kleine Geschichte der Atombombe..

Dieses Thema im Forum "Technikgeschichte" wurde erstellt von hatl, 11. April 2013.

  1. hatl

    hatl Premiummitglied

    Pakistan und das nukleare Asien 1974-1976

    Benazir Bhutto hat 1988, in dem Jahr als sie erstmals Ministerpräsidentin von Pakistan wurde, eine Autobiografie veröffentlicht. 1)
    Darin beschreibt sie, in durchaus empörter Tonlage, eine Auseinandersetzung im Jahre 1976 zwischen ihrem Vater, dem dann amtierenden Premier, und Henry Kissinger.
    Ich folge einfach mal ihrer Darstellung ab Seite 86. Es sei so gewesen, dass ihr Vater entschlossen gewesen sei ein französisches Angebot für den Kauf einer nuklearen Aufbereitungsanlage* wahrzunehmen. Die US-Regierung habe offensichtlich dieses Geschäft ausschließlich unter dem Aspekt der Möglichkeit die Atombombe zu bauen („only in terms of its potential to produce a nuclear device“) gesehen.
    Ja, Kissinger habe gar ihrem Vater recht unverhohlen mit einem schrecklichen Schicksal gedroht.
    („Reconsider the agreement with France or risk beeing made into a ‚horrible example‘ “)
    Und das alles sei geschehen, während einer Zeit als die Ölpreise („skyrocketing“) sprunghaft infolge der Ölkrise stiegen, und selbst die robusten Wirtschaften des Westen beeinträchtigten, wie sie mit Bitterkeit anmerkt.
    (Ihr Vater wurde drei Jahre später von dem nun regierenden Militärdiktator ermordet.
    Sie selbst fiel Ende 2007 einem politischen Attentat zum Opfer, als sie sich für eine dritte Amtszeit als Ministerpräsidentin bewarb.)
    Autobiografien sind ja stets eine wacklige Sache, insbesondere wenn sie eine Deutung des Geschehenen darstellen. Es wird nicht einfach sein zu glauben, dass diese intelligente Frau die beschriebenen Geschehnisse nicht vor dem Hintergrund der nuklearen Proliferation deuten konnte.

    Denn 1974 hatte das verfeindete Indien eine nukleare Explosion bewerkstelligt.
    Kleiner als die „Hiroshima-Bombe“, aber durchaus eine funktionierende Atombombe, wurde diese drohende Demonstration der eigenen Fähigkeit in den fadenscheinigen Schleier einer sogenannten PNE „peaceful nuclear explosion“2) gekleidet.
    Es war eine Pu-Bombe und das Pu entstammte eben einer solchen „reprocessing“-Anlage, wie sie Bhutto nun erwerben wollte.
    Die USA jedenfalls scheinen nun wachsamer gegenüber einer gefährlichen Schwachstelle im ohnehin schwierigen Nichtverbreitungsmanagement. 3)
    Und sie intervenieren gegen den Verkauf von „reprocessing“ (Wiederaufbereitung) im Folgejahr erfolgreich in Südkorea. Kissinger argumentiert, Pu aus zivilen Kraftwerken könne für Atombombenbau verwendet werden. Der Erwerb von Anlagen für die Pu-Gewinnung seien daher ein Schritt zur Bombe der verhindert werden müsse . 4)
    Auch in Taiwan intervenieren die USA aus diesem Grund hartnäckig gegen den Erwerb von Aufbereitungsanlagen zu eben dieser Zeit. 5)

    Das ist so ungefähr die Lage.
    Taiwan fühlt sich bedroht durch die Volksrepublik China, Südkorea durch China und die UDSSR, und Pakistan durch Indien.
    Alle drei streben nach Atomwaffen. Alle drei haben eine nennenswerte Abhängigkeit von den USA.
    Letztere fürchten begründet die Verbreitung von Atomwaffen, insbesondere in einer spannungsreichen und instabilen Region und machen ihren Einfluss nach Kräften geltend.
    (Die Europäer, allen voran Frankreich und Deutschland, denken der weilen bevorzugt an das Exportgeschäft.
    ..und an die eigenen nuklearen Fähigkeiten.)
    Die Geschichte wird für Pakistan einen zweiten Weg zur Atombombe bereithalten.
    Während das oben beschriebene stattfindet bricht sich in Europa eine neue Technik der Urananreicherung die Bahn.


