Verdingkinder, ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte

Dieses Thema im Forum "Österreich | Schweiz" wurde erstellt von ursi, 25. Juli 2004.

  1. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter


    Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Not im Emmental sehr goss. Es gab eine Schicht von Grossbauern, die ihren Hof jeweils ihrem Jüngsten vererbten. Die Zahl der armen oder verarmten und landlosen BürgerInnen nahm zu. Die Frauen wurden um ihre Heimarbeit gebracht, da in den Spinnereien und Webereien immer mehr Maschinen ihre Arbeit machte. Viele verfielen der Trunksucht und die Armen sollten von ihren Heimatgemeinden unterstützt werden. Den Dörfern fehlte aber das Geld dazu und deshalb wurde ein neues Armengesetz geschafften, dass diese Not lindern sollte, doch ein Chaos brach auch. Den Armen Bürgern wurden ihre Kinder genommen, dies ist ein sehr dunkles Kapitel in der Schweizer Geschichte und soll nun historisch aufgearbeitet werden, was aber immer schwieriger wird, da die Zeitzeugen langsam aussterben, und der Bund sich die Finger nicht verbrennen möchte an diesem Thema.

    Die Kinder wurden von der Armenfürsorge an Pflegefamilien verdingt (dieses Wort gibt es nur in der Schweiz). Das heisst, sie mussten dort als billige Arbeitskraft den Bauern helfen. Dabei wurden sie ausgenutzt, misshandelt, vernachlässigt und sexuell Missbraucht. Mit anderen Worten es waren Sklaven, sie durften zwar in die Schule, weil es das Gesetz so vorsah, aber sie hatten keinerlei Rechte.

    Zitat eines Verdingbubes: „Er sei ungefähr acht- oder neunjährig gewesen. Ein spätherbstlicher Tag. Sie hätten die Pflanzung geräumt und in Mottfeuer angezündet. Sie hätten alles Mögliche verbrannt, auch einen alten Veloschlauch. Der Gummi habe gebrutzelt und lichterloh gebrannt. Da nimmt der Sohn des Bauern die Gabel und steckt den Gummi daran, zieht ihn aus dem Feuer und schlägt ihn mir um die nackten Beine, der Gummi ist an meiner Haut kleben geblieben.“

    Insgesamt sind Hunderttausende von Kindern in der Schweiz bis in die sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts verdingt worden. Genaue Zahlen sind noch nicht vorhanden.

    Jacqueline Fehr, Nationalrätin von Zürich hat im Bundesrat eine Motion eingereicht um endlich dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuarbeiten.

    Der Bundesrat beantragt, diese Motion abzulehnen. Hier geht es zum Motionstext:

    http://www.parlament.ch/afs/data/d/gesch/2004/d_gesch_20043065.htm

    Mehr zum Thema:

    http://www.google.de/search?q=cache...10096+VERDINGKINDER&hl=de&lr=lang_de&ie=UTF-8


    http://www.kleinbauern.ch/Archiv/Ökologo/4_2003/thema4.htm

    http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/sfdrs/schweizweit/61158/

    http://www.carl-albert-loosli.ch/02/02_01/02_01_02.html

    Quelle: NZZ am Sonntag, 25. Juli 2004
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juli 2004
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  2. Rimpler

    Rimpler Neues Mitglied

  3. Minotaurus

    Minotaurus Neues Mitglied


    Zu diesem Thema gab's vor längerer Zeit schon mal einen recht gut gemachten Film von Jo Bayer mit dem Titel "Schwabenkinder".
    Hier der Link zu Tante Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Schwabenkinder_(Film)
    Dort geht es zwar nicht um verkaufte Kinder aus der Schweiz, sondern aus Tirol, aber die Thematik ist genau dieselbe.
    Dieser Film hat übrigens einige Preise und Auszeichnungen eingefahren.

    Nachtrag: Ups, hab gar nicht auf das Datum des Erstbeitrages geachtet. *rotwerd*
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. März 2011
  4. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Kino Tipp

    Seit November 2011 läuft in den Schweizer Kinos der Film "Verdingbub".
    Der Regisseur Markus Imboden erzählt eine Geschichte eines Verdingbuben.

