wie verhält sich das jüdische Patriarchat zum Amt des Hohepriesters?

Dieses Thema im Forum "Judentum | Israel | Naher Osten" wurde erstellt von Theophilus, 29. April 2019.

  1. Theophilus

    Theophilus Neues Mitglied

    Moin, kann mir jemand sagen, wie sich der Hohepriester Kaiphas und Gamaliel I zueinander verhielten?
    Nach Patriarchat (jüdisch) – Wikipedia waren die jüdischen Patriarchen Vorsitzende des Sanhedrins - allerdings ist der Artikel widersprüchlich, da die Beschreibung das Jahr nach 70 betrifft, die Aufzählung der Patriarchen jedoch bereits mit Hillel 30v beginnt.
    So weit ich weiß, oblag die Leitung des Sanhedrins dem amtierenden Hohepriester. Wie also haben die beiden vor der Zerstörung des Tempels zusammengearbeitet? Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: vergleichbar mit Bundespräsident und Bundeskanzler - aber stimmt die Vermutung?
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  3. Theophilus

    Theophilus Neues Mitglied

    leider nein.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich schau mal wg kurzer Zusammenfassung.
     
  5. Theophilus

    Theophilus Neues Mitglied

    Danke! oder vielleicht kannst du mir einen Scan schicken?
     
  6. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Laut Franz E. Meyer führte der amtierende Hohepriester im Sanhedrin den Vorsitz. "Wenn er nicht anwesend ist, leitet der Av Beth Din - auf deutsch: Vorsitzender - die Sitzung. Nach der Zerstörung des Tempels wird die Stelle des Hohenpriesters vom Nassi - auf deutsch: Präsident - eingenommen."
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hier ein Auszug aus der Publikation oben:

    "...Zweitens muB eine kleine philologische Vorerörterung eingeschaltet werden: Synhedrion bedeutet: Sitzung (in einer im Deutschen schwer wiederzugebenden Nuance: Zusammen-Sitzung). Im literarischen Gebrauch vermittelt das Wort den Begriff jeder Zusammenkunft Mehrerer, zu verschiedensten Zwecken: Besprechung, Beratung, Beschlußfassung, Urteilsfallung. Die neutestamentliche Literatur kennt neben dieser wenig präzisen Bedeutung (einer sozialen Konstellation) auch durch Josephus, den Zeitgenossen, unterstützt, den Terminus Synhedrion auch als Übersetzung des hebraischen Mitgliederzahl, geregeltem Vorsitz, festem Versammlungsort (Quader-Halle) — ohne daß allerdings die neuzeitliche Gewaltenteilung vorausgesetzt werden darf. Nach der Zerstörung des Tempels wird das Beth Din ha-Gadol mit dem aramaischen Lehnwort Sanhedrin bezeichnet. Im Hebraischen ist die Übersetzung von Synhedrion: Jeschiwah — mit der gleichen Doppelbedeutung. In jeder hebraischen Tagezeitung ist von der 'Jeschiwat Hamemschalah' zu lesen (der Sitzung der Regierung an jedem Sonntag) und ebenso ist Jeschiwah die Bezeichnung einer Talmud-Hochschule als padagogischer Institution. Manche Redewendungen lassen sich nur aus dem weiteren Zusammenhang erfassen: z.B. Sie trafen sich an der StraBen-Ecke und gingen in die Jeschiwah. (Das kann sein: in die Sitzung oder in die Schul-Anstalt.) Dieser Tatbestand der Doppelbedeutung des Wortes ' Synhedrion' liegt im Neuen Testament vor.
    ...
    Das zweite oben genannte Gremium ist das Sanhedrin, das Beth Din ha-Gadol, in dem der amtierende Hohepriester den Vorsitz führt. Wenn er nicht anwesend ist, leitet der Av Beth Din - auf deutsch: Vorsitzender - die Sitzung. Nach der Zerstörung des Tempels wird die Stelle des Hohenpriesters vom Nassi — auf deutsch: Präsident — eingenommen. In diesem aus den historischen Reminiszenzen des Talmud, sowie aus Josephus bekannten obersten Gremium des jüdischen Tempelstaates, das sich mit Ketzereiprozessen ebenso wie mit Kalenderfragen, mit der Auswahl und Bestätigung der Priesterschaft ebenso wie mit Fragen des Kultes und Ritus zu befassen hatte, rangen die in grundsatzlichen Fragen sehr verschieden eingestellten Parteien der Sadduzäer und Pharisäer um den entscheidenden Einfluß. Die Sadduzäer hatten die faktische Machtstellung der Hohenpriester und der von diesen abhängigen Schichten, die Pharisäer die breiten Massen des Volkes auf ihrer Seite."
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei Nasi als 'Präsident' zwar irgendwie zutreffend ist, aber doch eine eher Neuhebräische Wortdeutung (in der Tat ist Herr Rivlin Nasi Medinat Jisraʾel bzw. kürzer Nasi ha-Medina. In historischen Kontexten ist 'Fürst' ein treffenderer Begriff, beim Sanhedrin vielleicht Vorsitzender. Das mag alles Wortklauberei sei, aber ich finde 'Präsident' als Begriff für einen antiken Körperschaftsvorsitzenden irgendwie anachronistisch.
     
  9. Theophilus

    Theophilus Neues Mitglied

    Habe mich jetzt etwas in die Sache eingelesen: Martin Jacobs: Die Institution des jüdischen Patriarchen. Eine quellen- und traditionskritische Studie zur Geschichte der Juden in der Spätantike. Mohr, Tübingen 1995, ISBN 3-16-146503-2 (Texte und Studien zum antiken Judentum 52),
    Aufgrund der dort erworbenen Weisheit den Artikel "Patriarchat (jüdisch) bei Wikipedia überarbeitet:

    "Der Beginn des Amtes ist in der Forschung umstritten. Die traditionelle Sichtweise geht davon aus, dass es den nasi (Patriarchen) bereits vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. gegeben hat und er in der Zeit danach für religiöse Kontinuität sorgte. Hierfür sprechen einige rabbinische Schriftstellen, in denen dieser Titel auf Hillel und die Zugot angewandt wird. Die neuere Forschung geht hingegen davon aus, dass diese Belege redaktioneller Natur sind und die spätere rabbinische Sicht in die Vergangenheit projizieren. Die Bezeichnung Hillels als nasi ist vielmehr als Ehrentitel anzusehen, das Amt des Patriarchen gibt es erst im zweiten Jahrhundert."

    Jacobs weist darauf hin, dass es keine Belege dafür gibt, dass der Nasi Präsident des Sanhedrins gewesen wäre - vielmehr sei er als oberste halachische Autorität anzusehen.
     

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