelieu of his period." (Pos. 6181) Damit können wir die "fundierte Anamnese" von Stalin dahingehend - scheinbar - erweitern, dass er nicht nur "paranoid" gewesen sein soll, sondern auch zusätzlich "schizophren". Dafür lassen sich sicherlich weitere Schnippsel im Internet finden.
    ____________
    Betrachtet man die historische Situation dann kann man mit Machiavelli feststellen, dass eine "halbherzige" Säuberung die Gefahr birgt, dass sich die Betroffenen an Stalin rächen würden. Dieses ist umso wahrscheinlichcer, weil jegliche Form der Gewaltenteilung und rechtsstaatlicher Verfahren nicht mehr vorhanden waren. Das bot zum einen Stalin zwar einerseits die Möglichkeit, umfassend diktatorische Handlungsvollmacht zu erlangen. Die Dialektik der Situation ist dann aber auch so, dass es keine Mechanismen, außer einer Geheimpolizei mehr gibt, die ihn vor einem Putsch schützen können. Die Legalität und die Legitimität beruht ausschließlich auf der Fähigkeit, Gewalt auszuüben.

    Und dieser ambivalenten Situation, die einerseits fast grenzenlose Gewalt kannte, aber in bestimmten Kontexten auch Machtlosigkeit bedeutete. Und sich in der Situation nach dem Einmarsch der WM 1941 in der UdSSR niederschlug, als Stalin den Besuch von einzelnen Genossen als Gefahr einer Verhaftung interpretiert haben soll. (vgl. Darstellung in Montefiore: Stalin)

    Es ist somit über die Jahre der Amtsführung eine zunehmende Entfremdung von Stalin zunächst von Teilen der Partei, der Bevölkerung, dem Militär und letztlich auch von seinen engsten Kampfgefährten zu erkennen, wie zum Schluß hin zu Molotow (vgl. Fitzpatrick: On Stalin`s Team). Und die Verschwörungstheorien um die "jüdische Ärtzeverschwörung"

    Diese Entwicklung beschriebt Tucker zutreffen: "By elinitating those whom he perceived as enemies, ..., Imbued by a gradiosity that knew no bounds, he made use of his tyrannical power for - among other purposes his own self glorificcation. And in the final , postwar years his sense of being surrounded by malevolent plotting forces grew more obsessive." (S. 114).

    Dieses ist jedoch eine Entwicklung aus der rechtsfreien Situation wie oben beschrieben. Ansonsten ist es schlichtweg nicht korrekt zu behaupten, dass Tucker einer Erklärung von Stalin im Rahmen eines psychischen Defekts, einen höheren Stellenwert eingeräumt hätte. In beiden Indices zu seiner 2 bändigen Stalin-Biographie finden sich keine derartigen Hinweise.

    Die angebliche Sicht von Kotkin, wie in Magnetic Mountain oder in seiner Stalin Biographie auf persönliche Aspekte zu reduzieren, zeigt, das die "Rezensienten" das Thema wohl ebenfalls sehr voreingenommen und oberflächlich wahrgenommen haben.

    Dabei wäre "Magnetic Mountain" ein hervorragender Einstieg in den Stalinismus und die brachiale Modernisierung der UdSSR.

    Zusätzlich: Den offensichtlichen Unsinn auf Wiki unreflektiert zu wiederholen, zeigt bestenfalls, dass Chan keinen tieferen Zugang zu dem Thema hat, trotz der bereits vorhandenen Hinweise auf neuere Arbeiten zu den Säuberungen.

    Fitzpatrick, Sheila (2017): On Stalin's team. The years of living dangerously in Soviet politics. First paperback. Princeton, Oxford: Princeton University Press.
    Tucker, Robert C. (1972): The soviet political mind. Stalinism and post-Stalin change. Revised edition. New York: W. W. Norton & Company
    Tucker, Robert C. (1974): Stalin as revolutionary, 1879-1929. A study in history and personality. New York: Norton (The Norton Library, N738).
    Tucker, Robert C. (1992, 1990): Stalin in power. The revolution from above, 1928-1941. New York: Norton.
     
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