William Shakespeare - hat er wirklich existiert?

Wer war William Shakespeare?

  • Sir Francis Bacon

    Stimmen: 0 0,0%
  • Edurad de Vere, 17. Lord of Oxford

    Stimmen: 7 14,9%
  • Mehrere Autoren haben unter dem Pseudonym geschrieben

    Stimmen: 3 6,4%
  • Shakespere existierte

    Stimmen: 37 78,7%

  • Umfrageteilnehmer
    47
Dieses Argument finde ich immer besonders abstrus. Welche „vollständige formelle Bildung“ sollen Homer (oder wer auch immer die Ilias und die Odyssee schrieb) und Hesiod genossen haben? Auch bei manchem mittelhochdeutschen Dichter ließ die „formelle Bildung“ wohl eher zu wünschen übrig.
In der Präsentation des Buchs bezeichnet die Autorin Shakespeare als "semi-literate"; der Shakespeare Society zufolge hat er jedoch eine Grammar School besucht und eine humanistische Grundbildung erfahren, die nebst Sprachkenntnissen (Latein, eventuell Griechisch und Französisch) auch Rhetorik und Geschichte umfasste. Allein der Besuch einer Universität ist nicht nachgewiesen.

Sollte er damit nicht das Handwerkszeug besessen haben, zumindest um sich die Fertigkeiten anzueignen, die für seine Werke nötig waren? Zeit genug hatte er auch, zwischen seinem Schulabgang in Stratford-upon-Avon und dem ersten Band von 'König Heinrich VI.' lagen wenigstens acht Jahre. Die er ja nachweislich in intellektuellen Kreisen verbrachte. Ich bin fast versucht, mir das Buch zu kaufen, nur um herauszufinden, wie genau die Autorin seine Urheberschaft definitiv ausschließen können will.

Coslets Hypothese erscheint noch gewagter, wenn man bedenkt, dass Shakespeares Schaffen mit Werken über Heinrich VI. und Richard III. begann, englischen Persönlichkeiten der jüngeren Vergangenheit also. Da musste er nicht großartig gebildet sein, die Großelterngeneration hatte zumindest Richard noch selbst erlebt. Als nächstes Historienstück folgte dann 'Titus Andronicus', das ja gemeinhin als seine schwächste Arbeit angesehen wird.

Auch das scheint mir zur Entwicklung zu passen, die ihm die Literaturwissenschaft gemeinhin zuschreibt …
 
Es scheint ja allgemein eine große Faszination dafür zu geben, Shakespeares Werke als von anderen Autoren geschrieben darzustellen. Louis le Grand hat sich ja am Anfang des Threads vor über 20 Jahren als Oxfordian (Anhänger der Behauptung, dass Edward de Vere, der Earl von Oxford der eigentliche Verfasser der Shakespeare-Stücke sei) geoutet, andere glauben, die Texte stammten von Francis Bacon oder einer Gruppe von Schriftstellern um diesen....

Innerhalb dieser Denkschulen, welche die Werke Shakespeares anderen Autoren zuordnen, gibt es dann wiederum zwei Gruppen: Die eine, welche die Existenz von William Shakespeare leugnet ("Schüttelspeer - was ist das denn für ein Name?!?"*) und den Namen als Pseudonym wertet, wohingegen andere seine Existenz - die ja wohl auch kaum zu leugnen ist, wenn man sich die historischen Dokumente anschaut - nicht abstreiten und behaupten, Shakespeare sei lediglich der Strohmann für den oder die eigentlichen Verfasser.

Fakt ist: Alle diese Hypothesen werden von der Fachwissenschaft eher belächelt. Die opinio communis sieht keinen Grund an der Autorenschaft Shakespeares zu zweifeln.

Ich glaube, dass politisch motivierte wissenschaftliche Autoren, die sich dazu verleiten lassen historische Thesen zu veröffentlichen, die sich schlecht oder nur sehr abenteuerlich belegen lassen, ihrem Anliegen einen Bärendienst erweisen, weil sie damit einfach demonstrieren, dass sie nicht ernst genommen werden können. Sie fügen damit ihrem Anliegen - Irene Coslet schreibt in einem Blogbeitrag über ihr Buch: Attributing the Western heritage only to white men is not only unrealistic, but it also perpetrates inequality and injustice in society - eher Schaden zu.

