Quellenkritik: Die Karten des Klaudios Ptolemaios/Claudius Ptolemäus

Ich konnte auf die Schnelle leider keine deutsche oder englische Übersetzung von Ptolemaios Geographike finden. Hat da jemand eine Idee?
Ernsthaft? Du kennst nicht die ÜS bei Lacus Curtius (Bill Thayer)?

Ich bin mir sicher, dass du die Seite kennst.
 
Ernsthaft? Du kennst nicht die ÜS bei Lacus Curtius (Bill Thayer)?

Ich bin mir sicher, dass du die Seite kennst.

Auf die Seite bin ich gestern auch gestoßen, aber irgendwie kam ich da nicht weiter.

Aber ich habe gestern noch eine französische Übersetzung gefunden:

 
Es ist einfach Fakt, dass sich aus dem Jordanes-Text nicht belegen lässt, dass Jordanes das Werk des Ptolemaios jemals zu Gesicht bekommen hat.
Ich fand ja gut, wie du den Inhalt der Textstelle in den Institutiones des Cassiodor nochmals herausgearbeitet hast, aber deine Position zu Jordanes scheint mir keineswegs Fakt, sondern wohl eher fake zu sein, denn Jordanes schreibt ja in III, 16 : "Im zweiten Buch seines Werkes erwähnt Claudius Ptolemäus, ein ausgezeichneter Erforscher der Welt, diese [Halbinsel Skandinavien] mit den Worten : in der Brandung des arktischen Ozeans liegt eine große Insel, Skandia genannt, ... ." Das kursiv gesetzte hat Jordanes direkt aus dem 2. Buch der Geographie des Ptolemaios entnommen, wiewohl er offenbar einen etwas anderen Text vor sich liegen hatte Claudii Ptolemaei Geographia : Karl Friedrich August Nobbe, Ptolemy , Claudius Ptolemaeus : Free Download, Borrow, and Streaming : Internet Archive Es lässt sich aus der Textstelle Getica III, 16 also ganz klar nachweisen, dass Jordanes dort direkt aus der Geographie des Ptolemaios zitiert. Deine oben gemachte Aussage ist also schlicht falsch.
 

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Nein, das lässt sich keineswegs nachweisen.
Iordanes‘ Werk ist in wesentlichen Teilen eine Art Exzerpt der verlorenen Gotengeschichte Cassiodors, ergänzt um zusätzliche Informationen. Da Cassiodors Werk verloren ist, können wir nicht sagen, was er daraus entnommen und was er selbst ergänzt hat. Somit gibt es zwei Möglichkeiten:
- Iordanes hatte tatsächlich selbst Ptolemaios vorliegen.
- Iordanes übernahm die Erwähnung des Ptolemaios auch aus Cassiodor (oder einer anderen Vorlage).
Dass das, was Iordanes als angeblichen Inhalt wiedergibt, bei Ptolemaios so gar nicht steht, spricht eher dagegen, dass er selbst bei ihm nachgelesen hat.
 
Dass das, was Iordanes als angeblichen Inhalt wiedergibt, bei Ptolemaios so gar nicht steht, spricht eher dagegen, dass er selbst bei ihm nachgelesen hat.
Das ist genauso vage, wie die zu Recht von dir kritisierte vorherige Annahme, denn Iordanes sagt selbst:

