Klimawandel und Verschiebung von Kulturräumen

Clemens64

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Hier mal ein Beitrag, der so allgemein ist, dass ich gar nicht weiß, wo ich ihn einsortieren soll. Der Klimawandel führt ja dazu, dass Flora und Fauna aus südlicheren Gefilden auch bei uns heimisch werden. Und wenn es einmal kälter werden sollte, würde sich die für den Norden typische Natur nach Süden hin ausdehnen.

Kann der gleiche Effekt nicht auch bei menschlichen Kulturräumen beobachtet werden, soweit diese an ein bestimmtes Regionalklima angepasst sind? Haben solche Gemeinschaften also die Tendenz, den klimatischen Verhältnissen, auf die sie zugeschnitten sind, nachzufolgen? Drei mögliche Beispiele aus dem militärischen Bereich: Die Jahrhunderte vor und um die Zeitenwende sollen in Europa recht warm gewesen sein, so warm, dass Hannibal ein paar Elefanten über die Alpen bringen konnte. Könnte die Expansion Roms nach West- und Mitteleuropa nicht auch dadurch erleichtert worden sein, dass die Legionen sich an gar nicht so fremde klimatische Bedingungen anpassen mussten? Umgekehrt kam es in der Spätzeit des Reiches zu einer Klimaverschlechterung. Wenn vom Norden kommend Barbaren durch die Provinzen zogen, waren sie vielleicht besser an das vorherrschende Wetter angepasst als die Truppen Roms. Das kann natürlich nur dann der Fall gewesen sein, wenn die römische Zivilisation, aus welchen Gründen auch immer, es nicht vermochte, sich rasch an den Klimawandel anzupassen.

Ein letztes Beispiel: Ist es nicht erstaunlich, dass Schweden ausgerechnet während der „kleinen Eiszeit“ im 17. Jahrhundert zu einer Großmacht wurde, welche die Politik in Mitteleuropa maßgeblich mitgestaltete? Sollte nicht gerade Skandinavien unter der Klimaverschlechterung besonders gelitten haben? Oder war es nicht vielmehr so, dass die schwedischen Truppen mit dem harten Klima während des 30-jährigen Kriegs besser zurechtkamen als andere Armeen?
 
(nicht ganz ernst gemeint) hätten nicht jeweils winters die Inuit gen Süden ertragreiche Kriegs/Beutezüge veranstalten müssen?
 
(nicht ganz ernst gemeint) hätten nicht jeweils winters die Inuit gen Süden ertragreiche Kriegs/Beutezüge veranstalten müssen?
Bekanntlich errichteten in der frühmittelalterlichen Warmzeit die Wikinger Siedlungen auf Grönland. In der kleinen Eiszeit verschwanden die Siedlungen. An der grönländischen Küste lebten nun Inuit der Thule-Kultur. Die hatte es in den Jahrhunderten zuvor nur weiter nordwestlich gegeben.
 
Wenn vom Norden kommend Barbaren durch die Provinzen zogen, waren sie vielleicht besser an das vorherrschende Wetter angepasst als die Truppen Roms.

Die römische Armee bestand aber in der Spätantike zu großen Teilen aus den gleichen Barbaren.

Und nur einige von denen kamen aus dem Norden, wenn überhaupt.
 
Die Barbarisierung der römischen Armee ist ja gerade ein wesentlicher Weg, der zur Barbarisierung des Reiches führte.
Bevor in der Spätantike die Barbarisierung der römischen Armeen überhand nahm, eroberten die römischen Armeen nicht gerade weniger Ländereien, in welchen ein rauheres Klima herrschte als im lieblichen Italien - und sie passten sich an die dort nicht nur an die herrschenden Temperaturen an (Mäntel, Hosen (bracae)), sondern brachten den Eroberten dort zuvor unbekannte Heizungstechniker mit (hypocaustum). Da ihnen das gut 400 Jahre lang gelang, ohne dass ihre Truppen massenhaft erfroren, kann der klimatische Unterschied zwischen Italien und z.B. Nordgallien oder Britannien nicht sooo dramatisch gewesen sein.
 
Bevor in der Spätantike die Barbarisierung der römischen Armeen überhand nahm, eroberten die römischen Armeen nicht gerade weniger Ländereien, in welchen ein rauheres Klima herrschte als im lieblichen Italien - und sie passten sich an die dort nicht nur an die herrschenden Temperaturen an (Mäntel, Hosen (bracae)), sondern brachten den Eroberten dort zuvor unbekannte Heizungstechniker mit (hypocaustum). Da ihnen das gut 400 Jahre lang gelang, ohne dass ihre Truppen massenhaft erfroren, kann der klimatische Unterschied zwischen Italien und z.B. Nordgallien oder Britannien nicht sooo dramatisch gewesen sein.
Die Expansion Roms nach Norden, etwa die Eroberung Galliens, fiel eben in die Warmzeit. Natürlich haben sich die verschiedenen Zivilisationen an verändertes Klima angepasst, aber womöglich unvollkommem und mit erheblicher Verzögerung.
Tacitus sagt ja in seiner Germania, wenn ich mich recht erinnere, dass die Bevölkerung Germaniens nie dort eingewandert sei, denn für eine Einwanderung seien die klimatischen Umstände dort zu garstig.
 
