Anstelle von Pardela antworte ich mal: Zumindest macht er sich keine Mühe, Ems und Lippe, Weser oder saltus Teutoburgiensis irgendwie zu umschreiben. Man würde doch erwarten, dass er schreibt: "Die Lippe fließt in den Rhein, die Ems fließt lange parallel zur Lippe, fließt dann aber nach Norden ins Meer*, der saltus Teutoburgiensis ist ein kleines Gebirge in xlicher Himmelsrichtung von...., der Angrivarierwall liegt rinks bzw. lechts der Weser..."
Wer würde das erwarten? Als römischer Leser, der sich für die römische Politik der letzten 100 Jahre interessiert, erwarte ich doch keine geographischen Exkurse zu Örtlichkeiten, die ich im Leben nie aufsuchen werde. An den germanischen Leser, der 2000 Jahre später den Angrivarierwall sucht, hat Tacitus ganz bestimmt nicht gedacht.
Wenn Tacitus keine Koordinaten für den saltus Teutoburgiensis angibt, dann kann das zwei Gründe gehabt haben:
1. Er wusste es selbst nicht so genau.
2. Er wollte seine Darstellung nicht mit gar zu vielen unnötigen Details überfrachten.
Dass die Lippe in den Rhein fließt, wusste Tacitus; bei seiner Schilderung des Bataveraufstands erwähnt er, dass die Germanen das Kommandoschiff des Cerialis kaperten, als er von einer Inspektion der Lager in Bonna und Novaesium zurückkehrte, und es die Lippe aufwärts schleppten. Trotzdem muss sich das der Leser selber zusammenreimen, nirgends erklärt Tacitus, welcher Fluss in welchen mündet, und ob die Lippe bei Xanten oder Neuss oder sonstwo in den Rhein mündet, erfährt man auch nicht.
Und wo zum Teufel liegen eigentlich genau Novaesium und Bonna, Vada, Grinnes, Batavodurum und Arenacium? Sollte man nicht erwarten, dass Tacitus erst mal sauber auflistet, in welcher Reihenfolge und in welcher Entfernung voneinander man sich diese Orte rheinabwärts vorzustellen hat? Doch wohl kaum. Den römischen Leser hätte wahrscheinlich viel mehr interessiert, ob der bei diesem Feldzug erwähnte Kommandant Gallus Annius der Vater oder der Onkel des Konsuls Appius Annius Trebonius Gallus war, aber auch solche Dinge dröselt Tacitus nicht auf.
Spaß beiseite: die reiche Oberschicht (Senatoren) besaß Villen/Latifundien in allerlei Provinzen - die wussten sehr genau, wo ihre Besitztümer lagen
Am Angrivarierwall, im saltus Teutoburgiensis und an Flüssen, die man nur vom Hörensagen (wenn überhaupt) kannte, hatte allerdings keiner der Senatoren Latifundien. Und von einer Exklave Merseburg wird auch niemand geträumt haben. Dementsprechend gering wird das geographische Interesse gewesen sein.
*Der Geograph Strabon, Zeitgenosse der Varusschlacht, behauptet im Übrigen fälschlicherweise, dass die Lippe in die Nordsee fließe.
Und ich erwähne immer gern den detailversessensten aller antiken Geographen. Niemand hat annähernd so viele germanische Orte aufgelistet und sogar mit Koordinaten versehen, niemand hat so viele germanische Stämme mit Namen aufgezählt (auch Tacitus in seiner Germania nicht) wie Ptolemaios. Und auch bei gibt es gewaltige Aussetzer, es fehlen zum Beispiel Lippe, Main und Mosel.
Also, offensichtlich war es auch für Geographie-Freaks mit Zugang zu bestens ausgestatteten Bibliotheken nicht so einfach, sich über die großen geographischen Begriffe germanischer Regionen ein stimmiges Bild zu verschaffen.