Ist der neue Dünkirchen-Film eine rassistische Brexit-Fantasy?

Dieses Thema im Forum "Dokumentarfilme/Spielfilme" wurde erstellt von El Quijote, 2. August 2017.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dieser "Bildcode" des Regisseurs wird noch durch den Kontext unterstrichen, nämlich die heftigen Diskussion über faschistoide Züge von Heinleins Romanvorlage (ua die Diskussionen des Rekruten mit seinem Lehrer für Moralphilosophie, einem hochdekorierten Kriegshelden).
     
  2. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Starship Troopers ist ein großartiger Film, dessen Charakter schon in den ersten Minuten offensichtlich wird. Spätestens als der Lehrer erklärt, die Bugs hätten Hiroshima zerstört (in der deutschen Fassung wurde eine beliebige andere Stadt genannt, warum auch immer).
     
  3. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Nun habe ich auch den Film gestern gesehen.
    Was Christopher Nolan wirklich gelungen ist, ist einen der "etwas anderen" Kriegsfilme zu machen. Es gibt wenige Kriegsfilme, die so stark das Thema, Leben zu retten, in den Vordergrund zu stellen - dies ergibt sich hier durch das Thema. In diesem Sinne finde ich ausnahmsweise mal eine historische Übertreibung akzeptabel aufgrund der Botschaft, die es sendet - der Film stellt es so dar, als sei der Beitrag der kleinen zivilen Schiffe bedeutsamer als jener der britischen Navy, was natürlich grotesk überzeichnet ist.
    Dann ist Dunkirk wunderschön gefilmt, auch wenn manchmal das Gefühl aufkommt, manchmal verliert sich der Film für das "Künstlerische" auf Kosten der Story. Am besten am Film fand ich aber den score von Hans Zimmer, m.E. oscarwürdig. Es ist einer der Fälle, wo die Geschichte über die Musik erzählt wird. Zimmer, der viele berühmte Melodien geschaffen hat, nimmt sich aber gleichzeitig soweit zurück, dass er nicht versucht, eine neue epische Melodie im Stile seines "Piraten der Karibik"-Themas zu schaffen.

    Trotzdem: begeistert war ich nicht. Ich schließe mich vielen Kritikern an, die bemängeln, der Film habe, summarisch gesagt, "zu wenig Explosionen". In diesem Fall, finde ich, schadet ausnahmsweise mal die minimalistische Einstellung und der Einsatz von zu wenig Effekten. Der Strand und die schön in Szene gesetzte Nordsee wirken kalt, sauber und leer; in vieler Hinsicht kommt nicht die nötige Dramatik auf. Vielleicht scheitert der Film auch zum Teil daran, einerseits die individuelle Sicht der Soldaten in den Vordergrund zu stellen, andererseits trotzdem zu versuchen, die ganze Evakuierungsoperation erzählen zu wollen.

    US-Kriegsfilmen werden oft wegen ihres "Hollywood-Patriotismus" kritisiert. In den letzten 10 Minuten bekommen wir reichlich von der englischen Variante, selbst wenn es auf subtileren Sohlen daher kommt. Ich versuche hier nicht zu spoilern, aber bei allem Minimalismus konnten die Macher nicht darauf verzichten, einen "Super-Soldaten" einzubauen. In einem anderen Handlungsstrang wird im Grunde ein Verbrechen verdeckt, für das "größere Ganze".
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. August 2017
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  4. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Was in beiden Fällen falsch ist. Zwar liefen nicht die ganz großen Pötte zum Schutz der Evakuierung aus, aber vor Dünkirchen kamen z.B. etwa 40 Zerstörer zum Einsatz, mehr als die deutsche Marine jemals besaß. Ähnlich sah es in der Luft aus: der Erfolg der Evakuierung kam ganz wesentlich dadurch zustande, dass die RAF sich die Luftherrschaft über Dünkirchen erkämpfte und ihren ersten großen Sieg errang. Es gelang zwar nicht, gänzlich deutsche Luftangriffe auf die Flotte zu vereiteln, aber die Verluste zumal bei den größeren Einheiten hielten sich noch im Rahmen.
    Es waren wohl Budget-Gründe und der Wunsch Nolans, vor allem mit echtem Material anstelle von CGI zu arbeiten, weshalb die Flotte und Luftwaffe klein erscheint. Was mir nicht so gefällt, ist, dass versucht wird, dies in die Story einzuflechten, mit den von dir erwähnten Erklärungen.
     
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  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Danke für den Hinweis auf die Legenden zur RAF. Ein Teil mag davon indirekt beeinflusst sein, dass Churchill um den 14.5./15.5. beim deutschen Maas-Durchbruch ablehnte, große Teile des Fighter Command vom Heimatschutz abzuziehen und nach Frankreich (in eine operativ vermutlich verlorene Kampagne) zu werfen. Ein anderer Teil ist auf die hohen Verluste am 1.6. zurückzuführen ("Where was the RAF", Cornwell s.u., S. 404 - trotz hoher eigener Tagesverluste der RAF).

