Marienerscheinungen

»Unangemessen hart bestraft«? Die Mädchen wurden nicht angeklagt oder gar verurteilt, sondern »nur« aus ihren Familien (mit deren Einverständnis) herausgenommen und in klösterliche Abgeschiedenheit verbracht. Letzteres natürlich zum Zwecke der Wahrheitsfindung mittels langer und intensiver Befragungen. Wiewohl der untersuchungsführende Bischof ein praktizierender Exorzist war (siehe Blackbourn S. 551), scheint er dieses Mittel bei unseren Mädchen nicht angewendet zu haben. Fest steht (S. 646), »daß es in Marpingen [im Gegensatz zu anderen Fällen] niemals zu einer umfassenden kanonischen Untersuchung kam«. Ein abschließender Hirtenbrief erging nie; die Akten verschwanden für 40 Jahre im Geheimarchiv des Diözesanbischofs.
 
Alle an den Ereignissen von 1876/77 beteiligten Menschen - die drei Mädchen, die weltlichen und geistlichen Amtsträger, die frommen Pilger, die spöttischen oder kritischen Publizisten - sind seit vielen Jahrzehnten tot. Sogar Preußen als Staat wurde vor etwa 80 Jahren aufgelöst. Man kann sicher aus heutiger Sicht sagen, dass besonders die kindlichen "Seherinnen" unangemessen hart bestraft worden sind, aber wer sollte da heute wen entschädigen?
Das gibt es ja durchaus, als symbolischen Akt, dass Gerichtsurteile, auch wenn die Betroffenen längst verstorben sind, aufgehoben werden, die zunächst Verurteilten nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten rehabilitiert.
 
Das ist sicher richtig, aber wer wurde denn im konkreten Fall verurteilt? Dann müsste man ja vermutlich die ganzen Kulturkampfurteile in den Blick nehmen, nicht nur einzelne Pilger,, die ein Aufenthalts- oder Betretungsverbot übergangen hatten.
 
»Unangemessen hart bestraft«? Die Mädchen wurden nicht angeklagt oder gar verurteilt, sondern »nur« aus ihren Familien (mit deren Einverständnis) herausgenommen und in klösterliche Abgeschiedenheit verbracht. Letzteres natürlich zum Zwecke der Wahrheitsfindung mittels langer und intensiver Befragungen. Wiewohl der untersuchungsführende Bischof ein praktizierender Exorzist war (siehe Blackbourn S. 551), scheint er dieses Mittel bei unseren Mädchen nicht angewendet zu haben. Fest steht (S. 646), »daß es in Marpingen [im Gegensatz zu anderen Fällen] niemals zu einer umfassenden kanonischen Untersuchung kam«. Ein abschließender Hirtenbrief erging nie; die Akten verschwanden für 40 Jahre im Geheimarchiv des Diözesanbischofs.
Ich persönlich empfinde es (aus heutiger Sicht) durchaus als etwas übertrieben, Kinder für eine (je nach Sicht) Lüge, Phantasiegeschichte oder Illusion in Besserungsanstalten einzuweisen.
 
Ich persönlich empfinde es (aus heutiger Sicht) durchaus als etwas übertrieben, Kinder für eine (je nach Sicht) Lüge, Phantasiegeschichte oder Illusion in Besserungsanstalten einzuweisen.
Oh, in kirchlich geführten Besserungsanstalten wurden in ganz Europa Kinder weitaus bedenklicher umerzogen.

Aus aufgeklärt-preußischer Sicht waren die Kinder im Saarland durchaus gefährdet.
 
Das ist sicher richtig, aber wer wurde denn im konkreten Fall verurteilt?
Angeklagt wurden 20 Personen (darunter nicht die drei Mädchen), und zwar wegen Betrug, Versuch des Betrugs und Beihilfe zum Betrug.
Alle Beschuldigten wurden freigesprochen.
Ich persönlich empfinde es (aus heutiger Sicht) durchaus als etwas übertrieben, Kinder für eine (je nach Sicht) Lüge, Phantasiegeschichte oder Illusion in Besserungsanstalten einzuweisen.
Ich teile Deine Empfindung. Man kann das nur verstehen vor dem kulturell-politischen Hintergrund jener Jahre, allgemein (Kulturkampf) und in dem kleinen Marpingen. Zitat Blackbourn (S. 647): Es war notwendig, den Rahmen sehr weit zu stecken: »vom späten 18. Jahrhundert bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, von der Wirtschaftsgeschichte des Saarlandes bis zur Sozialgeschichte der Medizin, vom Umbruch der Devotion in der katholischen Kirche bis zur überlasteten Lokalverwaltung.« Dieser weite Rahmen macht für mich den Reiz des Buches aus.
 
Oh, in kirchlich geführten Besserungsanstalten wurden in ganz Europa Kinder weitaus bedenklicher umerzogen.
Hast Recht, ist jedoch ein Thema für sich (Stichwort: »Schwarze Pädagogik« usw.).
Aus aufgeklärt-preußischer Sicht waren die Kinder im Saarland durchaus gefährdet.
Ja, sicher. Die Liberalen waren über das o.g. Urteil entsetzt. Auf Anweisung »von höherer Stelle« wurde die Berufung aber zurückgezogen. Eigene Deutung: Bismarck war ein Realpolitiker, dem die causa Marpingen allenfalls lästig war.
 
Angeklagt wurden 20 Personen (darunter nicht die drei Mädchen), und zwar wegen Betrug, Versuch des Betrugs und Beihilfe zum Betrug.
Alle Beschuldigten wurden freigesprochen.

Ich teile Deine Empfindung. Man kann das nur verstehen vor dem kulturell-politischen Hintergrund jener Jahre, allgemein (Kulturkampf) und in dem kleinen Marpingen. Zitat Blackbourn (S. 647): Es war notwendig, den Rahmen sehr weit zu stecken: »vom späten 18. Jahrhundert bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, von der Wirtschaftsgeschichte des Saarlandes bis zur Sozialgeschichte der Medizin, vom Umbruch der Devotion in der katholischen Kirche bis zur überlasteten Lokalverwaltung.« Dieser weite Rahmen macht für mich den Reiz des Buches aus.
Kein Widerspruch. Ich hatte ja ausdrücklich aus heutiger Sicht gesprochen, und natürlich waren die Ansichten zum Umgang mit Kindern (und insbesondere zum Umgang mit dem, was man bei Kindern für Delinquenz hielt) nochmals ganz andere.
 
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