    * Aufbereitungsanlage (reprocessing plant): In einem Uranreaktor entsteht Plutonium (Pu). Dieses ist ebenso spaltbar wie Uran und kann daher zur Energiefreisetzung genutzt werden.
    Das kann in einem Kraftwerk geschehen, in dem man das Plutonium dem Uran beimischt (MOX),
    oder durch die Explosion einer Atombombe (Spaltungsbombe).
    Die Aufbereitungsanlage trennt das Plutonium aus gebrauchten Kernbrennstäben, unterschiedslos für welchen der beiden Zwecke.
    ----------------------

    1) Bhutto, Benazir (2008, 2007): Daughter of destiny. An autobiography. 1st Harper Perennial ed. New York: Harper Perennial. [Nachdruck, Erstveröffentlichung 1988]

    2) PNE entsprechen der ungewöhnlichen Vorstellung man könne mit Atombomben Erdbewegungen für zivile Zwecke, wie etwa Bergbau oder Kanalbau, durchführen. Es gab dazu tatsächlich ernsthafte Überlegungen, und auch ein Experiment in den USA und mehr als hundert in der SU.
    Immerhin, der wahrlich seltsame Begriff, denn eine „friedliche“ Atombombe bleibt ja eine solche, war entstanden und bedeutend.

    „Although the TTBT was signed in 1974, it was not sent to the U.S. Senate for advice and consent to ratification until July 1976. Submission was held in abeyance until the companion Treaty on underground nuclear explosions for peaceful purposes (PNET) had been successfully negotiated ...“
    https://fas.org/nuke/control/ttbt/intro.htm

    Und auch in Südafrika nutzte man zeitweilig das Feigenblatt PNE um schließlich eine heimliche Atommacht zu werden. https://isis-online.org/uploads/isi...visitingSouthAfricasNuclearWeaponsProgram.pdf S.11ff. „South Africa’s interest in PNEs was not secret at first. The AEB reported in its 1969 annual report that it was researching the use of nuclear explosives for earth-moving.29"
    ..dies als Hintergrund wieso Indien eine, aus heutiger Sicht, absurde Begründung für den Bombentest nannte.

    3) „In 1974, India, which had acquired reprocessing technology — ostensibly for a breeder

    reactor program — conducted a “peaceful” nuclear explosion that utilized plutonium
    produced in a reactor supplied with U.S. heavy water. The U.S. government realized
    that civilian reprocessing was facilitating nuclear-weapon proliferation“

    http://fissilematerials.org/library/rr14.pdf

    4) https://nsarchive.gwu.edu/briefing-...eans-break-contract-french-reprocessing-plant

    5)Ausführlich bei: Albright, David; Stricker, Andrea (2018): Taiwan's former nuclear weapons program. Nuclear weapons on-demand. Washington, DC: Institute for Science and International Security.

    https://isis-online.org/books/detail/taiwans-former-nuclear-weapons-program-nuclear-weapons-on-demand/15
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. September 2020
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  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Major Harold Hering

    kommt als noch junger Vietnamveteran zu den Nuklearen Raketenstreitkräften und nimmt dort zunächst an einem Schulungsprogramm teil. 1973 stellt er im Rahmen dessen als guter Schüler eine naheliegende Frage:
    Woher kann ich wissen, dass der Präsident der einen nuklearen Schlag befiehlt, zurechnungsfähig ist?
    Und wie es scheint war ihm die Frage wichtig genug um sie wiederholt zu stellen.
    https://www.washingtonpost.com/news...ck-isnt-sane-a-major-lost-his-job-for-asking/

