Vergleich der Bauweisen verschiedener Epochen

Dieses Thema im Forum "Kunstgeschichte" wurde erstellt von Caro1, 16. April 2009.

  1. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Thema: Bauweisen der verschieden Epochen und Kunstrichtungen

    Was mich zum Vergleich interessieren würde, sind Entwürfe oder Zeichnungen von Alltagsbauten sprich normalen Wohnhäusern. Die Prachtbauten kennen wir, einige sind ja durchaus noch mehr oder weniger gut erhalten, aber wie wohnte oder vegitierte Otto-Normalverbraucher? Wie sahen z.B. die kleinen Bauernhöfe im Vergleich zu großen Gehöften aus und wie lebte es sich darin Sommers wie Winters? Oder die kleinen Stadthäuser, sprich "Reihenhäuser" früherer Zeiten ...
    Welche Vor- und Nachteile hatten frühere Bauweisen/Techniken gegenüber unseren heutigen? Viele historische Gebäude waren feucht und zugig, aber musste es so sein? Lag es an mangelnder Technik/Ausführung, oder entschied der Geldbeutel darüber?

    Zum Einlesen in das Thema und als Anschauungsobjekt der angeblich originalgertreue Nachbau einer Holzburg die 1392 in Brand gesetzt wurde. Die Bachritterburg war auch als "Kanzacher Motte" bekannt, wobei "Motte" einen bestimmte Bauweise bezeichnet.
    http://www.bachritterburg.de/
    Mehr zur "Motte" unter http://de.wikipedia.org/wiki/Motte_(Burg)

    Und ein Online-Buch "Aus der Geschichte der Bautechnik", mit Zeichnungen historischer Bauwerkzeuge findet sich unter http://books.google.de/books?id=Jxz...a=X&oi=book_result&ct=result&resnum=9#PPT4,M1

    Man sieht also, dass nicht alle Holzburgen um 1000 oder 1100 automatisch durch Steinburgen ersetzt wurden. Handelte es sich dabei um rein finanzielle Erwägungen, weil Holz in dieser Menge sicher günstiger in der Anschaffung war, als große Felsen oder Steine, um eine Burg zu errichten? Oder ging es bei der Entscheidung der Baumaterialien auch bereits um bauphysikalische Erwägungen, also die Vorteile des Holzes mit seinen spezifischen Eigenschaften gegenüber dem Stein?
    Was meint ihr?
    Kennt Ihr Zeichnungen, Entwürfe, Bilder alter Bauanlagen, vor allem von Wohnhäusern, auch Bauerhhöfen und Gehöften, die wir für unsere Überlegungen verwenden könnten?

    Eine andere Frage lautet: Seit wann wurden auch kleinere Höfe aus Stein oder mit Ziegeln gebaut?
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2009
  2. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Grüezi Caro

    Von einer Entwicklung vom „Holzbau“ zum „Steinbau“ kann man sicher nicht sprechen. Dazu sind die Bauweisen zu verschieden und die Materialen eng gefasst. Im Holzbau müsste man die verschiedene Konstruktionen separat betrachten. Und im Steinbau zwischen den verschiedenen Naturstein-Bauweisen und den Ziegel/Backsteinbauten unterscheide.

    Generell gibt es nur äusserst selten reine Holz- oder Steinbauten; überwiegend sind es Mischformen: Fundament aus Stein, Dach, Decken, Fenster usw. aus Holz...

    In meiner Region ist der Holzbau bis heute vorherrschend, obwohl Holz wie Stein in grossen Mengen verfügbar sind. Welche Bauweise angewendet wird, hat meist wohl eher technische Gründe. Mit Steinen/Ziegeln kann man sehr gut scheibenförmige Bauteile (z.B. Wände) fertigen. Mit Holz stabförmige Bauteile (z.B. Balken/Sparren) und in gewissem Mass auch flächige (z.B. Bohlen/Bretter). Stein kann bloss auf Druck belastet werden, Holz auf Zug und Druck. Somit ergibt sich für jedes Bauvorhaben die geeignetste Bauweise.

