Tartessos: indoeuropäischer Adel über autochthoner Bevölkerung?

El Quijote

Moderator
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Vorweg: Ich weiß, dass wir Threads haben, in denen es auch um Tartessos geht bzw. in denen Tartessos vorkommt. Aber dies hier ist doch ein eigenes Thema.
Linguistisch arbeitende Prähistoriker mit Fokus auf der iberischen Halbinsel sehen neben der keltischen Einwanderung um 600 v. Chr. auch die Einwanderung von Indoeuropäern auf der Atlantikseite der iberischen Halbinsel bereits um 1000, wobei unklar bzw. umstritten ist, ob diese ein nicht näher klassifiziertes indoeuropäisches Idiom sprachen oder ein protokeltisches.

Manuel Salinas de Frías schreibt in Los pueblos prerromanos de la península Ibérica, basierend auf anderen Autoren, dass im Bereich von Tartessos Stelen in tartessischer Sprache gefunden wurden, die denen dieser Indoeuropäer oder Protokelten sehr ähnlich sind, es also wohl einen Einfluss dieser auf die Tartessier gab. Die tartessische Sprache ist nicht lesbar, aber es sei auszuschließen, dass es sich um ein indoeuropäisches Idiom handele. Dann gab es einen tartessischen König - oder eine Dynastie - der als Arganthonios bezeichnet wird, was manche mit dem indoeuropäischen Wort für Silber in Zusammenhang bringen Arg-nt-onios. Arganthonios wäre gewissermaßen der "Silbermann" (die Sierra Morena war in der Antike voller Silberminen, welche ja auch eine Attraktion auf die Karthager ausübten, insbesondere nachdem diese nach dem Ersten Punischen Krieg Probleme hatten die Söldner zu bezahlen und die Silbertalente für Rom aufzubringen). Untermann hingegen meint, dass Arganthonios kein indoeuropäischer Name sein. Ich bin auch eher skeptisch aus einem einzelnen Namen - bzw. einer Silbe - gleich weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen. Andererseits ist das Silber naheliegend und die Stelen scheinen einen Link zu den indoeuropäischen Einwanderern darzustellen.

Nun also die Frage: Waren die Tartessier Einheimische, die eine indoeuropäische Adels- oder Königsklasse hatten?

Unklar ist dabei allerdings: Gab es ein tartessisches Reich - oder waren die Tartessier ein Bund von Kleinstaaten? Denn die von Adolf Schulten postulierte Metropole der Tartessier, die durch die Literatur geistert, ist bislang ungefunden.
 
Ich weiß es wirklich nicht.

Aber ich ziehe Parallelen zu Langobarden oder Visigoten, die als dünne Führungsschicht sich sehr schnell assimilierten.
 
Da Arganthonios erstmals von Herodot (am anderen Ende des Mittelmeerraums) erwähnt wird, und das im Rahmen einer sagenhaften Geschichte, würde ich auf den Namen nicht viel geben. Wer weiß, wie der König wirklich hieß (und ob er überhaupt historisch ist). "Arganthonios" ist jedenfalls ein gräzisierter Name - wer weiß, wie stark gräzisiert. Aus ihm würde ich keine linguistischen Schlüsse ziehen.
 
Bekenne mich auch unwissend, zumal ich die reichhaltige spanische Literatur zu diesem Thema nicht lesen kann. (In Deutsch hat Schulten wohl kaum Nachfolger gefunden).
In einem jüngeren englischen Buch [1] wird auf die Forschungen von Juan Maluquer de Motes hingewiesen: »For him, Tartessic culture was fundamentally an indigenous culture [...], all the while enriched by Mediterranean contributions, especially those of Greek-Cypriot stock [...],«

Allein – es fehlen nach wie vor wichtige archäologische Belege. Weißt Du (El Q.) mehr darüber?

[1] Celestino, Sebastian; López-Ruiz, Carolina: Tartessos and the Phoenicians in Iberia. New York 2016
 
