Slawen, Wenden, Sorben, Obodriten

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von askan, 23. März 2004.

  1. rena8

    rena8 Aktives Mitglied


    Schön, hier etwas über slawische Mythologie zu lesen.
    Da sind mir doch gleich die Hühnergötter wieder eingefallen, die man am Ostseestrand findet. Hühnergott ? Wikipedia

    Gibt es dafür eine belegte Kontinuität oder sind die Vorgartenkunstwerke mit Lochsteinen eine neuzeitliche Kreation?
    Und kann man in den slawischen Mythen öfter Hühnern begegnen als in anderen Sagen, da wäre noch die Baba Jaga mit ihrer Hühnerfußhütte?
    Und ist der Berggeist Rübezahl nun ein germanisch-slawischer Naturgeist oder eine Märchenfigur der Romantik?
     
  2. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Heinrich II. erdreistete sich, mit den heidnischen Lutizen verbündet gegen das christliche Polen zu ziehen. Die Kampagne stand unter keinem guten Stern. Es gab Ärger, weil die Feldsymbole des jeweiligen "Alliierten" angepöbelt wurden und als bei einem Flussübergang der lutizische Standartenträger samt Götzenbild ertrank, war das Maß voll...
     
  3. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied


    Kochany Ptaszku :winke:
    amerikanische Authorin Carolyn Janice Cherry hat eine Serie der Fantasy- Bucher geschrieben, die auf der slawischen Mythologie basiert : Rusalka (1989), Chernevog (1990) und Yvgenie (1991).
     
  4. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    Nach Huhnergotter kann ich nichts sagen. Aber noch am Anfang von XX Jhdt. haben die Bauern im Polen die Belemniten-Fossilien unter dem Dach erhangt. In Volkstradizion sind sie Blitzsteine genannt. Die Bauern haben geglaubt, dass Belemnit-Fossil ein von dem Blitz geschmetzter Sand ist. Da alle gewusst haben, dass ein Blitz nie zweimal an der selben Stelle ein schlagt - hat ein Bauer einen Blitzstein unter dem Dach erhangt. Ein Blitz hat gesehen, dass ein anderen schon fruher da war und das Haus war sicher.
     

    Anhänge:

  5. Skald

    Skald Neues Mitglied

    Die älteste, bildliche Darstellung von Rübezahl stammt aus dem 14. Jhd. und zeigt ihn noch als Dämon mit Hirschgeweih und Stab. Ich gehe davon aus, dass die Figur noch wesentlich älter ist und sicher aus lokalen Berggeistern/Göttern entstanden ist.

    Etymologisch stammt der Name wahrscheinlich aus dem althochdeutschen Hriobzagel, was soviel wie "Rauher Sturm" heißt.
     
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Jacob Grimm vermutet, dass Rübezahl wohl slawischen Ursprungs sei und zwar nach bömisch Rybecal, Rybrcol.

    Tante Wiki ist der Meinung, die Herkunft sei ungeklärt, was nichts heißt.
     
  7. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Die zum Namen Rübezahl passende Geschichte habe ich gelesen.
    Das Motiv von dem starken aber etwas "treudoofen Berggeist, der von der cleveren Frau ausgetrickst" wird, hat schon was.
    Es taucht allerdings in anderen Mythen, Sagen und Märchen mit anderen handelnden Personen seit den griechischen Heldensagen auf.

    Deshalb frage ich mich, war der Name zuerst bekannt und was wurde vor der tumben Rübenzählerei damit verbunden?
     
  8. Skald

    Skald Neues Mitglied

    Naja, die Geschichte mit dem Rübenzählen taucht ja im 18. Jhd. auf. Ich halte sie für eine Kunstsage, um den Namen zu erklären.
     
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  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Auf Deutsch: Donnerkeil. Die Tradition des unter-das-Dach-Hängens kenne ich as Dtld. allerdings nicht.
     
  10. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied


    In Riesengebirge war Kult von Swantewit sehr intensiv und die Resten von heidischen Gebrauchen war noch im XVI Jhdt. lebendig. Ein schwarzer Hahn war hier Atribut Swantewits und das tradizionelle Opfer fur diesen Gott. Um Swantewits Kult zu vernichten, hat die Kirche der Kult von Hlg. Vit im Riesengebirge-Gebiet propagiert. Die Idee und Methode waren schon gut gekannt und gepruft : euer alten Kult ist fur uns kein Problem, da Svantevit kein Gott ist, er ist doch nur ein der unseren Heiligen - svaty Vit. Auf dem selben Grundwar dieser Geist (oder Herr) des Gebirges auch Dominus Johannes genannt.In ganzem Slawentum(aber auch bei Germannen und Finnen)war die langste Nacht des Jahres (21/22 Juni.) das wichtigste heidische Fest. Auch in Riesengebierge wurde der alte Gott in dieser Nacht speziel geehrt. Die Kirche hat also die christliche Hlg. Johannes Nacht in dieser Zeit im Kalendar gesetzt.

