Russische und deutsche Regierungsbildung

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von R-M-W, 13. Juni 2009.

  1. R-M-W

    R-M-W Gast

    In wieweit lässt sich die russische Regierungsbildung von 1916/17 mit der deutschen Regierungsbildung vergleichen?

    Die russische Revolution von 1916/17 hat in Russland dazu geführt, dass sich Räte gebildet haben und diese eine Regierung. In Deutschland waren zu der Zeit auch Räte vorhanden, wurden jedoch durch ein Parlament überflüssig.

    In wieweit lassen sich diese Senarien vergleichen, oder welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

    Wäre auch schon sehr glücklich über Quellen und vorallem solche, in denen etwas zu beiden Themen steht.

    MfG
     
  2. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    In Russland gab es 1917 zwei Revolutionen
    Februarrevolution 1917 ? Wikipedia
    Oktoberrevolution ? Wikipedia
    Nach der ersten gab es noch ein Nebeneinander von Parlament und Räten. In der Oktoberrevolution siegte dann das Rätemodell.
    Dass es in Deutschland auch die Auseinandersetzung zwischen Räte- und Parlamentsmodell gab und hier der Parlamentarismus siegte, hast du ja schon geschrieben. Spartakusaufstand ? Wikipedia
    In beiden Ländern war die Beendigung des Krieges ein wichtiges Ziel.
     
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  3. IronDuke

    IronDuke Neues Mitglied

    Im Prinzip standen sowohl in Rußland 1917 als auch im Deutschen Reich Ende 1918 zwei politische Systemvorstellungen einander gegenüber, von denen nur eine sich letztendlich durchsetzen konnte. Bei diesen beiden politischen Systemen handelte es sich zum einen um ein bürgerlich-liberales Demokratieverständnis, dass eine Volksvertretung durch gewählte Abgeordnete zum Ziel hatte. Die Wahlen sollten allgemein, gleich, frei und geheim erfolgen, Voraussetzung war ein fester Wohnsitz. Die andere Vorstellung von demokratischer Volksvertretung sah dagegen kein Parlament im bürgerlichen Sinne vor, sondern die Bildung von Räten, in denen die werktätige Bevölkerung vertreten ist. Hier war also zentraler Anknüpfungspunkt vor allem die Rolle des Einzelnen im Arbeitsleben. So bildeten sich Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte auf den verschiedensten Ebenen. Die Bildung eines Rates war also sehr stark an der Tätigkeit der Arbeitnehmer ausgerichtet. Obwohl Räte damit nicht zwangsläufig unter kommunistischem oder sozialistischem Einfluss stehen mussten, waren es natürlich gerade die radikalen Arbeiterparteien, die in den Räten Einfluss ausübten. Gemäßigte sozialistische Parteien (z.B. die deutsche Sozialdemokratie) waren ja schon hinreichend in den bürgerlichen Parlamenten vertreten, außerdem schwebte ihnen der Ausbau der Macht dieser bürgerlichen Volksvertretungen als Ziel vor, nicht deren Ersatz durch ein Rätesystem. Dagegen konnten die Vertreter radikaler linker Positionen versuchen, sich in den neu gebildeten Räten zu etablieren, um hier von Anfang an den Ton anzugeben. So kam es, dass de facto das Rätesystem zum Ausdruck der radikalen sozialistischen Kräfte wurde, sowohl in Rußland als auch in Deutschland. Beide Vorstellungen waren einander entgegen gesetzt.
    Die Geschichte mit der Frage "Rätesystem oder parlamentarische Demokratie" verlief dann in beiden Ländern vom Ergebnis her unterschiedlich. In Rußland gelang es zunächst bürgerlich-demokratischen Kräften im Februar 1917 den Zar zu stürzen und die Monarchie abzuschaffen. Sichtbarster Ausdruck ist die bis dahin vergleichsweise bedeutungslose "Duma", das russiche Parlament, gewesen. Gerade die von den bürgerlichen Staatsführern beschlossene Fortsetzung des verlustreichen Krieges auf seiten der Alliierten führte jedoch zu wachsendem Unmut in Teilen der Bevölkerung. Im November 1917 übernahmen dann die Kommunisten durch einen Putsch (sie nannten das "Große Sozialistische Oktoberrevolution") die Macht. Es ist fraglich, inwieweit die sich selber Bolschewiken nennende radikale sozialistische Bewegung die Mehrheit der Bevölkerung in Rußland hinter sich hatte, aber angesichts der allgemeinen Unzufriedenheit im Lande mit dem katastrophalen Kriegsverlauf und der sich daraus ergebenden wirtschaftlichen Folgen für große Teile der Bevölkerung sowie angesichts der Entäuschung über die bürgerliche Regierung, die diesen Krieg weiter fortsetzte, dürfte es zumindest eine starke Minderheit gewesen sein, die mit den radikalen sozialistischen Vorstellungen sympathisierte.
    Im Deutschen Reich scheiterten dagegen die Kommunisten bei dem Veruch, die Macht zu übernehmen. Es gab zwar in mehreren deutschen Regionen Versuche der gewaltsamen Machtübernahme, so z.B. Anfang 1919 in Berlin, später im Ruhrgebiet sowie in Sachsen und Thüringen. Aber die bürgerliche Regierung, die maßgeblich durch die Sozialdemokratie bestimmt wurde, setzte alles daran, den Schrecken des russichen Bürgerkrieges in Deutschland zu verhindern. Daher gab der sozialdemokratische Reichswehrminister Noske der Reichswehr den Befehl, derartige Aufstände niederzuschlagen. Die gemäßigte Sozialdemokratie konnte dabei auf die Unterstützung vieler monarchisch gesinnter konservativer Kräfte im Reich hoffen, denen eine bürgerliche, sozialdemokratische Regierung in einer Republik als das "kleinere Übel" im Vergleich zu einer kommunistischen Räterepublik erschien.
     

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