Weimarer Republik: Abklingen der wilhelminischen Epoche oder Neuanfang?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Reverse, 14. Juni 2012.

  1. Melchior

    Melchior Neues Mitglied


    @Thane

    Sorry für die späte Antwort, aber ich mußte nachdenken, wie ich es deutlich "rüberbringe" ohne zu ausschweifend zu werden.

    Lassen wir im Hinblick auf die "Totengräber" erst einmal einzelne Akteure außen vor. Dann waren es die radikalen Parteien, auf der "rechten" Seite die NSDAP, auf der "linken" die KPD und das waren dezidierte Republikaner.

    Die DNVP, strebte zwar die Wiederherstellung der Monarchie an, das war es aber auch schon und mit ihren mageren 8% der republikanischen Verfasstheit der WR nicht wirklich gefährdend, allerdings hatten Akteure der DNVP größeren politischen Einfluß, als die Wahlergebnisse widerspiegeln (z.B. Hugenberg).

    Kommen wir zu einzelnen Akteuren.

    Hindenburg, wie Pyta in der Biographie herausarbeitete, stand er gewaltsamen Staatsstreichplänen weitestgehend ablehnend gegenüber, seine Billigung der Verordnungen und Gesetze nach dem 30. Januar kamen aber einem "kalten" Staatsstreich gleich. Auch die sog. Machtergreifung ist aus der ex post Betrachtung Staatsstreich ähnlich.

    von Papen, auf seine Programmatik: "Der neue Staat", wäre die NSDAP nie eineingegangen und ist sie auch nicht.

    von Schleicher, hatte mit seinem lavieren mit einem Teil der ns Bewegung auch die "Chance" verspielt, die Rechte zu einigen.

    Teil 2 des Postings folgt heute Nachmittag.

    M.

    http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/infoblatt/reichstagswahlergebnisse.pdf
     
  2. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Thane

    Die Rechte hat es bis zum 5. März 1933 nie verstanden, sich auf einen Minimalkonsens zu einigen und die gehaßte Republik zu beseitigen, weil, wenn man sich die Parteiprogramme anschaut die Zielsetzung für ein danach nicht vereinbar bzw. divergierend waren. Ein wunderbares historisches Beispiel is dabei die Harzburger Front.

    Diese Differnzen zwischen der politischen Rechten, führte, insbesondere in der Phase der relativen Stabilisierung der WR, bis in die Zeit der Präsidialkabinette hinein, daß die Staatsform und die Verfassung der WR demokratisch geprägt blieb und stellte somit, m.E. einen indirekten Sieg der gemäßigten Linken und des liberalen Bürgertums dar.

    M.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    Die These, der beiden Totengräber von links und von rechts möchte ich deutlich widersprechen. Sie ist m.E. aufgrund der historischen Fakten nicht haltbar und entlastet zudem den „Rechtsblock“ und vor allem Hitler in seinem Anteil am Zusammenbruch von Weimar. Eine rechnerische Mehrheit der beiden anti-demokratischen Parteien belegt lediglich, dass die Demokratie abgewählt wurde (7), aber sagt nichts über den Anteil der beiden Parteien am Zustandekommen des Zusammenbruchs der WR aus.

    Am 20. Mai 1928 war die politische Welt der Weimarer Republik oberflächlich betrachtet relativ intakt. Die SPD, als eine der wichtigsten Garanten der WR, war mit 29,8 Prozent als stärkste Partei aus der Wahl hervorgegangen (vgl. 6, S. 71) und insgesamt wurde dieser Wahl ein „Linksrutsch“ zugesprochen. Die NSDAP hatte lediglich einen Anteil von 2,6 Prozent und war politisch faktisch „tot“.

    Die gesellschaftliche Situation, aus der Sicht eines Amerikaners, kann mit Shirer in ihren Oberflächenphänomenen gut beschrieben werden: „A wonderful ferment was working in Germany. Life seemed more free, more modern, more exciting than in any place I had ever see. …The old oppressive Prussian spirit seemed to be dead. Most Germans one met….struck you as being democratic, liberal, even pacifist.” (13, Loc 2882). In ähnlicher Weise beschreibt Mai die generelle Situation in der WR, die durch Fortschrittsoptimismus und radikale Kulturkritik geprägt war, begleitet durch die Auflösung von traditionellen Normen und Milieus (10, S. 18ff).

