Eine kleine Recherche ergibt folgendes:
In der Dauerausstellung zur Stadtgeschichte (u. a. im Bereich „Dispargum“) finden sich archäologische Exponate aus der Region. Während viele der von Genthe beschriebenen Knochenmassen aufgrund der damaligen Grabungsmethoden nicht als geschlossene Sammlung erhalten blieben, sind Funde aus dem Umfeld (wie Gräberfelder im Duisburger Wald) noch heute in den Beständen und teilweise ausgestellt.
Das "Schlachtfeld" im Kasslerfeld war höchstwahrscheinlich ein über langer Zeit genutztes
fränkisches Gräberfeld, das durch Rheinhochwasser und Erosion massiv gestört und "zusammengeschwemmt" wurde. Die "römischen" Waffen waren in Wirklichkeit germanisch-fränkische Typen aus deutlich späterer Zeit.
Genthe beschrieb "römische Blattform-Lanzenspitzen". Die moderne Archäologie hat viele dieser Stücke als
fränkische Flügellanzen oder typisch germanische Speerspitzen reidentifiziert.
Römische Wurfspeere (Pila) haben eine sehr charakteristische, lange, dünne Eisenstange vor der Spitze, die sich beim Aufprall verbog. Solche Funde fehlen in den Berichten aus dem Kasslerfeld fast völlig. Die beschriebenen Formen passen viel eher in das
5. bis 7. Jahrhundert n. Chr. (Merowingerzeit).
Die Funde von Pferdegeschirr im Kasslerfeld wurden später oft als Teil fränkischer
Reitergräber identifiziert. Die Franken der Merowingerzeit bestatteten ihre Krieger oft mit ihren Pferden oder zumindest mit reichem Zaumzeug. Für die frühe römische Kaiserzeit wäre ein solches "Massengrab" mit Pferden nur bei einer direkten Schlachtfeldsituation denkbar – die Artefakte (Schnallen, Riemenzungen) weisen aber oft Verzierungen auf, die erst Jahrhunderte nach der frühen Kaiserzeit üblich waren.
Was ist "echt römisch" in Duisburg?
Es gibt genuin römische Funde in Duisburg, aber diese stammen meist aus anderen Kontexten:
- Münzen und Keramik (Terra Sigillata): Diese sind unbestreitbar römisch und belegen Handel oder kurze Truppenpräsenz.
- Ziegelstempel: In Duisburg wurden Ziegel der Legio VIII Augusta und der Legio XXII Primigenia gefunden. Das sind "harte" Belege für römische Militärpräsenz, aber sie stammen von Bauwerken (wie dem Kleinkastell Werthausen), nicht aus den "Knochenhaufen" des Kasslerfelds.
Die Idee, die Varusschlacht in Duisburg zu verorten, ist eine von über 70 Theorien zum Ort der Schlacht. Auf einem echten Schlachtfeld der frühen Kaiserzeit müsste man
römische Ausrüstung finden, die
nicht zerfällt: Bronzefibeln, Gürtelbeschläge mit typischen Ornamenten oder die berühmten "Schienenpanzer"-Fragmente (
Lorica Segmentata). Diese fehlten im Kasslerfeld weitgehend.
Der heutige Status der Sammlung:
Die Sammlung von Genthe ist heute leider
fragmentiert.
- Ein Teil ging im Zweiten Weltkrieg bei Bombenangriffen auf Duisburg verloren.
- Ein Teil befindet sich in den Magazinen des Kultur- und Stadthistorischen Museums.
- Die verbliebenen Stücke wurden in den letzten Jahrzehnten von Experten wie Tilmann Bechert gesichtet. Das Ergebnis war ernüchternd für die "Schlacht-Theoretiker": Die Masse der Funde gehört in ein großes, durch Flusseinwirkung zerstörtes Gräberfeld der Merowingerzeit.
Haltern am See ist das perfekte Gegenbeispiel zu den Duisburger Funden, denn dort wurde ein
echtes Hauptlager aus der Zeit des Augustus (das Lager Aliso) archäologisch gesichert. Hier kann man genau sehen, was von einer römischen Armee aus der Zeit der Varusschlacht (9 n. Chr.) im Boden übrig bleibt.
Im Gegensatz zu den „wirren“ Knochenhaufen in Duisburg liefert Haltern ein glasklares Bild der römischen Militärpräsenz:
1. Das „echte“ römische Pilum
In Haltern wurden zahlreiche Reste von
Pila gefunden.
- Massive Tüllen: Selbst wenn der dünne Schaft wegrostet, bleibt die eiserne Tülle (der Teil, der auf das Holz gesteckt wurde) oft erhalten.
- Die „Pyramiden-Spitze“: Die gehärteten Köpfe der Pila sind oft noch erkennbar. In Haltern wurden sogar Pila gefunden, die im Boden steckten – ein Beweis für die hohe Materialqualität.
2. Der „Fingerabdruck“ der Legionen: Münzen und Fibeln
Das ist der wichtigste Unterschied zu Duisburg. In Haltern fand man tausende Kleinteile, die nicht wegrosten:
- Münzen mit Gegenstempeln: Man fand Kupfermünzen (Asse), die mit „VAR“ gestempelt waren – das persönliche Kürzel des Publius Quinctilius Varus. Das ist der ultimative Beweis, dass diese Truppen direkt unter seinem Kommando standen.
- Gewandnadeln (Fibeln): Römische Soldaten trugen sehr spezifische Fibeln (z. B. die „Augenfibel“). Diese Formen ändern sich fast alle 10 Jahre. In Haltern passen sie exakt in die Zeit zwischen 7 v. Chr. und 9 n. Chr. In Duisburg hingegen fand man Fibeln, die erst Jahrhunderte später modern waren.
3. Alltagsgegenstände und Infrastruktur
Ein Schlachtfeld oder ein Lager hinterlässt nicht nur Waffen. In Haltern fand man
- Schreibgriffel (Stili): Römische Bürokratie im Feld!
- Chirurgisches Besteck: Sonden und Pinzetten für die medizinische Versorgung.
- Mühlsteine: Jedes Contubernium (8 Mann) hatte einen eigenen schweren Mühlstein aus Basaltlava (aus der Eifel), um Getreide zu mahlen. Diese Steine halten ewig und sind in Duisburg im Kontext der frühen Kaiserzeit nicht in dieser Masse gefunden worden.
4. Warum Haltern so wichtig für die Varusschlacht ist
Haltern war wahrscheinlich das logistische Zentrum, von dem aus Varus in jenen schicksalhaften Sommer 9 n. Chr. aufbrach. Archäologen haben dort sogar Überreste von
Schiffen und eine Hafenanlage an der Lippe gefunden. Das zeigt: Wenn Römer in dieser Größenordnung präsent waren, hinterließen sie eine Spur aus Stein, Keramik und Bronze, die nicht einfach spurlos verschwindet.
Fazit für den Vergleich
Während man in Duisburg (Kasslerfeld) hauptsächlich Eisenwaffen fand, die typisch für das Frühmittelalter sind, liefert Haltern den Beweis für die
hochorganisierte römische Armee. Dass die Ausrüstung in Duisburg einfach „weggerostet“ ist, während in Haltern (bei ähnlichen Bodenverhältnissen) so viel erhalten blieb, macht die Varus-Theorie für Duisburg leider sehr unwahrscheinlich.