Wie war das nun mit dem Lesen in der Antike?

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Altertum" wurde erstellt von Schreiberrr, 6. März 2016.

  1. Fühlt euch gegrüßt liebe Leser,

    ich bin bei einem Thema zunehmend etwas in der Schwebe, sozusagen "gespalten".
    Es geht um die Frage, wie viel und was die Menschen der Antike lesen konnten.

    Nun wird man zurecht einwenden, dass der Antike ein extrem langer Zeitraum ist, der sich von den Anfängen der menschlichen Zivilisation (mit dem Marker der Schriftlichkeit) bis zum leider unklar definierten Beginn des Mittelalters zieht und dabei im Grunde ganz Eurasien und Afrika meint, seltener spricht man auch in Amerika, Australien und Ozeanien von einer "Antike". Mit ist schon bewusst, dass die Verhältnisse sich in diesen enormen Zeiträumen und in unterschiedlichen Regionen extrem unterschieden haben werden. Doch hilft mir das bei der Beantwortung der Frage nicht weiter.

    Nehmen wir als Beispiel das alte Ägypten. Hier gibt es zwei verschiedene Argumentationen:
    - Die einen verweisen auf das Mittelalter und den hohen Grad an Analphabetismus und darauf, wie angesehen und elitär der Beruf des Schreibers damals war. Deshalb, so sagen diese Leute, konnten im alten Ägypten nur wenige Leute lesen und schreiben, zu denen nicht einmal die lokalen Herrscher zwangsläufig gehörten.
    - Dann argumentieren andere Leute damit, dass Pharaonen und Priester sich sehr viel mühe damit gemacht haben, Stelen und Tempelwände zu beschriften, um dort von ihren großen Taten im Krieg, ihrer weisen Regentschaft oder ihrer Verbundenheit mit dem Göttlichen zu reden. Das war ein enormer Aufwand an Material, menschlicher Arbeitskraft und Verwaltung, von den künstlerischen und intellektuellen Aufwand sich die Texte auszudenken mal ganz zu schweigen.
    Wieso, so sagen diese Leute, sollten Pharaonen solche Artefakte im ganzen Land aufstellen, wenn doch sowieso nur eine winzige Minderheit lesen und schreiben kann?
    Es muss offenbar eine große Bevölkerungsgruppe mit zumindest rudimentären Schreibkenntnissen gegeben haben, an die diese Propaganda adressiert war.

    Jetzt habe ich in diesem Zusammenhang von verschiedenen Personen andere Meinungen gelesen/gehört. Beispielsweise soll in nicht oder nur schwach ausgeprägten Schriftkulturen ein "mystisches" Verhältnis zur Schrift bestanden haben. Die Untertanen verstanden demnach zwar nicht, worüber die Stele spricht, doch die Schrift wurde sozusagen zum Kultobjekt.
    Die Bilder dienten demnach nicht dazu, den Text zu illustrieren, wie wir das heute in Bilderbüchern und Comics (oder auch z. B. medizinischen Fachbüchern) vorfinden, sondern ersetzen die Schrift für die, die nicht lesen konnten, vollständig. Etwa wie die Glasfenster und Plastiken in einer mittelalterlichen Kirche den leseunkundigen Publikum die Geschichten des Neuen u. Alten Testamentes erklären.
    Wir kennen die Praxis aus vielen heutigen Religionen, dass die Geistlichen den Gläubigen aus den heiligen Texten vorlesen und diese für sie auslegen.
    Sowas ähnliches wäre mir aber für das antike Ägypten nicht bekannt.

    Allgemein soll es für dem Buchdruck Praxis gewesen sein, dass Texte nicht still vor sich hingelesen wurden, wie wir das heute tun, sondern sie wurden laut vor einem Publikum vorgelesen. Der Name "Vorlesung" in den Unis dieser Welt leitet sich bis heute davon ab.
    Allerdings ist mir von der Antike bekannt, dass es berühmte Schreiber gab, nach deren Abschriften auch Nachfrage bestand und die uns namentlich bekannt sind, aber von berühmten Lesern, die in feiner Gesellschaft Gedichte oder Historien vorlasen, scheint es nicht zu geben; allerdings sollen im Römischen Theater bisweilen auch platonische Dialoge vorgelesen worden sein.

    Nun ist es von den Römern der Kaiserzeit auch gesagt worden, das Lesen und Schreiben bis in die Mittelschicht verbreitet war. Dafür würden Grabinschriften usw. sprechen.

    Wie sah es also mit dem Lesen und Schreiben in der Antike aus, wie muss man sich das vorstellen?

