Tuchman: A Distant Mirror/Der entfernte Spiegel

Teresa C.

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Nur dass die gute Barbara Tuchmann nur eine erfolgreiche und vielleicht sogar ganz amüsante Unterhaltungsschriftstellerin ist, aber sicher keine seriöse Geschichtsforscherin.
Für die sogenannten olfaktorischen Reize, die das Mittelalter angeblich im Unterschied zu anderen Zeiten im Vergleich zu diesen zu einer besonders dreckigen Zeit machen, sind bisher keine seriösen, zeitgenössischen Belege aufgetaucht.
 
Nur dass die gute Barbara Tuchmann nur eine erfolgreiche und vielleicht sogar ganz amüsante Unterhaltungsschriftstellerin ist, aber sicher keine seriöse Geschichtsforscherin.
Für die sogenannten olfaktorischen Reize, die das Mittelalter angeblich im Unterschied zu anderen Zeiten im Vergleich zu diesen zu einer besonders dreckigen Zeit machen, sind bisher keine seriösen, zeitgenössischen Belege aufgetaucht.
Na ja, wenn ich früher von einen 3-4 Tägigem Lager nach Hause kann, dann roch man das schon;)
 
Antwort auf Hatls Frage - daher "indoor" und nicht unbedingt Teil des hier diskutierten Threadthemas
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Gelesen habe ich natürlich ihren Roman "Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert", der 1980 am deutschen Buchmarkt erstmals herausgegeben wurde. Das englischsprachige Original stammt aus dem Jahr 1978, der englische Titel lautet"A Distant Mirror: The Calamitous Fourteenth Century". Der deutsche Titel ist übrigens keineswegs eine adäquate Übersetzung. Er ist wesentlich positiver und offener gehalten als der Originaltitel.

Wie auch bei anderen historischen Romanen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren publiziert wurden (ich denke da nur an "Der Name der Rose" von Umberto Eco) erzählten diese historischen Romane damals nicht nur eine Geschichte vor historischen Hintergrund, wobei so Geschichte vermittelt wurde, sondern waren auch Schlüsselromane zu gegenwärtigen Geschehnissen.

Aber Romanschriftstellerinnen und -schriftsteller oder früher die Dramatikerinnen und Dramatiker haben nun einmal eine andere Zielsetzung als seriöse Historikerinnen und Historiker. (Selbst wenn sie tatsächlich gut recherchiert haben.)

Ein Beispiel:
Für das Verhalten eines historischen Promis gibt es bis heute unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten.
In der seriösen Geschichtsforschung werden gewöhnlich diese unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten aufgelistet und gegebenenfalls auf ihre Wahrscheinlichkeit diskutiert oder zur Diskussion gestellt.
In einen Roman findet sich gewöhnlich nur eine dieser Möglichkeiten, zum Beispiel die, welche der Autorin bzw. dem Autor selbst am glaubwürdigsten vorkommt oder die für die Handlung den meisten Sinn macht oder das meiste bringt.

Salopp ausgedrückt in einem Beispiel:
Welche Rolle hat Maria Stuart bei Mord von Henry Darnley gespielt - SERIÖSE Geschichtsforschung wird die Frage mehr oder wenig offen lassen und sich auf die Fakten beschränken, selbst dann wenn sie oder er dazu eine Meinung hat, wird sie die ungesicherte Forschungslage nicht ausklammern, sondern höchstens ihre eigene Sicht auch einbringen.
(Vorrangiges Ziel für Leserschaft: diese sachlich über die Fakten informieren und ihnen die Entscheidung der Deutung überlassen, eventuell mit Angebot einer Deutung)
In einem Roman wird dagegen eine Lösung gewählt, wobei sich anbieten würden:
Maria war das ahnungslose Opfer, Maria war zumindest an der Tat nicht mitbeteiligt oder hat diese selbst verursacht (sie war also unschuldig), Maria war Drahtzieherin, Maria war Komplizin (beteiligt) oder Mitwisserin (nicht selbst beteiligt, aber darüber informiert und hat das nolens volens gebilligt), Maria war Opfer einer unglücklichen Verwicklung etc.
(VorrangigesZiel für Leserschaft: unterhaltsame, glaubwürdige Geschichte)