    Zu diesem Zeitpunkt, 1928, gab es vermutlich niemanden, inklusive Hitler, der die Erosion der politischen Systems der WR bis 1933 prognostiziert hätte.

    Auf den ersten Blick erhält die These von Melchior durch eine Aussage des langjährigen preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun zusätzliche Evidenz, der auf die Frage nach den Ursachen der Scheiterns der WR sagte: „Versailles und Moskau“ (12, S. 256). Allerdings weist Möller sofort darauf hin, dass diese Antwort kaum der damaligen Situation gerecht wird.

    Versucht man dennoch Faktoren zu benennen, dann wirken Faktorenbündel zu unterschiedlichen Phasen der WR, die aufeinander aufbauen und erst in bestimmten historischen Kontexten politisch relevant werden konnten.

    Für die Übergangsphase vom Kaiserreiche zur WR (1918-1919) sind es zwei Faktoren, die bei Wehler auch als „strukturelle Belastungen“ thematisiert werden und die politische Kultur von Weimar prägen sollten
    1.Der Zusammenbruch des wilhelminischen politischen Systems ohne eine umfassende Veränderung des politischen Systems. Und mit der Konsequenz, das die politische Machtbasis der ostelbischen, nicht selten aristokratischen, Großagrarier weitgehend intakt geblieben ist.

    2.Der verlorene Krieg und seine vertragliche Festschreibung des Schuldeingeständnisses im VV inklusive der Formulierung der Dolchstoßlegende eines angeblich unbesiegten Heeres im Felde. Und der Möglichkeit zur innen- und außenpolitischen Instrumentalisierung.

    Auf diese beiden hochgradig problematischen Ereignisse /Stichwort "Osthilfe etc.) wurde im GF schon hingewiesen.

    Für die Gründungsphase der WR (1918-1923)sind es ebenfalls zwei Aspekte, die über ihren unmittelbaren zeitlichen Bezug für die WR Geltung gewinnen sollten und sich destabilisierend in der Schlussphase auswirken sollten.
    3. Mit der Verfassung der WR wurde einem „jakobinischen, Parlamentarismus" der Riegel vorgeschoben, der die Legislative und die sie tragenden Parteien gegenüber anderen Organen der Verfassung schwächte. Verstärkt durch das tradierte wilhelmische Verhaltensmuster, das auf eine relativ starke Distanz zwischen den jeweiligen Vertretern der Parteien in der Regierung und ihren eigenen Parteien hinauslief (4, S. 500).

    Dieses strukturelle Missverständnis des Parlamentarismus lief auf eine vertikale Trennung zwischen Exekutive und Legislative hinaus, anstatt die horizontale Trennung nach Regierungsparteien und Oppositionsparteien zu betonen. Die Konsequenz für die WR war, dass es die Formulierung eines übergreifenden, die Parteien bzw. ihre Vertreter im Reichstag bindenden Konsens deutlich erschwerte. Und stattdessen fast alle Parteien im Reichstag in sehr enger Anbindung an die Interessenstrukturen Ihrer Klientel agierten.
    Deutlich wird das im rechten Spektrum, aber betrifft auch hochgradig die KPD und ihr Versagen bei der Bewertung der politischen Rahmenbedingen im Zuge der ersten Wahl von Hindenburg im Jahre 1925. Und an diesem Punkt wird dann ersichtlich, dass die Verweigerungshaltung der zentrale Aspekt ist, den man der KPD im Jahr 1925 im Besonderen und bis 1933 im Allgemeinen vorhalten kann. Und als Ursache wird man die völlig absurde Theorie des „Sozialfaschismus“ an die Adresse der SPD benennen können.

    Dass in der Folge, auch aufgrund des Machtgewinns der Faschisten / Nationalsozialisten durch EKKI / KI das Eingehen von Volksfrontbündnissen in den dreißiger Jahren als opportun angesehen wird, beleuchtet erschreckend grell die politische Inkompetenz der KI.

    Eine weitere problematische Entscheidung betraf die Position des Präsidenten und seiner direkten plebiszitären Legitimation. Die Verfassungsgeber räumten dem Präsidenten, in retrospektiver Huldigung des autokratischen Prinzips des Monarchen, eine sehr starke Position ein und verschoben die Gewichtung in Richtung Präsidialamt und weg vom Parlament. Auf die verheerende Rolle, die die Judikative in der Regel bei der Absicherung der Demokratie spielte, wie beispielsweise bei der Legalisierung des Absetzend der preußischen Regierung (MP Otto Braun) durch Papen , soll nicht eingegangen werden.

