MA-Stadt: lange Haare unerwünscht?

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Panzerreiter, 7. März 2009.



  1. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Beides.

    Die Haarfarbe variert stark mit der Lichteinwirkung, da Haare das Licht, inkl. Umgebungsfarbe besonders gut reflektieren (sie glänzen ja auch). Die Farbe des Lichtes ändert sich zudem auch mit der Tageszeit von stark rötlich über gelb bis fast weiß (Farbtemperaturen).

    Hinzu kommt, dass Pigmente eine sehr unterschiedliche Lichtechtheit aufweisen und die Maler ihre Farben aus diversen Quellen bezogen. So war z.B. das gelbe, bzw. bräunliche Färbemittel »Stil de grain«, das sich gut mit anderen Pigmenten mischen lässt, im MA beliebt, ist aber ganz und gar nicht lichtecht. Das Hauptproblem bei der Erhaltung der ursprünglichen Farbigkeit von Ölmalereien ist dennoch meist nicht die Farbe selbst, sondern die benutzten Bindemittel und Firnisse. Der Mastix z.B., ein Harz, mit dem man heute Perücken für Film und Theater auf der Haut befestigt, war eins der beliebtesten Firnisse, trotz seiner Neigung zu vergilben.

    Und schließlich waren die persönlichen Vorlieben und Interpretationen unterschiedlich. Blond galt in der Renaissance als jungfräulich und edel. Die Haarfarbe war also auch Gestaltungsmittel zu einer Aussage, die je nach Künstler varieren konnte.
     
  2. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Liebe Mashenka,

    herzlichen Dank für Deine Rückmeldung.

    Teresa C.
     
  3. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Das ist nicht richtig. Die Haarlänge der Männer änderte sich ständig. im 15. bis Anfang 16. Jh. wurden die Haare sehr lang getragen, wie man auf Gemälden von Carpaccio und Dürer sehen kann http://www.art-prints-on-demand.com/kunst/akg/pics/thm_carpaccioursularueckkehrausschn_hi.jpg
    http://www.hatjecantz.de/files/00001330.jpg. 50 Jahre später sind die Frisuren der Männer, nach der spanischen Hofmode relativ kurz und schlicht gehalten https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/King_PhilipII_of_Spain.jpg
    http://nobility.org/wp-content/uploads/2012/04/Juan_de_Austria_Descalzas-320x460.jpg sogar Komplettglatze gab es http://www.wga.hu/art/p/pulzone/colonna.jpg
    Den Übergang von lang zu kurz kann man bei Karl V. sehr gut sehen. Anfang des 16. Jh. hatte er eine Langhaarfrisur https://upload.wikimedia.org/wikipe...pot_Louvre-Musée_de_Brou,_Bourg-en-Bresse.jpg
    Mitte des Jh. waren seine Haare kurz geschnitten (hübscher war er damit aber nicht geworden ;)) . http://www.planet-vienna.com/habsburger/bios/karl_V/Karl_V.jpg
    Bereits zum Beginn des 17. Jh. setzte sich wieder langes Haar durch und blieb das ganze Jahrhundert hindurch üblich.
    http://www.kleio.org/images/large/bourbonen/buch2-628.jpg


    Eines war aber im Mittelalter garantiert nicht üblich, Männer mit Pferdeschwanz oder Zopf, wie wir sie heute auf jedem Ritterspektakel oder sogenannten Mittelaltermärkten zu sehen bekommen.
     
  4. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Könnte das bei Karl V. nicht auch einen anderen Grund gehabt haben, z. B. kürzere Haare, weil er mit zunehmenden Alter immer weniger Haare hatte.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Den Satz verstehe ich nicht so ganz.
     
  6. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Nun ja, irgendwelche Vereine haben damals Reisen nach Albanien organisiert, wo deutsche sich als Erntehelfer betätigen konnten. Die sind da hingeflogen mit ihren langen Haaren und teils auch Bärten, und kamen mit ausgesprochen spießiger Haartracht zurück. Im Zielland hatte schon am Flughafen der Friseur gewartet. Zur Erklärung gegenüber den deutschen Genossen hieß es dann, dass die studentisch langen Haare bürgerlich seien und der wahre Proletarier einen Kurzhaarschnitt bevorzuge ;)
    Hat mir einer der Exstudenten erzählt, der nicht mitgeflogen ist ...
     
