Unterschiedliche Deutung der kretisch-minoischen Kultur

Dieses Thema im Forum "Antikes Griechenland" wurde erstellt von Eckert, 6. Februar 2012.

  1. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Über viele Dinge sind wir uns völlig einig.

    Vermutlich gab es besonders im Neolithikum eine starke Ausprägung der Magna Mater, der "Großen Mutter", die zuständig war für die Fruchtbarkeit der Felder (und auch die der Frauen, wie wir aus dem späteren griechischen Demeter-Kult wissen). Da Missernten existenzbedrohend waren, kam der Verehrung einer Muttergöttin gewiss große Bedeutung zu. Sicher gab es daneben noch weitere jungsteinzeitliche weibliche und männliche Gottheiten, von denen wir weder die Namen noch das spezielle Betätigungsfeld kennen.

    Wie solche Kulte ausgesehen haben könnten (!), lässt sich noch an den antiken Kulten der Demeter, Kybele, Astarte, Isis oder der germanischen Nerthus erahnen, deren Kult Tacitus überliefert hat. Man darf allerdings nicht vergessen, dass es daneben auch männliche Fruchtbarkeitsgötter gab, so in antiker Zeit Osiris, Baal oder Cernunnos. Vielfach kam es zu einer Doppelgottheit wie Kybele und Attis, wo männliches und weibliches Prinzip miteinander verbunden waren.

    Das alles ist meist gut belegbar, sei es durch Sachfunde im Neolithikum (zahllose weibliche Skulpturen und Statuen) oder Schriftquellen in der Antike. Allerdings muss man sich hüten, allzu weite Folgerungen daraus zu ziehen. So ist aus dem neollithischen Götterszenario nicht abzuleiten, dass z.B. Frauen eine größere reale Macht ausübten als in späteren Epochen. Wenn man auf eine günstige Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft schließt - was später längst nicht überall der Fall war - so ist das bereits das äußerste, was man ohne weitschweifige Spekulationen sagen kann.

    Das gilt auch für die minoische Gesellschaft. Mutterkulte waren weit verbreitet, wenn man den wenigen Statuen und Bildern Glauben schenken will. Aber auch hier möchte ich ein bereits erwähntes Gegenbeispiel nennen: Ebensogut könnte ein Archäologe, der in 5000 Jahren Reste europäischer Kulturen ausgräbt, wegen der zahlreichen Marienstatuen auf die Idee verfallen, die Europäer seien in einem matriarchalen System von Frauen regiert worden. Wer also behauptet, auf dem Thron von Knossos hätte eine Hohepriesterin gesessen, begibt sich in das Reich der wilden Spekulation, da nichts davon belegbar ist. Die wenigen Sachfunde können eine solche Aussage jedenfalls nicht stützen.
     
  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    nicht sämtliche organischen Funktionen müssen zu allen Zeiten kultisch verehrt werden... ohne sonderliche Scharfsinnsmühe ist feststellbar, dass man ohne luft nicht atmen und ohne zu atmen nicht überleben kann - einen prähistorischen Lungengott kann man aber trotzdem weder nachweisen noch als besonders wahrscheinlich herbeispekulieren. Diese recht schlichte Überlegung kann dazu führen, Überinterpretationen zu vermeiden.

    der phallische Symbolcharakter länglicher Gegenstände war nicht erst seit Siegmund Freud bekannt, man findet Wortwitze solchen Inhalts (länglicher Gegenstand als Phallus) bis in die antike Literatur - warum sollten Scherze dieser Art erst mit Beginn der Schrift gedacht und gemacht worden sein? (Das ist jetzt einerseits strukturell ein Scheinargument, welches deinen solchen zum vorgeschichtlichen Fruchtbarkeitskult ähnelt, aber es bietet eine weitere relativierende Überlegungsmöglichkeit: warum sollten die vorgeschichtlichen Menschen alles streng religiös und nicht etwa auch mit Humor betrachtet haben?)

    die Smileys gehören zum verwendbaren Inventar der Forensoftware und sind nicht primär oder genuin Symbole für Herablassung, ihre Verwendung steht allen Nutzern frei, und die Freiheit, sie zu verwenden, nehme ich mir ohne jegliche Gewissensbisse :) und das auch wenn über Gottheiten diskutiert wird.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist erstens nicht korrekt (wenn auch eine beliebte Behauptung), da längst widerlegt, und dürfte zweitens, wenn es denn korrekt wäre, nicht verallgemeinert werden und drittens kann man wohl kaum behaupten, dass ein jungsteinzeitlicher Zusammenhang für präneolithische Zusammenhänge in Anspruch genommen werden kann.