    4. Über mehrere und letzlich erfolglose Versuche der KPD (bis 1923), die ökonomischen und somit die gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland zu verändern, bedrohte primär die KPD die Existenz der WR und schuf somit primär für die Mittelschichten die Grundlage für ihre Politisierung, die sie aus der politischen Mitte in das rechte politische Spektrum treiben sollte (5, S. 415ff). Nach 1923 war die KP politisch weitgehend handlungsunfähig, trotz des Anwachsens ihres Wähleranteils Anfang der dreißiger Jahre.

    Ihre wichtige politische Bedeutung erhielt die KPD primär für den „Rechtsblock“ und vor allem für Hitler als Projektionsfläche für die Gefahr einer „Sowjetisierung“ Deutschlands und der Gefahr eines Klassenkampfs, die den sozialen Abstieg der Mittelschicht noch zusätzlich dramatisierte. Die Rolle der KPD beschränkte sich somit eher auf die Bedeutung eines „politischen Akteurs in Being“, der hauptsächlich relevant war durch das was er hätte tun können, die revolutionäre Abschaffung der WR, und weniger durch das, was er realistisch hätte nach 1923 tun können. Die KP war das perfekte Feindbild, das zur Instrumentalisierung durch den Rechtsblock einlud.

    Sofern durch Otto Braun bereits Versailles und Moskau benannt wurde wäre es notwendig auch Wall Street zu benennen, als Symbol für einen bereits etablierten globalen Finanz-Kapitalismus. Die wirtschaftliche Entwicklung bzw. auch Erholung der WR ging einher mit einer deutlich zunehmenden geographischen Mobilität der Bevölkerung. In Kombination mit der Inflation Anfang der zwanziger Jahre bedeutete sich insgesamt einen raschen sozialen Wandel in Kombination mit der Gefahr eines sozialen Abstiegs.

    In diesem Sinne ergab sich in substantieller Weise in der Mittelschicht eine reale bzw. auch eine gezielt propagierte Bedrohung auf der einen Seite durch die Vereinnahmung durch den Klassenkampf der KPD und auf der anderen Seite durch die Angst vor einer krisenhaften Entwicklung der Wirtschaft und damit zusammenhängender Arbeitslosigkeit und dem unweigerlichen sozialen Abstieg.

    Die Rahmenbedingungen für den finalen Akt der WR sind beschrieben und ermöglichen einen Blick auf die zentralen Ereignisse und die politische Strategie von politischen Legalisten (SPD), monarchischen Revisionisten (Hindenburg, Meissner, Brüning, Papen), politischen Zauberlehrlingen (Schleicher & Hammerstein) und radikalen Hazardeuren (Hitler).
    Zur Verschärfung der innenpolitischen Situation nach 1928 haben eine Reihe von Ereignissen entscheidend beigetragen.

    Als unabhängige Randbedingung ist sicherlich die Weltwirtschaftkrise 1929/30 zu benennen, die die wirtschaftliche Deprivierung der Mittelschicht wieder massiv in den Vordergrund stellte und die Attraktivität einer völkischen Solidaritätsgesellschaft jenseits von Klassen verstärkte. Und einer der Gründe für die zunehmende Popularität von Hitler bildetete.
    Bedeutsam ist jedoch vor allem der Schritt von Schleicher im Frühjahr 1929 (11, S. 343), Hindenburg davon zu überzeugen, Brüning als neuen Reichskanzler einzusetzen und die SPD von der weiteren Regierungsverantwortung auszuschließen (11, S. 349 und 9, S. 132 ff). An diesem Punkt treffen sich die Interessen der Vertreter des „alten Nationalismus“ (Monarchisten) und die des „völkischen Nationalismus“ (3).