    P.S.: Ihr solltet eure Sicherheitsfrage vielleicht mal untersuchen...
    P.P.S.: Entschuldigt, wenn die Frage bereits gestellt wurde.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Zwischen A) geringe Alphabetisierung in der Bevölkerung und B) Aufwand für Propagandadarstellungen besteht kein unbedingter Widerspruch. Ein großer Teil der Darstellungen ist auch ohne Lesekenntnis verständlich. Sicher werden Priester und Schreiber auch die Darstellungen anhand der Texte ausgedeutet haben, wie das ja auch in christlichen, islamischen und jüdischen Gottesdiensten der Fall ist.
    Analog schau dir die römischen Goldmünzen an: Das waren keine Kurrentmünzen mit großem Umlauf, die gingen, besonders in der Kaiserzeit, zum Teil lediglich an den illustren Kreis der Senatoren. Trotzdem verwandte man Mühen in ihre Herstellung.

    Wobei nicht jedes Kirchenfresko Teil einer Biblia Pauperum ist.

    Ja, das scheint so gewesen zu sein, Augustinus berichtet beispielsweise erstaunt, dass Ambrosius von Mailand still las. Das war man nicht gewohnt.

    Pauschal kann man das nicht sagen. Der Ostrakismus erforderte eine alphabetisierte Gesellschaft. Wir wissen von Papyri, Graffiti oder den Vindolanda Tablets, dass auch in der römischen Zeit der Alphabetisierungsgrad einigermaßen hoch war, wobei nur die wirklich gebildeten Römer das klassische Latein schreiben, welches wir von Caesar, Cicero (Goldene) oder Tacitus und Sueton (Silberne Latinität) kennen.
     
  3. romanus00I

    romanus00I Aktives Mitglied

    Leider gibt es keine Alphabetisierungsstatistik aus der Antike. Trotzdem denke ich sehr wohl dass zumindest ein Großteil der Stadtbewohner alphabetisiert gewesen sein muss. Wie kann man sonst die Inschriften auf Gräbern, die teils sehr deftigen Graffitis oder die Wahlwerbung in Pompeji erklären? Wenn nicht ein gutes Drittel der Gesellschaft lesen und schreiben konnte, wären diese Informationsmittel vollständig ungeeignet gewesen.
     
  4. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Dabei muss man auch Lesen und Schreiben unterscheiden. Das wurde ja nicht im Zusammenhang unterrichtet.

    Und Legionäre, die Namen und Einheit auf Ausrüstungsgegenständen anbringen, zeigen, dass diese Fertigkeiten bis in die Unterschicht verbreitet waren.
     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Dichterlesungen waren in Rom gang und gäbe. Vergil trug seine Aeneis vor der kaiserlichen Familie vor. Viele Dichter veranstalteten Lesungen, teils im privaten Rahmen, oft aber auch öffentlich. Bei letzteren sollen allerdings, wenn man Kritikern wie Iuvenal glaubt, nicht unbedingt die besten aufgetreten sein, sondern eher solche, die trotz mangelhafter Qualität um jeden Preis bekannt werden wollten.

    Auch von Herodot ist bekannt, dass er aus seinem Geschichtswerk in Athen öffentlich vorlas.

    Das allein würde ich nicht überbewerten. Im Kindergarten konnten ich und die meisten anderen Kinder irgendwann auch schon unsere Namen z. B. auf unsere Zeichnungen schreiben, ohne tatsächlich schreiben und lesen zu können. Wir hatten uns einfach nur eingeprägt, wie man unsere Namen hinkritzelte, ohne die dahinterstehende Kunst wirklich schon zu begreifen. Damit will ich nicht sagen, dass es bei Legionären auch so gewesen sein muss, sondern nur, dass das Beherrschen einzelner Wörter und Abkürzungen nicht unbedingt Schreibkenntnisse indiziert.

    Grundsätzlich gehe ich allerdings auch davon aus, dass bei den Römern (ebenso den Griechen) die Alphabetisierung weit fortgeschritten war.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. März 2016
  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Es impliziert aber, dass die Inschriften auch entziffert werden konnten. Und auch heute kann so mancher Handwerker, auch wenn er in der Schule lesen konnte, nur Buchstaben für Buchstaben entziffern.

