[Suche Infos] 'Freitod im Alter' in der europäischen Geschichte

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Mrtn

Gast
Guten Tag,

prinzipiell geht es mir um eine Erzählung, die ich einstweilen als Kind gehört habe, in der geschildert wurde, dass alte Menschen Suizid betrieben hätten, um der Familie nicht zur Last zu fallen/den Wehen des Alters ein Ende zu bereiten/etc.

Ich habe dies im bayerischen Raum gehört und im Speziellen habe ich davon gehört, dass Männer in die Berge gegangen seien, um dort zu sterben. Nun ist der bayerische Raum seit langem sehr christlich geprägt und mich würde nun interessieren, wie sich das verhält zusammen mit der christlichen Vorherschafft ein Europa und der Verteufelung des Todes und des Suizids im Speziellen.

Also ist zum einen der Mythos des Selbstmords und zum anderen das Thema mit der Kirche.

Ich habe versucht nach dem Thema zu suchen, aber auf deutsch findet sich da schwer etwas zu.

Ich bin für alle Infos sehr dankbar und falls mich jemand in eine Richtung lenken kann, werde ich liebend gerne selber weiter suchen. Unter welchen Zweig würde diese Thematik fallen?

Vielen Dank und einen schönen Tag noch!
 
Hier im Fränkischen gibt es ein Märchen über eine junge Witwe, die mit ihren Kindern und der alten Mutter in einer Mühle lebt. Als im Winter die Not zu groß wird, geht die alte Frau "Reisig sammeln" für ein Kochfeuer, obwohl es nichts zu Kochen gibt. Selbst die Kinder verstehen, worum es geht. Sie laufen ihr nach und stoßen auf einen Wassermann, der ihnen nach langem Hin und Her einen Karpfen schenkt.

Es dürfte sich in erster Linie um ein Topos handeln, das vor allem zur Veranschaulichung erlebter Not dient. Und bestimmt ist es immer mal wieder vorgekommen, dass alte Menschen, zumal wenn sie lebensmüde waren, sich geopfert haben, um ihren Liebsten nicht zur Last zu fallen. Diesen unbedingten Wunsch, der eigenen Familie im Alter nicht zur Last zu fallen, den Kindern und Kindeskindern nicht den Weg zu verstellen, der dürfte jedem von uns schon einmal begegnet sein, sei es in der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis.

Ich würde im Übrigen das christliche Dogma gegen den Freitod hier nicht überbewerten. Tatsächlich kennt die Bibel kein ausdrückliches Selbstmord-Verbot, ein solches wurde erst später von den Kirchenvätern geschlussfolgert, und auch die Menschen vergangener Zeiten waren nicht unempfänglich für die Tragik eines Selbstmords. Das eigene Leben grundlos oder aus einer Laune heraus wegzuwerfen, das galt als Sünde. Doch gerade die Selbsttötung aus Liebe oder Treue hat in der sogenannten abendländischen Erzähltradition einen festen Platz.
 
Selbstmord von Alten, "um der Familie nicht [als unnütze Esser] zur Last zu fallen" ist ein Thema, von dem man immer wieder hört. Das ist im Übrigen auch ein hochpolitisches Thema und mit einer der Gründe, warum die BRD sich so schwer tut, den assistierten Suizid zuzulassen (zumal bei unserer Geschichte! T4....): Alte könnten sich gedrängt fühlen, als vermeintlich nicht mehr produktive Mitglieder der Gesellschaft - als unnütze Esser - diesen "Ausweg" zu nehmen.
Dieses Motiv findet sich immer wieder, ich habe gerade mal auf Spanisch gegoogelt und dort einen Fall aus Chile von 2019 gefunden, wo ein 94jähriger zunächst seine 86jährige Frau und dann sich erschossen hat, um den Enkeln nicht zur Last zu fallen.

Das Grundproblem dahinter ist Armut und auf Armut hat man immer verschiedentlich reagiert. Da kann Selbstmord der Alten eine Option gewesen sein - wobei man vielleicht einfach in Kauf genommen hat, dass jemand vom Reisig sammeln nicht zurück kam. Oder aber eben Nachwuchsbegrenzung bzw. den Nachwuchs zu verkaufen: Ich halte etwa die Erzählung Hänsel und Gretel, wenn man mal die böse Stiefmutter wegdenkt, für einen Reflex darauf, dass arme Eltern Kinder, der zu viel am Tisch waren, um sie zu versorgen, aus dem Haus jagten. Mitunter ließ sich dabei eben auch Geld verdienen, um wenigstens andere Kinder durchzukriegen: Verdingkinder. Oder man wusste sie im Kloster gut aufgehoben. Ab dem 13. Jahrhundert gibt es bei Waisenhäusern die tornos (Drehtüren), welche eine anonyme "Abgabe" der Kinder ermöglichten.
 
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