Da Arganthonios erstmals von Herodot (am anderen Ende des Mittelmeerraums) erwähnt wird, und das im Rahmen einer sagenhaften Geschichte, würde ich auf den Namen nicht viel geben. Wer weiß, wie der König wirklich hieß (und ob er überhaupt historisch ist). "Arganthonios" ist jedenfalls ein gräzisierter Name - wer weiß, wie stark gräzisiert. Aus ihm würde ich keine linguistischen Schlüsse ziehen.
Anzunehmen ist, dass vor allem die Endung gräzisiert ist - wenn nicht Laute in dem Namen vorkamen, die im Griechischen nicht reproduzierbar sind (so wie hebräisches 'Ajin heute als Vokal "e" gesprochen wird, arabisches 'Ayn oft als Vokal "a"). Meine Skepsis ist eher die, dass da eine Silbe als indoeuropäisch interpretiert wird, obwohl wir praktisch nichts über die Sprache der Tartessier wissen, außer, dass sie wohl nicht indoeuropäisch war.
Auf der anderen Seite (ich wiederhole mich) haben wir natürlich die Sierra Morena als erz- und vor allem silberreiches Gebirge im Zentrum des tartessischen Reiches (wobei die Ausdehnung von Tartessos durchaus nicht so klar ist).
Es ist natürlich eine pseudoetymologische Umbildung anhand von άργυρος möglich, also dass der Name (oder Titel) ganz anders gelautet hat, vgl. Hängematte < hangmat < hamac/hamoc

Weißt Du (El Q.) mehr darüber?
Nein. Es war vor zweieinhalb Jahrzehnten in Altgeschichtsvorlesungen in Granada mal Thema, aber es war nie mein Forschungsgebiet. Ich bin ja nun auch Historiker und nicht Archäologe.
 
Ich halte die Vermutung für eher haarig, in „Arganthonios“ könnte das Wort für „Silber“ stecken. Nur weil es in Spanien Silber gab, soll ein prominenter Tartessier einen Namen mit „Silber“ getragen haben? (Wie viele Zyprioten trugen wohl einen Eigennamen, in dem das Wort für „Kupfer“ – also kypros - vorkam?) Doch selbst wenn man annehmen will, „Arganthonios“ sei kein Eigenname, sondern ein Herrschertitel gewesen, macht das immer noch nicht wirklich plausibel, dass er das Wort für „Silber“ enthalten haben sollte.
 
Ich halte die Vermutung für eher haarig, in „Arganthonios“ könnte das Wort für „Silber“ stecken. Nur weil es in Spanien Silber gab, soll ein prominenter Tartessier einen Namen mit „Silber“ getragen haben? (Wie viele Zyprioten trugen wohl einen Eigennamen, in dem das Wort für „Kupfer“ – also kypros - vorkam?) Doch selbst wenn man annehmen will, „Arganthonios“ sei kein Eigenname, sondern ein Herrschertitel gewesen, macht das immer noch nicht wirklich plausibel, dass er das Wort für „Silber“ enthalten haben sollte.
Hm.... Was ist mit Chryseis? Mit Zlatan, Zlatko und Zlatan oder mit der gens Aurelia?
 
Die einzige echte Quelle für den Namen „Arganthonios“ ist anscheinend Herodot. (Alle späteren Erwähnungen des Namens gehen allem Anschein nach auf ihn zurück.) Herodot berichtete etwas, was sich hundert Jahre vor seiner Zeit im fernen Spanien ereignet haben soll. Vermutlich hatte er diese Geschichte nur aus mündlichen Überlieferungen gehört. Dazu war der Name eben noch mehr oder minder gräzisiert. Also wer weiß schon, wie er im Original wirklich lautete und wie verschroben er wiedergegeben wurde.
 
Die einzige echte Quelle für den Namen „Arganthonios“ ist anscheinend Herodot. (Alle späteren Erwähnungen des Namens gehen allem Anschein nach auf ihn zurück.) Herodot berichtete etwas, was sich hundert Jahre vor seiner Zeit im fernen Spanien ereignet haben soll. Vermutlich hatte er diese Geschichte nur aus mündlichen Überlieferungen gehört. Dazu war der Name eben noch mehr oder minder gräzisiert. Also wer weiß schon, wie er im Original wirklich lautete und wie verschroben er wiedergegeben wurde.

Passt es nicht eher zu dieser Überlieferung, dass da wirklich "der Silberne" drinsteckt?
Dass nämlich griechische "Touristen", die nach Tartessos kamen, ihn so sahen, mit prunkvollem Silber umgeben, und ihn in ihren Berichten so benannten?
Allerdings völlig unabhängig davon, wie er wirklich hieß oder welchen Titel er führte.
 
Wenn es sich um eine griechische Fremdbezeichnung handelte, dann müsste es sich doch wohl um ein genuin griechisches Wort (das eindeutig als griechisch erkennbar ist) handeln (z.B. "Argyrios"="Silberner") und nicht um eines, aus dem man erst ein indoeuropäisches Wort für Silber herauslesen muss.
Hm.... Was ist mit Chryseis? Mit Zlatan, Zlatko und Zlatan oder mit der gens Aurelia?
Ob in „Aurelia“ wirklich „aurum“ steckt?

