Natürliches Wachstum der Städte ab wann?

die großen Festungsstädte des deutschen Bunds (Bundesfestungen) sowie nach 1871 die Festungsstädte/Reichsfestungen ächzten und litten unter den die Stadtentwicklung / Stadterweiterung, kurzum das Wachstum der Städte empfindlich einengenden Rayonbestimmungen der Festungsgürtel - gut dokumentiert ist das bei Mainz, Köln, Magdeburg.
hierzu, also zur Stadtentwicklung (!!) lesenswert:
Mainz das Bollwerk Deutschlands und die französische Invasion ist von 1860 und kommt auf Industrie, Stadtentwicklung mehrmals zu sprechen
Festungsstadt Köln in diesem opulenten Riesenbuch gibt es einen eigenen Essay zur Stadtentwicklung
 
Spielt für die Frage, die das Video behandelt, aber im Grunde keine Rolle.
Na ja, in gewisser Weise aber schon, Du hast es im vorangegangenen Satz ja selbst geschrieben. Ohne ausreichende Daten zur Sterblichkeit in einer Stadt lässt sich nicht sagen, warum eine Bevölkerung stagniert oder sogar schrumpft (als Grundlage für ein Wachstum ausschließlich durch Zuzug). Wir sehen es ja heutzutage selbst: Mütter- und Säuglingssterblichkeit sind auf historischen Tiefstständen, die Lebenserwartung steigt und steigt, obendrein ist die Gewaltkriminalität (jedenfalls im langjährigen Durchschnitt) extrem niedrig, trotzdem schrumpfen fast alle Industrienationen aufgrund der niedrigen Geburtenraten. Wenn also die soziale Struktur der europäischen Stadt im Spätmittelalter und der Frühneuzeit so aussah, dass ohnehin wenig Kinder geboren wurden, mag zwar die Aussage zutreffen, dass die Stadt nur durch Zuzug wuchs; es bedeutet aber nicht, dass die Herleitung richtig war: dass die Stadtbevölkerung nur (oder hauptsächlich) aufgrund der grassierenden Krankheiten stagnierte.
 
Na ja, in gewisser Weise aber schon, Du hast es im vorangegangenen Satz ja selbst geschrieben. Ohne ausreichende Daten zur Sterblichkeit in einer Stadt lässt sich nicht sagen, warum eine Bevölkerung stagniert oder sogar schrumpft (...) es bedeutet aber nicht, dass die Herleitung richtig war: dass die Stadtbevölkerung nur (oder hauptsächlich) aufgrund der grassierenden Krankheiten stagnierte.
Das sehe ich nicht als Hauptaussage des Videos, sondern die Frage nach der Herkunft von seuchenartigen Krankheiten, und warum es sie in Amerika nicht gab. Dafür ist die Frage, die du in diesem Thread stellst, so interessant die für sich genommen auch ist, weitgehend irrelevant. Dass es in Europa solche Krankheiten gab ist ja unbestritten.
 
Nun, es ging mir aber nicht um das Thema das Videos, sondern nur um die eingangs zitierte Aussage: Die Behauptung, dass europäische Städte vor 1900 allein durch Zuzug wachsen konnten, weil die grassierenden Krankheiten zu einer allzu großen Sterblichkeit geführt hätten.

Tut mir leid, falls das nicht recht herüberkam.
 
die eingangs zitierte Aussage: Die Behauptung, dass europäische Städte vor 1900 allein durch Zuzug wachsen konnten, weil die grassierenden Krankheiten zu einer allzu großen Sterblichkeit geführt hätten.
Vor 1900 ist ein weites Feld... Vor 1900 schließt die Industrialisierung mit ein. Diese benötigte mehr und mehr Arbeitskräfte, und dazu wiederhole ich mich:
Die benötigten zahlreichen Arbeitskräfte für die Industrialisierung sprossen nicht plötzlich massenhaft aus dem Boden
und wahrscheinlich rekrutierten sie sich auch nicht aus Jahrhunderten der Überbevölkerung, d.h. es gab im 19. Jh. keine demografischen Probleme beim besetzen der Arbeitsstätten der immens wachsenden Industrien.
 
