Kaiser Franz I. - Des HRR schwächster Kaiser oder Visionär?

Dieses Thema im Forum "Südeuropa | Mittelmeerraum" wurde erstellt von Brissotin, 15. April 2008.



  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Hm, doof wie immer dass wir keine Rubrik zum HRR in der Neuzeit haben, da aber Franz I. (1708-1765) als Großherzog der Toskana sehr auf Italien wirkte, schiebe ich es mal hier rein.

    Gemeinhin habe ich den Eindruck, dass Franz I. als extrem schwacher Kaiser gewertet wird. Er ist wohl der Kaiser des 17. und 18.Jh. mit der geringsten Macht hinter sich. Eine Einflussnahme in Österreich misslang ihm gründlich, hier hatte seine Gemahlin das Heft in der Hand und ließ es sich auch nicht nehmen, obendrein sah die Pragmatische Sanktion keine umfangreiche Rolle Franz Stephans von Lothringen vor, was daran liegen mag, dass Maria Theresia noch nicht vermählt war, als Karl VI. begonnen hatte an dieser Lösung der schweren Erbfrage zu werkeln.

    Viel mehr als seinen Charme und eine beeindruckende Atmosphäre, die er ausstrahlte, wovon Zeitgenossen berichteten hatte er nicht in seinem Amt ins Feld zu führen. Entwickelte sein Sohn Joseph II. in seiner 25-jährigen Zeit als Kaiser des HRR eine umfangreiche Reichspolitik, so war bei Franz I. die Bilanz seiner sich immerhin von 1745-1765 erstreckenden "Herrschaft" als Kaiser eher mager. Die anfänglichen Projekte, natürlich Lothringen und Bar für sich und das Reich zurück zu gewinnen, wurden letztlich nicht konsequent weiter verfolgt und dann durch den Politikwechsel Frankreichs und der französisch-österreichischen Annäherung völlig illusorisch.

    Nun will ich in die Runde fragen, ob es nicht doch größere und vielleicht auch erfolgreiche Projekte des Kaisers Franz I. gibt, der meines Erachtens und auch oft in der Literatur im Schatten seiner Gattin stand, welche die Großmacht Österreich regierte?
     
  2. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Franz Stephan war ein absolutes Finanzgenie - er sanierte binnen kurzer Zeit die kaiserlichen Güter und machte einen florierenden Betrieb daraus. Er scheffelte derart viel Geld damit dass er aus seinem Privatvermögen der Staatskasse Kredite geben konnte.
    Das rieisge Vermögen wurde auch Basis des habsburgischen Familienfonds aus dem bis zum Ende der Monarchie die Apanage der Erzhausmitglieder beglichen wurden.
     
  3. Tekker

    Tekker Gast

    Könntest du dazu evtl. noch ein oder zwei Worte verlieren, bitte? :schau:
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    @ Rovere
    Und was bedeutete das für die Reichspolitik? Darum geht es mir ja primär, auch wenn sekundär hierbei von Belang sein könnte, dass der aufgehäufte Schatz, dann letztlich auch dem Kaiser Joseph II. zu Gute kam, aber für die Reichspolitik Franz I. wurde das Geld doch nicht eingesetzt oder? Bestach er vielleicht damit u.a. zur Kaiserwahl oder dergleichen?:grübel:

    Danke für die Aufforderung. Offen gesagt, hatte ich bis jetzt zumeist den Eindruck, dass meine ellenlangen Einleitungen die Leser halbwegs erschlagen und sich deswegen niemand berufen fühlt zu antworten, aber ich will mal nicht so sein.

    Soweit mir bekannt plante Franz I., frage mich nicht woher ich das habe:rotwerd:, während des Österreichischen Erbfolgekrieges Lothringen zurück zu erobern. Er hatte ja 1736/38 in den Wiener Frieden einwilligen müssen, welcher ihm dieser Herzogtümer beraubt hatte. Dadurch waren Lothringen und Bar dem Reiche entfremdet worden, wozu erschwerend hinzu trat, dass Stanislas Leszczyński als Herzog von Lothringen und Bar ohne männlichen Erben versehen per Vertrag bei seinem Tode, der dann 1766 eintrat, die Herzogtümer an seinen Schwiegersohn Louis XV übergab. Durch den Krieg von 1741-48 war noch einmal kurz die Chance aufgetan im Zuge eines Sieges wieder Besitz von der veräußerten Heimat des Kaisers zu ergreifen. Soweit mir bekannt waren das auch die ernsthaften Überlegungen Franz I., der selbst gern Feldherr geworden wäre. Im Krieg gegen die Osmanen hatte Franz Stephan schon erfolglos teilgenommen. Sein Bruder war es dann später ja auch, der wegen seiner Misserfolge gegenüber Friedrich II. in Preußen abberufen wurde.
     
