Stadtluft macht frei! Wirklich?!

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von unclejohn, 6. April 2006.

  1. Strupanice

    Strupanice Neues Mitglied

    Der Vollbürgerschaft ging ein gewisser Prozess voraus. Entweder war man Kind eines Bürgers, man heiratete in eine Bürgerfamilie ein, oder man wurde als Handwerker in eine Innung der Stadt aufgenommen, erst als Lehrling, dann als Geselle und schließlich nach abgelegter Meisterprüfung als Meister. In der Regel konnte der Anwärter nun erst das nötige Bürgergeld aufbringen, wenn das nicht die ebenfalls notwendigen Bürgen, die man zur Bürgeraufnahme benötigte, bezahlten.

    Gewisse Vorstufen der Bürgerschaft war die sogenannte Schutzbürgerschaft, dh. man hatte nicht alle Rechte, durfte sich aber in der Stadt aufhalten und sein Handwerk ausüben.
    Die Atraktivität der meisten Städte war allerdings sehr bescheiden, da 70% aller Städte nicht mehr als 300-500 Einwohner hatten und der Haupterwerb dieser Städte in der Landwirtschaft lag, also die meisten Bürger vor allem oder sogar ausschließlich Bauern waren. Nur dass hier nicht der Grundherr die Einnahmen hatte, sondern der Stadtrat, wenn er denn die nötigen Rechte dazu hatte, was auch nicht bei jeder Stadt gleich stark ausgeprägt war. Manche Städte unterstanden mit den meisten Rechten dem jeweiligen Landesherren. Nur die größeren Städte konnten sich nach und nach von diesem eigenständig machen.
     
  2. Strupanice

    Strupanice Neues Mitglied

    Man ist ja nicht einfach so losgegangen und guckte mal, was sich so bietet. Es gab natürlich verschiedenste Informationsquellen, wie z.B. die Wochen- und Jahrmärkte, die Verwandschafts- und Bekanntschaftsbeziehnungen, die man ausnutzte, um abzuklären, wo man Lehrlinge, Gesellen, Tagelöhner, Knechte und Mägde benötigte. Es kam in jedem Falle zu einem Vertrag, der auch dem Stadtrat vorgelegt werden musste, da die Bürger bzw. die "Arbeitgeber" in der Stadt ihr Personal auch anmelden mussten und ihre gestiegene Wirtschaftskraft daher auch steuerlich anders behandelt wurde.
    Natürlich besaßen die Nichtbürger sehr wenig Rechte und hatten ihrer Tätigkeit zufolge auch wenig Einkommen. Sie genossen aber zumindest den Schutz der Stadt und konnten zur Sicherung der Stadt herangezogen werden.
     
  3. Ogrim

    Ogrim Aktives Mitglied

    Ein kleiner Beitrag zur Debatte:
    Früher fand ich die Geschichte ja auch gut, dass die Städte ihren Aufschwung erlebten, weil das Wohnen in ihnen Freiheitsrechte mit sich brachte. Inzwischen halte ich das - zumindest teilweise - für eine bequeme Erfindung von Städtern. Ausser den hier erwähnten Zusatzbedingungen zum Leben in der Stadt hat mich die archäologische und historische Erforschung der Wüstung Baumkirchen stutzig gemacht. Die Bewohner von Laubach, der nächsten Stadt, erzählen überwiegend die Geschichte vom typischen Pestdorf. In Laubach hält sich aber bis heute eine "Baumkirchener Gesellschaft" von Nachfahren und Landbesitzern, die eine ganz andere Geschichte vom Ende der Siedlung erzählen. Nach ihnen hat der Graf von Laubach nach dem Ausbau der Stadt(mauer) mehrere Dörfer in der Gegend, darunter Baumkirchen, einfach anzünden lassen, um neue Einwohner für seine aufstrebende Stadt zu erhalten. Ich möchte garnicht wissen, wie oft das im Mittelalter der Fall gewesen ist.
     
  4. Palomero

    Palomero Neues Mitglied

    "Man sollte auch nicht vergessen, dass Städte der Kern des ökonomischen Systems waren, Städte erzeugten Mehrwert, eine Tatsache, der gegenüber auch kaum ein mittelalterlicher Zeitgenosse die Augen verschloss. Das nützte jedem und wog gegenüber dem Aufbrechen traditioneller Denkschemata doch schwerer!"