    Und jetzt unser Rubezahl. Er hat mit Rubenzählerei nichts zu tun.
    Der Name ist in der Zeit der Christianization entstanden und stammt von Rabe (mit schwarzem Hahn Svantevits assoziert) und altdeutschem Wort Zabel (Teufel). Einige Forscher glauben, dass Rube- auch von altem latenischen Namen des Riesengebirges (Riphaei Montes) stammen kann.

    S. Bełza W górach olbrzymich 1898.
    C. Skała Sudety 2004.
    J. Sykulski Liczyrzepa, zły duch Karkonoszy i Jeleniej Góry,1945.
     
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  11. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Das Riesengebirge als Teil der Sudeten liegt mittendrin in Europa und am Schnittpunkt von Böhmen/Habsburg, Sachsen/Polen und später Preußen. Könnte man es als niedrige Alpen bezeichnen, was Trennungs/Verbindungsfunktion betrifft. Ringsum liegen Regionen mit guten landwirtschaftlichen Flächen und Bodenschätzen. Nur die Gebirgslagen waren karger, dünner besiedelt und die Bauern lebten vielleicht etwas isolierter?
    So könnte ich mir vorstellen, dass sich Vorstellungen über Naturgeister länger als anderwo neben dem offiziellem Christentum hielten.
    Man muß sich den Glauben an Naturgeister gar nicht so geheimnisvoll vorstellen, es war vielleicht eine Mischung aus Respekt und Warnung an Kinder und andere wagemutige Regelüberschreitungsgefährdete iSv .."Wenn du beim Schafe hüten zu hoch auf den Berg steigst, holt dich der Rübezahl (als Vertreter des Swantevit).
    Den schwarzen Hahn als Opfer finde ich interessant, sind Hühner in vielen Religionen die Opfergaben des "kleinen Mannes". Warum mußte der Hahn schwarz sein, ist er dann dem Raben ähnlich?
    Gibt es Quellen aus dem Mittelalter über slawische Kulte?

    Die Bauernlogik zu den aufgehängten Blitzsteinen/Donnerkeilen finde ich faszinierend, so ähnlich könnte ich mir die Schutzfunktion der Hühnergötter vorstellen.
    Wahrscheinlich sind es 3 Namen für die gleiche Funktion, man wollte sich vor Blitzschlag und Unwetter schützen.

    Jetzt frage ich mich natürlich, wie reagierte der logische Bauer, wenn in sein durch aufgehängte Blitzsteine geschütztes Haus doch der Blitz einschlug? :confused:

    Über die Umwidmungen von Orten, Göttern, Riten und Festen wurde an anderer Stelle schon diskutiert, leider finde ich den Thread nicht. Könnte man dort über Umwidmungen im slawischen Bereich weiterdiskutieren.
    Ich denke manchmal, dass die Wahrscheinlichlichkeit schriftliche Originalquellen zu finden bei der Slawenmission größer sein sollte als bei der Bekehrung der Gallier, Franken und Sachsen, da sie noch nicht solange zurückliegt und es eine Schriftkultur gab.
    Neuinterpretation im 18./19. Jhdt während Romantik und zur Nationalitätenbildung hat es in ganz Europa gegeben.
    Wie ist in diesem Zusammenhang deine Quelle von 1898 zu sehen @Bartek?
     
  12. Bartek

    Bartek Aktives Mitglied

    Stanisław Bełza war der erste, der auf polnischer Sprache den Rubezahl beschreibt hat. Bełza hat in 1898 den Namen Liczyrzepa in pol. Literatur eingefuhrt, was wortlich Rubezahl bedeitet. Er hat diese Erscheinung im Kontext der lokalen Folklore gemacht. Bełza war aber kein profesioneller Ethnologe.