  7. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Das denke ich nicht, da er mit den kürzeren Haaren noch relativ jung war und auch fast immer eine Kopfbedeckung trug (zumindest auf Gemälden) . Da Männer ihre Haare am Hinterkopf nicht verlieren, hätte er diese auch lang tragen und die Glatze unter dem Hut verstecken können( wie Lindenberg :D). Hier ist er mit kompletter Frisur zu sehen http://static.habsburger.net/files/..._im_harnisch_mitte_16._jahrhundert_teaser.jpg
    Die Mode hatte sich geändert .Sein Sohn Pilipp hatte auch stets eine Kurzhaarfrisur, ebenso dessen Sohn Don Carlos. Karls Nachfolger auf dem Kaiserthron Maximilian war gleichfalls kurzhaarig. http://www.planet-vienna.com/habsburger/bios/maximilian_II/Maximilian_II.jpg
    Leopold I. ,auch ein Habsburger, ist mit der Mähne des 17. Jh. (wie in den Musketierfilmen) zu sehen. http://www.kleio.org/images/large/habsburger/7173.jpg

    Auch im Mittelalter sieht man durchaus Männer mit relativ kurzen Haaren, wie hier Otto III. und sein Gefolge http://www.bpb.de/cache/images/3/73233-3x2-original.jpg?73077
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. August 2015
  8. -muck-

    -muck- Mitglied

    Meine two cents…

    Das Bild des Ritters mit langem, wallendem Haar ist m.E.n. nicht korrekt und ein Produkt der viktorianischen Romantik. Wahr ist, dass kurzes Haar bis weit in die Neuzeit hinein mit niederen Ständen assoziiert wurde. Was erhob aber langes Haar in den Augen der Menschen über das kurze? Es sind dies zwei Dinge.

    Bevor ich mich ihnen nähere, ein Hinweis: Es bietet sich hier wohl eine Analogie zur stereotypisch hellen Haut des Adels an. Adelsportraits des Mittelalters zeigen oft Menschen mit unnatürlich heller Hautfarbe. Niemand, der sich auch nur dann und wann unter freiem Himmel bewegte, hätte eine solche Hautfarbe besitzen können, erst recht nicht vor der ersten Blüte der modernen Kosmetik im elisabethanischen England (wo man sich veritabel zu vergiften begann, um schön bleich auszusehen). Wie kommt die schneeweiße Haut also auf die Portraits? Die Antwort lautet: durch künstlerische Freiheit. Der Maler schmeichelte dem Auftraggeber, da helle Haut insofern als ein Zeichen hoher Abkunft galt, als sie beweisen sollte, dass man für seinen Lebensunterhalt nicht arbeiten musste; daher ist des Künstlers Zeugnis vom Aussehen seines Brotherrn wenig verlässlich.

    Aufschlussreicher sind m.E.n. Illuminationen und Illustrationen auf Landkarten, die niemandem schmeicheln sollen, Epitaphe und Totenbüsten bzw. -masken, darin das Antlitz des Verstorbenen im Moment seines Todes festgehalten wird; sie enthüllen uns wohl zutreffender, was der Künstler seinerzeit tatsächlich sah. Und hierbei fällt auf, dass in bestimmten Bereichen Darstellungen von recht kurzhaarigen Männern überwiegen.

    Langes Haar stand erstens für einen hohen Stand, weil Leibeigene und Hörige regelmäßig bei der Übernahme durch einen neuen Herren zur Bekämpfung von Läusen geschoren wurden. Adelige wurden natürlich auch von Ungeziefer befallen, aber das brauchte ja niemand zu wissen. Der langhaarige Mann schien also einerseits kein Knecht zu sein, zweitens kein Schmutzfink.
    Zweitens kennzeichnete langes Haar einen Mann, der andere für sich kämpfen lassen konnte und also Macht besaß, denn: langes Haar ist für den Herrn Ritter verflixt unpraktisch. Bei Wind nimmt es die Sicht, man kann äußerst schmerzhaft daran gezogen und immobilisiert werden, es verschlechtert den Sitz des Helmes ganz erheblich. Dänen, soll heißen, Wikinger banden sich das Haar deswegen zu einer Art Dutt auf, den Sachsen und Franken aber lächerlich fanden und nicht nachahmten. Die Magyaren und andere Völker des Ostens erfanden hingegen den Schopf an größtenteils geschorenem Kopf, ebenfalls ein Kompromiss zwischen Schein und Notwendigkeit.

