Grönland, dürfte von seiner Beschaffenheit her unter das Schlagwort einer wirtschaftlichen Randlage fallen, also eines Gebiets, dass vor allem dann interessant wurde, wenn andere Gebiete in ihrer Entwicklung an ihre Kapazitätsgrenze kommen und schnell auch wieder uninteressant werden, wenn durch irgendwelche Entwicklungen in Gebieten, in denen sich profitabler wirtschaften lässt, wieder Platz ist, oder sich andere Möglichkeiten auftun.
"Wirtschaftliche Ranlage" bestimmt. Der Punkt ist aber: Während der Warmzeit ließ sich dort mit einer leicht angepassten "nordischen Landwirtschaft" plus Jagd überleben. Als die Verhältnisse schlechter wurden, konnte diese Art zu wirtschaften die Bevölkerung nicht mehr ernähren. Die Menschen hätten sich anpassen müssen, und zB Techniken & Methoden der Inuit übernehmen müssen (was sie nicht taten oder so gut wie nicht taten), abwandern oder verhungern.
Ein paar Punkte dazu (aus Kollaps von J. Diamond bzw meinem Gedächtnis dazu, nachgelesen habe ich es nicht noch einmal; ist auch zwanzig Jahre alt oder so):
- Getreideanbau war so gut wie unmöglich. Getreide wurde die gesamte Zeit der nordischen Siedlungen über importiert (ua fürs Brot backen & Bier brauen), bildete aber nur einen nebensächlichen Aspekt der Ernährung.
- Der wichtigste Wirtschaftszweig war die Weidewirtschaft; wenn Grönland=Grünland mehr war als eine P.R.-Lüge seitens Eriks des Roten dann bezog sich das auf die grünen Wiesen in den geschützten Fjorden während des Sommers, die als Nahrungsgrundlage für Rinder, Schafe & Ziegen dienten.
- Je reicher und größer die Höfe, desto mehr Hinweise auf Rinderhaltung lassen sich finden (Ställe, Knochenreste uä). Je kleiner und ärmer die Höfe, desto größer wird der Anteil an Schafs- & Ziegenknochen, besonders aber an Robben (die natürlich erjagt und nicht gehalten wurden).
- Es sind praktisch keine archäologischen Funde bekannt, die auf Fischfang hinweisen; was sehr überraschend ist, immerhin kamen die nordischen Siedler aus Island und Norwegen, wo Fisch eine wichtige Rolle im Speiseplan spielte, und auch für die Inuit bildet Fisch- & Walfang eine wichtige Nahrungsquelle. Entweder die Grönländer aßen (warum auch immer) kaum Fisch, oder sie haben es geschafft, dass so zu tun, dass davon so gut wie nichts in Abfallgruben etc endete.
- Es gab keine Übernahme von Inuit-Techniken wie dem Kajak, dem Walfang (nach Inuit-Methoden) oder der Eisjagd auf Ringelrobben, obwohl dies nachweislich dabei geholfen hätte, in diesem Lebensraum zu überleben; immerhin
haben die Inuit das bis heute geschafft...
Diamond interpretiert das (kurz zusammengefasst) so, dass die Grönländer eine sehr konservative Gesellschaft bildeten, die mit Hilfe der überlieferten Techniken solange durchhielten, wie es ging, und als es nicht mehr ging, zurück nach Island oder Norwegen zogen, verhungerten, oder geschwächt von den Inuit überrannt wurden.
In diesem Falle (und so die Interpretation richtig ist) stimmt also Clemens These, dass sich die "nordische Kultur" nach Grönland ausdehnte, als dies wirtschaftlich und praktisch (Seerouten etc) möglich war, und sich nicht mehr halten konnte, als sich die klimatischen Verhältnisse änderten.
Möglicherweise hat die Aufgabe Grönlands etwas mit dem weiteren bekanntwerden der Geographie Nordamerikas zu tun und damit, dass ein Ausweichen dorthin vielversprechender gewesen sein könnte, weil selbst ohne Veränderungen die Grundbedingungen freundlicher sind.
Dafür gibt es mWn keinerlei Anzeichen, von Belegen ganz zu schweigen. Ich glaube, nachweisen lässt sich eine gewisse Rückwanderung nach Island und Norwegen, aber zumindest davon, dass die Westsiedlung samt Bewohnern "verschwand", gibt es historische Aufzeichnungen (lückenhaft und interpretationbedürftig, aber immerhin). Wäre auch die (größere) Ostsiedlung inkl Bischofssitz aufgegeben worden und die Bevölkerung abgewandert, ist mE zu erwarten, dass das bekannt geworden wäre.