S.... wie Schietwetter, Sicherungsstellung-Nord, Stein-von-Rosette - Sylt

dekumatland

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Stein von Rosette???

Ja, irgendwie schon ;) --- die Unterlagen der COMMISSION MILITAIRE INTERALLIEE DE CONTROLE - Sous-Commission des FORTIFICATIONS (der interalliierten Kontrollkommission) zu den deutschen Festungsanlagen auf den Nordseeinseln sind in französischer Sprache - das hat in den Fäden zu Wangerooge, Norderney, Juist usw. schon zu Verwirrung und Nachfragen geführt. Verständlicherweise, denn die Erklärungen der militärischen Recensements verwenden französisches militärisch-fortifikatorisches Spezialvokabular. Und davon ist so manches außer Gebrauch gekommen und ohnehin (als fachchinesisch) nicht in den gebräuchlichen Pons-Schulwörterbüchern ((ok, die google Lens App zusammen mit google Translator App schlägt sich beim übersetzen recht tapfer)) ---- der langen Rede kurzer Sinn: im Dossier Recensement Place de Sylt findet sich eine Art "Stein von Rosette":
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:):)

...ja, ist nicht sonderlich viel, aber immerhin schon mal ein bissel was. "abri pour (...)" war im ausgehenden 19. Jh. der franz. Fachbegriff für Zwischenwerk, kleines Fort, Lynette und wurde mit der Etablierung der gesplitteten Befestigungsweise dann angewendet auf die nach ihrer jeweiligen Funktion benannten Stahlbeton-Wehr/Schutzbauten wie Infanterieräume/Mannschaftsräume, Artillerieräume, Munitionsräume/depots, Unterstände, Maschinengewehrräume/Zwischenraumstreichen/Vorfeldstreichen usw - worüber wir heute retrospektiv wegen des scheinbar ähnlichen Aussehens (grau, Beton) den erst nach dem Ersten Weltkrieg gebräuchlichen Sammelbegriff "Bunker" drüberstülpen.

Bzgl. des Werkstoffs der Sylter Befestigungen vermerkt das Dossier eigens, dass sie allesamt aus beton armé gebaut sind, also armierter Beton / Stahlbeton. ...und es sind viele...

Leider ist das Buch von Voigt "Festung Sylt 1895-1945" vergriffen, selbst antiquarisch kaum zu finden (und wenn, dann zu Mondpreisen) - was mich wundert, ist der Beginn der Sylter Festungszeit schon im ausgehenden 19. Jh. Denn es finden sich in den Unterlagen keine Hinweise auf Vorgängerbauten älterer Bauart, die dann verstärkt und in die Gruppenbefestigungen integriert worden wären - ich vermute, dass die Befestigungen auf Sylt erst ab 1908 gebaut wurden, dabei ein nicht zu kleiner Teil davon erst im Ersten Weltkrieg (analog zur Baugeschichte der modernsten/jüngsten Befestigungen von Mainz, Germersheim, Istein usw)

Sylt ist langgestreckt... sehr lang - - die Militärs nutzten die gesamte Länge der Insel, um ihre Befestigungsgruppen, Peil-, Beobachtung-, Richt-, Kommandostände, Batterien, Vorfeldstreichen usw usw im Dünengelände zu verteilen und mit einem verzweigten Militärbahnsystem zu verbinden (und natürlich auch telefonisch zu vernetzen: die Dossiers kartografieren bei allen Nordseeinseln die verlegten Telefonkabel!!)

Der komplette Festungsplan verteilt sich auf mehrere Karten, wobei leider ein kleiner Teil mittig fehlt... hoffentlich erhält man trotzdem einen Eindruck vom "Ensemble Place de Sylt":
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...übrigens: das wilhelminische Militär musste sämtliches Baumaterial per Schiff auf die große Insel bringen, denn der Hindenburgdamm wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg gebaut. Wenn man auf der benachbarten Insel Föhr den Geocache "Föhr Challenge" loggen will, dann muss man eine bestimmte Anzahl von schon gefundenen Inselcaches nachweisen - aber Sylt gilt da nicht, sondern wird als Halbinsel geschmäht :D:p:D
Die wilhelminische WWI Festung aber war noch eine echte Insel!