    Es gibt natürlich auch kulturelle Gründe, welche Bauweise bevorzugt wird. Repräsentative Bauten werden bei uns vorwiegend aus Stein gebaut. Oder zumindest wird der Holzbau „steinfarbig“ angemalt, so dass der entsprechende Eindruck entsteht.

    Und so weiter…


    Gruss Pelzer


    .
     
  3. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Nun ja, gerade auch die regionalen Entwicklungen sind interessant, eben durch Mischformen. Der Fachwerkbau, mit dem "Holzrahmen" und den "Gefachen"(?), die aus Lehm oder Ziegel waren.

    Im Alpenland gab es sehr lange noch Bauernhäuser, die ganz aus Holz waren, neben denen, deren Unter- und Erdgeschoß aus Felsteinen oder Ziegel waren und das Dachgeschoß quasi als Fachwerk mit Holzverschalung.

    Ich frage mich halt, welche Gründe zu diesen (und genau diesen!) Mischformen führten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2009
  4. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Grüezi Caro

    Wenn da das Alpenland ansprichst, kann ichs schon sagen. Die übliche Bauweise war folgende; fangen wir unten an. Fundamente gab es in der Regel keine, der Bau steht bloss auf einer Lage Lesesteine. Die Kellerwände sind entweder aus einem Trockenmauerwerk oder aus Lesesteinen/Bachgeröll mit Kalkmörtel gemauert. Der Kellerboden ist oft (bis heute) aus Stampflehm. Bei den Kellergeschossen kann man sagen, je älter, je niedriger. Und auch bloss teilweise Unterkellerungen sind nicht selten, kommt halt auf die Topografie an.

    Über dem Kellermauerwerk beginnt der hölzerne Aufbau der Wohngeschosse. Bis ins 18./19. Jahrhundert meist ein Blockbau aus Fichte/Tanne. Bei etwas wohlhabenderen Leuten bestehen die Grundschwellen aus Eiche, ganz selten aus Buche. Beim Blockbau übernimmt die primäre Tragkonstruktion auch gleich alle anderen Wandfunktionen, wie Statik, Schutz, Abschluss, Ästhetik usw. Nachteilig ist beim Blockbau der enorm hohe Holzverbrauch und das Schwinden (Setzen) der quer zur Faserrichtung verbauten Hölzer. Dies führte dann auch später zu moderneren Konstruktionen, wo die Statik und die Wandbekleidung getrennt wurden. Zudem bestimmt beim Blockbau die Länge des Bauholzes die Grösse des Hauses. Und Wandöffnungen schwächen die ganze Konstruktion, dem versuchte man mit speziellen Konstruktionen zu begegnen. Ähnliche Probleme entstehen im Giebeldreieck, auch das ist konstruktionsbedingt instabil. Zangen und Hexenkreuze bringen hier „Linderung“.

    Das Dach (Satteldach) wurde einst mit Brettern (Schwärtlingen, Schindeln) gedeckt. Damit der Sturm diese nicht fortriss, wurden sie mit Steinen beschwert. Und damit die Steine nicht vom Dach rollten(!), war bloss eine geringe Dachneigung von etwa 20° möglich.
    Also ganz anders als bei den Schilfdächern, wo zur Entwässerung eine möglichst grosse Dachneigungen nötig war. Und damit der Wind auf der freiliegenden Giebelseite nicht das Dach abdecken konnte, baute man Walm- oder zumindest Krüppelwalmdächer (z.B. Schwarzwaldhof).

    Und so weiter… :grübel:

    Gruss Pelzer

    .
     
  5. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Stimmt, den gestampften Lehm-/Boden (den es auch gab) hatte ich ganz vergessen. Danke!

    Weisst Du wann die ersten frostsicheren Fundamente zum Einsatz kamen? Ich nehme an, dabei handelte es sich um Punktfundamente?