...id est, de adbreviatione chronicorum, suades, ut nostris verbis duodecem Senatoris volumina de origine actusque Getarum ab olim et usque nunc per generationes regesque descendentem in uno et hoc parvo libello choartem: dura satis imperia et tamquam ab eo, qui pondus operis huius scire nollit, inposita. Nec illud aspicis, quod tenuis mihi est spiritus ad inplendam eius tam magnificam dicendi tubam: super omne autem pondus, quod nec facultas eorundem librorum nobis datur, quatenus eius sensui inserviamus, sed, ut non mentiar, ad triduanam lectionem dispensatoris eius beneficio libros ipsos antehac relegi. Quorum quamvis verba non recolo, sensus tamen et res actas credo me integre retinere. Ad quos et ex nonnullis historiis Grecis ac Latinis addedi convenientia, initium finemque et plura in medio mea dictione permiscens. Quare sine contumelia quod exigisti suscipe libens, libentissime lege; et si quid parum dictum est et tu, ut vicinus genti, commemoras, adde, orans pro me, frater carissime. Dominus tecum. Amen.​
Iordanes hat also die zwölf Bücher des Senators (Cassiodor) über die Geschichte der Goten zusammengefasst, aber er hat sie beim Schreiben selbst nicht mehr vorliegen, sondern schreibt die Gotengeschichte aus dem Gedächtnis nieder*: Quorum quamvis verba non recolo, sensus tamen et res actas credo me integre retinere. Außerdem habe er weitere griechische und lateinische 'Geschichten'- die er an dieser Stelle noch nicht nennt, aber später nennt er ja Ptolemaios und Pomponius - herangezogen und die Informationen daraus beigemischt: Ad quos et ex nonnullis historiis Grecis ac Latinis addedi convenientia, initium finemque et plura in medio mea dictione permiscens.
Du hast also Recht: Wir wissen nicht, ob Iordanes Ptolemaios selbst gelesen hat oder bei Cassiodor Angaben dazu gefunden hat, aber dass er Ptolemaios falsch wiedergibt, ist noch kein Beleg dafür, dass er ihn nicht gelesen hat, da aufgrund seiner Einleitung zu vermuten ist, dass er bei allen seinen Quellen aus der Erinnerung zitiert, wie er das explizit für Cassiodor kenntlich macht.

*wenn ich das richtig verstehe, hat Iordanes Cassiodor wohl 2x gelesen: eius beneficio libros ipsos antehac relegi
 
Dass das, was Iordanes als angeblichen Inhalt wiedergibt, bei Ptolemaios so gar nicht steht, spricht eher dagegen, dass er selbst bei ihm nachgelesen hat.
Dem kann ich ebenfalls nicht folgen, denn erst in den späteren Handschriften steht, dass Skandinavien aus vier Inseln bestehen würde, während Jordanes eine Handschrift der Geographie des Ptolemaios vorliegen hatte, in welcher dieser lediglich von einer großen Insel spricht, was im wesentlichen geographisch korrekt ist, denn Seeland, Fünen und Lolland gehören ja im engeren Sinne gar nicht zur Skandinavischen Halbinsel. Daher gehe ich davon aus, dass Jordanes in gewisser Weise sogar eine weniger verderbte Handschrift vorliegen hatte als beispielsweise der um 1482 mit einer Interpretation der Weltkarte des Ptolemaios in die Öffentlichkeit getretene Nicolaus Germanus, welcher Skandinavien wiederholt vierteilig darstellte.
 
Wir wissen doch gar nicht, ob es ursprünglich eine Handschrift des Ptolemaios gab, in der nur von einer Insel die Rede war, woraus erst in späteren Abschriften – mitsamt Entfall des Vergleichs mit einem Zitronenblatt - vier wurden (was schon eine arge Entstellung wäre), oder ob sich Iordanes einfach vertan hat, als er aus dem Gedächtnis wiedergab, was er bei Cassiodor (oder in einer sonstigen Vorlage) über Ptolemaios gelesen hatte.
 
Du hast also Recht: Wir wissen nicht, ob Iordanes Ptolemaios selbst gelesen hat oder bei Cassiodor Angaben dazu gefunden hat
... oder bei Ablabius, für den Rolf Hachmann plädiert.


Es lässt sich aus der Textstelle Getica III, 16 also ganz klar nachweisen, dass Jordanes dort direkt aus der Geographie des Ptolemaios zitiert.
Es lässt sich aus der Textstelle lediglich nachweisen, dass Jordanes behauptet, Ptolemaios zu zitieren.
Das Zitat lässt sich jedoch bei Ptolemaios nicht nachweisen.
Es lässt sich also nicht nachweisen, ob Jordanes Ptolemaios vor sich liegen hatte.


wiewohl er offenbar einen etwas anderen Text vor sich liegen hatte

Soviel ist sicher: Er hatte einen anderen Text vor sich liegen. Ob das Cassiodor, ob das Ablabius, ob das eine hypothetische stark bearbeitete Ptolemaios-Ausgabe war, wissen wir nicht.