Aber nun gut, das Buch ist ja noch nicht veröffentlicht, mal sehen wie die Fachwelt auf das Buch reagiert, wenn es dann veröffentlicht ist und ob in zwei Jahren niemand mehr darüber redet.

Nicht zuletzt verlangt es Fantasie sich vorzustellen, dass der elisabethanische Hof den bürgerlichen angeblichen "Semialphabeten" Shakespeare der gebildeten, bei Hof etablierten Lanier vorgezogen haben würde.
Das sehe ich noch als den am wenigsten schwierigen Punkt. Das Theater war einfach eine männliche Sphäre, auch Frauenrollen wurden von Männern gespielt; für Frauen wäre es unschicklich gewesen Dramen zu veröffentlichen.

Aemilia/Emilia Bassano/Lanier ist nun selber als Dichterin aufgetreten, sie hat Gedichte veröffentlicht. Sie ist bereits jetzt zu Shakespeare "verlinkt", weil es eine Debatte darüber gibt, ob sie mit der Dark Lady aus Shakespeares Sonetten zu identifizieren ist und als Geliebte von Henry Carey, dem Patron der Lord Chamberlain’s Men. Die "Beweisführung" dürfte vor allem auf letzterer Koninzidenz aufbauen.


*Ich leugne ab sofort die Existenz von Bastian Schweinsteiger, denn: Schweinsteiger - was ist das denn für ein Name?!?
Ernsthaft: Der Familienname Shakespeare ist seit 1279 nachweisbar, das Argument "Shakespeare - was ist das denn für ein Name?" wäre also selbst dann hinfällig, wenn Shakespeare nicht sowieso auch öffentlich aufgetreten wäre.
 
wenn sie sich nicht gar so weit aus dem Fenster lehnen würde, etwa indem sie die auf Portraits und in Briefen durchgehend als hellhäutig dargestellte Lanier, eine getaufte venezianische Jüdin mit sephardischen Vorfahren, zur dunkelhäutigen "Moorin" erklären würde.

Das sind in der Tat zwei merkwürdige Punkte:

a black woman, Anglo-Venetian, of Moroccan descent, and covertly Jewish, named Emilia Bassano (London, 1569-1645).​


Hautfarbe:

Although the colour of Lanier's hair is not known, records exist of her Bassano cousins being referred to as "black", a common term at the time for brunettes or people with Mediterranean colouring. *​

Ihr Vater, Baptiste Bossano, stammte aus Italien, ihre Mutter war Engländerin. Von daher könnte sie durchaus einen dunklen Teint und oder dunkle Haare gehabt haben. Andererseits gibt und gab es auch dunkelhaarige Engländer und Engländerinnen. Aber dass sie eine Schwarze (im Sinne von Hautfarbe) gewesen sein soll, kann ich so nicht nachvollziehen. Und woraus soll sich der marokkanische Ursprung ergeben?

Judentum:

Church records show Lanier was baptised Aemilia Bassano at the parish church of St Botolph, Bishopsgate, on 27 January 1569.

It has been suggested, and disputed, that Lanier's family was Jewish or of partly Jewish descent. Susanne Woods calls the evidence for it "circumstantial but cumulatively possible".[8] Leeds Barroll says Lanier was "probably a Jew", her baptism being "part of the vexed context of Jewish assimilation in Tudor England."[9]*​

Das ist ja auch schon wieder sehr nebulös (könnte sein oder auch nicht).

* aus Emilia Lanier - Wikipedia


Zur Frage von Emilia Laniers Autorenschaft der Shakespeare Werke gibt es auch einen Wiki-Artikel: Emilia Lanier theory of Shakespeare authorship - Wikipedia

Da werden übrigens auch einige andere Kandidatinnen aufgeführt, u. a. Anne Hathaway (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen US-Schauspielerin:)), die Ehefrau von William Shakespeare.

Fazit: ganz viel Spekulatius.
 