    Und das trifft den wunden Punkt, stellt die Entscheidungsprozedur insgesamt in Frage.
    Immerhin stand vorher Kennedy unter dem Einfluss starker Schmerzmittel, Nixon war zu dieser Zeit öfter mal sturzbetrunken und Reagan zeigte später bereits zu Amtszeiten Anzeichen der Demenz. Ohne Zweifel sind das Gegebenheit, die geeignet sind die Urteilsfähigkeit zu beeinträchtigen.
    Im Falle des noch amtierenden POTUS ergab sich die Situation starker Medikation, nebst geringer Blutsauerstoffwerte, im Rahmen seiner Covid-Erkrankung im Oktober 2020. Bemerkenswert an dieser Episode ist sicher, dass er nicht etwa, wie nicht unüblich während eines Krankenhausaufenthaltes, den Atomkoffer dem Vize übergab, sondern in Zugriffsweite seine Bettes behielt.
    https://thebulletin.org/2020/10/tru...-why-its-time-to-retire-the-nuclear-football/

    Bei den drei erstgenannten Präsidenten darf man zuversichtlich annehmen, dass ihre Zurechnungsfähigkeit insgesamt gegeben war, beim letzten bestehen Zweifel.

    Der Major Hering wird jedenfalls entlassen, da an seiner Zuverlässigkeit, die ihm zugewiesene Aufgabe zu erfüllen zurecht gezweifelt wird.
    Der ehrbare Major kämpft noch vor Gericht dagegen, doch vergeblich.
    https://www.nytimes.com/1975/01/13/...mmends-discharge-of-major-who-challenged.html

    Doch wie kommt es zu dieser seltsam verrückten Regel, dass der POTUS ohne Einschränkung und zu jeder Zeit einen Atomschlag befehlen kann?
     
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  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    "Jubiläum des Röhrencomputers ENIAC. 27 Tonnen Geheimhaltung
    Der erste Universalcomputer war ein Monstrum aus Röhren und Kabeln. Für den Zweiten Weltkrieg kam er zu spät, für die erste Wasserstoffbombe gerade rechtzeitig."


    Röhrencomputer ENIAC: 27 Tonnen Geheimhaltung
     
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  6. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das Thema blieb akut und wurde global.
    1976 schreibt Albert Wohlstetter in der „Foreign Policy“:
    The basic problem in limiting the spread of nuclear weapons is that in the next 10 years or so many countries, including many agreeing not to make bombs, can come within hours of a bomb without plainly violating their agreement—without “diverting” special nuclear material and, therefore, without any possibility of being curbed by “safeguards” designed to verify whether material has or has not been diverted.“
    http://www.npolicy.org/userfiles/file/Nuclear Heuristics-Spreading the Bomb without Quite Breaking the Rules.pdf

    Die Ad-Hoc-Nuklearmacht welche derzeit unsere größte Aufmerksamkeit hat, ist wohl der Iran, nachdem Indien, Israel, Pakistan und Nordkorea offensichtlich die Schwelle überschritten haben.
     
  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    Apologeten



    Ich würde gern diesen Begriff in einen weiteren Zusammenhang stellen.
    Nämlich in den der engen Beziehung zwischen der „friedlichen Nutzung der Kernkraft“ und der militärischen.
    Hatten die USA in den 40ern noch eindeutig, jedoch unter hoher Geheimhaltung, die Grundlagen der Kerntechnik für den militärischen Einsatz entwickelt,
    .. und dabei auch Anreicherung, Reaktorbau und Plutoniumgewinnung bewerkstelligt, so verschwammen später die Grenzen.
    Die genannten Fähigkeiten waren unverzichtbare Grundlagen für die Bombe, ja sogar deren schwerste Hürden.

    Ebenso aber auch für die „zivile Kernkraft“, welche in späteren Jahren sich weit verbreitete und fast stets für die Bemäntelung für Atomwaffenprojekten gebraucht wurde.
    Die Liste dieser Apologeten ist wahrlich lang, und auch bisweilen überraschend. https://geschichtsforum.de/thema/kalter-krieg-und-nukleare-strategie.51941/page-4#post-791239