    Warum genau plausibel?

    .
    Ma ist ein Lallwort, ma ist der erste einigermaßen artikulierte Laut, den Kinder über die Lippen bringen. Deshalb auch mama, die 'Brust' im Lateinischen. Ma(ma) ist quasi international, auch ohne Sprachverwandtschaft oder Entlehnungsprozesse. Daraus Schlussfolgerungen zu ziehen ist, mit Verlaub, lächerlich.

    Verallgemeinerungen führen i.d.R. zu Fehlschlüssen.
     


    warum nicht?

    Ich gehe davon aus, dass dieser Zusammenhang dem HSS ziemlich früh gekommen sein muss. Denn der frühe HSS war ein Jäger, der seine Jagdbeute aus täglicher Beobachtung kannte und daher, da es eine Zeit de Brunft, eine der Paarung und eine der Geburt gab, sehr wohl die Zusammenhänge erkannte, oder auch bei de Brutpflege der Vögel. Machen wir unsere Vorfahren also nicht künstlich "dümmer" als sie waren!

    Du brauchst nicht immer Name Dropping zu betreiben oder auf die Seriosität deiner Gewährsleute hinzuweisen. Ich habe ja gar nicht bezweifelt, dass es sich um dieselbe Wurzel handelt, sondern nur gesagt, dass man das in Betracht ziehen müsse. Und dabei bleibe ich. Würde man heute jemanden fragen, wie Sintflut sich etymologisch zusammensetzt, würden die meisten, einschließlich de meisten Germanisten sagen: "Ganz klar, aus Sünde und Flut". Das ändert aber nichts daran, dass diese etymologische Herleitung falsch ist, eine Volks- bzw. Pseudoetymologie. Das kann durchaus auch einem sumerischen Schreiber passiert sein, von daher ist das, Enki hin oder her, kein echter belastbarer Beleg. Auch wenn es durchaus plausibel zu sein scheint (und ja, i h glaube es dir).



    Nein?
    Phallus von Schelklingen, 28.000 Jahre
    Phallus von Motala, 6000 Jahre, also vorneolithisch, da Skandinavien
    Darstellung eines Phallus in der Höhle von Fronsac, 14.000 Jahre
    Höhle von Chauvet, Darstellung von Sex, mindestens
    ...
     
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  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Abgesehen davon, dass dieser Rückschluss von Mesopotamien auf die minoische Kultur angezweifelt werden kann, ist die Deutung der frühesten bekannten Gottheiten sowie ihrer "Ordnung" und Funktion höchst umstritten, was in den oben dargestellten Zitaten nicht zum Ausdruck kommt. Zu den gängigen Disputen und Interpretationen:

    "I nanna (in Sumerian) and Ishtar (in Akkadian) were the most revered and popular goddesses of ancient Mesopotamia. As it says in the Great Prayer to Ishtar: ‘Where is not your name, where are not your daises, where are not your powers?’ (Boghazköy version lls. 17′–18′, Zgoll 2003: 57). Despite their notoriety, these goddesses present an enigma. Controversy surrounds the figures of Inanna and Ishtar both in scholarly and popular literature. Although there is consensus concerning the factual evidence, scholars differ greatly on the interpretation of that evidence. The etymology of their names,1 their genealogy, consorts, children, and manifestations are all unsettled and debatable topics."

