Schach im Kalten Krieg

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von salvus, 29. Januar 2013.

  1. salvus

    salvus Aktives Mitglied


    Chronik nächster Versuch:

    Teil I

    Der WM Kampf 1984:

    Dieser stellt, wie ich meine eine weitere Besonderheit dar.
    Karpov - Kasparov
    Eine zum Teil unendliche Geschichte, welche im Jahr 1984 ihren Anfang nahm...

    Im Zyklus zur WM 1984 gab es erstmals drei Interzonenturniere a 14 Teilnehmer.
    Das Interzonenturnier 1982 in Moskau gewann Kasparov souverän mit 10 Punkten vor Beljawski (8,5) und Tal, bzw. Andersson (8).
    Karpov mußte längst klar geworden sein, welch großer Konkurrent in Kasparov herangewachsen ist.

    Im Viertelfinale des Kandidatenturnieres (auf 10 Partien angesetzt) traf Kasparov auf Beljawski und konnte diesen nach durchaus spannenden Kampf mit 6:3 besiegen.
    Anmerkung nebenbei: Der vorqualifizierte R. Hübner schied gegen den Ex WM Smyslow durch eine Roulettkugel aus. Eine dieser wirklich gut organisierten Wettkämpfe der Fide! Schon damals offensichtlich ein sehr schwacher Weltverband.

    Äußerst interessant dann allerdings die Halbfinalkämpfe:
    Sie wurden auf 12 Partien gespielt.
    Austragungsort: London

    Ribli - Smyslow
    Kasparov - Kortschnoi

    Gerade der letztere dieser beiden Kämpfe war natürlich sehr interessant. Dieser stand natürlich im Zentrum des Interesses.
    Es begann ein undurchsichtiges Theater:

    Rotterdam und Las Palmas bewarben sich als Austragungsort.
    Kortschnoi bevorzugte Rotterdam, Kasparov Las Palmas.
    Dann kam ein Angebot aus Pasadena (Californien), der Geburtsstadt Bobby Fischers. Fide Präsident Campomanes (Phillipinen) vergab darauf hin den Halbfinalkampf genau dorthin - ziemlich eigenmächtig. Jetzt wird es kompliziert:
    Die Politik kommt ins Spiel.

    Die sowjetische Schachförderation zeigte sich nicht erfreut, diesen politisch brisanten Kampf in den USA austragen zu lassen. Allerdings bestand Campomanes auf seiner Haltung.
    Smyslow sollte im arabischen Abu Dhabi auf Ribli treffen. Auch das war den Sowjets nicht recht.
    Sie zogen ihre beiden Kandidaten zurück!!!

    Wie praktisch für Karpov! Sein größter Konkurrent (Kasparov) schien ausgeschaltet. - Anmerkung meinerseits.

    Aber auch:
    Der WM Zyklus schien geplatzt.

    Die von den Sowjets angegebenen Gründe waren zu lächerlich, um ernstgenommen zu werden. Meine feste Überzeugung ist, daß die Sowjets überhaupt nicht gegen Pasadena, sondern gegen den Wettkampf schlechthin waren. Karpov ist der Musterknabe des Regimes, der idealste aller möglichen Weltmeister. Kenner der beiden Großmeister sind einhellig der Meinung, daß Karpov mit seinem Stil im Wettkampf gegen Kasparov so gut wie keine Chance hat. Man sprach sich nur gegen Pasadena aus, um den Wettkampf zu verhindern, damit Karpov weiter Weltmeister bleiben kann.
    Ludek Pachmann

    Man sollte hier anmerken, das Kasparov an dem Durcheinander dem Fide Präsidenten Compamanes (einem Karpov Freund) die Schuld gab.

    Lt. Kasparov war dies eine sehr schwierige Zeit für ihn. Er spürte, daß man ihn ausmanövrieren wollte.

    Nun sind die Dinge sehr kompliziert.
    Ich versuche sie stark verkürzt wiederzugeben:

    Kortschnoi erschien in Pasadena, Kasparov nicht.
    Kortschnoi wurde zum Sieger erklärt. ( vergl Kasparov: Politische Partie).

    Seis drum:
    Der Boykott der sowjetischen Spieler gegen Kortschnoi weichte auf.
    Die Halbfinalkämpfe fanden in London statt.
    Lt Kasparov, auch weil er sich an Geidar Alijew, den Präsidenten der Asebeidschanischen SOwjetrepublik wandte. Sein Einfluss war lt. Kasparov entscheidend.
    Laut Kasparov war ein anderes Zaubermittel das Geld. Die 210.000 Dollar gingen zum Teil an Kortschnoi um Ihn für Pasadena zu entschädigen.

