Wurde der junge Caesar gar nicht von Piraten entführt?

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von El Quijote, 29. August 2016.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der junge Gaius Julius Caesar soll laut Velleius Patercukus, Plutarch und Sueton auf einer Reise zur Insel Rhodos, wo er eine Rhetorikschule besuchen wollte, von Piraten entführt worden und gegen ein Lösegeld freigekauft worden sein.

    Natürlich ist die Geschichte in der antiken Überlieferung ausgeschmückt worden, so soll Caesar beispielsweise sich die Wartezeit in echt aristokratischer Manier vertrieben haben, er soll die Piraten gezwungen haben, seinen Reden zu lauschen und mit ihm Sportübungen zu machen. Als sein Lösegeld ankam, soll er den Piraten geschworen haben, sie zu jagen und umzubringen, was er auch tat. Es wird ihm in den antiken Schriften als Gnädigkeit ausgewiesen, dass er den Piraten, die er ans Kreuz hängen ließ, die Kehle durchschneiden ließ, um ihre Leiden zu verkürzen (Sueton, Divus Iulius 74, 1: "in ulciscendo natura lenissimus piratas, a quibus captus est, cum in dicionem redegisset, quoniam suffixurum se cruci ante iuraverat, iugulari prius iussit, deinde suffigi;"; bei Velleius heißt es nur, dass er sie kreuzigen ließ.).

    In der taz scheibt Benno Schirrmeister:
    die Episode, wie Cäsar von den Seeräubern gefangen genommen wird, und sie letztlich vernascht, [ist] ziemlich deutlich eine säkularisierte Reprise des dionysischen Mythos [...] , zur Verherrlichung des Gaius Iulius Caesar,
    Was Schirrmeister da schreibt stimmt und/aber auch wieder nicht...
    Beim Dionysos-Mythos ist es ja so, dass die Piraten den Gott für einen Königssohn halten (bis auf den Schiffskoch) und ihn entführen, der Gott verwandelt das Piratenschiff in eine Weinrebe und die über Bord springenden Piraten in Delphine.
    Das ist weder bei Velleius noch bei Sueton der Fall. Lediglich Plutarch, der ca. 20 Jahre nach Velleius' letztbekannntem Lebenszeugnis überhaupt erst geboren wurde, erzählt die Geschichte in ähnlicher Manier zum Dionysos-Mythos. Denn, so Plutarch, die Piraten verlangten für Caesar 20 Talente, was dieser mit Lachen quittierte, weil sie nicht wussten, wer er war (er soll ihnen gesagt habe, dass er auch 50 Talente wert sei). Damit erschöpfen sich dann aber auch die offensichtlichen Parallelen zwischen beiden Geschichten

    Plutarch schreibt Caesars Entführung durch die Piraten zwar am weitesten aus, teilweise sind seine Informationen fast identisch mit denen Suetons, aber Plutarch erwähnt nicht die Geschichte von Caesars "Gnadenmord" an den gekreuzigten Piraten.
    (Plutarch begann mit den Doppelbiographien 96; Sueton veröffentlichte seine Caesarenviten 120).

    So, was meint ihr: Wurde Caesar gar nicht von Piraten entführt oder doch und die Geschichte nur von Sueton und mehr noch Plutarch ausgeschrieben?
     

    Anhänge:

  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ja, der Schmitzer ist plausibel und nachvollziehbar.
     
  4. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Nur: Wurde eine historische Episode propagandistischbausgeschrieben oder erfunden?

    Das wird sich kaum beantworten lassen. Ich kann mich da an diverse Diskussionen während des Studiums erinnern.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ganz klären wird sich das nicht lassen. Aber entgegen meiner vorherigen Annahme, dass die Geschichte stimme, nehme ich nach der Schmitzerlektüre dann doch eher an, dass die Geschichte eine "säkularisierte Reprise" des Dionysos-Mythos ist.

    Man kann zwar sagen, dass Caesar nicht unbedingt sympathisch rüberkommt in der Geschichte, aber sie will doch dem Rezipienten eines mitteilen: Caesar hatte - um es in Bradshaw-Kahnscher Manier zu sagen - cojones bzw. Eier.
     
  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Das Dumme an der eleganten Abnahme ist, dass die Geschichte bis auf ein paar Kleinigkeiten glaubhaft ist.

    Auf der anderen Seite galt die Dichtung Cäsars als misslungen. Hier wird dezent darauf hingewiesen, dass es Barbaren sind, die sie verspotten. Ganz nebenbei. Aber auch das kann aufgesetzt sein.

    Das Problem ist, dass das Ereignis selbst nicht ungewöhnlich ist. Auch Cäsars Drang selbst Rache zu üben ist nur allzu menschlich. Die Geschichte ist voll davon.

    Einige der Bezüge sind zudem zwar vorhanden, aber Recht weit her geholt. Das weißt eher auf Ausschmückung, denn Erfindung hin.

    Ich will nicht sagen, dass es keine Erfindung sein kann. Ich habe das selbst so gesehen. Ich habe auch die Historizität angenommen. Aber heute muss ich sagen, dass die Argumente mir nicht ausreichen.

    Wir können nicht die Gefahren der Seefahrt als historisch annehmen und dann ablehnen, wenn es einen Prominenten trifft und die Umstände ausgeschmückt werden. Wir können aber auch nicht so naiv sein, bloße Propaganda von vorn herein auszuschließen.

    Ja, wenn es besser passen würde. Aber einiges ist doch arg aufgesetzt.

    Nicht, dass ich eine Chance sähe, Dich zu überzeugen. Aber besser als fortgesetztes "Ne!" "Doch!" "Ne!" "Doch!".
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. September 2016

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