    Anders Dünkirchen: hier wurde im großen Umfang rotiert, und auch die Legende von den zurück gehaltenen Spitfire ist widerlegt.

    Bestätigte Total-Verluste des Fighter Command:
    26.5. 12
    27.5. 20
    28.5. 16
    29.5. 22
    30.5. 1 (Schlechtwetter, kaum deutsche Einsätze)
    31.5. 22
    01.06. 18
    02.06. 11
    03.06. 1
    Summe 123 davon 55 SpitfireI, der Rest in Masse HurricaneI, plus ein paar Defiants.
    Dabei weiter rd 80 Pilotenverluste.

    Man kann das mit den "Großkampftagen" der Luftschlacht um England im August und September vergleichen.
    Franks, Fighter Command Losses Band 1, dort die Tagesdaten.

    Insgesamt verlor die RAF in den 9 Tagen 177 Flugzeuge (Ellis, War in France, S. 246).
    Die Luftwaffe verlor in den 9 Tagen 240 Flugzeuge (nicht alles Totalverluste, aber die meisten am Kanal und Dünkirchen, Murray, The Luftwaffe - Strategy fir Defeat, S. 39. So notierte das II. FliegerK am 27.5. um Dünkirchen mehr Verluste als zusammen genommen in den letzten 10 Tagen)

    "In den erbittert geführten Luftkämpfen über Dünkirchen trafen die Luftwaffenverbände erstmals auf größere Zahlen von Spitfires ubd Hurricanes, die von Plätzen in Südostengland aus den Jagdschutz für die Verladestellen und den Abtransport zu übernehmen hatten. Dabei gelang es der Luftwaffe nicht, die zuletzt nahezu unbestrittene Luftüberlegenheit aufrecht zu erhalten, so dass trotz stärksten Einsatzes* der eigenen Jäger erhebliche Verluste eintraten. Bis zum Ende der Kämpfe um Dünkirchen gelang es den Beiten unter dem wirkungsvollen Schutz der RAF, die Masse der alliierten Truppen aus dem Brückenkopf nach England abzutransportieren..." So Prien et. al., Jagdfliegerverbände Teil III Der Feldzug im Westen, S. 57.

    Siehe auch die detaillierte tageweise Beschreibungen aller Ereignisse bei Cornwell, The Battle of France - Six Nations locked in Aerial Combat, S. 367 - 414. Cornwell listet die einzelnen Luftwaffenverluste und S. 369 die tageweise rotierenden 33 Squadrons des Fighter Command, Group No. 11, die mit der Deckung beauftragt waren.

    * iW an 2 1/2 Tagen
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. August 2017
    flavius-sterius, muheijo und Ashigaru gefällt das.
  6. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Das ist jetzt wirklich interessant. Ich las in irgendeiner FB-Diskussion mehrfach, dass die Anzahl an Spitfires bei Dünnkirchen vernachlässigbar gewesen sei und es vor allem Hurricanes waren, die im Einsatz waren.
    Von daher wurde auch der Film kritisiert, bei dem nur Spitfires und keine Hurricanes zu sehen sein sollen (Ich habe den Film noch nicht gesehen)

    Danke für den (belegten) Hinweis!

    Gruss, muheijo
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich kann dies alles nicht nachvollziehen.

    Wenn ich in einen Film gehe, will ich mich unterhalten sehen. Sonst nix.

    Wenn ich mich über kriegsgeschichtliche Ereignisse informiert sehen will, geht das weder über einen [Spiel]film noch über ein Forum, sondern über entsprechende Quellen, und wenn die nicht verfügbar sind, über diesbezügliche Fachliteratur dazu. Sons nischte.

    Wenn die also Klingonenkreuzer statt Defiants verwendet hätten, würde mich das jedenfalls im Hinblick auf kriegsgeschichtliche Darstellungen nicht stören. Wenn ich das nicht trennen kann, sollte man nicht in Filme gehen, denen man eine "military correctness" anheftet, oder die sich das vom Publikum oder der Presse anheften lassen, oder bei denen die Anheftung Teil des Marketing ist und so in Anmaßung oder pädagogische Anwandlungen ausartet.

    Sehr interessant ist allerdings, wie in den Diskussionen alte Mythen hochgespült werden.
     
    Brissotin, Dion und dekumatland gefällt das.
  8. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Mein Eindruck: Es geht bei dem Film nur um Menschen und ihre Entscheidungen. Was man tut, oder auch nicht tut, hat immer irgendwelche Konsequenzen für irgendwen. Hätte man keine Kriegskulisse für gebraucht, aber warum nicht. So musste ich dann auch an die Entscheidung zwischen den Optionen Churchill und Chamberlain denken. Die Brexit-Interpretation finde ich ziemlich an den Haaren herbeigezogen.
     