    "Viewing Inanna/Ishtar from a pattern of sexual orientation, one focuses on her sexual identity. She could be viewed as a beautiful goddess of love who rules the day and as a bearded god(dess) of war who rules the night.3 This apparent androgyny of Inanna/ Ishtar provided a powerful symbol of the ambiguities of pure sexuality, which is said to be reflected in her cult and in the transvestism of her cultic personnel"

    "The earliest epithet, NUN, may be related to NUN, the sign with which the god Enki and the city Eridu were written. Thus, instead of Inanna ‘the princely’, Inanna- NUN could be interpreted as Inanna of the city of Eridu. Such an interpretation would give some support to the genealogy of Inanna as daughter of the god Enki, or to an early diffusion of the worship of Inanna and her establishment outside Uruk. It may also relate to her stealing the me-principles from ‘her father’ Enki. The me-principles are the cultural norms that are the basis of Sumerian civilisation and comprise all aspects of human life, including the insignia of kingship as well as the proprieties of sexuality, and are particularly associated with Inanna (Glassner 1992). This epithet NUN also appears in the name of her archaic temple the É.NUN, possibly to be read agrun, ‘cella’. In general, the name é-agrun-na refers to the cella of a sanctuary and judging from the occurrences of the word in contexts dealing with night and resting, it was conceived as the bedchamber."

    Im Übrigen wechselten die "Ordnungen" und Interpretationen zwischen dem 4. und 3. Jhtsd., nach gängiger Interpretation durch die Veränderungen des Reiches, so dass hier keine Rückschlüsse aus jüngeren Funden getroffen werden sollten.

    Siehe Leick, The Babylonian World, Teil V: Religion, 2007.


    Vor dem Hintergrund dieser Dispute und der fehlenden Plausibilität von diesbezüglichen Querschlüssen zur kretisch-minoischen Kultur sollte man vielleicht auf solche verzichten?
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. September 2013
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  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wie sich die Diskussionen wiederholen...

    Hier ein Hinweis aus einer früheren Diskussion:

    Auch diese Diskussion hatten wir im Übrigen schon früher:
     
  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    und wir hatten dort auch eine plausible Antwort auf die Frage:
     
  7. Eckert

    Eckert Neues Mitglied

    @Chan, @Dieter, @weitere Teilnehmer: In #120 gab es einen guten Literaturhinweis zur Herkunft unbeschädigter Tonsiegel. Ich hatte in #133 dazu geschrieben, leider ohne Echo (heißt das: ohne Widerspruch?). Immerhin wurde Arthur Evans über kretische Siegelsteine auf die kretisch-minoische Kultur aufmerksam. Im Literaturhinweis #120 wird angenommen, die unbeschädigten Tonsiegel stammten von goldenen Siegelringen. Läßt sich das am Abdruck feststellen?
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zur Diskussion und den Fundorten siehe auch hier:
    http://www2.ulg.ac.be/archgrec/IMG/aegeum/Aegaeum5(pdf)/Weingarten.pdf
    (Weingarten 1990)

    Ob die metallurgischen Untersuchungen oder festgestellte Übereinstimmungen (siehe link von Chan) iVm mit "Verbreitungsketten" da weitergehende Schlüsse über Hierarchien erlauben, ist wohl offen. Immerhin scheint das als archäologisches Indiz gesehen zu werden, mit den am Schluss genannten vorsichtigen Einschränkungen.
     
  9. Eckert

    Eckert Neues Mitglied

    @silesia #148: Das ist ein interessanter Literaturhinweis, danke! Die Tonsiegel sind demnach zum Teil Flachsiegel, vermutlich zum Siegeln von Dokumenten, zum Teil Kordelsiegel zum Verplomben von Waren oder zum Siegeln von zusammengerollten Dokumenten. Rätselhaft für den Nichtarchäologen sind "jar stoppers", gleichfalls gesiegelt.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Überaus interessant, was du da aus den Tiefen des Internets gefischt hast.
    Wäre doch nur mein Englisch nicht so eingerostet! :weinen:
     
  12. Luziv

    Luziv Neues Mitglied

    Es lohnt sich wirklich, wenn ich das mal als extrem sprachfauler Mensch bemerken darf, sein Englisch zu reaktivieren. Zu vielen Themen gibt es doch oft nur englischsprachige Literatur in ausreichender Menge oder überhaupt etwas (mich beschäftigt z.B. gerade das Thema "Krieg" in der Bronzezeit, deutsche Darstellungen z.B. zur Frage, wie mittelbronzezeitliche Schwerter im Kampf funktionieren, habe ich nicht gefunden).
     