    Das Halbfinale gewann Kasparov dann mit 7:4.

    Nebenbei:
    Smyslow gewann gegen Ribli mit 6,5:4,5 (Ribli war wohl durch private Ereignisse sehr geschwächt).

    Im Kandidatenfinale standen sich dann Kasparov und Smyslov (erinnert sei an die Roulettkugel:yes:) gegenüber.
    Kasparov gewann überlegen mit 8,5:4,5.

    Somit war der Weg zum WM Kampf gegen Karpov geebnet.

    Davon demnächst mehr.

    Das ist eine andere laaaaange Geschichte.....
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Februar 2013
  2. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Sehr schön! Ein paar Ergänzungen:

    Nun ja, der Wettkampf ging bei 5:5 in die Verlängerung, endete 7:7. Ob die heutzutage angewandten Schnell- und Blitzschachentscheidungen besser sind, als das damals druchgeführte Losen, sei mal dahingestellt.

    Aber hervorheben sollte man die grandiose Leistung von Ex-WM Wassili Smyslow, der sich mit 63 Jahren (!) bis ins Kandidatenfinale vorkämpfte!
     
  3. salvus

    salvus Aktives Mitglied


    Ooops!
    Besser Schnellschach (25 min) als Roulettkugel!!

    Zu Smyslov:
    Der war wirklich 63 Jahre alt.
    Aber nach all dem durcheinander ( Roulett gegen Hübner, gegen den privat geschwächten Ribli) war der wohl sehr überrascht gegen Kasparov im Finale zu stehen.

    Und da war er wirklich ohne Chance.
     
  4. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Schach WM 1984 Teil II

    Dieser WM Kampf ist eine Geschichte für sich.
    Ich versuche das mal so kurz wie möglich zusammenzufassen.

    Weiterhin stütze ich mich vorwiegend auf:
    Budde/Nikolaiczuk
    Schach WM 84/85
    Beyer Verlag

    und:

    Garri Kasparov
    Politische Partie
    Droemer Knaur 1987

    Der WM Kampf 1984 zwischen dem amtierenden Weltmeister A. Karpov und seinem Herausforderer G. Kasparov fand im Säulensaal des Gewerkschaftshauses in Moskau statt. Ein würdiger Rahmen. Für die Schachwelt war dies ein aufregendes Match. Der wohl beste Positionsspieler der Schachwelt traf auf den derzeitig besten Angriffsspieler. Viele Experten sahen Kasparov mit seinem jugendlichen Alter und spektakulärem Angriffsspiel als Favoriten. Gespielt wurde wiederum auf 6 Punkte. Remisen zählten nicht - Gewinner war also derjenige, welcher zuerst 6 Gewinnpartien aufweisen konnte. Die Dauer des Wettkampfes war unbegrenzt. - Danach rückte die Fide von diesem Modus ab. Wohl aus gutem Grund.:D

    Schon die erste Partie war sehr interessant. Karpov wählte mit Weiß den agressiven Keres Angriff gegen die schwarze Sizilianische Verteidigung und zeigte, daß er einem wildem Tanz nicht abgeneigt war. Die Partie endete nach interessantem Verlauf mit einem Remis. Nach einem Remis in der 2. Partie, konnte Karpov die dritte Partiefür sich entscheiden: 1:0!

    Auch die Partien 6 und 7 konnte Karpov gewinnen! Auch die 9. Partie mußte Kasparov aufgeben.
    Stand: 4:0 Karpov.
    Nach der längsten Remisserie, welche je in einem WM Kampf gespielt wurde, gewann Karpov schließlich die 27. Partie. Stand 5:0!!
    Ein Debakel für Kasparov.

    Doch dann kam es anders:
    In der 32. Partie verzeichnete Kasparov seinen ersten Gewinn.
    Nach diversen Remisen gewann er dann hintereinander die Partien 47 und 48.
    Bis hierher dauerte der WM Kampf nahezu 6 (!) Monate. Zwischendurch mußten die Protagonisten umziehen ins Hotel Sport, da der tote Andropow im Säulensaal aufgebahrt wurde. Gorbartschow wurde die neue politische Kraft in der Sowjetunion.