    Dem Aufwand der betrieben wurde um den Konsumenten zu suggerieren Kernkraftwerke seien grundsätzlich beherrschbar, steht der Aufwand gegenüber eine Distanz zur Bombe suggerieren, die noch weniger gegeben war.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. August 2021
  8. hatl

    hatl Premiummitglied

    Major Hering, dekorierter Rettungsflieger des Vietnamkriegs, und später bei den Raketenstreitkräften, ist heute 85 Jahre alt.
    1975 wurde er entlassen, oder besser gesagt gefeuert, weil er grundsätzliche Fragen zur Kontrolle des POTUS stellte, im Falle dieser einen Atomschlag befehlen sollte. (s. o.)
    Was mag er sich wohl denken, wenn er heute liest,
    dass wohl der derzeitige Generalstabchef Mark Milley, sozusagen ad hoc, den POTUS Trump nuklear entmachtete?
    (Dies zwei Tage nach dem Sturm auf das Kapitol.)
    "Milley also summoned senior officers to review the procedures for launching nuclear weapons, saying the president alone could give the order — but, crucially, that he, Milley, also had to be involved."
    https://www.washingtonpost.com/politics/2021/09/14/peril-woodward-costa-trump-milley-china/

    Damit ergriff das Militär vorübergehend ein Vetorecht, sofern der Bericht stimmt.
    Die WP weist in ihrem Artikel auf einen ähnlichen Fall in 1974 hin, über den die NYT berichtet:
    In the days leading up to Nixon’s resignation in August 1974, Mr. Schlesinger, as he confirmed years later, became so worried that Nixon was unstable that he instructed the military not to react to White House orders, particularly on nuclear arms, unless cleared by him or Secretary of State Henry A. Kissinger.“
    James R. Schlesinger, Willful Aide to Three Presidents, Is Dead at 85 (Published 2014)
    (Das just die Zeit, zu der der Major Harold Hering seine höchst unbequemen Fragen stellt.)

    Waren es 1974, so hat es den Anschein, beim Fall Nixon der Verteidigungsminister und der Außenminister, die ein formell nicht bestehendes Vetorecht beim Zugriff auf Nuklearwaffen ausübten,
    so sind wir Jan. 2021 auf der Ebene des Militärs angekommen.

    Gab es noch mehr solche oder ähnliche Fälle? Wenn jemand etwas findet, wäre sicher interessant.
     
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  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ergänzung:

    "Historic concern over missing checks and balances has been episodic, associated with periods of heightened international tensions or when presidents were perceived as bellicose. In 1972, Senator William Fulbright (D-AK) proposed an amendment to the pending War Powers Resolution (WPR)—rejected by 68-10—that would have prohibited the President from ordering first use of nuclear weapons without prior congressional approval or a declaration of war. During Ronald Reagan’s presidency (1981-1989), legal and scientific authorities deemed offensive nuclear war illegal or unconstitutional. The most recent legislation is notable for winning greater congressional support—the Markey-Lieu bill attracted 81 co-sponsors in the House (80 Democrats, one Republican) and thirteen in the Senate (12 Democrats, one Independent)—and approval from former public officials, the New York Times editorial board, and non-proliferation advocacy groups during 2017-18."
    Singh, Unchecked and Unbalanced? The Politics and Policy of U.S. Nuclear Launch Authority, FPRI 2019, S. 116

    Dazu online verfügbar:
    The President and Nuclear Weapons: Authorities, Limits, and Process by Mary DeRosa, Ashley Nicolas :: SSRN
    sowie
    Cholden-Brown/De Wolff/Figueroa/McCullough, Protecting Against an Unable President: Reforms for Invoking the 25th Amendment and Overseeing Presidential Nuclear Launch Authority" (2020). Reports. 11.
    The Fordham Law Archive of Scholarship and History
    https://core.ac.uk/download/pdf/345985091.pdf

    Major Herings Fall ist nach meinem Eindruck diffus,
    Air Force Panel Recommends Discharge of Major Who Challenged Tailsafe’ System (Published 1975)

    Ist Schlesingers Erzählung von dritter Seite (Kissinger, Militärs) bestätigt worden?
     