    (Und dass, worüber schon mal diskutiert wurde, Juden aus religiösen Gründen lesen mussten, bezeugt die Bibel. Dass man Lesefähigkeiten erwartete, zeigen auch aufgestellte Gesetzestexte. Wenn es nicht zu entziffern war, ist die Geschichte der 12-Tafel-Gesetzgebung neu zu schreiben. Denn als Forderung der Plebs ergäbe die Aufzeichnung wenig Sinn, wenn nur die Großkopferten das Gesetz lesen konnten. Auch darüber wurde im Forum schon diskutiert. Natürlich kann dies kein Beweis sein, da man die Daten anders interpretieren kann. Es bleiben aber Hinweise.)

    Herodot las aus seinen Werken. Und weil es so gut ankam, bezahlten die Athener für's Aufschreiben. Sprich: Wahrscheinlich ist nur die Light-Version, um nicht zu sagen Billig-Version überliefert.

    In Rom wurde auch anderes Vorgelesen. Es gibt späte Quellen, dass eine Zeit lang christliche Wanderprediger wie Peter und Paul beliebt waren. (Jenseits der War-Petrus-in Rom?-Diskussion, um ein Bild hervorzurufen.) Germanen haben wohl nicht vorgelesen. Dennoch wurden solche Gesandte wegen ihrer exotischen Erzählungen teilweise regelrecht herumgereicht, was wohl auch für Angehörige anderer Völker galt.

    Schließlich sollten wir auch bedenken, dass es üblich war, das Autoren ihre Texte diktierten statt selbst zu schreiben. Und dies wohl nicht (nur) aus der Arroganz des Otiums heraus, sondern wohl auch, weil das Schreiben mit den damaligen Mitteln höhere Konzentration beanspruchte als heute.

    In denselben Zusammenhang gehört auch, dass einst langsamer gesprochen, und noch langsamer 'vorgelesen' wurde als heute. Das lässt sich schon für die 1. Hälfte des 19.Jh. nachweisen. (Ist z.B. für Hegel untersucht, wie ich aus einer Vorlsung in Erinnerung habe.) Sprich, bzw. langer Rede kurzer Sinn: Die Kommunikation an sich gehorchte anderen Regeln. Das hatte natürlich Einfluss auf Lesen und Schreiben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. März 2016
  7. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Wenn die Gesellschaft durchdrungen war von Multiplikatoren (wie es z.B. sicher einmal die Pfarrer in den Dörfern gewesen sind), ist es unmöglich aus dem Vorhandensein von Tafeln und Inschriften auf die Alphabetisierung zu schließen. In einer solchen Gesellschaft lässt sich sogar eine "Holschuld" des Bürgers bezüglich Informationen (Verordnungen etc) etablieren obwohl vielleicht die meisten Leute gar nicht lesen können.
    Nur Schriftzeugnisse die wirklich von Leuten verfasst wurden deren Beruf mit Schrift nichts zu tun hatte (Legionäre z.B.) haben Aussagekraft bezüglich der Alphabetisierung, würde ich meinen. Es könnten ja selbst bei der Legion gezielt Soldaten die des Lesens und Schreibens mächtig waren auf die Einheiten verteilt worden sein, eben als o.g. Multiplikatoren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. März 2016
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Eigentlich würde es reichen, wenn nur einige wenige Plebejer die Gesetze lesen konnten. Der Sinn der Aufzeichnung bestand wohl weniger darin, dass sich alle informieren konnten, sondern dass sie fixiert und publiziert waren, sodass die patrizischen Gesetzeskundigen nicht nach Belieben behaupten konnten, was Recht sei. Dafür hätte es im Streitfall aber auch gereicht, wenn ein Plebejer des Vertrauens nachlesen konnte.

    Manchmal reicht ohnehin die theoretische Lesbarkeit, um eine Publizität zu rechtfertigen, ohne dass man sich viele Gedanken über den praktischen Nutzen macht. Zum Vergleich: In Österreich gibt es die "aushangpflichtigen Gesetze", das sind diverse Gesetze und Verordnungen, meist mit Bestimmungen zum Schutz der Arbeitnehmer (Arbeitszeit, Gestaltung der Arbeitsstätte, Umgang mit Arbeitsmitteln, Schutz vor Lärm, Vibrationen, Strahlung, gefährlichen Arbeitsstoffen etc.), die in jedem Betrieb aufliegen müssen, d. h. in der Regel in Form eines dicken Buches (das der Arbeitgeber kaufen muss). Dadurch sollen Arbeitnehmer die Möglichkeit erhalten, sich selbst darüber zu informieren, ob ihre Arbeitsbedingungen rechtskonform sind. Allerdings sind diese Gesetze und Verordnungen großteils derartig kompliziert und umfangreich, dass man sogar als Jurist mit der Materie vertraut sein muss, um halbwegs durchzublicken. Es dürfte also kaum ein Arbeitnehmer tatsächlich in der Lage sein, anhand dieser aushangpflichtigen Gesetze zuverlässig beurteilen zu können, ob sich sein Arbeitgeber ans Recht hält. Aber theoretisch soll er die Chance haben, was als Rechtfertigung für die Aushangpflicht reicht. Also wer weiß, ob es bei den Zwölftafelgesetzen darauf ankam, dass tatsächlich die Masse der Bürger sie lesen konnte.