Dem kann ich ebenfalls nicht folgen, denn erst in den späteren Handschriften steht, dass Skandinavien aus vier Inseln bestehen würde, während Jordanes eine Handschrift der Geographie des Ptolemaios vorliegen hatte, in welcher dieser lediglich von einer großen Insel spricht

Genaugenommen steht das in allen Handschriften, von denen wir wissen. Und diese basieren bekanntlich auf verschiedenen Überlieferungen. Hast Du Dir das von mir oben gepostete Stemma mal angesehen?

Die beiden ältesten Überlieferungsstränge (Ω-Rezension und Ξ-Rezension) haben sich schon früh getrennt, das lässt sich anhand des Papyrus Rylands 522 nachweisen, der auf das frühe 3. Jahrhundert datiert wird. Damit sind wir mit dem erschließbaren Archetyp schon sehr nah an Ptolemaios' Zeit.

Nun kann man sich in der Fantasie zwar eine verschollene stark bearbeitete Ptolemaios-Ausgabe ausmalen, in der die Angaben einerseits (durch Weglassung von Inseln) gekürzt und andererseits durch umständliche Beschreibungen von Küstenlinien erweitert wurden, aber mit solchen Spekulationen und Hilfshypothesen lässt sich nichts beweisen.

Darum wirst Du mit der Aussage leben müssen: Es ist einfach Fakt, dass sich aus dem Jordanes-Text nicht belegen lässt, dass Jordanes das Werk des Ptolemaios jemals zu Gesicht bekommen hat.
 
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in der die Angaben einerseits (durch Weglassung von Inseln) gekürzt
Inseln ist ein interessantes Stichwort. Ich weiß noch nicht genau, ob die Ausgabe bei Lacus Curtius die Ω- oder die Ξ-Rezension oder eine Synopsis aus beiden darstellt. Aber interessant ist doch folgender Befund: in der dortigen Fassung findet sich bezüglich. Der Inseln zweieinhalb mal derselbe Text: Drei Inseln mit einer in der Mitte, wobei nur die in der Mitte lokalisiert wird: ὧν τὸ μεταξὺ ἐπέχει μοίρας (2x) + μὲν μικραὶ, ἧν ἡ μέση ἐπέχει μοίρας (1x), hier 4 Inseln, wobei drei kleinere (hier wird wieder eine in der Mitte lokalisiert) und die große Scandia. Die saxonischen Inseln lägen gegenüber der Mündung der Elbe, Scandia gegenüber der Weichsel.
Nur die alokiaischen Inseln sind nicht durch eine gegenüberliegende Flussmündung gekennzeichnet (wobei freilich bei drei genannten Inselgruppen dies kein statistisch relevanter Befund sein kann).
 
Ich weiß noch nicht genau, ob die Ausgabe bei Lacus Curtius die Ω- oder die Ξ-Rezension oder eine Synopsis aus beiden darstellt.
Es ist eine Ausgabe, die auf beiden Rezensionen basiert.
Von der Ξ-Rezension ist nur eine einzige Handschrift erhalten, diese ist insgesamt relativ fehlerhaft, bietet aber an etlichen Stellen doch die bessere Lesart.
 
Den Beitrag von Gautier Dalché finde ich sehr aufschlussreich, aber die Rückschlüsse, die ihr daraus zieht, kann ich nicht teilen und ich denke, dass auch der Autor selbst dies in dieser Art nicht tun würde.

Gautier Dalché ist sogar sehr dezidiert der Meinung, dass die Ptolemaios-Bezüge in der Getica auf Cassiodor zurückgehen und eben nicht auf Jordanes.

"Le propos de cette note est de présenter un indice passé jusqu'à présent inaperçu qui conduit à conclure qu'une partie du début des Getica, relatif à l'origine des Goths, remonte probablement à Cassiodore et n'est pas un ajout de Jordanès.
[...]
La conclusion de bon sens est que Cassiodore, qui connaissait la Cosmographie de Julius Honorius / Orator et Ptolémée et la Géographie de Ptolémée au moment de la rédaction des Institutiones, avait ces textes à sa disposition lorsqu'il écrivait ses Getica, et que l'association de ces deux sources dans l'exposé des origines des Goths lui revient, non à Jordanès."
 