    *Nachtrag* Wobei die Keller mit Stampf,- vor allem Lehmboden tatsächlich für die Lagerung von Kartoffeln (jaa, kamen später ...) und Feldfrüchten, Obst etc. besser geeignet waren, als unsere heutigen. Mancherorts gab es deshalb sogar richtiggehende, ausgelagerte Erdkeller ...
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2009
  6. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2009
  7. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Reine Lehmhäuser eigenen sich im feuchten Nordeuropa nicht. Der Lehm wird nie richtig trocken und nach jedem Regen wieder nass. Und Lehmbauten erfordern dauernde Instandhaltung. Das sieht man gut in Westafrika. Nach jeder Regenzeit müssen die Bauten neu mit Lehm bestrichen werden. Deshalb das rundliche Aussehen der Häuser. Und darum werden die Gerüst Balken in der Fassade gleicht stehen gelassen; braucht man ja nächstes Jahr sowieso wieder...
    Lehm wurde eher als Ausfachung von Fachwerkbauten verwendet. Da hat er keine tragende Funktion und dient bloss als "Verputz".

    Die Lehmziegel wurden schon früh von gebrannten Ziegeln verdrängt.

    Stampflehm-Böden sind bei uns noch vielerorts an zu treffen. Leider sind aber auch sie akut gefährdet...


    Gruss Pelzer

    .
     
  8. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Im 19. Jahrhundert kam es in Nebraska zu den ersten neueren Srohballenbauten. Mich würde interessieren, ob das eine neue Technik ist/war, oder es sich hier um ein Wiederaufleben historischer Bauweisen in ökologischer Nische handelt ... :grübel:

    Mehr zum aktuellen Strohballenbau unter http://www.fasba.de/

    @pelzer
    reiner Lehm wäre auch zu weich. Andererseits bietet Lehm Schutz vor Feuchtigkeit von aussen, kann allerdings Restfeuchte in heissen und trockenen Monaten wieder abgeben, reguliert also die Raumfeuchte. Nur bei zuviel Feuchtigkeit, extrem Monsunregen, geht er natürlich in die Knie.

    Ich habe mal gelesen, dass in früheren Zeiten bisweilen Ritzen in Holzblockhäusern mit Lehm ausgestrichen wurden. Meist wurden sie jedoch mit Flachs-, Baumwoll- oder Wollsträngen gestopft.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2009
  9. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    ... bei uns wurde dazu meist Moos verwendet.

    Die Ritzen (und vor allem die Astlöcher) mussten auch geschlossen werden, weil da sonst die "bösen Geister" herein kämen...

    Im Bereich der Feuerstelle wurden die Blockwände gerne mit Lehm bestrichen. Und wegen des Ungeziefers manchmal auch gekalkt.


    Gruss Pelzer

    .
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Mischformen sind grundsätzlich nicht leicht zu erklären. Mir ist das einmal in einem anderen Zusammenhang untergekommen. Ich war auf einer Studienreise in Niederschlesien an der Neiße (auf Seite der BRD), wo sich eine bestimmte Art von Fachwerkbauten etabliert hatte. In diesen ist ein Teil des Erdgeschosses aus Holz, während der Rest aus Fachwerk gearbeitet ist. Der obere Teil dieser "Umgebindehäuser" ruht auf Stützen. Der direkte Zusammenhang mit dem Webstuhl im Erdgeschoss als Ursprung dieser Bauweise habe sich aber, nach der Aussage von Fachleuten damals, nicht 100% belegen lassen.

    Umgebinde der oberlausitzer Baustil Umgebindehuser im Erholungsort und Denkmalort im Herzen der Oberlausitz - Umgebindehuser
     
  11. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Grüezi Brissotin

    Das Umgebindehaus ist schon eine ganz eigenartige Konstruktion. Die Stube in Blockbau und darübergestülpt ein Fachwerkbau mit aussenliegenden Pfosten. So richtig Sinn ergibt die Konstruktion nicht. Aus technischer Sicht ist die Konstruktion jedenfalls unnötig aufwendig... :grübel:


    Gruss Pelzer


    .
     
