Kolonialismus in Schulbüchern: Die Geschichte der Sieger

Dieses Thema im Forum "Afrika" wurde erstellt von El Quijote, 13. Oktober 2020.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In manchem afrikanischen Schulbuch versteckt sich noch immer kolonialistisches Gedankengut. Viele Afrikaner sagen: Es ist Zeit, Afrikas Geschichte aus Afrikas Perspektive zu erzählen.

    Der drittlängste Fluss in Afrika ist der Niger. Doch wer hat den eigentlich entdeckt? Schlägt man ein nigerianisches Geschichtsbuch auf, so ist die Antwort schnell klar: der schottische Endecker Mungo Park im Jahr 1796.

    Auch Faith Odele hat das in ihrer Schulzeit so gelernt. "Doch ich habe angefangen, mich zu wundern", sagt die Historikerin, die Geschichten aus Nigerias Vergangenheit für Kinder sammelt. "Gab es den Fluss nicht schon, bevor Mungo Park hierher kam? Gab es keine Menschen, die im Fluss fischten? Warum bringen Nigerianer ihren Kindern bei, dass Mungo Park den Niger entdeckt hat?"

    Es gibt noch weitere Beispiele. In einem sozialwissenschaftlichen Lehrbuch aus Ghana werden Schüler gefragt: "Was sind positive Auswirkungen des Kolonialismus?" Die Antwortmöglichkeiten: "A. Einrichtung von Schulen, B. Einführung der englischen Sprache, C. Interesse an ausländischen Waren, D. Wachstum der Städte".

    60 Jahre nach dem offiziellen Ende der Kolonialherrschaft in Afrika scheint es, als ob die Vergangenheit den Geschichtsunterricht vieler afrikanischer Länder immer noch prägt.
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  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Es versteckt sich kolonialistisches Gedankengut weiß Gott nicht nur in afrikanischen Geschichtsbüchern. Bis vor ganz wenigen Jahren wurde die Kolonialisierung des Kongo in belgischen (und kongolesischen Geschichtsbüchern) glorifiziert, und Leopold II. als Philanthrop und Menschenfreund dargestellt, der dem Kongo das Christentum und die Segnungen der Zivilisation gebracht habe. Mit keinem Wort wurde der Kongogräuel gedacht, wurde die Ermordung von Patrice Lumumba und die Verstrickung des belgischen Königshauses thematisiert.

    Ein belgischer Historiker, der ein Buch über Leopolds Privatkolonie veröffentlicht hat und in Ostende Stadtführungen veranstaltet, erzählte mir, dass er bei den Recherchen für sein Buch extrem behindert wurde, dass Dokumente plötzlich verschollen waren, Seiten fehlten und er und seine Familie anonyme Morddrohungen erhielt. Er machte keineswegs den Eindruck eines ängstlichen Menschen, gab aber offen zu, dass er bei seinen Führungen das Thema "Kongogräuel" nur oberflächlich angehen würde, wenn er merkte, dass fanatische Monarchisten und Nationalisten unter seinem Publikum waren, da er im Laufe der Zeit zu viel Ärger bekam (Farbschmierereien, zerstochene Reifen, Bedrohungen).

    Das war im Jahr 2004. 2012 schloss das Museum für Zentralafrika in Tervuren bei Brüssel, das von Leopold II. gegründet wurde, seine Pforten und nahm eine komplette Überarbeitung der musealen Präsentation vor. Die Leitung sagte in einer öffentlichen Erklärung, dass sie inzwischen die Einschätzung von Adam Hochschild teile, der die Kongogräuel als Massen- und Völkermord bezeichnete.

    In Belgien oder auch in Belgisch Kongo wurde jedem Schulkind, das in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren eingetrichtert, dass Leopold II. ein Philanthrop war, der den Sklavenhandel bekämpfte und den Kongolesen die Segnungen der Zivilisation und des Christentums brachte.
     
  4. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    In der deutschen Nachrichtenlandschaft ist gestern der 12. Oktober ein wenig untergegangen: traditionell als Columbus-Tag in den Americas (Nord- wie auch Südamerika) begangen erinnerte er an die Entdeckung Amerikas am 12. Oktober 1492,, als Christoph Kolumbus den amerikanischen Kontinent, also eigentlich eine Karibikinsel, betrat.

    Mittlerweile hat dieser Tag zumindest in den USA einen neuen Namen enthalten: Indigenous People Day, also das Benennungsmotiv ist nicht mehr der Entdecker, sondern die Entdeckten. Die Entdeckten ihrerseits dürften schon vor ihrer Entdeckten bemerkt haben, dass sie da sind:D.

    Und auch im Rahmen der Black-Lives-Matter-Bewegung ist in den USA eine Statue von Kolumbus gestürzt worden. Wie weit Kolumbus selber Kolonialist war oder solche Ansichten vertrat, ist eine andere Frage, aber eigentlich wollte er nicht neue Welten entdecken, sondern nur eine Abkürzung zum Gewürzkauf finden:),

    Letztendlich haben sich viele Kulturen bzw. Staaten über gewaltsame Expansion ausgebreitet. Die Römer haben ihr Imperium nicht allzu friedlich errichtet. Hier muß ich auch an die berühmte Szene aus dem Leben des Brian denken: "Was haben die Römer je für uns getan?"

    Gleiches gilt später für die Araber, Spanier, Portugiesen etc. Früher haben Phönizier und Griechen ihre Kolonialreiche gegründet. Hier ließen sich viele historische Beispiele finden.

    Natürlich muß man auch die negativen Seiten des Kolonialismus benennen.
     

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