    Und es bilden sich politische Gravitationszentren, die teils ähnliche teils widersprechende politische Vorstellungen verfolgten. Dennoch kann man sicherlich als Übereinstimmung zwischen Brüning und der Kamarilla um Hindenburg einen starken monarchischen Revisionismus erkennen. Der noch deutlicher wird in seiner Bindung an die Interessen der ostelbischen Großagrarier und der Wiederherstellung ihrer ursprünglichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situation bzw. Privilegien dienen sollte (vgl. 1 und 2).
    Dass Schleicher dann Papen mit Hilfe einer „Bürgerkriegsstudie“ der RW entmachtet (4, S. 485) und sich selber via Hindenburg als Kanzler einsetzt und eine „Querfront“ verfolgt, die zum Entzug des Vertrauens durch Hindenburg führt, sei noch angeführt, um das intrigenhafte Spiel im Umfeld von Hindenburg zu beleuchten. Und es war auch ein Wehrkreiskommandeur, General v. Blomberg, der sich für die Absetzung Schleichers stark gemacht hatte. Wie insgesamt die Rolle der RW am Zusammenbruch der WR noch nicht ausreichend aufgearbeitet worden, wie Wehler konstatiert (15, S.582).

    Und die letzte Phase zeigte ebenfalls die weitgehende Entmachtung des Parlaments und auch die völlig Ratlosigkeit der größten pro-republikanischen Kraft, der SPD, wie sie mit der Herausforderung durch Hitler umgehen sollte (14).

    Ein Resümee soll in Anlehnung an Büttner und Wehler erfolgen: „ Die Weimarer Republik mußte in der kurzen Zeit ihres Bestehens mit enormen Schwierigkeiten fertig werden. Wegen ihrer großen strukturellen Vorbelastungen, der vielfältigen sozialen Spannungen, der Schwäche ihrer Eliten und der überzogenen Erwartungen ihrer Bürger war sie dafür schlecht gerüstet. Den letzten Stoß aber erhielt sie durch den revisionistischen Ehrgeiz einer konservativen politischen Führung, die seit der Ära Brüning inmitten einer dramatischen Wirtschafts- und Staatskrise danach strebte, die außen- und innenpolitische Niederlage von 1918 zu überwinden.“ (4, S. 509) und Wehler formuliert:“ Daher erwies es sich als Tragödie, dass das Berliner Machtkartell [gemeint ist Hindenburg und Umgebung], geblendet vom eigenen Interessenegoismus, es überhaupt unternommen hatte, mit Hitler und seiner Bewegung die Gegenrevolution gegen Weimar zu vollenden.“ (15, S. 593).

    1.Bracher, K.D.: Die Auflösung der Weimarer Republik, 1984
    2. Bracher, K.D.: Die deutsche Diktatur. 1996/1979
    3.Breuer, S: Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945, 2010
    4.Büttner, U. Weimar. Die überforderte Republik 1918 – 1933, 2008
    5. Dahrendorf, R.: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, 1965
    6.Falter, J., T. Lindenberger, S. Schumann: Wahlen und Abstimmung in der Weimarer Republik, 1986
    7.Jesse, E.: Systemwechsel in Deutschland, 2010
    8.Kluge, U.: Die Weimarer Republik, 2006
    9.Kolb, E.: Die Weimarer Republik, 2009
    10.Mai, G.: Europa 1918 – 1939, 2001
    11.Mommsen, H. Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar, 2009
    12.Möller, H. Die Weimarer Republik. 2004
    13.Shirer, W.L: The Rise and the Fall of the Third Reich, 1961/2011
    14.Smaldone, W. : Confronting Hitler: German Social Democrats in Defence oft he Weimarer Republic, 1929 – 1933, 2009
    15.Wehler, H-U: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914 – 1949, 2008
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Juni 2012
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  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es gab eindeutig einen Konsens, in diesem Sinne sogar deutlich mehr als einen Minimalkonsens, der die neue Qualität der politischen Kultur in der Weimarer Republik beschrieb.

    Es war die Lösung vom monarchistischen Bild, das die autokratische Sichtweise als Vermächtnis beinhaltete und es durch die "Funktionalität" (3. OHL) militärischer Sichtweisen, sprich als Militärdiktatur, ergänzte. Dabei waren sich Hammerstein und andere im klaren darüber, dass es der zusätzlich Akklamation durch die Massen bedurfte, als Legitimation der konservativen Eliten und deswegen war Hitler eine notwendige Ergänzung. Der Konsens war der Wille zum Staatsstreich und der Neugestaltung der politischen Kultur.

    Auch um der Aussage von Wehler zusätzliches Gewicht zu geben, ein Ausschnitt aus Frei, der die Absicht der Regierung Hitler / Papen vom Nov. 1932 kommentiert.