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  10. hatl

    hatl Premiummitglied

    So wie ich das überblicke wurde „Schlesingers Erzählung“ nicht bestätigt.
    Für Wellerstein ist das „a famous anecdote about Secretary of Defense James Schlesinger....“
    die unbelegt ist.
    Diese „Anekdote“ fügt sich in eine andere. Der öfter mal schwer alkoholisierte Nixon habe in der Endzeit seiner Präsidentschaft das Mitglied des Kongresses Alan Cranston angeplärrt, er könne in sein Büro gehen, den Telefonhörer abheben und binnen 25 Minuten seien Millionen Menschen tot.
    (I can go in my office and pick up a telephone, and in 25 minutes, millions of people will be dead.)
    Dieser nun beunruhigte Senator habe darauf hin den Schlesinger angerufen und ihn gebeten den Nixon nuklear in Schach zu halten.
    Auch diese Erzählung findet sich in allen möglichen Publikationen, ohne dass ich jetzt erkennen könnte wodurch sie belegt ist.
    Es ist ja auch nicht ohne weiteres plausibel, dass Nixon, der ja gegen erhebliche Widerstände Entspannungspolitik betrieb, geneigt sein würde, einen Nuklearschlag zu befehligen.
    Oder doch?
    Denn falls er wirklich durchdreht kann er den Atomkrieg auslösen und im Amt bleiben.

    Vielleicht stimmen diese so häufig wiedergegeben Erzählungen um Schlesinger und Cranston, vielleicht nicht und vielleicht sind sie auch übertrieben.
    Sie berühren aber einen wunden Punkt und finden sich im Zusammenhang mit einer anhaltenden Diskussion des Entscheidungsautomatismus beim Nuklearschlag.

    Danke @silesia für Deinen sehr lesenswerten Link https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3595440

    Die Zugriffsbeschränkung des POTUS auf die nuklearen Streitkräfte wird da weiter diskutiert. Eine Lösung des Problems wurde bis heute nicht erreicht.

    Zwar würde ein tollwütiger Präsident mit einem willkürlichen Erstschlag gegen zahlreiche Gesetze verstoßen, international wie national, doch gäbe es keine gesetzlich festgelegte Prozedur die den schnellen militärischen Automatismus nach dessen Befehl aufhalten würde. Damals wie heute.

    Was bleibt sind gesetzlich ungedeckte Absprachen vernünftigerer Entscheidungsträger im Vorfeld.

    Eine Anmerkung zu Amendment 25.
    So wie ich es verstehe bestand das Ziel dieses Verfassungszusatzes darin, die Fähigkeit eine Nuklearschlags unabhängig vom Zustand des Präsidenten (sei er krank oder gerade verstorben) zu erhalten.
    Nicht darin einen körperlich gesunden, aber geistig abnormen vom Einsatz der Atombombe abzuhalten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. September 2021
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Der Pelindaba Vertrag /Atomwaffenfreie Zone Afrika

    Bis heute wurden 9 internationale Verträge über NuklearWaffenFreie Zonen (NWFZ) geschlossen.
    Der letzte und vielleicht bedeutendste wurde 1996 beschlossen und trat 2009 in Kraft. Der Vertrag von Pelindaba
    Damit wurde Afrika zur größten NWFZ.

    Die Idee der NWFZ geht auf den den polnischen Außenminister Rapacki zurück, der 1957 vor der UN-Vollversammlung einen Plan zur nuklearen Demilitarisierung in Mitteleuropa vorstellt.
    Es sollte eine Zone frei von Nuklearwaffen vertraglich zwischen den entsprechenden Staaten vereinbart werden, ebenso wie ein Kontrollmechanismus zur Einhaltung des Vertrags.
    Darüber hinaus sollten sich die Atommächte verpflichten in der vereinbarten NWFZ keine Kernwaffen zu stationieren und auch keinen Staat innerhalb der NWFZ nuklear anzugreifen.
    Zwar wird der Rapacki-Plan scheitern, doch eine bleibende Vorlage bilden die später mehrfach aufgegriffen werden wird.

    So auch in Afrika,dessen Widerstand gegen Atomwaffen im Jahr 1960 Bedeutung gewinnt.
    In diesem Jahr werden 18 Staaten im Rahmen einer fortschreitenden Dekolonisation unabhängig.
    Und auch in diesem Jahr führt Frankreich oberirdischen Atombombentest in Algerien durch.