    Dann der Skandal:
    Nach der 48. Partie die berühmte Pressekonferenz, auf der Fide Präsident Compomanes den WM Kampf beendete. Ich persönlich erinnere mich, daß das seinerzeit die erste Meldung der 20:00 Uhr Tagesschau war.
    Was war geschehen? Ich versuche das neutral wiederzugeben:
    Es gab diverse Gerüchte um einen schlechten Gesundheitszustand seitens Karpovs. Campomanes brach den Kampf ab, weil es den Protagonisten nicht zuzumutbar war, weiterzuspielen. Kasparov stürmte ans Rednerpult und widersprach vehemment. Angeblich wollte auch Karpov weiterspielen. Allerdings stand die Entscheidung der Fide.
    Der Kampf sollte für den Herbst 1985 neu angesetzt werden. Diesmal auf 24 Partien begrenzt. Kasparov fühlte sich ausgebootet. Zum ersten Mal hatte er im laufenden Wettkampf die Möglichkeit zu gewinnen. Karpov baute merklich ab. Und dann wird der Wettkampf einfach abgebrochen.

    Der Protest half nicht. Es kam zum Abbruch.
    Offensichtlich haben die alten Seilschaften Karpov noch einmal geholfen. Kasparov galt forthin als "Kind der Perestroika".
    Auf jeden Fall war der Auftritt Kasparov's bei dieser Pressekonferenz eine absolute Sensation!

    Die offensichtliche Seilschaft Karpov/Fide/Campomanes geriet ins Wanken.

    Und die Schachwelt hatte plötzlich keinen Weltmeister mehr...
     
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  5. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Der im Zusammenhang mit diesem Thema interessanteste Wettkampf war natürlich 1972 Spassky - Fischer.

    Der WM Kampf fand vom 11. Juli bis 3. September in Reykjavik statt.
    Dieser Wettkampf war so interessant, daß er zeitweise sogar die Olympischen Spiele (München) aus den Schlagzeilen an zweiter Steller verbannte.

    Unerreicht bis heute sind die Siege Fischer's in den Kandidatenkämpfen:
    Im Viertelfinale 6:0 gegen Taimanov.
    Danach 6:0 gegen Larsen.
    Im Kandidatenfinale gegen Ex WM Petrosjan ein deutliches 6,5:2,5!

    Bis heute sind diese Ergebnisse unerreicht!
    Im WM Kampf schließlich der Nervenkrieg.

    Die erste Partie gewann Spassky, weil Fischer nicht angetreten war!
    In der zweiten Partie überzog Fischer ein remisliches Endspiel und verlor!

    Am Ende gewann Fischer mit 12,5:8,5 den WM Kampf.
    Danach zog er sich vom Schach zurüvk und wurde zur Legende.
    Niemand weiß, wie die Schachgeschichte mit ihm evt. weitergegangen wäre.

    Viele Legenden ranken sich um diesen Spieler.
    Er galt als gespaltene Persönlichkeit. Einerseits dieser geniale Schachspieler, andererseits wurden ihm auch immerwieder antesemitische Tendenzen (wohl zurecht) nachgesagt.

    Er war (in schachlicher Hinsicht) ein Selfmade Man. Sekundanten hatte er wirklich nie nötig. Er lernte Russisch nur um entsprechende Schachbücher studieren zu können. In den USA war er nach dem WM Titel ein Star. Allerdings wurde er dieser Rolle nie gerecht.

    Dann die Rückkehr 1992 im Kampf gegen Spassky im ehemalige Jugoslawien. Und damit die Zerstörung der eigenen Legende.
    Schade!

    Was bleibt ist wohl eine mögliche Kette:

    Fischer
    Kasparov
    Carlsen

    Wobei der letztere das größtmögliche Genie zu seien scheint...
     
  6. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Wenn es schon um dieses Thema geht - also Schach im kalten Krieg:

    Erwähnen sollte man durchaus die WM Kämpfe von V. Kortschnoi!

    Eigentlich war er (Kortschnoi) der Pate für diverse, (anti-)sowjetkritische Dinge.

    B. Wicki hat einen Film frei nach Kortschnoi's Geschichte gedreht.

    Und dann das Musical Chess:
    Auch dieses beruht (frei) auf der Geschichte von V. Kortschnoi!!
     
  7. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Ich schwelge wieder in Erinnerungen:

    Kürzlich hielt ich eine Ausgabe der Zeitschrift "Schach" in den Händen. Ausgabe 05/2004! Mein Gott das ist mittlerweile nahezu 10 Jahre alt. In dieser Ausgabe gab es den 2. Teil eines Interviews mit Vlastimil Hort.

    Titel: Ich läbe Schach!!