Laut Voigt wurden viele Sylter Befestigungsanlagen in den 20er Jahren abgebaut - ich glaube das nicht, sondern nehme an, dass der militärische Atlantikwallausbau auf Sylt sich teilweise auf die vorhandenen Strukturen stützte, wie auf Borkum, Norderney, Wangerooge. Wenn hin und wieder ein Bunker aus dem Sand auftaucht, könnte es sich um einen über 100 Jahre alten handeln - da muss man die Bautypen genau anschauen und nicht vorschnell Nazibunker mutmaßen, wie auf Borkum unlängst geschehen... Man könnte Sylt cum grano salis als Flankenstellung der erst 1916 errichteten Sicherungsstellung Nord betrachten.

(Androhung einer Fortsetzung mit Detailplänen... leider leider tausendmal leider gibt es keine Fotografien der Sylter Befestigungen im Dossier)
 
Zuletzt bearbeitet:
Androhung einer Fortsetzung mit Detailplänen...
(im Schach ist die Drohung stärker als die Ausführung, im unangeforderten und abseitigen Festungsblabla ist das anders) ;)

zunächst das fehlende Kartenstück von #1:
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...am Strand von Westerland also statt Eis-, Bier- und Pommesbuden ganz zwanglos und nonchalant zwischen Concersationshaus, Südbahnhof etc sieben "Bunker"... Das ist eine kuriose Situation für Badeorte/Kurbäder: in unmittelbarer Nachbarschaft der teils mondänen Kur/Badeeinrichtungen abgesperrtes Militärgelände - zu beobachten auf den großen Seebädern Borkum, Norderney, Wangerooge, Sylt, in geringerem Maße auf den kleineren Inselbädern Juist, Spiekeroog, Amrum - Baltrum, Pellworm, Föhr waren nahezu frei von Militäreinrichtungen.

Da in #1 die detailgenaue Kartierung der militärischen Telefonleitungen erwähnt war, hier ein Ausschnitt aus der entsprechenden Syltkarte:

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Mächtige zweigeschossige "Bunker" waren die so genannten Kommandostände:

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und noch ein Plan einer Sylter Batteriestellung (vier weitreichende Geschütze) erfreulicherweise mit dreisprachiger Legende von Dezember 1920:
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Bzgl. des Werkstoffs der Sylter Befestigungen vermerkt das Dossier eigens, dass sie allesamt aus beton armé gebaut sind, also armierter Beton / Stahlbeton. ...und es sind viele...
Und bislang dachte ich auch, dass diese Information aus der akribischen Untersuchung und Kartierung der Festungsanlagen auf den deutschen Nordseeinseln durch die interalliierte Militärkommission als Quelle betrachtet werden kann, sowohl was die Übersichts- und Detailpläne, als auch was die Beurteilung/Description der Festungsbauten betrifft. Doch misstrauisch bin ich geworden, weil Sylt betreffend weder Fotografien noch originale Baupläne und Materiallisten aus der Zeit 1908-18 im Dossier Place de Sylt zitiert oder als Literaturangaben vermerkt oder als Argumente eingesetzt sind. Das Fehlen von solchen Nachweisen zeichnet übrigens alle Festungsuntersuchungen der interalliierten Militärkommission aus! Einzig die Dossiers zu Entfestigungen wie z.B. Place de Cleve und Place de Istein et Rhine superieur enthalten Fotografien gesprengter "Bunker", die unverkennbar den Werkstoff Stahlbeton nachweisen.

Für Sylt haben wir leider nur die Behauptung, dass es sich um beton armé handele - der Nachweis fehlt. Dasselbe gilt auch für Borkum, Juist, Norderney, Spiekeroog, Wangerooge, Mellum, Amrum. Von der ersten Entfestigung Helgolands existieren dann wieder Nachweise in Form von Fotografien.

...letztliche Sicherheit bzgl der Inseln werden wir also trotz der vielen Dossiers erst erhalten, wenn mal wieder ein eindeutig der WW I Zeit zugeordneter "Bunker" auftaucht und untersucht oder demoliert und dabei fotografiert wird ;)

Glaubt man der Fachliteratur über den deutschen Festungsbau im frühen 20.Jh., dann geht man davon aus, dass auf Sylt dieselben Werkstoffe verwendet wurden, wie bei Kleve oder Istein/Lörrach.
 
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