    "Erklärte gemeinsame Absicht der Koalition war die Befreiung der deutschen Politik vom Marxismus. Die Kommunisten, ..., sollten ausgeschaltet werden, die Sozialdemokraten ...und mit ihnen die Gewerkschaften zumindest jeglicher Relevanz entledigt werden. Den Parlamentarismus war die reaktionäre Rechte [mein Hinweis: um Hindenburg] satt. Ihr ging es um die Errichtung eines dauerhaften autoritären Präsidialregimes. ....Der Vizekanzler [Papen] konnte der Zustimmung Hitlers sicher sein, als er in der zweiten Kabinettssitzung am 31. Januar erklärte, "es sei am besten, schon jetzt festzulegen, daß die kommende Wahl zum Reichstag die letzte sein solle und eine Rückkehr zum parlamentarischen System für immer zu vermeiden sei"." (S. 45)

    Der Führerstaat: Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945 - Norbert Frei - Google Books

    In diesem Sinne wird die verheerende Rolle von Hindenburg und seiner Kamarilla für die Vorbereitung der Machtübernahme durch Hitler deutlich unterschätzt. Die Errichtung einer Militärdiktatur war im Prinzip eine beschlossene Sache. Vollendet allerdings nicht durch die reaktionären konservativen Eliten, sondern durch den Nationalsozialisten Hitler.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Februar 2013
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bei Koonz (S. 141ff) bin ich auf eine Reihe von Punkten gestoßen, die für mich neu waren und zusätzliche Facetten der Machtergreifung zeigen.

    1. Im Herbst 32 zeichnete sich eine leichte wirtschaftliche Erholung ab und schlug sich im Verlust von ca. 2 Mio Wählerstimmen für die NSDAP in den November Wahlen nieder. Und führte innerhalb der Partei im Winter zu einer Vertrauenskrise in die eigene historische Mission und die Wahrscheinlichkeit einer Machtübernahme.

    Die New York Times interpretierte das Wahlergebnis noch weitgehender und folgerte, dass sich das Zeitfenter geschlossen hätte, das Hitler die Möglichkeit geboten hat, ein zweiter Mussolini / Diktator zu werden.

    Interessant ist, dass er bereits in 32 sehr deutlich als potentieller Diktator adressiert wurde.

    2. Der Austritt von Strasser den Zustand der NSDAP zudem verschärfte und bei Goebbels die Befürchtung bestand, dass die Partei auseinanderbrechen könne. Strasser hielt Hitler vor, "er habe es auf Gewalt angelegt und wolle Deutschland in einen Trümmerhaufen" (S. 142) verwandeln. Diese deprimierende Wahrnehmung der Situation der NSDAP im Winter 32/33 wurde wohl, so die Darstellung bei Koonz, in der Basis und bei führenden NS-Funktionärinnen geteilt.

    3. Die Entscheidung von Hindenburg, Hitler zum Reichskanzler zu berufen wurde im konservativen Lager von wenigen kritisiert. Einer der schärfsten Kritiker war Ludendorff und er schrieb an Hindenburg:" daß...dieser unselige Mann unser Reich in den Abgrund stürzen und unserer Nation unfaßbares Elend bringen wird. Kommende Geschlechter werden Sie wegen dieser Handlung in ihrem Grabe verfluchen". (S. 144).

    Mütter im Vaterland: Frauen im Dritten Reich - Claudia Koonz - Google Books
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juni 2013
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es ist sicherlich richtig, Kontinuitäten kritisch zu hinterfragen, aber dazu ist eine differenzierte Sicht auf die wilhelminische Gesellschaft und Politik notwendig. Dennoch darf man dieser These getrost widersprechen. Allerdings ergeben sich andere Formen von Kontinuität.

    „Lord Haldane reported to London in 1912 that above a certain level in German government there was chaos, absolute chaos“ (9, Mombauer & Deist, Einführung)). Dass sich Colonel House zwei Jahre später ähnlich negativ über europäische Regierungen insgesamt äußerte, beleuchtet einen generellen Aspekt dieser Kritik.

    Dennoch verweist die Sicht von Haldane auf einen strukturellen Konflikt im Kaiserreich, der erst im Verlauf des WW1 deutlich werden sollte. Und dieser Konflikt bildet auch die Kontinuität vom Kaiserreich in das 3. Reich und fokussiert sich auf die extreme Nutzung der Ressourcen eines Staates im Rahmen von totalisierten Kriegen. Die Kontinuität, so meine These, fand ihren Ursprung somit nicht primär in den konservativen, aristokratischen Kräften um KWII, sondern der Ursprung der Kontinuität resultierte aus dem Wertesystem des radikalisierten deutschnationalen Bürgertums.