Fazit: ganz viel Spekulatius.
freilich eine spezielle Sorte Spekulatius: dieselbe Sorte verortet Mondnacht oder rheinische bei Clara, nicht bei Robert; verortet die Jahrhundertbegabung mehr bei Fanny als bei Felix - - ich warte ja sehnsüchtig darauf, dass Minna oder Cosima endlich für Tristan und Ring verantwortlich gemacht werden. ;)
 
Zur Frage von Emilia Laniers Autorenschaft der Shakespeare Werke gibt es auch einen Wiki-Artikel: Emilia Lanier theory of Shakespeare authorship - Wikipedia
Daraus:

Hudson found similarities between the works of Shakespeare and Lanier's poetry book Salve Deus Rex Judaeorum (Latin: Hail, God, King of the Jews).​
Das halte ich für ein schwaches Argument. Ich habe vor etlichen Jahren mal eine Hauptseminararbeit über ein Gedicht von Juan de Tapia über die Geliebte des Königs von Aragón und beider Sizilien, Alfonos V. el Magnánimo, Lucrezia d'Alagno geschrieben, das ist in der Prachthandschrift Cancionero de (E)Stúñiga veröffentlicht. Nahe dabei steht das Gedicht eines Konkurrenten, ebenfalls kastilischsprachiger Dichter am Hof des Aragonesen in Neapel. Juan de Tapia und sein Konkurrent haben sich gegenseitig beharkt und verwenden teilweise dieselben Sprachbilder, meine damalige These war, dass sie quasi die Sprachbilder des Konkurrenten verwendeten um zu zeigen, wer sie eleganter einsetzt bzw. um sie in ihr Gegenteil zu verkehren.
Dass zwei Zeitgenossen, die sich vermutlich gut kannten gegenseitig beeinflussen, ist jetzt nicht soooooo ungewöhnlich. Vermutlich hat aber Bassano/Lanier - ohne ihre Autorenschaft damit schmälern zu wollen - eher bei Shakespeare abgeschaut als umgekehrt, da Shakespeare schon 20 Jahre als Schriftsteller aktiv war, als Lanier ihr Buch veröffentlichte. Die beiden waren ja etwa gleich alt.
 
Juan de Tapia und sein Konkurrent haben sich gegenseitig beharkt und verwenden teilweise dieselben Sprachbilder, meine damalige These war, dass sie quasi die Sprachbilder des Konkurrenten verwendeten um zu zeigen, wer sie eleganter einsetzt bzw. um sie in ihr Gegenteil zu verkehren.
entfernt ähnlich ist auch Nr.12 aus Schumanns "Carnaval" op.9, wo Schumann seinen Kollegen Chopin mittels einer Stilimitation musikalisch portraitiert.
 
Das sehe ich noch als den am wenigsten schwierigen Punkt. Das Theater war einfach eine männliche Sphäre, auch Frauenrollen wurden von Männern gespielt; für Frauen wäre es unschicklich gewesen Dramen zu veröffentlichen.
"Unschicklich" gewiss, aber mir ging es um die angebliche Unmöglichkeit. Coslet, zitiert im 'Standard':
According to The Real Shakespeare, written by the LSE graduate, Bassano's true authorship was covered up in favour of William Shakespeare, an "uneducated interloper" from Stratford-upon-Avon.

Ms Coslet contends that Elizabethan society preferred the narrative of a "white" male genius to acknowledging a black female playwright. (Quelle)
Man kann einen hohen Bildungsstand an einem Renaissancehof doch nicht erfolgreich vortäuschen. Entweder man beherrscht die Sprachen des klassischen Altertums, oder man tut es nicht. Entweder man kennt die historischen Zusammenhänge, oder man kennt sie nicht.

Mag sein, dass Laniers tatsächliche Urheberschaft im elisabethanischen England als skandalös empfunden worden wäre. Coslet stellt aber sinngemäß darauf ab, dass Shakespeare aufgrund mangelnder Bildung und Weltgewandtheit die ihm zugeschriebenen Werke nicht verfasst haben kann, sie bezeichnet ihn sogar als "ungebildeten Eindringling". Sollten seine Zeitgenossen ihn dann nicht als solchen wahrgenommen haben?

Mir ist bewusst, dass man den Intellekt früher Literatinnen infrage stellte, schon Christine de Pizan musste sich anhören, sie gebe die Werke eines Mannes als eigene aus; aber das heißt doch noch lange nicht, dass der elisabethanische Hof sich logisch so verbogen hätte, sich lieber vor einem "uneducated interloper" zu verneigen. Selbst wenn man diesen Gedankengang zu Ende denkt und annimmt, Lanier sei die wahre Urheberin gewesen, hätte man dann nicht einen (im Sinne von Coslets Logik) glaubwürdigeren Mann finden können, um ihn vorzuschieben?

Im Dunstkreis Elisabeths waren einige hochgebildete Männer schriftstellerisch tätig, darunter sogar Hochadelige.
 
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