  13. Luziv

    Luziv Neues Mitglied

    Scheinbar kann man seine Posts nach einer bestimmten Zeit nicht mehr editieren?

    Daher neuer Post: ich habe mir mal die gelinkte Arbeit durchgelesen, bestimmte Teile habe ich auch nur überflogen: insgesamt sehr interessant und lesenswert, gibt mir einen ganz guten Überblick über den Diskussionsstand.

    Kurzer Auszug: Zerstörungen in den mykenischen Siedlungen gab es während des ganzen LBA, aber nach LHIIIB2 (um 1200 v. Chr.) wurden wesentliche zerstörte Paläste nicht wieder aufgebaut. Allerdings kam es nicht überall zur Zerstörung der Palaststrukturen. Allgemein ist ein Bevölkerungsschwund und ein Absinken des kulturellen und wirtschaftlichen Niveaus zu verzeichnen.

    Der Autor klappert die verschiedenen "Untergangstheorien" für das mykenische Griechenland, mit Verweisen auf allgemeine Untergangstheorien und andere Kollapse, z.B. der Maya, ab, wobei insbesondere Massenmigration und Angriffe von äußeren oder inneren "Barbaren" als Grund abgelehnt werden. Wahrscheinlicher erscheint eine Kombination aus Seuchen, internen dynastischen Streitigkeiten, sozialen Unruhen und Kriegen zwischen den Palästen. Für das Hethiterreich werden ähnliche Gründe angegeben. Die "Seevölker" erscheinen als eher traditionelles künstliches Konstrukt mit äußerst dubioser historischer Fundierung. Ob sie sich wesentlich aus Leuten aus Griechenland rekrutierten und es überhaupt zu Massenbewegungen kam, erscheint zweifelhaft. So gibt es in Teilen des Fundguts zwar Ähnlichkeiten in der Levante mit aus Griechenland stammenden Materialien, aber auch größere Unterschiede, was gegen eine Einwanderung aus der Region spricht, so daß die archäologischen Hinweise stark widersprüchlich sind. Insgesamt stimmt der Autor mit den neuesten Publikationen zu dem Thema "Niedergang Mykene" überein (Dickinson 2006, Bennett 2006, Hall 2007).

    Mich überzeugt das irgendwie nicht vollständig. Wir haben also ein ca. 200 Jahre lang relativ problemlos funktionierendes Palastsystem mit Streitwagenkriegern und weiten Handelsbeziehungen. Dann bricht das System binnen ca. 25 Jahren aus einer zufälligen Kombination von Einzelgründen zusammen. Aus den angeblichen inneren Kriegen geht kein Palast als Sieger hervor. Gleichzeitig bricht auch das hethitische Reich aus einer zufälligen Kombination vermutlich dergleichen Einzelgründe zusammen. Ähnliche Zusammenbrüche in der sonstigen Geschichte springen mir nicht in die Augen. Dergleichen gibt es an zahlreichen anderen Orten in dem Zeitraum Zerstörungen, z.B. Ugarit, wo man die Katastrophe relativ genau auch um 1190 datieren kann. Ca. 10 bis 15 Jahre später gibt es in Ägypten Abwehrschlachten gegen Leute, die mit Schiffen, Karren und Ochsen etc. gezeigt werden, aber nicht zu einer Massenmigration gehören (da solche Migrationserklärungen momentan irgendwie nicht modern sind) und mit Vorgängen sonstwo auch wenig zu tun haben.

    Als Fazit bleibt, vieles ist Spekulation und widersprüchlich und man sieht mal wieder deutlich, historische Erklärungen sind Moden unterworfen.
     
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  14. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Erstmal danke Luziv, dass du den Erkenntnisstand aus deiner Sicht und mit eigenen Worten zusammengefaßt hast.:winke:

    Dass historische Erklärungen Moden unterworfen sind, ist verständlich. Historiker und Geschichtsinteressierte leben heute und sind tagespolitischen Problemstellungen ausgesetzt. Trotz allen Bemühungen um Objektivität, wird man kaum vermeiden können, sich zu fragen, wie sich Klimaveränderungen in früheren Zeiten auswirkten.

