Trutzhain - ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager

Dieses Thema im Forum "Ausstellungen | Historische Sehenswürdigkeiten" wurde erstellt von Ashigaru, 2. Mai 2005.

  1. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Hier möchte ich mal etwas über eine ungewöhnliche historische Sehenswürdigkeit schreiben, die ich neulich besucht habe. Bei Schwalmstadt, etwa zwischen Marburg und Fulda gelegen, liegt das Dorf Trutzhain. Der mittelalterlich klingende Name täuscht darüber hinweg, dass es erst 1949 gegründet wurde. Tatsächlich entstand es aber schon 1939 als Stammlager IX A. Zeitweise bis zu 11000 Kriegsgefangene, vor allem Franzosen, Russen und Italiener, waren dort untergebracht; es war das größte Kriegsgefangenenlager in Hessen.
    Ein paar Jahre nach dem Krieg konnten sich Heimatvertriebene in den alten Barracken ansiedeln. Dadurch ergab sich die seltene Situation, dass sich große Teile des Lagers bis heute erhalten haben, darunter 80 Prozent der in Stein ausgeführten Werkstätten und Gefangenenbarracken. Die langgestreckten Unterkünfte, von außen meist nicht mehr im originalen Look mit Fachwerkverkleidung, müssen damals völlig überlegt gewesen sein: der Ort ist viel größer als das ehemalige Lager, heute wohnen aber nur ca. 1000 Leute dort. Gut unterschieden werden kann zwischen Werkstätten und Unterkünften - letztere hatten einen pavillonartigen Vorbau, anscheinend für die Sanitäranlagen. Deutlich hebt sich die Lagerküche ab, eines der größten Gebäude, mit einem terassenartigen Vorbau, an dem Vorräte entladen werden können.
    In der ehemaligen Hauptwache befindet sich heute ein kleines Museum, das über die Geschichte des Lagers aufgeklärt, aber auch auf einige weitere architektonische Details hinweist: z.B. befindet sich hier eine der mit Gefangenenslogans vollgekritzelten Originaltüren.
    Nach dem Krieg wurde Trutzhain so eine Art "Mustersiedlung": Nur Gewerbetreibende durften sich zunächst dort ansiedeln, so dass eine Vielzahl von Firmen und Handwerksbetrieben entstand - wohl, damit die Vertriebenen nicht in Konflikt mit alteingesessenen Bauern aus den Nachbardörfern gerieten. Diese Firmen existieren fast alle nicht mehr, so dass Trutzhain auch ein interessanter Fall der Wirtschaftsgeschichte ist.
     

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