Da ich von Barbara Tuchmann persönlich nicht wirklich begeistert war, habe ich keine weiteren Bücher von ihr gelesen.
Allerdings habe ich eine ganze Reihe weiterer Romane, die im Spätmittelalter spielen, bis heute gelesen, von 1800 bis in die Gegenwart. Was für mich sehr gewinnbringend war und ist, da ich so sehr viel dazu gelernt habe, wie jedes Zeitalter bzw. jede Generation Geschichte aus ihrem Blickwinkel erzählt. Hinzu kommt noch, dass ich seit Jahren mich selbst als Romanautorin für historische Romane versuche. (Vor allem mit geschichtlichen Personen bzw. Geschehnissen aus dem Spätmittelalter - Kaiser Sigismund war mein erster Versuch, den habe ich allerdings inzwischen endgültig ad acta gelegt.)
Zwar habe ich es bisher nie geschafft, eines dieser Romanprojekte aber nie wirklich eine historischen Roman bisher fertig gekriegt oder gar publiziert habe, aber ich habe dafür eine Menge Fachliteratur, Regesten, Chroniken (vieles freilich in veralteten Übersetzungen etc.) recherchiert, überprüft, hinterfragt, wobei sich vor allem der Versuch, Lücken und Widersprüche zu klären, als sehr hilfreich herausgestellt hat. (Und bei Quellen war auch eine Suche nach dem Ursprung sehr aufschlussreich.)

Jedenfalls habe ich bei meiner Recherche und aus anderen Fachliteratur und Quellen einen etwas anderen Eindruck vom Spätmittelalter gewonnen, als Barbara Tuchmann wie zum Beispiel das späte Mittelalter war keineswegs schmutziger als andere Epochen oder unsere Gegenwart. (Vermutlich war das Barockzeitalter sogar wesentlich schmutziger.)
 
Wie auch bei anderen historischen Romanen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren publiziert wurden (ich denke da nur an "Der Name der Rose" von Umberto Eco) erzählten diese historischen Romane damals nicht nur eine Geschichte vor historischen Hintergrund, wobei so Geschichte vermittelt wurde, sondern waren auch Schlüsselromane zu gegenwärtigen Geschehnissen.

Ob zu gegenwärtigen Geschehnissen (das wäre ja recht konkret) weiß ich nicht, aber Historische Romane (ich unterscheide zwischen historischen Romanen [Romane die alt sind] und Historischen Romanen [Gattung]) erzählen tatsächlich oft mehr über die Gegenwart als über die erzählte Vergangenheit.
Eine Romanverfilmung, Bestseller, m. E. aber ein eher schlechtes Buch, sowohl von der literarischen Qualität als auch vom Inhalt, der m.E. deutlich gegenwärtiges Geschehen aufgreift, war Gordons Medicus. Ich habe den Roman nur abgelesen, nachdem ich den Film gesehen hatte, daher dieser seltsame Wechsel, ich weiß halt nicht, wie eng sich die Verfilmung an Gordons Vorlage hält, da diese zu den wenigen Büchern gehört, die ich absichtsvoll nicht zu Ende gelesen habe.


Aber Romanschriftstellerinnen und -schriftsteller oder früher die Dramatikerinnen und Dramatiker haben nun einmal eine andere Zielsetzung als seriöse Historikerinnen und Historiker. (Selbst wenn sie tatsächlich gut recherchiert haben.)
Inhaltlich gebe ich dir Recht, aber ich würde diesen Gegensatz nicht so aufmachen, Romanautor vs seriöser Historiker. Ein Romanautor muss aus Gründen der Dramatik, wo der Historiker eben sagen muss, dass wir gewisse Leerstellen nicht füllen können, genau diese Lehrstellen füllen. Da gibt es Romanautoren, denen das besser und solche, denen das schlechter gelingt.

Wenn ich als Historiker einen Sachverhalt aus den Quellen ergründe und beschreibe, komme ich um "das Atmosphärische" gut drumherum. Der Romanautor hingegen nicht. Und da wird es dann sehr leicht peinlich.
 