    Das Leben der polnischen Bauern wurde von Władysław Reymont in seinem monumentalen Werk Chłopi (Bauern; publiziert 1902 - 1908) vorgestellt. Das Roman hat vier Bander : Herbst, Winter, Fruhling und Sommer. Solche Titeln sind nicht zufallig. Der Bauer lebt dem Naturzyklus und der kirchlichen Liturgie total zufolge. Nicht philosophisch, sondern physiologisch. Die Zeit der Freude, Treurigkeit, Hoffning und Verzweiflung komponiert sich in 100% mit den Naturerscheinungen und den religiosen Festen. Die personlichen Dramas und Erfolge, alle Reakzionen der Helden sind in 100% konvergent mit alles, was in Umwelt passiert - der Leser beobachtet folgend ihre Freude wahrend der Ernte; ihre Apathie wahrend des Winter, wann die Natur schlaft; ihre Verzweiflung wahrnd des Hungers der Vorerntezeit usw. Es gibt keine haupte Helden, einge Personen erscheinen sich und verschwinden wie einige naturliche Erscheinungen, die die Bauern uberleben.
    Der Roman ist extrem naturalistich. Auch die Sprache ist natural, oft als Mundart stilisiert. Die Mentalitat der Bauern ist aber nicht animalistisch dank der religiosen Methaphisik, die alles in ihrer Welt durch dringt. Der Todt des Kindes von Hunger im Fruhling, wann schon nichts zu essen gibt, wird sofort von der Passion Christi wahrend des Osterns toniert, die wortlich erlebt wird. Diese delikate Balance zwichen Biologie und Mystik in der Welt der Bauern wird plozlich von den gesellschaftlichen Veranderungen in polnischem Dorf am Ende des XIX Jhdt. zerstort. Und das ist die Achse des Romans.
    Władysław Reymont hat in 1924 Nobelpreiss fur Chłopi bekommt.
     
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  13. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Danke für die Buchempfehlung, ich habe mir den 1.Band bestellt und war erstaunt, dass es der Winter ist.
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Auch wenn dieser Beitrag schon Jahre alt ist und der Urheber längst kein Mitglied mehr, möchte ich diesem und seinem subjektiven Hörempfinden doch dezidiert widersprechen.
    Zunächst einmal ist Akzent, hier in seiner Bedeutung als Färbung der Sprache durch Sprecher einer Fremdsprache, die umgangssprachlich aber nicht sprachwissenschaftlich ist, ein Phänomen, welches eigentlich nur erwachsene Lerner zeigen, Kinder nur dann, wenn sie die Sprache von einem Nichtmuttersprachler lernen.
    Ich habe Spanisch studiert und selber eine ganze Weile in Spanien gelebt, ich kann portugiesisch lesen und leseverstehen, wenn ich es aber höre, kann ich es nicht hörverstehen. Stattdessen denke ich zunächst immer, wenn ich portugiesisch höre, bis ich einzelne Worte herausfiltern kann, dass ich den Sprecher einer slawischen Sprache höre - das, obwohl ich zuhause jeden Tag Slawisch höre, wenn meine Frau mit ihren Eltern telefoniert. Insofern ist ein solches subjektives Hörempfinden alles andere als aussagekräftig, eher eine Falle, in die man hineintappt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. September 2012
  15. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Ich stimme El Quijote in der Kritik an Pauls pauschalisierender Aussage zu, möchte aber ergänzend darauf hinweisen, dass Sprachwissenschaftler (z.B. Harald Haarmann) Deutsch und Tschechisch einem Sprachbund zuordnen. Zu Sprachbünden zählt man benachbarte Sprachen, die nicht aufgrund ihrer Herkunft, sondern aufgrund ihrer Nachbarschaft gemeinsame Strukturen entwickelt haben.

    Zum Nachlesen: http://www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/SNewerkla1.pdf
     
  16. Wendenkönig

    Wendenkönig Neues Mitglied

    Hallo, ich habe hier etwas mitgelesen und möchte einen kleinen Beitrag beisteuern.
    Zuerst folgendes Zitat: "Donnerkeil. Die Tradition des unter-das-Dach-Hängens kenne ich as Dtld. allerdings nicht."
    Stimmt, diesen brauch oder besser Verfahrensweise des Schutzes vor Feuer und Blitz bzw. allgemeinem Unheil, wird von den, in der Niederlausitz ansässigen Wenden, nicht praktiziert. Wer aber durch den Spreewald fährt, dem alten Siedlungsgebiet der Wenden, wird sicher schon oft die gekrezten Schlangenköpfe an den Giebeln der alten Häuser gesehen haben. Sie sind es die diese Gebäude (Höfe) vor jeglichem Unheil schützen. Wie es die Sorben halten weiß ich nicht. Sicher wird es auch hier gewisse Rituale geben.

    der Wendenkönig
     
  17. tvinnefossen

    tvinnefossen Mitglied

    Hallo Wendenkönig, Ihr Singnaturspruch bereitet mir ein wenig Kopfzerbrechen. Bevor ich aber der Versuchung erlege, Sie vollends mißzudeuten, möchte ich Sie bitten, mir Ihre dahinter stehende Intention kurz zu skizzieren. So, wie ich den Ausspruch derzeit verstehe, bewegt er sich in Richtung Selbstverleugnung, das fällt mir aber dann doch wieder schwer zu glauben.
     
  18. vodnik

    vodnik Neues Mitglied

    Mindestens die Stodoraner, oder wie sie hier wohl genannt werden; Hevellerwaren in Böhmen der Přemisliden ein Begriff. Der erste Vrastislav hat etwa um 906 die Stodoranerin Drahomira geheiratet. Diese hat dann ihre Schwiegermutter Ludmilla erwürgen lassen.
     

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