    Vlastimil Hort (für alle, die ihn nicht kennen) ist ein tschechischer Schachgroßmeister. Vor allem in den späten 70gern und in den 80gern, gehörte er zu den absoluten Weltklassespielern. Bekannt wurde er insbesondere durch die Schachsendungen im WDR, zusammen mit Helmut Pfleger.
    Seine Geschicht ist wohl typisch für die Situation im kalten Krieg. Er spielte oft mit dem Gedanken zu emigrieren. Seine Familie, Frau und Sohn hielt ihn zunächst davon ab. Er hatte dann schon in den 70ger Jahren des letzten Jahrhunderts gute Kontakte nach Deutschland, insbesondere zu W. Higert in Porz. Nach dem Interzonenturnier 1985 in Tunis flog Hort nicht mehr zurück in die Tschechei. Offensichtlich wurde er ständig bespitzelt und hatte Angst kein Visum mehr zu bekommen. Von Tunis hat Hort dann wohl einen Flieger nach Deurtschland bestiegen, nachdem klar war, daß sein Sohn bei seiner Mutter in der Tschechei bleiben wollte.
    Hort wurde wohl anschliessend zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt wegen Verleudmung des Staates und Verlassen des Gebiets. Alles, was von ihm gefunden wurde, wurde konfisziert.

    Hort wurde schließlich deutscher Staatsbürger, mehrfacher deutscher Meister im Schach und trat sehr oft für die deutsche Schach-Nationalmannschaft an.

    In der Schachszene ist er nach wie vor (nicht zuletzt wegen seines Akzents) eine Art Legende.

    Ich selbst hatte vor ca. 12 Jahren die Gelegenheit ihn persönlich kennenzulernen. Er hat viele Anekdoten zu erzählen, da er diverse Größen der Schachgeschichte, wie z.B. Fischer oder Reschewski noch persönlich kannte. Ich hing seinerzeit an seinen Lippen!

    Wie schwer sein persönliches Schicksal war, habe ich erst Jahre später erfahren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Mai 2013
  8. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    So wird aus Zeitgeschichte Geschichte: Vor ein paar Tagen starb Lothar Schmidt, Schachgroßmeister und Schiedsrichter im hochpolitischen WM-Wettkampf 1972 zwischen Fischer und Spasski. :(
     
  9. Tannhaeuser

    Tannhaeuser Aktives Mitglied

    Nicht zu vergessen Besitzer der größten Schachbibliothek in privatem Besitz ; er hat sie der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel vermacht, deren Gründer das erste deutsche Schachbuch verfaßte. Darüber hinaus war er der Verleger von Karl May. (Bitte den Namen in Schmid zu korrigieren)
     
  10. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    ja, der Karl-May-Verlag... seinerzeit von Arno Schmidt und Hans Wollschläger wegen der textverfälschenden Editionen heftig gegeißelt...
     
  11. salvus

    salvus Aktives Mitglied

  12. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Chronik nächster Versuch:

    Die Schach WM 1987 in Sevillia:

    Muß man dies noch zum kalten Krieg zählen?
    Offensichtlich ja, denn die Mauer fiel erst 1989.
    Und wieder muß man wohl auch hier feststellen, daß Karpov sowohl in der Sowjetunion, als auch in der Fide eine Art Sonderstatus genossen hat.
    Fakt ist, daß Kasparov (ein Anhänger der Perestroika) den WM Titel inne hatte. Wenn wir jetzt mal schwarz/weiß malen:
    Kasparov: Erneuerer
    Karpov: Althergebracht

    Wahrscheinlich war aber auch im Schach die Erneuerung, genau wie in der Politik nicht mehr aufzuhalten.

    Der WM Zyklus:

    Wieder gab es drei Interzonenturniere:
    Tunis, Taxco und Biel.
    Danach, und das war die Neuerung, gab es ein Kandidatenturnier mit 16 Teilnehmern in Montpellier.

    Anschliessend gab es die Kandidatenkämpfe in Form von Zweikämpfen.
    Qualifiziert waren 4 Teilnehmer. Es gab also sofort zwei Halbfinals.

    A. Sokolow besiegte in Minsk Waganjan mit 6:2
    A. Juppussow besiegte in Tilburg J. Timman mit 6:3

    Im Kandidatenfinale in Riga besiegte A. Sokolow A. Jussupow völlig überraschend mit 7,5:6,5!