    Dion gefällt das.
  9. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Da der Film gestern seine "Free-TV-Premiere" hatte, habe ich ihn auch angesehen (ob dieser in einer Mediathek verfügbar ist, habe ich nicht geprüft):

    der Film zeigt die britische Perspektive aus Sicht des einfachen Tommys, also des einfachen Soldaten, dann aus der Sicht des britischen Zivilisten, die mit ihren Booten ihre Landsleute von der anderen Seite des Kanals holen und aus der Sicht von britischen Piloten, die über den Himmel die angreifenden deutschen Kampfflugzeuge bekämpfen. Die britischen Offiziere dient vor allem dazu, dass sie Erklärungen für den Zuschauer geben.

    Kaum gezeigt wird die Perspektive der französischen Soldaten (die immerhin ein gutes Drittel der evakuierten Soldaten stellten), die Perspektive der französischen Zivilisten (durch die Bombardierungen wurde die Stadt Dünkirchen schwer beschädigt) fehlt vollkommen, aber auch die Deutschen sind zwar immer präsent, aber ziemlich unsichtbar. Abgesehen von Szenen, in denen deutsche Flugzeuge im Luftkampf gezeigt werden, tauchen nur in der fast letzten Szene zwei deutsche Soldaten auf, die einen britischen Piloten gefangen nehmen.

    Man hätte auch noch die schweren Zerstörung der Stadt selber zeigen können, und die Tatsache, dass ein Großteil der britischen Ausrüstung am Strand zurückblieb, wurde auch nicht deutlich. Wenn man sich Fotos von Dünkirchen 1940 nach der Evakuierung ansieht, dann blieb ja ein gewaltiger Fuhrpark übrig.

    An den Bezug zum Brexit habe ich auch während des Films denken müssen. Das Thema lautete sinngemäß: "Wir verlassen Kontinentaleuropa, um Britannien zu schützen."

    Noch eine kleine Randnotiz: einer der britischen Zivilisten, die mit ihren kleinen Schiffen die Evakuierung unterstützten, war an den historischen Charles Lightoller angelehnt, der 1940 auch mit seiner Yacht Soldaten nach Hause brachte:

    [​IMG]

    (Sundowner, die Yacht von Lightoller)

    Lightoller war einer der wenigen überlebenden Offiziere der Titanic. Sein Film-Alter Ego in Dunkirk trug den Namen Dawson, also den gleichen Namen den die von Leonardo diCaprio im Film Titanic von 1997 verkörperte Filmfigur trug. Ich vermute, dass war auch eine Art Hinweis auf Lightoller und eine Hommage an den Titanic-Film.
     
  10. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Ich sehe gerade, dass dieser Film heute abend um 22:15 Uhr auf ZDF augestrahlt wird, Wiederholung auch auf ZDF am 13.01. (Nacht von Dienstag auf Mittwoch) um 0:15 Uhr.
     
  11. Pardela_cenicienta

    Pardela_cenicienta Aktives Mitglied

    Für mich ist es der erste Film der den Luftkampf im 2. Weltkrieg realistisch darstellt. Gerade die begrenzte Sicht, der große Abstand zu den feindlichen Flugzeugen, die schwierige räumliche Orientierung, das Verlieren des Kontaktes zu den anderen Piloten, die Akustik, der Realismus im Funksprechverkehr: der beste Film überhaupt. Und für die Soldaten am Boden, auf See: die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein.
    Cineastisch gefällt mir die Leere des Raumes, auch die langen Szenen. Die Selbstbeschränkung des Films ist ein Gewinn.
    Es gibt natürlich einen ganz anderen Film: "Komm und sieh", von Elem Klimov. Er zeigt Krieg als Verstörung eines Einzelnen.
     
  12. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Zustimmung. Was aber definitiv auffällt, ist der Zeitpunkt.

    'Dunkirk' reiht sich ein in eine ganze Menagerie von Filmen mit historischen Sujets aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrzehnts, die dem britischen Nationalgefühl schmeicheln.

    Das Amüsante daran ist, dass sich viele der Beteiligten Schauspieler und Filmemacher ausdrücklich gegen den Brexit und nationalistische Gedankenspiele ausgesprochen hatten.

    Wie ging der Spruch über das Fressen und die Moral? ;)
     
  13. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    "Boris Johnson ist ein großer Churchill-Bewunderer" ist eine an den Haaren herbeigezogene Interpretation.

    Ich habe den Film eben zum ersten Mal gesehen. Einige Einstellungen sind für mich sehr fragwürdig:
    - der Strand von Dünkirchen wirkt trotz 400.000 Alliierten häufig fast menschenleer. Hatte man nicht genug Statisten?
    - der abgeschossene Spitfire-Pilot, der mit dem Ausflugsboot "Moonshine" gerettet wird, trägt beim Anlanden in Südengland eine Art Paradeuniform mit Orden.
    - bei der Schlußszene im Zug sitzen die Soldaten in einem Abteil mit karierten, bezogenen Sitzen. War das 1.Klasse? Der Zugwaggon wirkt eher wie ein Regionalexpress mit Großraumabteil aus dem ausgehenden 20. Jahrhunderts.
     

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