Ptolemaios ist meines Erachtens mit Sicherheit auch Kartograph gewesen, wie zuletzt Olivier Defaux anhand des Papyrus 522 der John Rylands Library nachwies. https://edition-topoi.org/download_pdf/bsa_051_00.pdf

Dass Ptolemaios auch Karten gezeichnet hat, glaube ich gerne, nur den Nachweis "anhand des Papyrus 522" kann ich irgendwie nicht finden, könntest Du die Stelle mal zitieren?

Vermutlich wird auch das Itinerar des Antoninus Pius ursprünglich mit einer Landkarte verbunden gewesen sein.

Worauf stützt sich diese Vermutung? Beim einzigen Beispiel einer überlieferten Landkarte nach Art eines Itinerariums (Tabula Peutingeriana) sind die Strecken direkt auf der Karte eingetragen, so dass ein zusätzliches nur aus Text bestehendes Itinerarium überflüssig ist. Alle anderen Itinerarien sind ohne irgendwelche Hinweise auf eine zugehörige Karte überliefert.
 
Tja, Sepiola, ich habe weiter oben in # 32 folgende Aussage von Dir kritisiert :

Es ist noch nicht einmal belegbar, dass Jordanes das Werk des Ptolemaios jemals zu Gesicht bekommen hat.

Diesbezüglich habe ich mich u.a. auf den in # 18 dankenswerterweise von Dir eingeführten ersten Aufsatz von Gautier Dalché bezogen. Im # 51 führst Du nun einen zweiten, ebenfalls sehr informativen Aufsatz von Gautier Dalché ein, und glaubst damit beweisen zu können, dass dieser den Autoren Jordanes in Hinblick auf die Geographie des Ptolemaios - in deinem Sinne - ebenfalls für illiterat hält. Dazu sei hier auf den direkt an den von Dir aus Gautier Dalché 2009, S. 282 angeführten zweiten Passus folgenden Satz verwiesen, wo es heißt : "Considérer, à l'inverse, ... aux Getica d'un Jordanès, expért en litterature géographique ... ." Gautier Dalché sagt dort zwar, dass er es für gänzlich unwahrscheinlich hält, dass Cassiodor für seine Gotengeschichte aus der Getica des Jordanes geschöpft haben könnte, doch bezeichnet er den Autoren Jordanes zugleich als "Experten für geographische Werke" und dies unterscheidet Gautier Dalché eindeutig von Deinen eigenen Aussagen. Dass dieser Experte die Gotengeschichte des Cassiodor eingesehen und aus dieser geschöpft haben wird, bestreite ich nicht. Gautier Dalché thematisiert dies in Hinblick auf die Insel Skandia ausführlich. Aber Jordanes wird die Geographie des Ptolemaios gekannt haben und darin stimme ich Gautier Dalché zu und Du hast ihn in dieser Hinsicht falsch wiedergegeben, denn er sagt an keiner Stelle, dass Jordanes den Ptolemaios nicht gekannt habe. Im Gegenteil : Seite 278 widerspricht Gautier Dalché sogar dem negativ Urteil, welches Mommsen seinerzeit hinsichtlich der angeblich fehlenden Originalität und intellektuellen Qualität des Jordanes fällte. Nun schätze ich Mommsen für seine Übersetzungen ebenfalls sehr, aber sein Urteil über Jordanes werde ich mir deshalb sicherlich nicht zu eigen machen. Im übrigen denke ich, dass Dir die Intention des in # 51 von Dir eingeführten zweiten Aufsatzes von Gautier Dalché über die Geticen gründlich entgangen ist.
 
Im # 51 führst Du nun einen zweiten, ebenfalls sehr informativen Aufsatz von Gautier Dalché ein, und glaubst damit beweisen zu können, dass dieser den Autoren Jordanes in Hinblick auf die Geographie des Ptolemaios - in deinem Sinne - ebenfalls für illiterat hält.