    Hatte sich jetzt A. Sokolow für einen WM Kampf qualifiziert - wie sonst auch?
    Nein!
    Er mußte jetzt gegen A. Karpov in eine Art Superfinale antreten.
    Der Sinn erschließt sich mir persönlich bis heute nicht.
    Der gute A. Sokolow muß sich durch eine absolut anstrengende Qualifikationsmühle spielen und trifft dann auf einen völlig ausgeruhten und relaxten Karpov.

    Nun ja:
    In dem sg. Superfinale hatte Sokolov keine Chance:
    Karpov - Sokolov 7,5:3,5

    Und dann:

    Der WM Kampf Kasparov - Karpov in Sevilla/Spanien!

    Die Art wie Karpov sich für diesen WM Kampf qualifiziert hatte ist wirklich skandalös. Hier zeigte sich m.E. wiederum welch Günstling Karpov in der ehemaligen SU war. Seis drum. In Spanien trafen wohl die beiden besten Schachspieler der damaligen Welt aufeinander. Das Match war wohl eines der spannensten der Schach- Weltgeschichte.

    Natürlich waren die beiden absolute Todfeinde.

    Für die Kenner:

    Kasparov wählte mit Schwarz die Grünfel-Indische Verteidigung.
    Sehr dynamisch.
    Die sg. Sevilla Variante ist bis heute Teil der Theorie.

    Eine andere Überraschung für Karpov war sicherlich die Wahl der sehr strategischen Englischen Eröffnung mit Weiß durch Kasparov.

    Gerade Kasparov geriet in diesem auf 24 Partien begrenzten Kampf an seine Grenzen.

    Nach 22 Partien stand es 11:11
    Dann gewann Karpov die 23. Partie!

    Er lag in Führung und konnte den WM Titel zurückgewinnen.
    Nur noch eine Partie war zu spielen. Ein Remis würde reichen!

    Kasparov spielte in der 24. Partie mit Weiß und eröffnete mit der Reti Eröffnung und verlegte die Entscheidung somit ins weite Mittelspiel.
    Er konnte die Partie dann gewinnen.
    Ein dramatisches Ende einer dramatischen WM.

    Und der Stern Karpovs begann ebenso zu sinken wie der Stern der Sowjetunion...

    Literatur:
    L. Nikolaiczuk: Schach WM 1987
    Beyer Verlag 1988
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juni 2014
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  13. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    @Salvus:

    Der Terminplan der WM war aufgrund der sehr langen WM 1984, des Abbruchs und der Neuaufnahme 1985 und eines Revanchekampfs 1986 sehr durcheinander geraten. Karpow konnte (wie Kasparow) gar nicht an der Qualifikation für 1987 teilnehmen und wurde deshalb für das Superfinale gesetzt.

    Das hat übrigens nichts mit der UdSSR zu tun, verantwortlich war Campomanes, der damalige FIDE-Präsident, ein Philippine. Sowohl der Abbruch 1984 als auch der Revanchekampf 1986 waren sehr umstritten und entsprangen wohl der Bevorzugung Karpows durch Campomanes. Der sowjetische Schachverband hat jedenfalls keine Stellung bezogen.
     
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  14. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Zum ersten Abschnitt stimme ich dir voll zu.
    Im zweiten Abschnitt nur teilweise.

    Es wurde nahezu alles getan, damit Karpov den Titel behält. Eigentlich schon im Vorfeld des Kampfes 1984. Dieser sollte wohl offensichtlich garnicht stattfinden. Danach dann die Kette:

    Zunächst der regelwidrige Abbruch des Matches 1984.
    Dann Festsetzung eine neuen Matches beim Stand von 0:0 und Begrenzung der Partien auf höchstens 24.
    Bei einem Unentschiedenen Ausgang dieses neuen Matches, sollte Karpov Weltmeister bleiben - auch eine eigenartige Regelung. Der Herausforderer muß gewinnen, dem Weltmeister reicht ein Unentschieden. Pikanterweise kam diese Regelung, daß der Weltmeister bei einem Unentschieden seinen Titel behält in Sevilla 1987 auf Karpov zurück. Hier war Kasparov schon Weltmeister und nun reichte ihm das Unentschieden:D.
    Und schließlich die unsinnige Wiedereinführung des Revanchrechtes, d.h. sollte der Weltmeister (Karpov) seinen Titel verlieren, so hat er das Recht auf einen Revanchkampf innerhalb von 12 Monaten. Eine Regel, die man eigentlich schon in den 60er Jahren abgeschafft hatte und plötzlich wieder einführte. Dies führte dann zu den von Dir erwähnten Terminschwierigkeiten und war wohl auch der Anfang der Spaltung der Schachwelt 1993.