    Trotzdem ist es richtig, solche Szenarien wie den "Seevölkersturm" immer wieder zu überprüfen und mit dem Stand der archäologischen Ergebnisse abzugleichen.

    Zur Zeit fasziniert mich die Bronzezeit mit ihren weiträumigen Austauschbeziehungen. Am Handelsnetz waren das minoische Kreta mit seiner Flotte und durch seine hervorragende Lage im östlichen Mittelmeer beteiligt. Genau wie Ugarit profitierte es vom Seehandel. Du hast in deinem Post Ugarit als gesichertes Beispiel einer Zerstörung genannt, Luziv. Ugarit ? Wikipedia
    Zumindest dort scheint die Zerstörung durch Feinde/Kampfhandlungen gesichert zu sein.
    Die Zeitstellung um 1200 BC für Ugaritzerstörung, Seevölkerangriffe, Verschwinden der Königssippe aus Hattuscha, geht mit dem Ende der Bronzezeit einher. Ich will Klimaveränderungen, Dürren und Hungersnöte nicht ausschließen, gerade weil ich erst kürzlich von den riesigen Kornspeichern in Hattuscha gelesen habe. Trotzdem denke ich immer mal wieder an Wirtschaftskrise beim Zusammenbruch des Handels am Ende der Bronzezeit. Klar ist das den tagespolitischen Problemen geschuldet, wir machen uns z.Zt nicht nur Gedanken über Klimaveränderungen.
     
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das hat auch nichts mit der Subjektivitäts-Objektivitätsproblematik zu tun, das ist einfach nur eine Veränderung der Fragestellungen durch einen Paradigmenwechsel im Jetzt.

    Woher stammt denn der Begriff der Seevölker? Ich dachte bisher immer, dass das ein Begriff wäre, den die Ägyptologie aus den Inschriften in Habu übernommen habe. Er wäre also insofern schon fundiert.

    Ohne, dass ich jetzt so verstanden werde möchte, das ich mich für irgendeine Hypothese stark machte, möchte ich darauf hinweisen, dass ökologische Katastrophen durchaus die Grundlage dafür sein können, das zunächst sesshafte Völkerschaften aufbrechen und marodierend dorthin ziehen, wo die ökologische Katastrophe entweder nicht statt gefunden hat oder wo man besser mit ihr umgehen konnte. Der Zug der Kimbern und Teutonen soll z.B. den antiken Schriftstellern zufolge auf eine Sturmflut in Jütland zurück gehen - ob das nun stimmt oder nicht, sei dahin gestellt.

    Mögliche Ereignisfolge:
    Ökologische Katastrophe :rechts: Missernte :rechts: Hunger :rechts: Zusammenbruch von Verwaltungsstrukturen :rechts: Verteilungskämpfe :rechts: Ausweichen des unterlegenen Bevölkeurngsteils
     
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Mich überzeugt das auch nicht restlos und das zusammengetragene Sammelsurium an Ursachen für den Untergang von Mykene scheint mir eher ein Produkt der Hilflosigkeit zu sein.

    Wenn man die letzten Jahrzehnte überblickt, so gab es bei dieser Thematik modisch wechselnde Hypothesen, die eine gewisse Zeit ihren Platz behaupteten und dann anderen wichen. Ursprünglich vermutete die Forschung den Einbruch barbarischer Scharen aus dem Balkan, die die erheblichen Zerstörungen in Griechenland angerichtet hätten, denen nahezu alle mykenischen Paläste zum Opfer fielen. Dagegen haben andere eingewandt, dass es keine materiellen Spuren einer solchen Invasion von Norden gäbe. Später folgte die Hypothese eines Bürgerkriegs, d.h. ein Aufstand der unterdrückten Bevölkerung, hinter dem einige sogar schon die Dorier vermuteten, die allerdings erst einige Zeit nach dem Untergang Mykenes archäologisch fassbar werden. Sodann wurden Wirtschaftskrisen, Systemzusammenbruch und Seuchen in die Waagschale geworfen und inzwischen bringen einige das Argument der "ökologischen Katastrophe": stets wohlfeil, wenn man nicht weiter weiß.