Nö, das glaube ich nicht "beweisen zu können", und ich habe das auch nirgends behauptet.


Du hast ihn in dieser Hinsicht falsch wiedergegeben, denn er sagt an keiner Stelle, dass Jordanes den Ptolemaios nicht gekannt habe.

Ich habe nirgends Gautier falsch wiedergebeben, und ich habe auch an keiner Stelle die Behauptung aufgestellt, dass Jordanes den Ptolemaios nicht gekannt habe.

Was ich die ganze Zeit sage, ist lediglich, dass sich nicht belegen lässt, dass Jordanes das Werk des Ptolemaios jemals zu Gesicht bekommen hat.
Ist das so schwer zu verstehen?
 
Aus der bloßen Erwähnung einer "auctoritas" lässt sich ohne entsprechende Kontexte (Zitate etc) nicht erschließen, dass diese auch vollumfänglich rezipiert worden sei.

Carolus führte das angeblich nicht existierende Zitat bereits in # 25 anhand Getica III, 16 ein :

« ... de hac etenim, in secundo sui operis libro, Claudius Ptolemaeus, orbisterrae descriptor egregius, meminit dicens : “est in oceani arctoo saloposita insula magna, nomine Scandia, in modum folii citri lateribuspandis, per longum ducta concludens se”. de qua et Pomponius Mela, inmaris sinu Codano posita, refert. » (= III, 16) ... « In Scandia uero insulaunde nobis sermo est, licet multae et diuersae maneant nationes, septemtantum earum nomina meminit Ptolemaeus. » (= III, 19) 10.

Wir haben hier wörtliche Rede vorliegen, denn Jordanes liest uns an dieser Stelle aus dem 2. Buch der Geographie des Ptolemaios vor.
 
Dir ist schon klar, dass Ptolemaios auf Griechisch schrieb? Schon deshalb kann es sich nicht um eine "wörtliche Rede" handeln, die Iordanes aus der "Geographie" "vorliest".
 
Es ist noch nicht einmal belegbar, dass Jordanes das Werk des Ptolemaios jemals zu Gesicht bekommen hat.
Den Beitrag von Gautier Dalché finde ich sehr aufschlussreich, aber die Rückschlüsse, die ihr daraus zieht, kann ich nicht teilen und ich denke, dass auch der Autor selbst dies in dieser Art nicht tun würde.
Diesbezüglich habe ich mich u.a. auf den in # 18 dankenswerterweise von Dir eingeführten ersten Aufsatz von Gautier Dalché bezogen. Im # 51 führst Du nun einen zweiten, ebenfalls sehr informativen Aufsatz von Gautier Dalché ein, und glaubst damit beweisen zu können, dass dieser den Autoren Jordanes in Hinblick auf die Geographie des Ptolemaios - in deinem Sinne - ebenfalls für illiterat hält.
In dem ersten Aufsatz schreibt Dalché:

Cassiodore et, de façon moins certaine, son contemporain Jordanès sont sans doute les derniers latins à avoir pu consulter la Géographie. Leurs œuvres, et par conséquent leurs témoignages, appartiennent davantage à l’Antiquité qu’au Moyen Age. Néanmoins, leur diffusion médiévale impose de les examiner en détail.​
Cassiodor und - weniger gesichert - sein Zeitgenosse Jordanes sind ohne Zweifel die letzten Lateiner, welche die Geographie konsultieren konnten. Ihre Werke gehören noch mehr in die Antike als ins Mittelalter.​
In welcher Sprache die Γεωγραφικὴ Ὑφήγησις Cassiodor vorlag, da hat Dalché auch klare Vorstellungen:

Il est donc certain qu’un manuscrit se trouvait à Vivarium. Au delà, la formulation de Cassiodore soulève deux questions difficiles à résoudre, touchant la langue et la nature même de l’œuvre. On a pensé, sans preuve, à une traduction, qui serait perdue. Cela est peu vraisemblable.​
Les traductions dont Cassiodore fut le promoteur sont d’ailleurs assez bien connues. Aurait-il jugé utile de faire faire une version latine d’un livre qui consistait presque totalement en listes de toponymes accompagnés de coordonnées?​