    Nach den schönen Erläuterungen von Herold drei kleine Einwände:​


    1. Der Begriff von einem „ökonomischen System“ passt nicht auf das Mittelalter, sondern ist der Welt eines entfalteteren nachmittelalterlichen Kapitalismus entnommen. Zudem: Substantiell war mittelalterliches Wirtschaften agrarisch, in den Städten wurden vor allem die Rohstoffe aus der Landwirtschaft (und dem Bergbau) verarbeitet. Das Land trug die Stadt und nicht umgekehrt. ​


    2. Freiheit ist, soweit ich das bislang und in den mir zugänglichen Sprachen sehen kann, zwischen Spätantike und spätem Mittelalter ein eher theologischer Begriff. Stattdessen gab es für den Bereich der sehr irdischen Machtstrukturen eher Vorstellungen davon, von etwas und für etwas (sehr konkret) frei zu sein.
    Freiheiten in dieser Art gab es auf dem Land und in den Städten, sehr verschiedene von Ort zu Ort, von Status zu Status und Person zu Person. Deshalb würde ich den Ausspruch „Stadtluft macht frei“ nicht für einen definierenden, sondern für einen interpretierenden und für einen propagandistischen Rechtsgrundsatz halten.​


    3. De facto gab es im abendländischen Mittelalter Freiheiten und Unfreiheiten in der Stadt genauso wie auf dem Land, nur waren sie in ihrem Charakter verschieden. Die Machtverteilung zwischen denen, die über immobiles Vermögen und Rechte ( = Vorrechte) verfügten, und den vielen, die daran nicht oder wenig teilhatten, war ähnlich schroff wie auf dem Land, nur dass die persönlichen Bindungen langsam durch eher entpersonalisierte ersetzt wurden.
    Der Geschichtsblick des 19./20. Jahrhunderts, von Universitäten in städtischen Zentren auf das Land als Raum sogenannter Rückständigkeit gerichtet, hat die Begriffe „Bürger“ und „Freiheit“ idealisiert und ihrer konkreten Substanz beraubt. Das gehörte in den Rahmen der seit der Renaissance betriebenen Abwertung des Mittelalters und der Installierung eines säkularen Fortschrittsglaubens. Darin begründet sich auch die Beliebtheit des propagandistischen Wertes des hier behandelten Slogans. Da wäre wohl selbst die „dialektische“ Herangehensweise von Karl Marx hilfreicher, die den „Fortschritt“ wenigstens aus Widersprüchen konstruiert und nicht linear.​
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dazu nur eine Frage: Wann beginnt ein ökonomisches System? Der Begriff Ökonomie bzw. Oikonomía ist durch Xenophon im vierten vorchristlichen Jahrhundert aufgeworfen worden, er ist abgeleitet von oikos, dem 'Haus'. Gibt es ein ökonomisches System also tatsächlich erst in einer vermehrt arbeitsteiligen Gesellschaft, in der der Produzent sich von seinem Produkt entfremdet und nur noch Teilprodukte herstellt bzw. Teilprodukte zusammenfügt aber nicht mehr den gesamten Prozess vom Rohstoff bis zum Endprodukt begleitet?
     
  6. Palomero

    Palomero Neues Mitglied

    Nein, Quijote, das habe ich so nicht gemeint, sondern vielmehr, dass es keine
    Wirtschaftsräume mit systematischem Wirtschaften gab, wodurch der System-Begriff Sinn bekäme (mal nachschauen, was dies griechische Wort überhaupt meint!). Den "Merkantilismus" könnte man zum Beispiel als Wirtschaftssystem bezeichnen, den Kapitalismus überhaupt in seinen verschiedenen Stadien. Aber Ökonomie im Mittelalter war wesentlich an das Haus im mittelalterlichen Sinn des Wortes gebunden, und anstelle des Systems stand die Vielfalt sehr unterschiedlichen Wirtschaftens.
    Anders gesagt: Ein Wirtschaftssystem verlangt als Voraussetzung eine Form von Staatlichkeit als Rahmenbedingung, wie sie sich erst im späten Mittelalter an einigen Stellen andeutet.
    Ich finde, auch der problematische Begriff Feudalismus enthält kein Wirtschaftssystem, sondern beinhaltet - wenn überhaupt - unsystematisches Wirtschaften. Es sei denn, man wolle Wirtschaften im Rahmen von Zünften, Gilden, Hansen so bezeichnen. Aber das war auch nur Sache einer sehr kleinen Minderheit im Mittelalter.
    (Zu deinen exigencias gehören dringend: amor, alegría, sonrisa....)
     
  7. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Kapitalismus ist genau so unsystematisches Wirtschaften. Es ist eher unsystematischer, weil keine Arbeitsteilung vorgegeben ist. Der Markt im Kapitalismus übernimmt die Aufgaben des Lehnsherren und der Zünfte und des Staates. Im Mittelalter war die Produktion theoretisch am Bedarf der Kriegerkaste ausgerichtet. Über die Landverteilung sollten möglichst viele Männer in der Lage sein sich die Ausrüstung zu kaufen, die als Ritter/Panzerreiter benötigt wird. Kapitalismus hingegen funktioniert längst transnational, ohne Rücksicht auf Staaten, die für ihn nicht mehr und nicht weniger Wert sind als private Dienstleister.
     

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