    VERDINGBUB - der Film. Ab 3. November 2011 im Kino

    Dazu gibt es in Zürich auch eine Ausstellung mit dem Titel: Verdingkinder Reden:

    «VERDINGKINDER REDEN» kommt nach Zürich


    Vielleicht kommt ja dieser Film in einer Synchronfassung in die deutschen und österreichischen Kinos. Oder sicher dann mal auf 3 SAT.
     
  5. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

  6. Wilfried

    Wilfried Neues Mitglied

    Als Norddeutscher nie drüber nachgedacht ......
    Vor rund 30 Jahren gabs mal nen Fernsehfilm, in dem in Spielfilmform so etwas ähnliches über Bauernkinder aus Tirol erzählt wurde, die nach Schwaben gingen.

    Starker Tobak für Mitteleuropa des 20.Jahrhunderts
     
  7. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Dazu zwei Buchempfehlungen:

    http://www.geschichtsforum.de/f203/gestohlene-seelen-verdingkinder-der-schweiz-40776/

    http://www.geschichtsforum.de/f203/versorgt-und-vergessen-ehemalige-verdingkinder-erz-hlen-40775/

    Und auf der Seite Aktionsgemeinschaft Verdingkinder findet man eine ausführliche Bibliographie zu Verdingkinder, Kostkinder, Güterkinder, Schwabengänger und
    Kaminfegerkinder der Schweiz. Wissenschaftliche Untersuchungen (Sekundärliteratur zu den ThemenPflegekinder-, Armen- und u. Fürsorgewesen, Armut, Kinderarbeit, oral history, Sozialgeschichte, Schulwesen, inkl. unveröffentlichte Lizentiats-, Seminar- und Diplomarbeiten)

    Aktionsgemeinschaft Verdingkinder.ch - Litaratur und Presse
     
  8. Wilfried

    Wilfried Neues Mitglied

    Ich kann da garnicht drüber fertig werden. Meine eigene Landesregierungen kümmerten sich um Vogelfang und Boatpeople,-zu recht-, muß von diesen Mißständen gewußt haben und keiner hat was getan. Ich auch nicht
     
  9. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Es ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte. Deshalb ist es wichtig, das es aufgearbeitet und darüber gesprochen wird.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Was mir nicht ganz klar ist: wurden die Kinder den Familien von Behörden weggenommen, aus Gründen der Armut und des Hungers? Oder ist das eine Vielzahl von gemischten Fällen?
     
  11. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Das war ganz unterschiedlich. Zum Teil wurden sie den Eltern weggenommen, weil diese zu Arm waren. Meistens waren es Waisen- oder Scheidungskinder die verdingt wurden.

    Dann gab es noch die Kinder Jenischen. Diese wurden von den Behörden den Eltern weggenommen.

    Hier der Link zum Artikel im historischen Lexikon der Schweiz:

    Verdingung

    Hier noch ein Buchtipp:

    Dora Stettler
    Im Stillen klagte ich die Welt an
    Als «Pflegekind» im Emmental
    Limmat Verlag Zürich. 2004

    Aus dem Inhalt:

     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Dezember 2011
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Gab es denn keine Diskussion darüber, diese Kinder in der Schweiz irgendwie zu versorgen?

    In dem Zusammenhang habe ich mal von mehreren größten Hungersnöten in der Schweiz Ende des 19. Jhdt. gelesen. Von dieser Wirtschaftsgeschichte der Schweiz weiß ich jedoch nur wenig, so gut wie nichts.

    Wäre mal ein eigenes Thema wert.
     
  13. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Nein diese Diskussion gab es meines Wissens nach nicht. Über das Schicksal der Kinder wurde erst in den letzten Jahren gesprochen. Mein erster Beitrag stammt ja aus dem Jahr 2004, das ist in etwa die Zeit wo man öffentlich darüber sprach.

    Diese Hungersnot betraf nicht nur die Schweiz. Auch Deutschland und Irland war davon betroffen. Das hängt ja dann zusammen mit der Auswanderungswelle nicht Übersee.

    Im 19. Jahrhundert gab es eine Massenarmut in der Schweiz, betroffen waren vor allem die ländlichen Unterschichten. Das waren ca. 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Diese Massenarmut hatte zur Folge, dass eine intensive Debatte über Ursache und Bekämpfung der Armut begann. In den Kantonen schwankte man zwischen repressiven Massnahmen - z.B.
    Einsperren in Armenhäusern oder Bettelverboten - und den Versuchen einer rationelleren Ausgestaltung traditioneller Unterstützung wie zum Beispiel des Heimatgemeindeprinzips. Bei diesem Prinzip war die Heimatgemeinde für seine Armen zuständig und sie mussten diese unterstützen. In einigen Kantonen und Gemeinden versuchte man durch Förderung der Auswanderungen, die Armut zu bekämpfen.