    Ich mache hier allerdings nur deshalb ein bisschen den Advocatus diaboli, weil ich die Datenlage für viel zu dünn halte, um wirklich zuverlässig beurteilen zu können, wie es um die Alphabetisierung in der Antike bestellt war.
    Auch Graffiti mit Wahlbotschaften belegen nicht unbedingt, dass sie von der großen Mehrheit der Passanten gelesen werden konnten; es reicht ja, wenn so manche sie lesen konnten. Heutzutage werden im Fernsehen Werbespots auch auf Sendern gezeigt, die nur ein paar Prozent Marktanteil haben, was den Auftraggebern aber reicht. Ebenso muss sich nicht die große Masse des Volkes selbst an Wänden verewigt haben. In einer Stadt mit Tausenden Einwohnern kommen auch viele Wandschmierereien zusammen, wenn nur einige Hundert schreiben können. Auch heute sind insbesondere Großstädte mit Graffiti überzogen, obwohl nur ein winziger Bruchteil der Bevölkerung als Sprayer aktiv ist.
    El Quijote hat weiter oben den Ostrakismus als Beleg für verbreitete Alphabetisierung genannt. Dazu fällt mir die Anekdote ein, dass Aristeides von einem schreibunkundigen Bauern, der ihn nicht kannte, gebeten worden sein soll, für ihn auf seine Scherbe "Aristeides" zu schreiben, welchem Wunsch dieser auch nachkam. Wer weiß schon, wie viele Fälle es gab, in denen Stimmteilnehmer ihre Scherben von Bekannten beschreiben ließen. (Man kann natürlich einwenden, dass der Ostrakismus nicht eingeführt worden wäre, wenn nicht ausreichend Athener schreibkundig gewesen wären. Aber wer weiß schon, wie klar sich die Erfinder tatsächlich über die Schreibkompetenz ihrer Mitbürger waren. Heutzutage sollte dank jahrelanger Schul- bzw. Bildungspflicht hierzulande theoretisch jeder ordentlich lesen und schreiben können, was aber trotzdem nicht der Fall ist. Außerdem werden sich am Ostrakismus primär Athener beteiligt haben, die schreiben konnten. Wer weiß, wie viele erst gar nicht kamen, weil sie eben ohnehin nicht in der Lage gewesen wären, ihre Scherbe zu beschreiben. Für eine Verbannung reichten 6000 Stimmen, während es ca. 40000 Stimmberechtigte gegeben haben soll. Für einen Erfolg reichte es also, wenn eine Minderheit teilnahm.)
    Es gibt also so manche Indizien für verbreitete Alphabetisierung, die man aber trotzdem kritisch hinterfragen sollte.

    Das versuche ich zumindest, wenngleich ich, wie bereits oben ausgeführt, eigentlich durchaus selbst davon ausgehe, dass die Mehrheit der Griechen und Römer zumindest rudimentär schreib- und lesekundig war.

    Oft sind es gerade die kleinen Dinge, die mir zu denken geben, wie z. B. die Fibula Praenestina ( https://de.wikipedia.org/wiki/Fibula_Praenestina ). Anscheinend war also bereits im 7. Jhdt. v. Chr. ein Schmied in der Lage, eine von ihm verfertigte Fibel zu beschriften. (Im Gegensatz zu Votivgaben etc. kann ich mir in diesem Fall nicht so recht vorstellen, dass jemand anderer die Inschrift in die fertige Fibel eingraviert hätte.) Das wirft dann die unbeantwortbare Frage auf, ob dieser Schmied ein nicht repräsentativer Einzelfall war oder ob bereits damals bei den Latinern die Schreibfähigkeit verbreitet war.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. März 2016
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ein mittlerweile verstorbener Prof von mir, der sehr aktiv in der Re-Alphabetisierung war, ging davon aus, dass bis zu 30 % der Bevölkerung von sekundärem (Teil-)Analphabetismus betroffen sei. Ich denke aber, dass diese Zahlen zu hoch gegriffen sind. Sekundärer Analphabetismus heißt: in der Schule schreiben gelernt, danach mangels Anwendung (weitgehend) wieder verlernt.