  5. Tekker

    Tekker Gast

    Danke Briso! :friends:

    Bezogen sich diese Pläne denn nur auf das Herzogtum oder schwebte ihm da evtl. mehr vor? Man bedenke die umfangreichen Reichsgebiete, welche vordem schon nach und nach an Frankreich fielen...
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich weiß es nicht, wäre aber interessant. Die stichhaltigsten Ansprüche wären vermutlich bezüglich der Reichsstädte zu erheben gewesen, welche damals in den Abtretungen der elsässischen Landvogtei etc. 1648 eigentlich garnicht inklusive waren. Am berühmtesten ist sicherlich der Fall Straßburgs 1681, wenngleich der Verlust für das Reich in den Klauseln vom Frieden von Rijswijk 1697 festgehalten wurde.

    Für die Habsburger selbst waren natürlich die Abtretungen des Sundgau und Elsass im 17.Jh. sehr schmerzlich gewesen, weil damit Vorderösterreich auf das Breisgau und einige wenige Gebiete noch weiter östlich des Rheins beschränkt wurde. Statt Ensisheim, von wo zuvor alle vorderösterreichischen Gebiete verwaltet wurden, wurde nun zwangsläufig Freiburg Hauptstadt Vorderösterreichs oder besser gesagt des kläglichen Restes, welchen der Frieden 1648 zurück ließ.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. April 2008
  7. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    In einem Essay des Rechtshistorikers Joachim Whaley, publiziert in "Sacrum Imperium. Das Reich und Österreich", Amalthea Verlag 1996 (ein Buch das jeder HRR-Interessierte im Schrank stehen haben sollte weil niergends sonst komprimierter die gesamte Verfassungsgeschichte des Reiches dargestellt wird, das aber nur am Rande) sind ebenfalls nur wenige Sätze Franz Stephan gewidmet. Whaley vergleicht ihn mit Karl VII als Kaiser ohne Hausmacht. Maria Theresia bzw. Kaunitz regierten nach rein österreichischen Interessen, das Reich spielte keine wesentliche Rolle.
    Zu Beginn seiner Herrschaft als Kaiser berief Franz zwar ein Kabinett, vor allem die Reichsminister aus der Zeit Karls VI. wurden wieder eingesetzt, Reichstag in Regensburg zusammengerufen, die Kontakte mit wichtigen Reichsstädten wie Hamburg oder Augsburg verbessert und erneuert. Doch relativ bald kam Franz in die Zwickmühle da seine Frau eine neue Aussenpolitik anstrebte. Statt des traditionellen Bündnisses mit den Seemächten, seit Jahrzehnten eine Konstante der Reichspolitik, näherte sich Österreich in den 1750er an Frankreich an, Preussen an England. Die Oppostion Friedrichs II war sowieso eine Konstante in der Reichspolitik, nun trat noch die Kur Hannover als Gegner dazu. Franz hatte keine Chance mehr und sein ohnehin geringes Interesse an Politik trat endgültig in den Hintergrund.
    Das spannende an seiner Person ist aber dass Franz Stephan keineswegs ein Schwächling war, ganz im Gegenteil. Er war ein hochintelligenter Tatmensch, der sich aber mehr für Wirtschaft und Naturwissenschaft als für Politik interessierte, letzeres überliess er seiner Frau und ihren Räten.
     