    Quelle: Eine Arbeit von mir über die Auswanderung nach Brasilien. Und hier im Forum:
    http://www.geschichtsforum.de/381812-post3.html
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Dezember 2011
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Es gab bereits in den 1820er Jahren In Deutschland und anderen Territorien Hungerkatastrophen, die in ihrem Ausmaß kaum geringer waren, als die Katastrophe, die Ende der 1840er Jahre in Irland ausbrach und die als "The Great famine" in die Geschichte einging. Hier wie dort war eine Kartoffelfäule die Ursache. Während des Pauperismus zogen es viele Gemeinden vor, Verarmten einmalig die Überfahrt nach Amerika zu bezahlen,als sie jahrelang unterstützen zu müssen.
     
  15. FoxP2gen

    FoxP2gen Neues Mitglied

    Was mich eigentlich am meisten fertig macht... wie kann es sein, dass sowas noch bis in die 1950er Jahre passierte?

    Man könnte doch eigentlich davon ausgehen, dass direkt nach dem zweiten Weltkrieg in Europa allgemein soziale Netze einen Aufschwung erlebten.

    Aber da scheint die Schweiz eine Ausnahme zu sein, ich frage mich nur, warum eigentlich - so als direkter Nachbar wäre es doch naheliegend gewesen sowas fürs eigene Sozialwesen zu übernehmen?
     
  16. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Dazu kann ich dir dieses Buch empfehlen:

    Der Armut auf den Leib rücken
    Die Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Schweiz (1900–1960)


    Armut und Fürsorge in Basel

    Armutspolitik vom 13. Jahrhundert bis heute


    http://www.chronos-verlag.ch/php/bo...15-52-3&type=Kurztext&access=Neuerscheinungen
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Dezember 2011
  17. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    In der Schweiz lassen sich folgende Jahre für Hungernöte schriftlich belegen: 1438, 1530, 1571-74, 1635-36, 1690-94, 1770-71 und 1816-17.

    Das ist noch unvollständig, weil es noch keine systematische Aufarbeitung der Hungersnöte in der Schweiz gibt.
     
  18. beetle

    beetle Aktives Mitglied

    ein soziales Netz für Kinder, die "nicht dazu gehörten", fehlte auch in anderen Ländern. Beispiel: in Norwegen die Kinder von Norwegerinnen und deutschen Besatzern.

    "1998 (!) lehnte eine Mehrheit des norwegischen Parlaments die Einsetzung einer Untersuchungskommission als „unnötig“ ab. Zwar wurden 1996 Opfer von Lobotomieversuchen entschädigt und 1999 von Norwegen enteignetes jüdisches Eigentum ersetzt, doch eine Entschädigung der „Deutschenkinder“ wurde abgelehnt."

    Quelle: Tyskerbarn ? Wikipedia
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Danke für die Informationen! :winke:
     
  20. FoxP2gen

    FoxP2gen Neues Mitglied

    Naja, da ist der Fall ja doch ein wenig anders gelagert - die Verdingkinder stammten ja aus ganz klaren Verhältnissen, waren also Schweizer und nicht die Kinder von Besatzern (was Letztere jetzt nicht herabsetzen soll, mir gehts lediglich um die Erklärung) - und wurden nur der Armut wegen weggegeben, wie ich das verstanden habe.

    Die von dir erwähnten Tyskerbarn wurden ja nichteinmal als "norwegische" Kinder anerkannt, während die Verdingkinder ja offensichtlich auch als Landsleute galten - und für die Einwohner des eigenen Landes waren ja soziale Netze eigentlich mit Ende des Krieges groß im Kommen. Wo da dann die Grenze gezogen wurde, wer als Staatsangehöriger galt und wer nicht, stelle ich da jetzt einmal hintenan, weil es ja hier hauptsächlich um die Verdingkinder aus der Schweiz geht.

    Dennoch sind auch die sog. Tyskerbarn und ihre Situation einen eigenen Thread wert.
     

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