    Das strukturelle Problem des Kaiserreichs resultierte aus dem Antagonismus der unterschiedlichen Quellen für die Legitimität von Herrschaft. Die Herrschaft von KW II basierte auf der Vorstellung des „Herrschens von Gottes Gnaden“ und beinhaltete somit die – noch feudale – Vorstellung einer göttlichen Mission des Herrschers und war eng an die Vorstellung gebunden, dass die Herrscher – erfolgreich – Krieg zu führen hätten.

    Diesem monarchischem Prinzip war spätestens seit der Französichen Revolution als realpolitisches „Abfallprodukt“ die Vorstellung kontrastiert, dass von der Gesamtheit der Bürger als nationaler Akteur die politische Legitimation erfolgte.

    Diese beiden Sichten bilden rivalisierende Traditionslinien, die nach 1860 insofern konvergieren, als durch Bismarck der – linke bzw. liberale – Nationalismus kooptiert wird. In diesem Umfeld der organisationellen Ausbildung des radikalen Nationalismus entstehen im Rahmen von Verbänden oder Vereinen (Alldeutschen Verbände) die Vorstellungen des „radikalen Nationalismus“ wie Wehler es formuliert (vgl. 8).

    Vor diesem Hintergrund sind es vor allem die bürgerlichen Elemente, die die Radikalisierung des Nationalismus vorantreiben und nicht zuletzt aufgrund – ideologisierter - wirtschaftlicher Interessen eine Überhöhung der imperialistischen Vorstellungen in Deutschland stattfindet (vgl. z.B. 4 & 7)

    Dieser Konflikt zeichnete sich in seiner Konfliktstellung bereits im Streit über die Marine- bzw. Heeresrüstung ab und betrifft das aristokratisch und konservativ geprägte Kriegsministerium als einen Akteur und die „bürgerliche“ Marine und auch den Generalstab in der Person eines Ludendorffs auf der anderen Seite. Dabei veränderten vor allem die bürgerlichen Elemente des wilhelminischen Militärs das Wertesystem, das einerseits die Armee prägte, aber durch die starke Bedeutung militärischer Werte auch die Gesellschaft und die Politik betraf (vgl. 5 und vor allem auch 8)

    Und dieses Wertesystem speiste sich aus:
    1. einem radikalisierter Militarismus durch die Imitation der aristokratischen Offiziers-Ethik (vgl. z.B. 10, S. 59ff)
    2. einem Effizienzdenken, das sich aus der bürgerlichen „protestantischen Ethik“ (Max Weber) speiste
    3. der Betonung von fachlicher Kompetenz als zentrales Kriterium für Entscheidungsgewalt

    Die Phase der Rivalität der beiden „Militarismen“ vor 1914 kann man dahingehend zusammen fassen: „Im Machtkampf der beiden Militarismen gelang es den Rechtsradikalen nicht, ihre Vorstellungen gänzlich durchzusetzen. Die Heeresrüstung des wilhelminischen Kaiserrreiches war somit insgesamt durch eine eigentümliche Mischung aus Aggressivität und Zurückhaltung gekennzeichnet“ (8, S. 300).

    In der Konsequenz erzwangen diese beiden Punkte im Verlaufe des WW1 eine Veränderung der Machtposition in Deutschland, die auf eine Entmachtung von KWII aufgrund von militärischen Effizienzkriterien hinausliefen. Und somit verlor der konservative aristokratische Militarismus an Bedeutung. Mit der Einsetzung der 3. OHL (Hindenburg & Ludendorff), so Afflerbach, reduzierte sich der Einfluss von KW II weiterhin. „Instead, the chaos in the german leadership structures further increased.“

    Und gleichzeitig gewann der Militarismus des Rechtsextremen nach 1916 an Bedeutung und wird für die Anfangsphase der Weimarer Republik im Zuge des Kapp-Putsches etc. zu einer existenziellen Krise führen. Bei Bönker wird diese Entwicklung in einen generellen Kontext der gesellschaftlichen Modernisierung gestellt und er vertritt die These, dass sich die „bürgerlichen“ Teile des Offiziers-Korps in den USA und im Kaiserreich sehr ähnlich entwickelt hätten (OT mit Auswirkungen für die „Sonderwegsdiskussion 2 & 3)

    Und damit greift Afflerbach die Äußerung von Haldane – implizit – auf und verweist auf die zunehmend problematische Legitimation nach 1916 des monarchischen Prinzips als Begründung für den Führungsanspruch.