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Danke schonmal Rovere!:yes:
    1. Aber war der Reichstag nicht ohnehin permanent?
    Die Betonung auf die Reichsstädte finde ich allerdings interessant, passt irgendwie zu ihm.;)

    2. Das hatte ich auch so vermutet und sehe mich gern darin durch Dich bestätigt.

    3. Ich dachte auch nie an politisches Desinteresse seinerseits, eher an Resignation. Mir scheint es schon schwierig, eine Rolle auszufüllen, wie er sie hatte. Er stand als Geamhl neben Maria Theresia, hatte zugleich aber keinen Rückhalt in Wien. Die Minister, v.a. aber der Adel in Böhmen und Ungarn war wenn überhaupt auf Maria Theresia eingeschworen. Er blieb Zeit seines Lebens in meinen Augen eine kümmerliche Figur als eine Art Prinzgemahl. Diese Rolle vertrug sich natürlich denkbar schlecht mit der nach Außen hin zur Schau zu stellenden Position als Kaiser des altehrwürdigen Heiligen Römischen Reiches.


    Nicht zu vergessen ist ja seine Geisteshaltung. Als Freimaurer und keineswegs frömmelnder Edelmann, der auch durchaus seine Frauengeschichten neben seiner Gemahlin hatte, erscheint er mir teilweise geradezu gegenteilig zu der etwas bigotten, aber wohl auch dazu erzogenen, Maria Theresia eingestellt. Was gemeinhin als eine der glücklichsten Ehen, weil Liebesheirat, des 18.Jh. dargestellt wird, erscheint bei näherer Betrachtung weniger ideal. Hingegen entsprach Franz I. Stephan in seinen Leidenschaften für Damen, Wirtschaft und Wissenschaften etc. den typischen Vorlieben seiner Standesgenossen wie Carl Theodor von der Pfalz. Vielleicht konnte eben dies Maria Theresia nicht nachvollziehen. Aber es soll hier ja nicht um sie, sondern um ihn in seiner Funktion als Kaiser gehen, auch wenn natürlich seine persönlichen Verhältnisse immer entscheidend auf seine politischen einwirkte und umgekehrt.
     
  9. Josephine

    Josephine Neues Mitglied

    Leider steht Franz Stephan immer im Schatten seiner dominanten Frau und ich denke, dass er natürlich darunter gelitten und irgendwann einfach resigniert hat, dass er ein Finanzgenie war und den Habsburger Haushalt auf Vordermann gebracht hat, wird eigentlich nie angemessen honoriert.

    Gruß...
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ja man schlussfolgert eben recht verkehrt. Seine Machtlosigkeit durch die fehlende Hausmacht und die daher eher unbedeutende und beschränkte politische Aktivität, werden ihm als Desinteresse ausgelegt. Man schließt also von etwas, was von außen auf ihn einwirkte, auf seinen Charakter. Das ist aber, was ich auch wiederum für interessant halte, nicht ganz neu. Auch Joseph II. gebrach es an der Achtung vor dem Vater. Die Gründe sind leicht zu erraten. Bevormundet von einer Frau, der er in allen Bündnisfragen sozuagen lammfromm folgen musste, das war sicherlich nichts, was Joseph wiederholen wollte. Wohlmöglich rührte daher auch die dauerhaft gespannte Beziehung zwischen Joseph und seiner Mutter.

    @ alle
    Gibt es Zeugnisse, worin Franz I. selbst seine Lage ausdrückte und wie er sich dabei empfand, sozusagen als gesalbter Statist? Weiß man, was er über das französisch-österreichische Bündnis äußerte?
     
  11. Josephine

    Josephine Neues Mitglied

    Hallo Brissotin,

    ich glaube, er wußte, dass er neben dieser Frau nicht glänzen konnte.

    Ich habe mal gelesen, dass er so bescheiden war, dass er - aber bitte, ich weiß nicht wo, also nur Gedächtnis, keine Quelle - selbst in seinem Sterben, ich glaube in Insbruck, keine Aufmerksamkeit erregen wollte.

    Zumindest meine ich auch gelesen zu haben, dass er ein fürsorglicher Vater war.

    Gruß....
     
  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich dachte er fiel um und war auf der Stelle tot? Bei einem Schlaganfall soll das vorkommen.
     
  13. geschichtsfan07

    geschichtsfan07 Neues Mitglied

    Wenn die Bio, die ich gelesen habe, Recht hat, dann ist er bei einer Oper- oder Theatheraufführung verstorben. Seine Gemahlin war nicht anwesend, weil sie vorzeitig die Aufführung verlassen hatte.

