Es ist noch nicht einmal belegbar, dass Jordanes das Werk des Ptolemaios jemals zu Gesicht bekommen hat.
Den Beitrag von Gautier Dalché finde ich sehr aufschlussreich, aber die Rückschlüsse, die ihr daraus zieht, kann ich nicht teilen und ich denke, dass auch der Autor selbst dies in dieser Art nicht tun würde.
Diesbezüglich habe ich mich u.a. auf den in # 18 dankenswerterweise von Dir eingeführten ersten Aufsatz von Gautier Dalché bezogen. Im # 51 führst Du nun einen zweiten, ebenfalls sehr informativen Aufsatz von Gautier Dalché ein, und glaubst damit beweisen zu können, dass dieser den Autoren Jordanes in Hinblick auf die Geographie des Ptolemaios - in deinem Sinne - ebenfalls für illiterat hält.
In dem ersten Aufsatz schreibt Dalché:
Cassiodore et, de façon moins certaine, son contemporain Jordanès sont sans doute les derniers latins à avoir pu consulter la Géographie. Leurs œuvres, et par conséquent leurs témoignages, appartiennent davantage à l’Antiquité qu’au Moyen Age. Néanmoins, leur diffusion médiévale impose de les examiner en détail.
Cassiodor und - weniger gesichert - sein Zeitgenosse Jordanes sind ohne Zweifel die letzten Lateiner, welche die Geographie konsultieren konnten. Ihre Werke gehören noch mehr in die Antike als ins Mittelalter.
In welcher Sprache die Γεωγραφικὴ Ὑφήγησις Cassiodor vorlag, da hat Dalché auch klare Vorstellungen:
Il est donc certain qu’un manuscrit se trouvait à Vivarium. Au delà, la formulation de Cassiodore soulève deux questions difficiles à résoudre, touchant la langue et la nature même de l’œuvre. On a pensé, sans preuve, à une traduction, qui serait perdue. Cela est peu vraisemblable.
Les traductions dont Cassiodore fut le promoteur sont d’ailleurs assez bien connues. Aurait-il jugé utile de faire faire une version latine d’un livre qui consistait presque totalement en listes de toponymes accompagnés de coordonnées?
Es ist also sicher, dass sich ein Manuskript in Vivarium befand. Darüber hianus wirft aber die Formulierung Cassiodors zwei zu lösende Fragen auf, welche die Sprache und die Natur selbst des Werkes berühren. Man hat - ohne Beweis - an eine Übersetzung gedacht, die verloren sei. Das ist wenig glaubwürdig. Die Übersetzungen, die Cassiodor bekannt zu machen suchte, sind anderswo ziemlich gut bekannt (die Γεωγραφικὴ Ὑφήγησις wäre also die Ausnahme). Hätte Cassiodor es für sinnvoll erachtet, eine lateinische Version eines Buches anfertigen zu lassen, das fast ausschließlich aus Listen mit von Koordinaten begleiteten Ortsnamen bestand?
[...] En fait, le monde latin antique a peu connu et peu utilisé la Géographie.
In der Tat, die antike lateinische Welt hat die Geographie wenig gekannt und wenig genutzt.
Ergo: Die Geographie war nicht verbreitet, Dalché glaubt, dass Ammianus Marcellinus, wo er auf sie rekurriert, auf Mittelsmänner zurückgegriffen habe, implizit sagt er, dass Ammianus wohl auf uns unbekannte griechische Mittelsmänner zurückgegriffen habe, denn danach folgt der Satz
En fait, le monde latin antique a peu connu et peu utilisé la Géographie.
Dans l’Occident chrétien, Ptolémée n’aurait donc été connu que pour ses travaux astronomiques et astrologiques. Certes, l’Almageste, le Planisphère et la Tétrabible suffirent largement à sa gloire ; le premier ouvrage, en particulier, fut d’une importance insigne pour le développement de l’astronomie latine.
Im christlichen Okzident wäre Ptolemaios also für seine astronomischen und astrologischen Arbeiten bekannt gewesen. Der Almagest, die Planisphäre und der Tetrabiblos waren auch hinreichend für seinen Ruhm; vor allem das erste Werk war von herausragender Bedeutung für die Entwicklung der Astronomie des lateinischen Westens.
Dans le monde byzantin, il est difficile de savoir s’il en alla autrement avant le XIIIe siècle, lorsque Maxime Planude, découvrant l’intérêt de la Géographie en fit une édition, accompagnée de cartes.
Es ist schwer zu wissen, ob es in der byzantinischen Welt vor dem 13. Jhdt. anders war, als Maximos Planoudes die Bedeutung (intérêt) der Geographie erkannte und eine von Karten begleitete Ausgabe erstellte.
Bzgl. ob die in Vivarium belegte Ausgabe der Geographie einen Kartenteil (Dalché schreibt nur von Karte), das mit dem Kartenteil erweitere ich hier, hatte, schreibt Dalché, dass man die Ausführungen von Cassiodor so oder so interpretieren kann, der Pinax des Dionysios, den Cassiodor zu betrachten empfiehlt, könne sowohl artverwandt mit den Karten des Ptolemaios gewesen sein oder auch als Veranschulichung von Ptolemaios gedient haben, weil der eben keine Karten gehabt habe. Man könne die Stelle so oder so verstehen, Dalchè aber hat die
tendance à conclure à l’absence de cartes dans ce codex - die Tendenz aus Cassiodors Worten zu schließen, dass in dem Codex keine Karten vorhanden waren.
Wir haben hier wörtliche Rede vorliegen, denn Jordanes liest uns an dieser Stelle aus dem 2. Buch der Geographie des Ptolemaios vor.
Da Ptolemaios nicht schreibt, dass Scandia zedernblattförmig sei (Jordanes: "
Scandia, in modum folii citri lateribuspandis") kann es sich nicht um ein direktes Zitat handeln. Es sei noch einmal daran erinnert, dass Jordanes ausdrücklich schreibt, dass er Cassiodor gelesen hat und sich auf dessen Darstellung stützt, aber eben Cassiodor nicht vorliegen hat, sondern aus dem Gedächtnis zitiert.