    Dies führt zu Protesten und dem vergeblichen Versuch der jungen afrikanischen Staaten eine UN-Resolution zur Denuklearisierung Afrikas erwirken.
    1963 wird die OAU (Organisiation of African Unitiy) gegründet, die ebenfalls diese Bemühungen unterstützt. Frankreich beendet schließlich 1966 seine Atomwaffentests in Afrika.
    Die diplomatischen Bemühungen um ein atomwaffenfreies Afrika verlieren vorübergehend durch das Inkrafttreten des Atomwaffensperrvertrags 1970 an Schwung.
    Doch mit dem Ende des kalten Kriegs scheint es nun möglich Afrika zu einer NWFZ zu machen.
    Das größte Hindernis auf diesem Weg stellt Südafrika aus zwei Gründen dar.
    Zum einen betrachten es die Staaten der OAU als eine Unmöglichkeit mit dem Apartheitsregime zu verhandeln und zum anderen besteht der Verdacht Südafrika sei im Besitz von Atomwaffen.
    Diese Hürden werden von dem kürzlich verstorbenen de Klerk überwunden werden.
    1991 tritt Südafrika dem Atomwaffensperrvertrag bei und baut seine tatsächlich vorhandene Atomrüstung ab.
    Bestätigt wird dies 1993 durch die IAEA.
    Bereits Vorjahr startete de Klerk eine diplomatische Offensive um die Beziehungen zu den anderen afrikanischen Staaten durch zahlreiche offizielle Besuche zu verbessern.
    Als sich auch Nelson Mandela öffentlich für ein atomwaffenfreies Afrika ausspricht beginnt sich die allgemeine Haltung gegen Südafrika zu verbessern. Der Geschäftsführer der südafrikanischen AEC (Atomic Energy Commission of South Africa) wird zu 1993 Verhandlungen eingeladen.
    Nach den ersten freien Wahlen und dem Amtsantritt Mandelas 1994 wird Südafrika zum vollwertigen Vertragspartner und das größte Hindernis auf dem Weg zum atomwaffenfreien Afrika überwunden.
    1996 wird der Vertrag in Kairo geschlossen. Benannt ist er nach Pelindaba, dem Sitz der südafrikanischen AEC.

    Dieser Vertrag wird zwei einzigartige Merkmale haben:
    Nicht nur sind Stationierung und Bau von Kernwaffen untersagt, sondern auch die Forschung daran.
    Es wird eine Kontrollbehörde (AFCONE) vereinbart, die die Vertragstreue der Vertragspartner überprüfen soll. Fortschrittliches Afrika!
    Problematisch wird die Umsetzung des Vertrages bleiben und erst 2009 in Kraft treten.

    Dazu van Wyk: https://www.academia.edu/2604751/No...earisation_of_Africa_and_the_Pelindaba_Treaty

    Zur südafrikanischen Atombombe wie schon bei anderer Gelegenheit verlinkt: Albright / Stricker David Albright / Andrea Stricker – Revisiting South Africa's Nuclear Weapons Program - 2016

    Ein Abriss der Entwicklung der NWFZ: https://www.unidir.org/files/publications/pdfs/nuclear-weapon-free-zones-en-314.pdf ab PDF-S. 10

    Eine Würdigung de Klerk's will ich nachreichen:
    FW de Klerk, who ended South African apartheid, leaves another legacy: nuclear disarmament - Bulletin of the Atomic Scientists
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. November 2021
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  12. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Nichts für ungut, aber ich halte diese Aussage für falsch, auch auf die Gefahr hin, dass Du mich Apologet nennst.

    Die Kernkraft ist sehr viel beherrschbarer als andere großtechnische Anlagen. Steven Pinker hat in seinem neuesten Buch statistisch nachgewiesen, dass mehr Menschen durch Hochöfen als durch Kernkraftwerke ums Leben gekommen sind. Wo bleibt die Forderung, die Stahlindustrie dichtzumachen?

    In Fukushima ist nicht ein Mensch durch Strahlung ums Leben gekommen. Man vergleiche dies mit den 32 Menschen, die in Krankenhäusern und Altersheimen elendiglich verreckten, weil das verängstigte Personal auf der Flucht vor einer sich nicht bewahrheitenden Gefahr sie im Stich ließ.

    Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der katastrophalste Unfall in einem Kernkraftwerk, das (anders als Tschernobyl) zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme den Erkenntnissen über nötige Sicherheitsvorkehrungen entsprach, hat nicht ein einziges Todesopfer durch Radioaktivität gefordert.