Es ist also sicher, dass sich ein Manuskript in Vivarium befand. Darüber hianus wirft aber die Formulierung Cassiodors zwei zu lösende Fragen auf, welche die Sprache und die Natur selbst des Werkes berühren. Man hat - ohne Beweis - an eine Übersetzung gedacht, die verloren sei. Das ist wenig glaubwürdig. Die Übersetzungen, die Cassiodor bekannt zu machen suchte, sind anderswo ziemlich gut bekannt (die Γεωγραφικὴ Ὑφήγησις wäre also die Ausnahme). Hätte Cassiodor es für sinnvoll erachtet, eine lateinische Version eines Buches anfertigen zu lassen, das fast ausschließlich aus Listen mit von Koordinaten begleiteten Ortsnamen bestand?​
[...] En fait, le monde latin antique a peu connu et peu utilisé la Géographie.​
In der Tat, die antike lateinische Welt hat die Geographie wenig gekannt und wenig genutzt.​

Ergo: Die Geographie war nicht verbreitet, Dalché glaubt, dass Ammianus Marcellinus, wo er auf sie rekurriert, auf Mittelsmänner zurückgegriffen habe, implizit sagt er, dass Ammianus wohl auf uns unbekannte griechische Mittelsmänner zurückgegriffen habe, denn danach folgt der Satz En fait, le monde latin antique a peu connu et peu utilisé la Géographie.

Dans l’Occident chrétien, Ptolémée n’aurait donc été connu que pour ses travaux astronomiques et astrologiques. Certes, l’Almageste, le Planisphère et la Tétrabible suffirent largement à sa gloire ; le premier ouvrage, en particulier, fut d’une importance insigne pour le développement de l’astronomie latine.​
Im christlichen Okzident wäre Ptolemaios also für seine astronomischen und astrologischen Arbeiten bekannt gewesen. Der Almagest, die Planisphäre und der Tetrabiblos waren auch hinreichend für seinen Ruhm; vor allem das erste Werk war von herausragender Bedeutung für die Entwicklung der Astronomie des lateinischen Westens.​
Dans le monde byzantin, il est difficile de savoir s’il en alla autrement avant le XIIIe siècle, lorsque Maxime Planude, découvrant l’intérêt de la Géographie en fit une édition, accompagnée de cartes.​
Es ist schwer zu wissen, ob es in der byzantinischen Welt vor dem 13. Jhdt. anders war, als Maximos Planoudes die Bedeutung (intérêt) der Geographie erkannte und eine von Karten begleitete Ausgabe erstellte.​
Bzgl. ob die in Vivarium belegte Ausgabe der Geographie einen Kartenteil (Dalché schreibt nur von Karte), das mit dem Kartenteil erweitere ich hier, hatte, schreibt Dalché, dass man die Ausführungen von Cassiodor so oder so interpretieren kann, der Pinax des Dionysios, den Cassiodor zu betrachten empfiehlt, könne sowohl artverwandt mit den Karten des Ptolemaios gewesen sein oder auch als Veranschulichung von Ptolemaios gedient haben, weil der eben keine Karten gehabt habe. Man könne die Stelle so oder so verstehen, Dalchè aber hat die tendance à conclure à l’absence de cartes dans ce codex - die Tendenz aus Cassiodors Worten zu schließen, dass in dem Codex keine Karten vorhanden waren.

Wir haben hier wörtliche Rede vorliegen, denn Jordanes liest uns an dieser Stelle aus dem 2. Buch der Geographie des Ptolemaios vor.
Da Ptolemaios nicht schreibt, dass Scandia zedernblattförmig sei (Jordanes: "Scandia, in modum folii citri lateribuspandis") kann es sich nicht um ein direktes Zitat handeln. Es sei noch einmal daran erinnert, dass Jordanes ausdrücklich schreibt, dass er Cassiodor gelesen hat und sich auf dessen Darstellung stützt, aber eben Cassiodor nicht vorliegen hat, sondern aus dem Gedächtnis zitiert.
 
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