    Interessant ist allerdings nach wie vor die Rolle der Politik. Der russische Historiker Feltschinski hat hier neuere Untersuchungen durchgeführt. Er hat wohl insbesondere den Einfluss des KGB auf den Sport und insbesondere auf das Schach in der ehemaligen SU untersucht. So soll der KGB wohl Campomanes gerdrängt haben das Kandidatenfinale nach Passadena (USA) zu vergeben. Hier hatte man noch eine Rechnung auch wegen des Olympia Boykotts von 1980 offen. Diesen Austragungsort konnte man rundheraus ablehnen. Das Match gegen Kortschnoi sollte nicht zustandekommen - Kasparov war ausgebremst. Man benötigte einfach kein junges aufstrebendes Talent. Karpov war ein verdienter "Held des Sports" und sollte es auch bleiben.
    Es soll insbesondere nach den WM Kämpfen gegen den Dissidenten Kortschnoi zu einer großen Machtposition Karpovs auch gegenüber dem sowjetischen Schachverband gekommen sein. Das dieser sich zu dem Abbruch der WM 1984 nicht geäußert hat, wundert darum nicht. Nach wie vor ist die ganze Angelegenheit nie richtig geklärt worden. Verschwörungstheorien gibt es natürlich auch.

    Hier ein interessanter Link in dem auch auf die Untersuchungen Feltschinskis eingegangen wird:

    25 Jahre Abbruch | Schach Nachrichten
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Juni 2014
    1 Person gefällt das.
  15. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Im Großen und Ganzen stimme ich dem Chessbase-Artikel zu, aber ein wichtiger Punkt fehlt: Kasparow entstammt wie Karpow der Botwinnik-Schachschule. Später haben sich Kasparow und Botwinnik wegen der Perestroika entzweit, aber das war nach dem WM-Zyklus '84. Einfluss seitens einzelner Funktionäre ist anzunehmen, aber anlässlich des Todes von Botwinnik gab es in der Schach (?) einen Artikel, der die relative Unabhängigkeit von Botwinnik vom sowjetischen Verband beschreibt.
     
  16. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Richtig.
    Beide wurden in der Botwinnik Schachschule ausgebildet.
    Allerdings hat sich Botwinnik schon vor dem WM Kampf 1984 eindeutig auf die Seite von Kasparov geschlagen. Für Botwinnik war ausschlieslich Kasparov der würdigere Weltmeister. Ich erinnere mich hier an einen Artikel aus dem "Schach Echo" von 1984, wo das ausdrücklich erwähnt wird. Das lässt zumindest auf ein unabhängiges Verhältnis von Seiten Botwinniks zum sowjetischen Verband schließen. Allerdings war Botwinnik zu einer Zeit Weltmeister, wo die sowjetische Dominanz im Schach nahezu unangefochten war. Die Sowjets haben den Titel unter sich ausgespielt. Und wenn jemand drohte in diese Phalanx einzubrechen, z.B. Fischer beim Kandidatenturnier in Curacao 1962, dann wurde er einfach ausgebootet.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Juni 2014
  17. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Auch wenn die ganze Angelegenheit bis heute sehr undurchsichtig geblieben ist, kann von einer Bevorteilung Karpovs hier kaum die Rede sein.
    Es stand schließlich 5:3 für Karpov, und jede weitere Niederlage Kasparovs hätte für diesen das Ende bedeutet. Edward Winter listet verschiedene Quellen, aus denen hervorgeht, dass der Matchabbruch ursprünglich Kasparovs Vorschlag war, allerdings, als es noch 5:1 stand.

    Einerseits behauptet Kasparov, Karpov sei völlig erschöpft gewesen und hätte kaum noch spielen können, andererseits lobt er seinen eigenen Sieg in einer großartigen und umkämpften 48. Partie, was nicht zusammen passt.

    Ursprünglich hatte Campomanes eine Matchpause von 3 Monaten ins Spiel gebracht. So gesehen war ein Neustart beim Stand von 0:0 (statt 3:5 aus seiner Sicht) ein klarer Vorteil für Kasparov. Wiederholt zitiert Winter Kasparovs Aussage, er habe seine eigenen Chancen mit 25-30% eingeschätzt.