@Teresa C.
Der "Ferne Spiegel", bzw. "Distant Mirror" ist kein Roman, sondern der Versuch ein anschauliches ind seriöses Narrativ zu bilden zu einer Zeit die eben so fern (distant) ist, dass eine solches mit Unsicherheiten behaftet sein muss.
Auch das vermittelt Tuchman so gut, dass es in den Buchtitel eingeht.
Und "Romane", Teresa, haben doch weder Bibliografie, Quellennachweis, noch Sachverzeichnis in einem Anhang.
Tuchman hat viele sehr lesenswerte Fachbücher geschrieben.
Den "Ferne Spiegel", Distant Mirror hab ich in Deutsch und Englisch gelesen.
Das Buch empfehle ich, weil es mich bereicherte.
 
Output, da Antwort auf Hatls Beitrag:
Ich habe ihn eher als Mittelding zwischen Roman und populärwissenschaftliches Fachbuch verstanden, wobei mehr Roman als Fachbuch. Wenn er aber ein Fachbuch ist, dann ist sein Mittelalterbilder viel zu einseitig und aus heutiger Sicht klischeelastig, selbst wenn ich berücksichtige, dass er nur einige Geschehnisse behandelt, die wenige Jahre im Spätmittelalter umfassen und zudem auf einige wenige Länder beschränkt sind.

Weitere Bücher von Barbara Tuchmann habe nicht mehr gelesen, siehe oben.

Zum Originaltitel ist allerdings anzumerken, dass das Wort "calamitous" eine stark-negative Wertung impliziert, wodurch das neutralere, wenn gleich auch nicht hundertprozentig positiv konnotierte "distant" eine abwertend-negative Verstärkung erfährt. Im deutschen Titel wird "distant" mit fern übersetzt, was positiv konnotiert ist. Dramatisch ist in Bezug auf Konnotationen offen, weder positiv noch negativ besetzt, während "calamitous" eindeutig negativ konnotiert und eigentlich auch etwas ganz anderes bedeutet als dramatisch.

Ich möchte niemanden davon abhalten, das Tuchmann-Buch zu lesen. Allerdings sollte beim Lesen unbedingt auf zwei Dinge geachtet werden: alles kritisch hinterfragen und im Auge behalten, dass das Buch als Lektüre zur gesamten Epoche des Mittelalters ungeeignet ist, da es sich auf wenige Jahre, einige Länder und ein Geschehnis mit seinen Folgen beschränkt.
 
Ich möchte niemanden davon abhalten, das Tuchmann-Buch zu lesen. Allerdings sollte beim Lesen unbedingt auf zwei Dinge geachtet werden: alles kritisch hinterfragen und im Auge behalten, dass das Buch als Lektüre zur gesamten Epoche des Mittelalters ungeeignet ist, da es sich auf wenige Jahre, einige Länder und ein Geschehnis mit seinen Folgen beschränkt.
Das ist natürlich so wie Du sagst beim "Distant Mirror".
Die Notwendigkeit alles kritisch zu hinterfragen ist ja stets gegeben. Auch bei Autoren die nicht populärwissenschaftlich unterwegs sind.
Was die Barbara Tuchman angeht, so ist sie zitierfähig und wird auch zitiert.
Sie ist eine sehr gute Geschichtenerzählerin mit wissenschaftlichem Anspruch.
Ob sie dem immer gerecht wird mag man bezweifeln. Kritisch sehe ich da "Der erste Salut".
Sehr gut ist die "Zimmermann Depesche", wenngleich neuere Forschung ein etwas anderes Bild malt. Das aber bezieht sich auf Details des Ablaufs.
Lesenswert auch "August 1914" (Guns of August) und es ist auch ganz bemerkenswert, dass dieses Buch nicht nur Geschichte beschrieben hat, sondern auch geschrieben.
"Sand gegen den Wind" ist ebenfalls wert gelesen zu werden.
Stets finden sich Bibliografie, Quellennachweis und Index.
Auch bei "Bibel und Schwert".
(Eine Ausnahme ist "Die Torheit der Regierenden", welches wohl eher aus Essays besteht.(

Und immerhin gibt es sehr geachtete Historiker die sich nicht stets diese Mühe machen.
Z. B. Ian Kershaw "To Hell And Back" oder Johannes Willms "Bismarck Dämon der Deutschen".
 
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