    In Westeuropa biss man in den sauren Apfel, und schnitt sich regelmäßig das Haar. Daher haben die Totenbildnisse vieler Herren, die im Kampf fielen, auffallenderweise kurzes Haar. Und ebendeswegen wurden Haar- und Kleiderordnungen erlassen: Um einer noch größeren optischen Vermischung der Stände vorzubeugen. Denn ein Handwerksgeselle oder Kesselflicker mit langem Haar hätte kaum den Eindruck hinterlassen, edelfrei zu sein. Wenn hingegen jedenfalls in Sachen Haaren kaum ein kleinster gemeinsamer Nenner besteht…
     
  9. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    All die Behauptungen um die Haarpracht und um die Hautfarbe find ich jetzt doch etwas zu verallgemeinernd.

    Hier als Beispiel eine Darstellung, sowohl Bauern wie auch die Herrschaften zeigend: Abel Grimmer, La visite à la ferme, 1608. Ich sehe da weder langhaarige Herrschaften, noch kurzhaarige Leibeigenen. Und die bleiche Haut ist für die Frauen reserviert. (Das Motiv stammt eigentlich von P. Brueghel d.Ä. und wurde später auch von P. Brueghel d.J. gemalt, mit sehr ähnlichen Haarlängen.)



    Worauf stützt sich diese überraschende Behauptung?
     
  10. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Man kann auch nicht jede Zeit und jeden Ort in einen Topf werfen.
     
  11. -muck-

    -muck- Mitglied

    Schönes Beispiel: Die Grabstätte von Bertram von Guesclin, kurzhaarig lange bevor im 15. Jahrhundert der Topfdeckelschnitt in Adelskreisen Einzug hielt. Wenn ich mich recht entsinne, nennt man dies den Caesarenschnitt. Ich lasse mich immer gerne eines besseren belehren, wage aber zu behaupten, dass Du außer von regierenden Monarchen kaum eine Grablege des Spätmittelalters finden wirst, deren Plastiken langhaarige Männer darstellen.
    Ich bin nicht sicher, ob dieses Gemälde für den diskutierten Zeiteraum Aufschluss bieten kann.
    Wieso überraschend? So gut wie jeder von Legenden oder gar von göttlichen Geboten umflatterte Brauch lässt sich letztlich auf profane Sachzwänge zurückführen (bestes Beispiel: das Verbot von Schweinefleisch im Islam ist laut Lehrmeinung westlicher Islamwissenschaftler mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit darauf zurückzuführen, dass Schweinefleisch seinerzeit einfach zu schnell verdarb). So ist es auch mit den Haartrachten, ob sie nun, je nach Region, für Manneskraft, kriegerische Fähigkeiten oder was auch immer standen. Man betrachte nur die bildlichen Darstellungen aus dem heutigen Ungarn oder sodann dem sog. Kleinrussland, d.h. insbesondere von Kosaken: Am Anfang (die frühesten mir bekannten Abbildungen stammen aus dem 12. Jahrhundert) stand recht langes Haar, während man sich in einem Aufputz abbilden ließ, der eher Tracht als Schutz darstellte, d.h. den Träger nicht mit Sachzwängen konfrontierte. Als die Magyaren und später die Kosaken usw. jedoch immer mehr die Kriegsbräuche anderer Reiche annahmen und immer mehr Rüstungsteile anlegten, darunter auch Helme, schrumpfte die Haarpracht. Dieser Trend hielt so lange an, bis im 18. Jahrhundert die Rüstungen bis auf Brustharnische hier und dort weitgehend verschwanden, und parallel dazu die höfische Prachtuniform mitsamt Perücke, aber ohne Helm auf dem Feld Einzug hielt.
     
  12. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Find ich jetzt nicht so einleuchtend. Wenn ich mich richtig erinnere, war das 15 Jh. mit den Hunyadis sowohl für extrem schwere Rüstungen, wie auch für schulterlange Haare bekannt. Deine These Rüstung=kurzes Haar will hier nicht so recht aufgehen.

    Noch viel weniger sehe ich Deine »überraschende Behauptung« irgendwo bestätigt, »Die Magyaren und andere Völker des Ostens erfanden hingegen den Schopf an größtenteils geschorenem Kopf«. Du hast nicht erklärt, worauf sich diese, in meinen Augen völlig aus der Luft gegriffene Behauptung stützt. Sind da etwa Abbildungen von osmanischen Kriegern und Magyaren durcheinandergebracht worden?(anders kann ich mir die Behauptung nicht erklären)
     

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