Politische Dissonanzen in der Weimarer Republik

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von LibreVille, 9. September 2015.



  1. hatl

    hatl Premiummitglied

    Die Monarchie gründet ihren Anspruch auf vererbte Familienrechte der Herrscher, der Nationalismus auf ein Selbstbestimmungsrecht ethnischer Zusammengehörigkeiten.
    Das verträgt sich nicht einfach.
     
  2. Lafayette II.

    Lafayette II. Mitglied

    Stimmt, das kann man so sehen. Nicht ohne Grund waren Österreich Ungarn und RusslaVielvölkerreiche.
     
  3. Portugreece

    Portugreece Neues Mitglied

    Ich wünschte, ich könnte mal für einen Tag eine Zeitreise in die Weimarer Republik machen. Dann würden sich alle meine Fragen und Unklarheiten innerhalb von einer Stunde klären.
    Die Menschen würden mein 21. Jh. Deutsch verstehen und mich bewundern, warum ich so komisch spreche. Vielleicht könnte ich dann die Menschen davor warnen, was ihnen alles Grausames bevorsteht :-D
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Ich glaube, ein Tag wäre zu knapp, um alle deine Fragen zu beantworten, und was das Grausame und Grauenhafte betrifft, würde es dir vermutlich ergehen wie Cassandra. Das Schrecklichste würde keiner glauben, denn es ist ja auch unglaublich. Die Opfer selbst haben es nicht geglaubt, obwohl sie wussten, dass sie nichts Gutes zu erwarten hatten. Das zu erkennen, was falsch läuft, ist nicht schwer, jedes Kind könnte das erkennen, aber die Erkenntnis in die Tat umzusetzen, Gewohnheiten, Vorurteile und Fehlverhalten aufzugeben, die Konsequenz zu ziehen, ist unglaublich schwer, und Menschen, die unbequeme Wahrheiten aussprechen, sind selten beliebt.

    Ich glaube, es war Shakespeare, der sinngemäß sagte, es ist viel leichter 10 Leuten zu sagen, was sie falsch machen, was falsch läuft, was geändert werden müsste, als einer der Zehn zu sein und sein Handeln konsequent zu ändern.

    Kurt Tucholsky sagte einmal in ähnlichem Zusammenhang: "Gegen den Ozean pfeift man nicht an."
     
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  5. Lafayette II.

    Lafayette II. Mitglied

    Oh ja... Durchaus richtig.
     
  6. Portugreece

    Portugreece Neues Mitglied

    Was ich eigentlich mit der Frage meinte war, dass wenn in der Weimarer Republik Menschen anfingen, miteinander über Politik zu unterhalten, ob dann die politischen Einstellungen im Regelfall toleriert wurden oder nicht. Also ob Diskussionen in Prügeleien übergingen. Mal angenommen (so eine Vorstellung von mir), da ist ein Bauer, der die KPD mag. Und beim Rasenmaehen sieht er seinen Nachbar und führt ein Gespraech mit ihm und kommt auf das Thema Politik. Wie man sich das vorstellen muss.
     
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  7. Portugreece

    Portugreece Neues Mitglied

    Und der Nachbar sympathisiert mit der NSDAP
     
  8. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Sowjetunion und später die DDR nahmen zwar in Anspruch, ein Staat der Bauern und Arbeiter zu sein, aber zur typischen Wahlklientel der Kommunistischen Partei gehörten die Bauern sicher nicht und sie wählten eher konservative Parteien, nur Tagelöhner und Kleinbauern stimmten für SPD oder KPD. Ich komme aus einer Gegend, in der auch heute noch die Landwirtschaft ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, aber auch von den wohlhabenden Bauern mähte keiner einen Rasen. Gemäht wurden Wiesen, um Heu für Viehfutter zu gewinnen. Um einen Vorgarten mit Rasen zu pflegen hätte keiner die Zeit und Mühe dafür aufgewendet.

    In den letzten Jahren der Weimarer Republik arbeiteten Nazis und Kommunisten zuweilen zusammen. Der preußische Minister Otto Braun wandte sich einmal im Landtag an die kommunistischen Abgeordneten: "Merken Sie nicht, dass Sie die Geschäfte derer da drüben besorgen (der NSDAP) sie wollen beide die Republik zertrümmern, um dann auf den Trümmern Ihre Diktatur zu errichten und zwar jeder die seine. Sie wollen dann die hängen und die sie. Ich fürchte, Sie werden die Gehängten sein."

    "Dich hängen wir zuerst!" grölten die Angeredeten.

    In den letzten Jahren der Republik gab es keinen Wahlkampf, der nicht Dutzende von leben gekostet hat, und politische Morde wie die an Matthias Erzberger und Walther Rathenau waren keine Seltenheit. Auf einem mecklenburgischen Gut wurde ein Arbeiter verdächtigt, Kommunist zu sein, und er wurde von den Kollegen umgebracht, sie nannten es Feme. Der Anstifter, Martin Bormann kam glimpflich davon, der Mörder, der das Opfer, als es wehrlos am Boden lag mit einem Knüppel erschlug, Rudolf Höß, wurde später als Kommandant von Auschwitz bekannt.

    Auf einem der zahlreichen Wahlplakate ließ sich ein Nationalsozialist als "Mörder Soundso" ankündigen. Das kommunistische Pendant der SA blieb die Antwort nicht schuldig, und Horst Wessel, der Verfasser des Kampflieds der SA und der Jugendliche Herbert Norkus wurden als "Blutzeugen der Bewegung" verherrlicht.
     
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  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die massiven politischen Differenzen in der Frühphase der Weimarer Republik bzw. auch als Auswirkung auf Österreich zeigten sich auch in der Art und Weise wie Emigranten, die während des Krieges aus dem Deutschen Kaiserreich beispielsweise in die Schweiz fliehen mußten, auch nach dem Krieg ausgegrenzt wurden.

    Und sie zeigen auch die weiterhin bestehende politische Macht der Alldeutschen, die die Personen massiv auszugrenzen versuchten, die nicht ihren Vorstellungen - auch in Forschung und Lehre - bereit waren für die Zukunft zu folgen.

    So wurde beispielsweise der Friedensnobelpreisträger Fried nach seiner Rückkehr aus dem Exil massiv diskriminiert und ausgegrenzt. So schreibt beispielsweise Piper, dass Fried den gerade ins Amt gekommenen sozialdemokratischen Staatskanzler in Wien aufsuchte, aber abgewiesen wurde, da "dagegen waren die Koalitionsgenossen der Antisemiten und der Alldeutschen" (in Bloch: Kampf nicht Krieg, S. 55).

    Und Piper resümiert die Situation für den Friedensnobelpreisträger: "Zuletzt versuchte Fried, seinen Friedensnobelpreis zu verkaufen. 1921 starb er angefeindet und verarmt."

    Diese Liste wird bei Piper noch fortgeführt und zeigt, welche massiven Widerstände bei der durchgreifenden Demokratisierung in dem aufgeheizten politischen Klima der Weimarer Republik bzw. in Österreich vorhanden waren.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Hermann_Fried

    Piper: Nacht über Europa
    https://books.google.de/books?id=pzwbAwAAQBAJ&pg=PT3&dq=nacht+%C3%BCber+europa&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=nacht%20%C3%BCber%20europa&f=false
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Mai 2016

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