    Was die antiken Graffiti angeht, so dachte ich eher an Grußbotschaften aus Tavernen, Herbergen und Bordellen.
     
  10. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Mir fällt ein, dass ich vor ca 20 Jahren mal einen Artikel (Spektrum der Wissenschaft) las, es ging um Fundstücke aus der Römerzeit in Deutschland. Ich weiß leider nicht mehr wo genau. Das waren "Schriftstücke" (ich weiß leider nicht mehr welches Trägermaterial, ob Ton oder Blei oder ähnliches) die von Legionären an die Götter gerichtet waren. Es wurde, wenn ich mich recht entsinne, als "Gossenlatein" beschrieben und bestand aus Sätzen wie "wenn Du mir einen Sohn schenkst, opfere ich Dir eine Ziege".
    Bei ausreichender Menge solcher Fundstücke könnte man vielleicht sogar ermitteln, ob das ein oder zwei Leuten diktiert wurde oder ob die Legionäre selber schrieben.
    Weiß jemand welche Fundstücke ich meine ?
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. März 2016
  11. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ich schrieb doch, dass man es anders interpretieren kann. Aber die Plebejer waren keine homogene Gruppe. Das muss man berücksichtigen, da es einen gewissen Alphabetisierungsgrad bedingt, da es eine Forderung der Plebejer war. Was die Datenlage betrifft stimme ich natürlich zu.

    Was die Analphabeten angeht, geht man für Deutschland von 17% aus. Die Zahl stammt meines Wissens von der UN. Die Bundesregierung geht von weniger aus, da sie eine andere Definition für ihre Statistik zugrundelegt. Da man international wohl der UNO folgt, wird man ihre Zahl bevorzugen.

    Darin sind die nicht enthalten, die nur Druckschrift lesen können. Durch die Verfügbarkeit von Computerausdrucken, soll sich deren Zahl in den letzten Jahren deutlich erhöht haben. Ich kenne da sogar den Chef eines mittelständischen Unternehmens der zu dieser Gruppe gehört, was ich zufällig herausfand.

    Man versuchte einmal aus Ortschroniken, die in Preussen von den Gemeinderäten unterschrieben werden mussten, auf die Quote der Analphabeten zu schließen. Lange wurde die Statistik übernommen. Nur war es im 19. Jh. üblich, wenn das Augenlicht nachließ, was ja einen großen Teil der Bevölkerung betraf, oder die Hand zitterte, was auch im Alter nicht selten ist, zu 3 Kreuzen überzugehen.

    Im Hochstift Paderborn wollte der Bischof die Schulpflicht durchsetzen. Es erging der Erlass, dass nur heiraten durfte, wer lesen konnte. Die Pfarrer hatten das zu überprüfen. Auch durch die belegten Heiraten kann man nicht auf eine nahezu 100prozentige Alphabetisierung schließen. Die Brautleute sollten nämlich das Vater Unser vorlesen. Es gibt die Anekdote, dass einmal der Bischof anwesend war. Der Bräutigam begann: "Pater noster ...." Da der Text mit Rücksicht auf die ungebildeten Untertanen deutsch war, befand der Bischof: "Lesen kann er nicht, aber Latein. Da darf er auch heiraten." Man hatte ganz einfach übersehen, dass schon länger nur heiraten durfte, wer die Hauptgebete und das Glaubensbekenntnis auswendig konnte. Und viele Pfarrer achteten darauf, es auch auf Latein zu vermitteln. Worauf die Gläubigen dann auch stolz gewesen sein werden. Die Anekdote dürfte erfunden sein, der Rest ist belegt.

    (Bis auf den Widerstand der Bauern war Paderborn hinsichtlich der Kultuspolitik eigentlich fortschrittlich. Diesen Widerstand vollständig zu brechen, ist auch der preussischen Verwaltung noch lange nicht gelungen.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. März 2016
  12. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Dürfte dazu nicht schon die Handschrift recht weniger Fundstücke reichen?

    Und hasst Du Dir mal den Spaß gegönnt, römische Kursive zu entziffern?
     
  13. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Ich ? Ich hatte nicht mal Latein und kann kaum meine eigene Schrift entziffern ;)
     
  14. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Dazu brauchen die meisten kein Latein. Man muss ja erst die Buchstaben entziffern, bevor man zur Übersetzung kommt. ;)

    Edit: Auch, wenn ich's grad eilig hab', den Spaß sollte jeder mal erfahren:

    romische-kursive-300x209.jpg

    Hilfestellung hier, die obere Reihe ist die fragliche Ältere Römische Kursive.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. März 2016
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