    Der Konflikt innerhalb der Eliten wurde durch den Aufbau von Verwaltungshierarchien, die anhand von formalisierten Regeln entschieden, beeinflusst. Die „Bürokratisierung“ der Entscheidungsprozesse war eine zwangsläufige Folge der notwendig gewordenen umfassenden Mobilisierung des Kaiserreichs. Und die Entscheidungen orientierten sich dabei an der fachlichen Kompetenz des Entscheiders, die intersubjektiv nachprüfbar war aufgrund von Ausbildungsgängen.

    Vor diesem Hintergrund wird es auch ersichtlich, dass im Herbst 1918 führende deutsche Offiziere, wie auch Hindenburg und noch stärker Ludendorff, sich gegen den Monarchen und sein „Gottesgnadentum“ stellten. Er hatte aus ihrer Sicht als oberster Befehlshaber keine Funktion mehr und statt dessen radikalisiert beispielsweise Ludendorff sein Weltbild und wendet sich dem legitimierenden Prinzip der Nation bzw. des Volkes für politische Herrschaft zu (vgl. Hobbes und „Leviathan“).

    Die Führung von totalen Kriegen, die zunehmend die Sichtweise eines Ludendorff und anderer radikalisierter Militärs – ähnlich auch Bernhardi - bestimmt, wird somit eine der radikalsten sozialdarwinistischen und nationalistischen Gesellschaftsentwürfe in der Weimarer Republik.

    Und an dieser Entwicklung zeigt sich, das der radikale bürgerliche Strang der Traditionslinie des preußischen Militarismus das Vermächtnis ist, auf das die noch weiter radikalisierte Politik des 3. Reichs aufbauen konnte. Hitlers Elite wird an der Effizienz von Entscheidungen und Prozessen aus dem WW1 anknüpfen und das Wertesystem eines radikalen völkischen Nationalismus ersetzt das universelle System von Ethik und Moral, basierend auf vorhandenen Normen zu universellen Menschenrechten.

    1.Afflerbach, Holger (2003): Wilhelm II as a supreme warlord in First World War. In: Annika Mombauer und Wilhelm Deist (Hg.): The Kaiser. New research on Wilhelm II's role in imperial Germany. Cambridge, UK, New York: Cambridge University Press, S. 195–216.
    2.Bönker, Dirk (2012): A German Way of War? Narratives of German Militarism an maritime Warfare in World War 1. In: Sven Oliver Müller und Cornelius Torp (Hg.): Imperial Germany Revisited. Continuing Debates and New Perspectives. New York: Berghahn Books, S. 227–238.
    3,Bönker, Dirk (2012): Militarism in a global age. Naval ambitions in Germany and the United States before World War I. Ithaca, N.Y.: Cornell University Press (The United States in the world).
    4.Breuer, Stefan (2010): Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945. Eine politische Ideengeschichte. Ditzingen: Reclam, Philipp (Reclam Sachbuch, 18776).
    5.Craig, Gordon Alexander (1955): The politics of the Prussian Army 1640-1945. Oxford: Clarendon Press.
    6.Deist, Wilhelm (1991): Militär, Staat und Gesellschaft. Studien zur preussisch-deutschen Militärgeschichte. München: R. Oldenbourg (Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 34).
    7.Eley, Geoff (1980): Reshaping the German Right. Radical Nationalism and Political Change After Bismarck. New Haven, London: Yale University Press (Ann Arbor Paperbacks).
    8.Förster, Stig (1985): Der doppelte Militarismus. Die deutsche Heeresrüstungspolitik zwischen Status-quo-Sicherung und Aggression 1890-1913. Stuttgart: Franz Steiner Verlag iesbaden (Veröffentlichungen des Instituts für europäische Geschichte Mainz, 118).
    9.Mombauer, Annika; Deist, Wilhelm (Hg.) (2003): The Kaiser. New research on Wilhelm II's role in imperial Germany. Cambridge, UK, New York: Cambridge University Press.
    10. Wette, Wolfram (2008): Militarismus in Deutschland. Geschichte einer kriegerischen Kultur. Frankfurt/M: Primus Verlag.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. April 2016

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