Ich denke, hier muss man unterscheiden zwischen der Ausbreitung einer auf einer bestimmten Wirtschaftsform beruhenden Kultur, und der Eroberung. Als die Angelsachsen bspw England eroberten ging das mWn mit einem erheblichen Bevölkerungsaustausch einher. Ob das in einer Gegend funktiert hätte, an die ihre landwirtschaftlichen Methoden nicht angepasst waren, kann man bezweifeln. Als hingegen die Goten oder Vandalen Reiche in Italien, Spanien oder Nordafrika errichteten war das kein Problem, da sie sich nur als erobernde Oberschicht über eine Bevölkerung etablierten, die mit diesen Regionen hinreichend vertraut waren; ähnlich war das mit den Römern vorher.
 
Ein letztes Beispiel: Ist es nicht erstaunlich, dass Schweden ausgerechnet während der „kleinen Eiszeit“ im 17. Jahrhundert zu einer Großmacht wurde, welche die Politik in Mitteleuropa maßgeblich mitgestaltete? Sollte nicht gerade Skandinavien unter der Klimaverschlechterung besonders gelitten haben? Oder war es nicht vielmehr so, dass die schwedischen Truppen mit dem harten Klima während des 30-jährigen Kriegs besser zurechtkamen als andere Armeen?
Rom mal beiseite gelassen:

Was Schweden betrifft, hat das Land meines erachtens vor allem von 4 Faktoren profitiert:

- Der erste war der sich abzeichnende Zusammenbruch des Deutschordensstaates in Livland im Zuge der Reformation (im 16. Jahrhundert) der Raum für Expansion im Baltikum schuf und dadurch, dass am Ende alle Nachbarn versuchten davon zu profitieren, dazu führte, dass sich Schweden mit dem polnisch-litauischen Reich gegen Muskowien/Russland verbünden konnte.

- Am Ende des 16. Jahrhunderts und bis weit in das 17. Jahrhundert hinein, wurden sowohl Schweden, als auch Polen-Litauen durch verschiedene Linien des Hauses Wasa regiert, was dazu führte, dass diese beiden Reiche auf Grund der dynastischen Verbindungen, vor allem im Osten zeitweise gut zusammenarbeiteten.

- Die Schwächephase Russlands, dass sich in der Auseinandersetzung um Livland mit Schweden und Polen-Litauen verausgabt hatte nach dem Tod Ivan IV.
Der folgende Zar "Fjodor I." war ein relativ schwacher Herrscher, möglicherweise geistig beeinträchtigt, und verstarb ohne einen legitimen Nachfolger zu hinterlassen, womit die Dynastie der Rurikiden ausgestorben war und in Russland die "Zeit der Wirren/Smuta" begann, in der etwa anderthalb Jahrzehnte lang innerhalb Russlands um die Macht gestritten wurde, in die Schweden und Polen-Litauen zeitweise eingriffen.
Das ging so weit, dass Wladyslaw IV. aus dem Haus Wasa (König von Polen/Litauen) zeitweise Ansprüche auf den Zarenthron erhob, (1610 auch zum Zaren gewählt wurde) und sich in Russland immerhin 3 Jahre behaupten konnte, bevor er von Michail I. Romanow als Herrscher verdrängt werden konnte.
Im Zuge der Abwicklung der Feindseligkeiten, musste Russland allerdings allerdings als Preis für den Verzicht Wladyslaws IV. auf den Zarenthron weitläufige Gebiete an das polnisch-litauische Reich abtreten, inklusive Smolensk und dem heute ukrainischen Tschernihiw/Tschernigow.

Michail I. Romanow konnte in der Folge langsam aber sicher das russische Reich stabilisieren, aber es dauerte etwas bis es als größere Macht wieder handlungsfähig war.

Russland und Polen-Litauen waren in der Folge relativ stark durch den jeweils anderen gebunden, da in Russland nachdem sich die Romanow-Herrschaft etabliert hatte Interesse an der Rückgewinnung, der an Polen-Litauen abgetretenen Territorien bestand.
Gleichzeitig, grenzte der polnisch-litauische Machtbereich im Schwarzmeer-Raum natürlich auch immer an den Machtbereich des Osmanischen Reiches, womit die Aufmerksamkeit der polnisch-lituaischen Herrscher zweitweise mehr auf Russland und auf dem Süden lag, als auf Schweden und dem Baltikum.