    Labels wie "Apologet" oder "Nuklear-Lobby" ändern auch nichts daran, dass zumindest die derzeitigen wissenschaftlichen Methoden auch die über Tschernobyl kursierenden Opferzahlen von angeblich bis zu 600.000 wahrscheinlichen und 93.000 eingetretenen Todesfällen nicht bestätigen können.

    Mag sein, dass sich das noch ändert, aber es ist nach gegenwärtigem Stand der Wissenschaft nicht nachgewiesen, und sogar unmöglich nachzuweisen, dass geringere Dosen kumuliert dasselbe Krebsrisiko bedeuten wie eine akut erhaltene Strahendosis derselben Größenordnung.

    Was Tschernobyl angeht, ist kaum von mangelnder Beherrschbarkeit zu sprechen, wenn, wie ebendort, grundlegende Sicherheitsvorkehrungen willentlich missachtet werden, die ohne Weiteres eingehalten hätten werden können.

    Man mag natürlich argumentieren, dass der menschliche Makel die Nutzung einer so sicherheitssensiblen Technologie durch die Menschheit ausschließt. Vielleicht stimmt das sogar, aber dann wird man nicht umhinkommen, dieselbe Forderung für andere Technologien zu erheben.

    Wenn Anlagensicherheit das beste Argument gegen die Kernkraft sein sollte, gäbe es weitaus dringlichere Probleme. Allein die einwandfrei nachweisbaren direkten und indirekten Todesfälle durch die Produkte der chemischen Industrie sprechen hundertmal mehr gegen diese.

    Apropos Chemie; bei zahlreichen Vorgängen zur Herstellung alltäglicher Werkstoffe und Gebrauchsgüter fallen Nebenprodukte an, die hochgradig umweltschädlich sind oder sogar sinistere Verwendungszwecke haben. Düngemittel und Sprengstoffe, Nervengas und Hustensaft teilen sich fast alle Herstellungsschritte.

    Warum also spricht gegen die Kernkraft, dass bestimmte Kraftwerkstypen Material für Nuklearwaffen liefern können, nicht aber gegen die Düngemittelindustrie, dass sie auch Sprengstoff herstellt?

    Auf die Gefahr hin, polemisch zu klingen, möchte ich die deutschen Kernkraftgegner im Forum einmal ernstlich fragen: Warum ist die Atomkraft in vielen Ländern kaum oder gar nicht umstritten, und nur in einer Handvoll Länder ein Reizthema? Warum führt Deutschland diese Hitparade scheinbar an?

    Was wisst Ihr, das die Menschen in bspw. Frankreich und den USA nicht wissen?
     
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  13. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Absatz 1 ist ja auch, bei Licht betrachtet, eher ein Argument gegen Kernenergie, als für diese. Mal ganz abgesehen von den Ewigkeitskosten, bedarf es nämlich wirklich der immerwährenden Bereitschaft (und des historischen Gedächtnisses), sich um atomare Altlasten auch verantwortungsvoll zu kümmern. Und nachfolgende Generationen werden sagen: „Danke, ihr hattet billigen Strom, nur leider zahlen wir dafür die Zeche. Und das wusstet ihr.“ Das kann man den Betreibern und Nutzern 1960 vielleicht noch nicht vorwerfen, aber den Betreibern und Nutzern 2021 kann man das vorwerfen.

    Absatz 3: ich sehe da überhaupt keinen Grund zu priorisieren. Beides muss abgestellt werden. Kernenergie und problematische Chemieindustrie. Warum das eine gegen das andere aufwiegen, wenn beides schlecht für die Lebewesen dieser Erde ist? (Ich bin natürlich Realist genug, um zu wissen, dass ich ein Teil des Problems bin: jedes Endgerät bedeutet Chemie, jede Suchanfrage bei einer Suchmaschine bedeutet Energieverbrauch, wie auch immer diese nutzbar gemacht wurde.)