„Chryseis“ geht zwar auf eine Stadt „Chrysa“ zurück, aber auch hier frage ich mich, ob sie wirklich mit „Gold“ zu tun hatte oder ob der Name nicht auch auf eine vorgriechische Ortsbezeichnung zurückgehen könnte. Dass die Troas für ihren Goldreichtum bekannt gewesen sei, wäre mir jedenfalls neu. (Dass die Gegend wegen der Kontrolle über die Dardanellen so reich gewesen sei, ist eher eine Theorie von Korfmann und Anhang als archäologisch oder in Quellen belegt.)
 
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Meine Frage ist: Gab es eine technologische oder kulturelle Veränderung, die mit dieser Elite verbunden war? Oder war es nur ein Wechsel der Herrscher? Lässt sich der Einfluss z.B. in den Begräbnissitten verfolgen?
 
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  • Handelsbeziehungen bis in die Levante,
  • Rohstoffgewinnung,
  • Fernhandel,
  • Übergang von der Bronze- in die Eisenzeit,
  • Vergleiche mit den Kelten:
Alles Themen die unseren Horizont erweitern.
Dem stimme ich schon deswegen zu, weil ich gerade in einer einschlägigen (hochgelobten) Neuerwerbung blättere [1]. Unser Thema wird darin nur gestreift, z.B. heißt es (S. 268 der Ebook-Version), Tartessos sei eine spätere griechische Bezeichnung für Tarschisch. In der Wäldern von Tartessos habe König Gargoris gelebt, dessen Nachfolger Habis war – beide seien legendenhaft. Die »Tarschisch-Schiffe« aus Tyros hätten im 9. Jahrhundert regelmäßige Fahrten nach Westen (nach Süd-Iberien) aufgenommen, was im 6. Jahrhundert aber zum Erliegen kam.

Zu den Fragen von ElQ habe ich noch nichts gefunden bzw. nur Literaturhinweise. [2] Ein Aufsatz von Delgado (s.u.) erwähnt kurz die Aristokratie (S. 324): »The largest settlements in the region [gemeint ist: Huelva], such as Niebla o Tejada, do not appear to have become centers of political power until the end of the eighth century or the beginning of the seventh century B.C. It is only then that they expanded and were fortified, a process that coincides with the emergence of the so-called Tartessian aristocracies.« (Leider nichts zur Herkunft dieser Aristokratie.)


[1] Josefine Quinn: Der Westen. Eine Erfindung der globalen Welt. 4000 Jahre Geschichte. Stuttgart 2025
[2] z.B. Carlos González Wagner, »Tartessos and the orientalizing elites«, in: María Cruz Berrocal u.a. (Hg.), The Prehistory of Iberia: Debating Early Social Stratification and the State, New York 2013, S. 337–356. In diesem Reader (S. 311–336) auch: Ana Delgado, »Households, Merchants, and Feasting: Socioeconomic Dynamics and Commoners’ Agency in the Emergence of the Tartessian World (Eleventh to Eighth Centuries B.C. )«.
 
Dem stimme ich schon deswegen zu, weil ich gerade in einer einschlägigen (hochgelobten) Neuerwerbung blättere [1]. Unser Thema wird darin nur gestreift, z.B. heißt es (S. 268 der Ebook-Version), Tartessos sei eine spätere griechische Bezeichnung für Tarschisch.
Das ist die alte Behauptung, für die es praktisch keine handfesten Belege gibt. Taršiš ≠ Tartessos?
Die Bibel ist sich, was Taršiš angeht, uneins. Einerseits sollen die Schiffe der Taršiš-Flotte am Roten Meer in Ezjon-Geber gebaut worden sei, andererseits soll sich Jonah bei Jaffoh nach Taršiš eingeschifft haben. Aber das sollten wir, wenn, hier weiteridskutieren: Taršiš ≠ Tartessos?
 
In der Wäldern von Tartessos habe König Gargoris gelebt, dessen Nachfolger Habis war – beide seien legendenhaft.
"Legendenhaft" ist noch milde ausgedrückt. Die älteste belegte Erwähnung der beiden mit ihrer reichlich fabelhaften Geschichte scheint Pompeius Trogus (zur Zeit von Augustus) zu sein.

Schon Herodot, der "nur" ca. 100 Jahre nach Arganthonios schrieb, brachte einen eher sagenhaften Bericht. Dass Arganthonios 80 Jahre regierte, könnte noch stimmen, falls er den Thron in sehr jungen Jahren bestieg. Aber dass er 120 Jahre alt wurde, werden wir nicht glauben.
Weitere Herrscher und "Informationen" über die Geschichte von Tartessos tauchten in der antiken Literatur erst weitere Jahrhunderte später auf. Der historische Wert dieser Überlieferungen ist gleich null.
 
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