- Dadurch, dass Dänemark in den 30-Jährigen Krieg eintrat, bevor Schweden hier aktiv wurde und dabei eine schwere Niederlage erlitt, war auch dieser Nachbar zeitweise anders gebunden und hatte nach der Niederlage eine Schwächephase durchzustehen.


Wie ich das sehe, hatte Schweden einfach situativ das Glück, in ein Machtvakuum hineinstoßen zu können, was dadurch entstanden war, dass sämtliche größeren Nachbarn sich aneinander oder an dritten Mächten arbarbeiteten und Schweden dadurch einigermaßen unbehelligt die eigene Macht steigern konnte.
Zufällig dynastische Verbindungen (polnisch-litauische Wasa) und französische Subsidien (30-Jähriger Krieg) schadeten dabei sicherlich auch nicht.


Beim Aufstieg Schwedens zur Großmacht sehe eher andere Gründe als Klimaveränderungen am Werk.

Oder war es nicht vielmehr so, dass die schwedischen Truppen mit dem harten Klima während des 30-jährigen Kriegs besser zurechtkamen als andere Armeen?
Der größte Teil der schwedischen Truppen im 30-Jährigen Krieg, waren keine Schweden, sondern vor allem im Norden des Reiches geworbene Söldner.
Gustav II. Adolf landete zwar mit einem bescheidenen schwedischen Heer in Pommern, das wuchs allerdings vor allen durch im Reich geworbene Söldner auf die zum Teil mittels französischer Subsidien bezahlt werden konnten.
Schweden allein hätte die wirtschaftlichen Möglichkeiten dazu nicht besessen.
De facto dürften während des 30-Jährigen Krieges weit mehr Deutsche unter den schwedischen Fahnen gediehnt haben als tatsächliche Schweden.
 
Zuletzt bearbeitet:
Die römische Wirtschaft konnte jedes Wetter vertragen. Auch die römische Landwirtschaft,die ja zuvor punische oder gallische Produktionstechniken integriert hatte. Aber nicht eine Wirtschafts- und Finanzkrise, die zum Versiegen der Handelsströme führte, das Finanzieren einer schlagkräftigen Armee oder eine hoch arbeitsteilige Produktion in Frage stellte.

Auch ägyptische oder tunesische Legionäre hätten norwegische Bauern und Kämpfer besiegt, mit links. Korrektur: das Kurzschwert wurde rechts gehalten.
 
Kurz, so wie heutzutage hatten etwaige Klimaschwankungen auch zu früheren Zeiten keine spürbaren Effekte auf den Gang der Menschheitsgeschichte.
 
@Clemens64 hast du ein Beispiel für eine Verschiebung eines Kulturraums? Mir fällt gerade keines ein.
Die wikingische Besiedlung von Island und Teilen der Grönlandküste verstehe ich nicht als Verschiebung, sondern als (im Fall Grönlands) als zeitweilige Expansion - in der skandinavischen Heimat änderte das eigentlich nichts (da wanderten keine Massen ab)
 
Der Fall Grönland ist doch klar: In der Warmzeit verschob sich der Kulturraum Skaninaviens nach Grönländ, 400 Jahre später verschob er sich wieder zurück, und das Klima hat dabei eine Rolle gespielt. Massenwanderung gab es nicht, das tut aber nichts zur Sache.
Und natürlich war die Expansion Roms nach Norden auch eine des mediterranen Kulturraums. Und beim oder nach dem Zerfall des Reiches gab es eine Expansion nördlicher Kulturkreise in Richtung Mittelmeer (ohne dass sie mediterrane Kulturkreise regelrecht verdrängt hätten).
Das muss nichts mit Klimawandel zu tun gehabt haben, aber es passt schon ganz gut, und den Einfluss von Klimaveränderungen auf solche Prozesse prinzipiell von der Hand zu weisen geht ja wohl nicht.
 
Der Fall Grönland ist doch klar: In der Warmzeit verschob sich der Kulturraum Skaninaviens nach Grönländ, 400 Jahre später verschob er sich wieder zurück, und das Klima hat dabei eine Rolle gespielt.
Das ist missverständlich formuliert: es klingt so, als sei der Kulturraum Skandinaviens nach Grönland migriert und 400 Jahre später zurück gekommen - das war wohl nicht gemeint?
Zeitweilige Ausbreitung/Vergrößerung scheint mir keine Verschiebung zu sein.
 
Das ist missverständlich formuliert: es klingt so, als sei der Kulturraum Skandinaviens nach Grönland migriert und 400 Jahre später zurück gekommen - das war wohl nicht gemeint?
Zeitweilige Ausbreitung/Vergrößerung scheint mir keine Verschiebung zu sein.
Also dann meine ich zeitweilige Veränderung der Grenzen von Kulturräumen bei zeitweiligem Klimawandel.
 
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