    Wie gesagt: Es gibt überhaupt keinen Grund, hier gegeneinander aufzuwiegen.
    Allerdings kann man durchaus mal festhalten, dass Sprengstoffe zwar sehr problematisch sind, (und wir in den letzten Jahren doch feststellen müssen, dass nach dem WKII versenkte Waffen plötzlich zum Problem werden, sowohl für den Fischfang, als auch für vermeintliche Bernsteinsammler, denen plötzlich ihre knallbunte Multifunktionsjacke in Flammen aufgeht), aber wir mit Sprengstoffen wohl eher nicht die Ewigkeitskosten produzieren, die wir mit Kernkraft am Ende haben.

    Zunächst einmal muss man ja festhalten, dass nur eine überschaubare Anzahl von Ländern überhaupt Atomkraftwerke betreibt. Italien (Erbebenland) und Irland sind schon vor Fukushima aus der Kernenergie ausgestiegen.
    Der echte Vorreiter ist nicht Dtld., sondern Irland. Es gibt mehrere Staaten, wo die Kerenergiefreiheit Verfassungsrang hat, da gehört Dtld. nicht dazu. Etliche Staaten, die bereits Kernenergie hatten, haben sie vor Deutschland abgeschafft. Aber es ist immer wieder witzig, wir Deutsche halten uns für superumweltfreundlich und superweit in Sachen Umweltschutz, dabei sind wir eigentlich furchtbar schlecht. Und wir sollten uns nicht die USA als Maßstab nehmen. Beispiel: wir waren in New York in einem Hotel. Morgens beim Frühstück gab es nur Plastikteller, Plastikbecher, Plastikbesteck, das würde direkt entsorgt. Das dürfte mittelfristig viel teurer sein, als eine ordentliche Spülmaschine und Porzellangeschirr + Metallbesteck. Zwischen San Diego und Los Angeles gibt es die Ortschaft San Onofre, direkt am Freeway gelegen. Bekannt durch ein Lied der Beach Boys und durch sein malerisch am Strand gelegenes AKW. Wie Fukushima. Mitten im Erdbebengebiet, wenige Kilometer von der Sankt-Andreas-Spalte entfernt. Vernünftig ist was anderes.
    Als meine Schwester in den USA war, was sie Kursbeste in Physik. In der Abschlussklasse. Ihrer Meinung nach waren die auf maximal Mittelstufenniveau. Und damals hat man dort noch - sie war mitten drin im Bible Belt - an der Schule Evolutionslehre gelehrt. Heute wird in „ihrem“ Staat der Kreationismus gleichgestellt, das ganze als Glaubenssache betrachtet, nicht nach Beweisbarkeit. Sorry, aber wenn es einen Staat auf der Welt gibt, wo ich bzgl. der durchschnittlichen Bildung der Bürger, obwohl alle zur Schule gehen, skeptisch bin, dann sind es die USA*. Was sowohl bei Frankreich als auch bei den USA, Kanada, Russland oder Brasilien hinzukommt, ist, dass diese Länder einen ganz anderen Fläche:Bevölkerungsschlüssel haben. Das hilft zwar bei einem GAU dann auch nicht mehr, erklärt aber den z.T. extremen Raubbau an der Natur. Beispiel Kanada. Eine Papierfabrik siedelt sich mit ihren Mitarbeitern an einem See an. Wenn der Wald rundherum abgeholzt ist, ziehen Fabrik und Mitarbeiter weiter und zurück bleibt eine Steppe mit einer Chemielache im Zentrum. Dann passiert 100 Meilen weiter dasselbe.

    *es gibt auch hochgebildete Amerikaner, gar keine Frage. Ein Freund von mir ist mit einer brillanten amerikanischen Politologin verheiratet.
     
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  15. hatl

    hatl Premiummitglied

    @-muck-,

    ich denke nicht, dass es sinnvoll ist im Rahmen des Themas Geschichte der Atombombe über die Betriebssicherheit von KKWs zu diskutieren.

    Die Betrachtung in diesem Zusammenhang bezieht sich auf die Verschränkung von ziviler und militärischer Anwendung. (#42, #45, #50, #51, #115, #127, #138 ... #141)
    Ohne Zweifel war die „zivile“ Kernkraft Treiber der Proliferation von Kernwaffen.
    Und hier sehen wir durchaus eine sehr große Gefährlichkeit der Kernkraft.
     

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