    Welche Rolle der KGB, der ehemalige Kosmonaut und damalige sowjetische Schachverbandspräsident Sevastianov, der Leiter der sowjetischen Sektion Schach und FIDE-Vizepräsident GM Krogius, und der DSB-Präsident Alfred Kinzel spielten, bleibt völlig undurchsichtig.
    Dass Campomanes mehr als ungeschickt agierte kann allerdings ebenso wenig bestritten werden wie die Tatsache, dass Kasparov und vor allem der mehr als dubiose Raymond Keene den Abbruch propagandistisch zu ihren Gunsten ausschlachteten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Juni 2014
  18. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    @Stilicho:

    Natürlich kann man trefflich über die Sache streiten, oder sagen wir besser diskutieren.

    Du gehst in deinem Beitrag überhaupt nicht auf das Kandidatenhalbfinale Kasparov/Kortschnoi ein. Dieses Halbfinale wurde von Schachfunktionären und damit meine ich den sowjetischen Schachverband am grünen Tisch gestoppt. Das der Wettkampf überhaupt noch zustande gekommen ist, muß man wohl dem Turnier in Niksic verdanken, an dem sowohl Kasparov als auch Kortschnoi teilnahm. Eine Art Vermittlerolle hat wohl der GM Gligoric übernommen. Letztlich ist der Wettkampf doch noch zustande gekommen. Es gibt viele Spekulation für die Gründe. Offensichtlich hat Kasparov noch rechtzeitig Kontakt zu führenden (ich glaube aserbaischainischen) Politikern bekommen. Das müßte ich aber jetzt wieder recherchieren. Auf jeden Fall bleibt der Geschmack, daß der sowjetische Verband den jungen Kasparov schon frühzeitig ausbooten wollte.
    Im Übrigen hat der sehr junge Kasparov in diesem erwähnten Turnier in Niksic seine ganze Schachkunst gezeigt.
    "Er erteilte den teilnehmenden Großmeistern, die fast ausnahmslos zu der absoluten Elite der Welt zählen, Schachlektionen. Die Art und Weise wie Kasparov den Turniersieg errang kann nur mit den Leistungen verstorbener, bzw. nicht mehr aktiver Schachkoryphäen verglichen werden, wie die Turniersiege Laskers um die Jahrhundertwende, das Auftreten Aljechins in San Remo 1930 und Bled 1931 oder die Erfolgsserie Fischers vom Interzonenturnier 1970 bis zum WM Kampf mit Spasski in Reykjavik 1972."
    (Budde/Nikolaiczuk: Schach WM 84/85 Beyer Verlag1985)

    Natürlich war sich sowohl Karpov als auch der sowjetische Schachverband über die große Gefahr "Kasparov" bewusst. Besser also man schaltet ihn vorzeitig (Kandidatenhalbfinale) aus - am grünen Tisch. Das Kasparov und der verhasste Dissident Kortschnoi sich quasi privat noch einigen, damit konnte man wahrlich nicht rechnen!

    Zum WM Kampf 1984/85:
    Natürlich gibt es da dieses ewige Argument, daß Karpov nur noch einen Punkt benötigte. Das ist natürlich Tatsache ( für alle, die der Thematik nicht so sehr mächtig sind: Das Reglement sah vor, daß derjenige Weltmeister ist, der zuerst 6 Punkte auf seinem Konto zu verweisen hat. Dabei zählen allerdings nur Gewinnpartien. Remisen, die normalerweise einen halben Punkt wert sind, werden mit 0 bewertet. Oder anders: Gewinner ist der, der als erstes sechs Gewinnpartien vermelden kann - die Anzahl der Partien ist dabei unbegrenzt).

    Der ganze WM Kampf wurde nach der 48. Partie und fast 6 Monaten Spielzeit vom Fide Präsidenten eigenmächtig und regelwiedrig abgebrochen.
    Der Stand seinerzeit: 5:3 für Karpov.
    Nun muß man wissen:
    Gerade die ersten Partien des Wettkampfs spielte Karpov sehr gut. Nach 10 gespielten Partien führte er schon mit 4:0 Gewinnpartien. Nach 27 Partien mit 5:0. Die 32. Partie konnte Kasparov gewinnen. Nach diversen Remisen gewann Kasparov die Partien 47 und 48 in Folge. Dann wurde der Wettkampf abgebrochen und neuangesetzt.

    Für wen war das jetzt von Vorteil?
    Es kam zu der schon erwähnten aufsehnerregenden Pressekonferenz. Kasparov wehrte sich vehemmend gegen diesen Abbruch. Karpov eigentlich ebenfalls - aber eher halbherzig. Nun kann man spekulieren, daß Karpov insbesondere physisch einem so lange dauerndem Wettkampf nicht gewachsen ist. Das hat schon der WM Kampf 1978 in Bagio gegen Kortschnoi gezeigt. Dort führte er nach 27 Partien mit 5:1. Dann verlor er die 28. und 29. Partie und danach die 31. Partie und es stand 5:5. Dann reichte Kortschnoi ihm einen letzten Strohalm indem er in der 32. Partie die Pirc-Verteidigung wählte-gegen die Karpov sehr gerne anspielte.
    Ob Kasparov 1984 dem Herrn Karpov einen solchen Strohalm gereicht hätte, wage ich zu bezweifeln.