  12. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Kommt darauf an. Es handelte sich dabei ja meist um das Dachgeschoß mit Giebel. Es wird aufwendiger gewesen sein, die Holzstämme/Balken entsprechend zu kürzen oder zu beschneiden, als die Gefache im Giebenbereich mit anderen Materialien auszufüllen. Das war natürlich abhängig von der Stockhöhe ... :grübel:
     
  13. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

  14. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Nachtrag:
    Nicht unwichtig bezüglich der Statik ist das Eigengewicht der Materialien. Der Umgebindegiebel könnte leichter gewesen sein ...

    Zumal es einfacher war Ziegel oder Steine aufs Dachgeschoß zu bringen, als schwere, lange Holzbalken ...
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2009
  15. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Wenn ich das richtig verstanden habe, befindet sich hier eine "Blockstube" innerhalb der Umgebindekonstruktion, ist also von dieser umschlossen. Das hatte den Vorteil, dass die Blockstube (Wohnstube?) wärmer war, als das übrige Gebäude. Man könnte es ansatzweise mit der Vorsatzschale vergleichen. Das hätte auch zu weniger Heizkosten und Aufwand in der Blockstube geführt, bzw. eine offene Heizung/Kamin womöglich unnötig gemacht. In der Küche gab es ja fie feuerstellen, die Schlafstuben waren meist unbeheizt, oder hatten Lüftungsöffnungen zum anliegenden Stall, womit man die Abwärme genutzt hat... :grübel:
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2009
  16. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Die Blockstube ist von den (das Obergeschoss tragenden) Pfosten umgeben. Diese Pfosten werden sich wohl kaum auf die Heizkosten auswirken! Technisch ergibt diese Konstruktion eigentlich wenig Sinn, und die Blockstube könnte das Gewicht des Obergeschosses sehr wohl tragen...


    Gruss Pelzer


    .
     
  17. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Jein. Die Blockstube befindet sich wie ein Kästchen innerhalb der Außenkonstruktion, die darübergestülpt ist, also eine Art Außenmantel, wenn ich mir die Konstruktionszeichnungen betrachte. Es handelt sich nicht nur um äussere Pfosten, die den Giebel tragen, und ansonsten keinen Wert haben, sondern es gibt eine Dämmung bzw. Füllung zwischen den äusseren Pfosten, die mit der inneren Blockstube nichts zu tun haben.
    Aber vielleicht hab ich das mißverstanden ...
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2009
  18. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Die Blockstube wird bloss von einem Stützgerüst umgeben, also nicht von einer Wand. Dieses Stützgerüst trägt dann die oberen Geschosse. Auf dem Link vom Brissotin siehst du das recht gut (wenn auch in Briefmarkengrossen Bildchen!).


    Gruss Pelzer

    .
     
  19. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Du meinst hier? :grübel:
    Umgebinde der oberlausitzer Baustil Umgebindehuser im Erholungsort und Denkmalort im Herzen der Oberlausitz - Umgebindehuser
    Sorry, aber ich seh hier keine einzelnen und einzelstehenden Pfosten, die den Giebel tragen ... :cry:Aber ich bin ja auch kurzsichtig ...
     
  20. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    In einer Datei/Buch zur Holzbausanierung findet sich eine interessante Passage zum Umgebindebau Holzbausanierung: Grundlagen und ... - Google Buchsuche

    Das macht mich ganz konfus. Heißt das, das Umgebinde konnte sich auch nur auf eine Haus bzw. Wandseite beziehen? :grübel:

    @pelzer
    Wenn dem so ist, wie hier in den Zeichnungen gezeigt, sich also nur an einer Seite so eine Art Laubengang entwicklete, würde das bedeuten, das manche Pfosten einzeln standen, wie Du gesagt hast, andere Posten/Umgebinde jedoch eine Füllung hatten und damit die inliegende Stube schützen. Oder?
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2009

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