    :confused: bin mir aber mehr als unsicher.
     
  14. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Klingt mir jedenfalls nach einem schnellen und plötzlichen Tod, wobei er nichts mehr sonderlich äußern konnte.
    Wenn er noch viel gesagt hätte, wäre das doch sicher bekannt geworden, er war ja anlässlich der Vermählung seines Sohnes Leopold in Innsbruck. Entsprechend was auch die Creme de la Creme des Adels usw. versammelt.:grübel:
     
  15. Josephine

    Josephine Neues Mitglied


    Hat aber, rücksichtsvoll wie er nun einmal war, den Saal verlassen, bevor der tot umgefallen ist. :cool:

    Sinngemäß habe ich es so gelesen.

    Genau, es war in Insbruck, anläßlich der Vermählung von Leopold.
    Bevor er nach Insbruck fuhr, hat er sich noch ganz liebevoll von seiner Tochter Maria Antonia, die nicht mit zur Hochzeit durfte, verabschiedet.


    Gruß...
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. April 2008
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  16. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Vor Jahren habe ich mal in so einem biographischen Schmalztopf - "Die Männer im Schatten" von Thea Leitner (easy History sozusagen) - einige biographische Details über ihn gelesen, werde mal nachschmökern.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. April 2008
  17. Josephine

    Josephine Neues Mitglied


    Hallo,

    genau dieses Buch habe ich auch schon mal gelesen, es war aus der Bibliothek leider, und leider kann ich mich auch nicht so genau erinnern.
    Die Frau Leitner hat ja einiges über die Habsburger geschrieben.

    Gruß...
     
  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Zur Reichspolitik Franz I. habe ich nun doch noch ein paar Angaben auf einem meiner Regale gefunden.
    :banana:




    So habe, laut Jutta Götzmann, Maria Theresia in außen- und allianzpolitischen Fragen zumeist gegen Franz I. als Mitregenten entschieden und seine Einwände galten wohl nichts (man kann sich seinen persönlichen Konflikt mit Frankreich ja vorstellen). Dies legt schon nahe, wie dann auch sein Rückhalt im Reich nachdem er 1745 Kaiser wurde eher unzulänglich war. Dass Franz I. im Reich territorial nicht verwurzelt war, bzw. ihm die Grundlage Lothringen und Bar in den 1730ern entzogen wurde, führte dazu, dass er sich einen Rückhalt in den Reichsinstitutionen suchte. Diese Vorgehensweise erwies sich allerdings im Zuge des 7-jährigen Krieges als zum Scheitern verurteilt. Daraufhin erkannte Franz I. die Reichskirche als verbliebene wirkungsvolle Klammer des Reiches.

    Kaiser Franz I. selbst mag wohl am Reich interessiert gewesen sein, "Pro Deo et Imperio" (Für Gott und Reich) war sein Wahlspruch, aber das Hauptinteresse der Habsburger galt nicht mehr dem Reich, was man noch unter Karl VI. vermuten könnte, sondern den eigenen Territorien. Die Rolle im Reich wurde vorwiegend für die dynastischen Interessen ausgenutzt. Man weiß zwar heute, dass sich Franz I. besonders über die schlechte Finanzierung z.B. des Reichsheeres Gedanken machte, man erkennt wieder den finanziell interessierten Staatsmann, aber dies blieb ohne weitere Erfolge, wohl da ihn die Reichsfürsten in seinen Bemühungen, eingeschlossen seiner Gemahlin, im Stich ließen.

    Zu Reichskirche, -institutionen etc. war ich fündig in:
    Jutta Götzmann: "Franz I. und Maria Theresia 1745-1765" (bezeichnenderweise der einzige Kaiser in dem Buch, zu welchem man im Titel des Beitrags die Gattin hinzu schreibt:eek:)
    In: "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation - Altes Reich und neue Staaten 1495-1806" Katalog S. 214, Sandsteinverlag, Dresden, 2006
     
  19. Mischa

    Mischa Neues Mitglied

    Hallo :)

    ich habe so eine vage Erinnerung mal gelesen zu haben, dass Franz I auch ausgiebig in Waffengeschäfte verstrickt war bzw. Waffen für die Kriege seiner Frau besorgte. Weiß jemand was darüber?
     
  20. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

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