    Der schon von dir zitierte britische Historiker Oliver Dickinson glaubt nicht an Naturkatastrophen im weitesten Sinn, wie Erdbeben, dürrebedingter Hunger oder Krankheit. Schon gar nicht glaubt er an einen Klimawandel. Sein Fazit dazu: "Diese Theorie, wie auch die einer abnormen Änderung des Klimas ... wird nicht vom Siedlungsmuster der Zeit nach dem Zusammenbruch gestützt." (Oliver Dickinson, Eine Welt bricht zusammen. Der Untergang der mykenischen Paläste, in: Zeit der Helden. Die "dunklen Jahrhunderte" Griechenlands 1200 - 700 v. Chr., Darmstadt 2008, S. 48 ff.)

    Zum Schluss seiner Betrachtungen kommt auch Dickinson - wie kann es anders sein - zu dem Egebnis, dass der Untergang der mykenischen Kultur auf ein komplexes Bündel von Ursachen zurückzuführen ist. Er sagt dazu:
    Das finde ich eine ehrliche Argumentation, die frei bekennt, dass es nicht gänzlich erklärbare Ursachen gibt. Dennoch halte ich das Fazit für recht plausibel und es fügt sich in eine multiperspektivische und mehrdimensionakle Betrachtungsweise ein.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Dezember 2013
  17. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Vorab, die letzten Beiträge würden besser in den Seevölkerthread passen, egal, Kreta gehört auch dazu.


    In Medinet Habu heißt es wohl Fremdvölker oder so ähnlich, bin kein Ägyptenkenner. Für mich scheint die Bezeichnung Seevölkersturm aus der gleichen Zeit zu stammen wie Völkerwanderung, also spätes 19. Jhd.

    Geben wir doch deiner Ereignisfolge ein bißchen Farbe und Substanz, ist dann jedenfalls anschaulicher als Lexikonsequenzen wie "Die Ursachen sind unklar und umstritten und wahrscheinlich multikausal"

    Ökologische Katastrophe - es regnet zu wenig / zur falschen Zeit,
    :rechts:Missernte - in Gebieten mit Regenfeldbau (Anatolien, Griechenland, Kreta u.a.) vertrocknet das Getreide.
    :rechts: Hunger - der Bauern und Abgaben-Zahlungsunfähigkeit an die Eliten
    :rechts: Zusammenbruch von Verwaltungsstrukturen, - da Söldner und Verwalter nicht mehr bezahlt werden können (zu wenig Korn im Speicher) Handel kommt zum Erliegen, da Korn als Zahlungsmittel entfällt
    :rechts: Verteilungskämpfe, - Bauern plündern die Reste im Kornspeicher und Sonstiges, Söldner bedienen sich an den zu bewachenden Tauschgütern
    :rechts: Ausweichen des unterlegenen Bevölkeurngsteils,- wer kein Korn erobert hat für die nächste Aussaat, muß woanders hin / seine Lebensgrundlage ändern.

    Selbst Gebiete, die von der ursächlichen Dürre nicht betroffen waren, wie Mitteleuropa oder die Bewässerungskulturen am Nil und in Mesopotamien sind mittelbar betroffen, weil sie keine Abnehmer mehr für ihre Tauschwaren haben und so geht die Bronzezeit zu Ende.
     
  18. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    Ich wäre auch dafür ab Post #153 die dem „Seevölkerthread“ anzufügen.
    @Invasionstheorien:
    Wenn man Heathers Buch (Empires and Barbarians / Invasion der Barbaren) liest, weist er ständig auf einen aus seiner Sicht gerade „modernen Trend“ der Archäologen hin, Invasionen und vor allem Migrationen als Begründung für archäologische Befunde weitgehend außen vor zu lassen. In bewusster Abkehrreaktion auf die überholten Invasionshypothesen des 19.Jhts. werde gerade von Archäologen inzwischen meist auf „jede andere Ursache“ lieber verwiesen als auf Migration
    http://www.oxfordreference.com/view/10.1093/oi/authority.20110803100009506