    1984 nun hat Kasparov zwei aufeinanderfolgende Partien gewonnen.
    Es stand 5:3.
    Für einen Abbruch gab es keinen wirklichen Grund.
    Fakt ist:
    Kasparov war gegen diesen Abbruch.
    Die Pressekonferenz seinerzeit war aufsehenderregend.

    Aussage Karpov:
    "Die Aussagen über meinen Tod sind leicht übertrieben."

    Natürlich.
    Aber offensichtlich gibt diese Aussage etwas über den physischen und psychischen Zustand von Karpov wieder.
    Warum lässt er sich sonst zu einer solchen Aussage hinreissen?

    Das Kasparov beim Stand vom 5:1 den Wettkampf abbrechen wollte ist mir völlig neu. Die entsprechenden Quellen nicht nachvollziehbar. Im Gegenteil: Beim Stand von 5:1 hat niemand von einem Abbruch gesprochen.

    Nochmal Budde/Nikolaiczuk:
    "Die Aussagen Kasparovs sind eindeutig. Eine Weiterführung des bereits fünf Monate andauernden Ringens bei einem 3:5 Stand ist ihm lieber als ein Neubeginn bei 0:0 mit einem verändertem Modus."

    Nun:
    Es wurde abgebrochen.
    Das Match wurde neu angesetzt, begrenzt auf 24 Partien.

    Das Reglement für den neuerlichen WM Kampf:

    - Bei Unentschieden bleibt Karpov Weltmeister. (warum?)
    - Wenn Karpov verliert wird das Revacherecht wieder eingeführt. (warum?).


    Na, wenn der Herr Karpov hier nicht eindeutig bevorteilt wurde, dann weiß ich es nicht. Und das das alles nur auf den Herrn Campomanes zurückgeht glaube ich erst recht nicht. Da hatten sicherlich andere Mächte ihre Hände im Spiel. Dies endgültig zu beweisen braucht wohl noch Zeit.

    Das Kasparov ein streitbeirer Geist ist, ist wohl auch unumstritten. Er lebt nun nicht mehr in Russland, da er aktuell ein großer Gegner Putins ist und wohl um sein Leben fürchten muß.
     
  19. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Eigentlich ist dieses Thema unausschöpflich.
    Es gibt da ja auch die Geschichte der sg. Dissidenten.

    Ein wirklich berühmtes Beispiel dafür ist natürlich V. Kortschnoi.
    Dieser hat auch immer wieder politische Akzente, gerade in seinen Kämpfen mit A. Karpov gesetzt, z.B. 1981 in Meran, als er einen Sticker der polnischen Gewerkschaft Solidarnocz am Revers trug.

    Vlastimil Hort ist ein anderes Beispiel. Er versuchte m.E. aber die politischen Dinge eher im Hintergrund zu halten.

    Aber da gibt es auch noch Ludek Pachmann.

    Er hat aus seiner politischen Meinung nie einen Hehl gemacht.
    Er hatte auch entsprechende Verbindungen (wenn ich mich recht erinnere) zu G. Löwenthal, dem ZDF Journalisten.
    Da kamen durchaus manch antikommunistische Kommentare zusammen. Irgendwo in meinem (großen) Schach Archiv müßte ich das finden.
    Brauche Zeit...
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Juli 2014
  20. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Die Dissidenten haben ja auch mehrere problematische Punkte in sich vereint: Aufgrund der Förderung im Osten waren es sehr gute Schachspieler, die sich auch im Westen oft als Profi behaupten konnten. Schachspieler als Einzelsportler sind für die Vereinnahmung durch kommunistische Kollektive schwierig zu erreichen. Die Auslandsturniere demonstrieren zusätzlich die persönliche Freiheit im Westen. Aufgrund des Kalten Krieges haben sich die westlichen Medien auf solche Fälle gestürzt. Wenn die Dissidenten dann auch ihre persönliche Haltung aktiv nach außen tragen (wie z.B. Ludek Pachmann), dann wächst die Bereitschaft im Osten aktiver dagegen vorzugehen, die Sache eskaliert...
     

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