    [FONT=&quot]
    [/FONT] Inzwischen wird nicht nur die Zerstörung von Ugarit durch Kriegshandlungen durchaus bestritten. Es sei am archäologischen Befund durchaus auffällig, dass die Stadt unter einer Brandschicht liege und anschließend nicht mehr besiedelt wurde. Aber es fänden sich archäologisch keine Spuren direkter Kampfhandlungen (Tote, Waffen…). Bei Hattuscha wird teils ähnliches behauptet: Demnach sei die administrative Infrastruktur gezielt zerstört worden… wieder Übereinstimmende Äußerungen zu vielen mykenischen Palästen. Das weise nicht auf eine Eroberung hin, sondern auf einen Zusammenbruch der Gesellschaft. Ähnlich wie beim Ende der klassischen Maya-Periode, deren Ende nach einer Theorie durch Zerrüttung der Eliten im Gefolge der „Sternenkriege“ in einem Systemkollaps eingetreten sei.

    http://web.archive.org/web/20080201...r.de/ndrtv_pages_std/0,3147,OID793274,00.html
    http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/dokumentationen/4781
    Es gibt dazu scheinbar einen (mir nicht bekannten) Thread hier im Forum
    http://www.geschichtsforum.de/f15/die-maya-sternenkriege-und-blutopfer-6535/

    Einen solchen Ansatz für das Ende der Bronzezeit wird auch im Buch "Die Phönizier - Handelsherren zwischen Orient und Okzident skizziert
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Dezember 2013
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich habe Heathers Buch hier stehen und kann seinen Einwand sehr gut nachvollziehen. Zur Zeit ist beim ungeklärten Zusammenbruch von Reichen die "öokologische Katastrophe" Trumpf, während zuvor nahezu ausschließlich Invasionen das Wort geredet wurde. Das eine Extrem ist ebenso falsch wie das andere und in einigen Jahren wird sich das in der Mitte einpendeln.

    Ich habe oben schon den britischen Historiker Oliver Dickinson zitiert, dessen Buch The Aegean Bronze Age große Zustimmung fand. Er ist der Ansicht, dass bei Zusammenbrüchen wie sie Mykene, das Hethiterreich oder das minoische Kreta betrafen. ein Bündel von Ursachen ins Auge gefasst werden muss und sich jede monokausale Erklärung verbietet. Zwischenstaatliche Streitigkeiten, bürgerkriegsähnliche Unruhen, Missernten oder Erdbeben könnten eine Eigendynamik entwickelt haben, die schließlich nicht mehr steuerbar war und aus dem Ruder lief. Eine so genannte "Hauptursache" lässt sich heute - im Abstand von einigen Jahrtausenden - nicht mehr ausmachen.

    Was Kreta angeht, so stand jahrzehntelang der Vulkanausbruch auf Santorin/Thera im Vordergrund, der angeblich den Untergang der minoischen Palastkultur bewirkt hätte. Das steht heute nicht mehr im Zentrum. Vor allem, weil die minoische Kultur noch mindestens ein Jahrhundert nach dem Vulkanausbruch weiterblühte. Daher werden heute eher Unruhen, Bürgerkrieg, Erdbeben und Streitigkeiten zwischen kretischen Fürstentümern angenommen, die man anhand der verschiedenen Palastzentren postuliert. Was nun aber die entscheidende Ursache war - oder aber alles zusammen - bleibt offen und strittig.

    Ähnliches gilt auch für Mykene, dessen plötzlicher Zuasmmenbruch nach einer großen Blüte unerklärlich scheint. Hier wird allerdings oft vergessen, dass es noch eine submykenische Periode gab, in der die mykenische Kultur - wenn auch geschwächt - noch für etwa 150 Jahre bis 1080 v. Chr. weiterblühte. Erst danach begannen die schriftlosen "Dark Ages" mit wenigen und künstlerisch dürftigen archäologischen Überresten.
     
  20. Luziv

    Luziv Neues Mitglied

    Wenn ich das richtig verstanden habe, taucht der Begriff das erste Mal auf der großen Karnak-Inschrift auf, wo eine Schlacht des Pharao Merneptah ca. im Jahr 1207 gegen landnehmende Invasoren behandelt wird. Ein Teil kam aus Lybien, genannt werden aber auch mehrere Völker (z.B. Sherden, Ekwesch, Shekelesch) "von den fremden Ländern der See".
     

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