Das sehe ich nicht als Hauptaussage des Videos, sondern die Frage nach der Herkunft von seuchenartigen Krankheiten, und warum es sie in Amerika nicht gab.
Es gab halt einen großen Bevölkerungs- und Seuchenpool in Eurasien und Afrika, und einen deutlich kleineren in Amerika.
(Vielleicht hat auch eine Rolle gespielt, dass es in Amerika weniger Haustierarten gab, von denen Erreger auf den Menschen überspringen konnten. Aber das wird wohl alles in dem Video diskutiert, das ich nicht kenne.)
 
----------kurze Unterbrechung-------
@Shinigami das hatte ich übersehen:
Würde ich schon deswegen infrage stellen, weil ein Großteil des Wachstums von Städten im 20. Jahrhundert, jedenfalls bei vielen mir bekannten Fällen auf Eingemeindungen/Gemeindereformen zurückgeht.
und da hast übrigens auch schon für das 19. Jh. recht, kurioserweise gerade in den Festungsstädten. Für Mainz und Köln sind die Eingemeindungen dokumentiert im 19. Jh. dokumentiert: abhängig vom jeweiligen Stand des Festungsbaus (Ausbau/Erweiterung der Bundesfestungen Mitte des 19. Jhs., Erweiterung infolge weitreichender Artillerie führt zu Fortgürteln (Biehler Ära), Brisanzkrise mit noch umfangreicherer Fortifizierung) konnte sich einige Industrie nicht innerhalb der Rayons ansiedeln, wich also in Vororte aus, welche peu a peu von den sich ausweitenden Festungsringen quasi in die Stadt geholt wurden - kurzum viele Eingemeindungen in der 2. Hälfte des 19. Jhs. erweiterten die Stadt, um die neu angesiedelte Industrie in die Stadt zu holen. Dabei waren die vormaligen Ansiedlungen in Vororten etc außerhalb des Rayons für den Waren/Güterumschlag, für die Logistik meist problematisch (Häfen und Bahnhöfe waren in, nicht vor der Stadt, Wegtrassen durch die Festungsringe waren lästig/aufwändig usw) - das auflassen der älteren Festungsringe (bestes Beispiel Mainz) machte riesige Grundstücke frei für Industrie und Handel.
- wird in mehreren Aufsätzen in "Bollwerk Mainz" und "Festungsstadt Köln" ausführlich dargestellt
----------Unterbrechung beendet-----------
 
Ich versuche mich mal auf lokaler Ebene der Frage zu nähern.

In Karlsruhe wohne ich in einem Mehrfamilienhaus, welches 1876 errichtet wurde. Dies war die Phase, in der das Franzosengeld ins Reich floss. Das waren Reparationen aus den 1870er/1871er-Krieg. Das Geld ermöglichte unter anderem eine Erweiterung von Städten:

In Karlsruhe entstanden damals

  • die Oststadt
  • die Südstadt
  • die Südweststadt
  • die Weststadt
Alles keine Eingemeindungen, sondern Stadterweiterungen vor den früheren Stadttoren.

Das Wohnhaus ließ sich ein Bäckermeister errichten, der aus Bühl nach Karlsruhe gekommen war. Also ein Zuzügler. Auf der Parzelle im Westen des Hauses wurde 1890 eine Gastwirtschaft mit großem Biergarten errichtet. Der Bauher war zuvor Gastwirt in der Karlsruher Innenstadt gewesen. Also ein Umzug, welcher sich nicht auf die Einwohnerschaft auswirkte.

Beide hatten Kinder. Zählen alle Kinder zur Geburtenrate oder müsste man die Kinder des Gastwirts anders bewerten als jene des Bäckermeisters?

Zuzüge in Städte dürften meines Erachtens junge Menschen gewesen sein. Das pusht die zukünftige Geburtenrate. Daher kann man nicht einfach die Geburtenrate nehmen und daraus ein Wachstum der Stadtbevölkerung ableiten. Denn dann vermischt man das Wachstum aus der angestammten Bevölkerung und jener der Zuwanderer.

Heutzutage ist dies einfacher abzugrenzen. Wenn eine Stadt bei der Geburtenrate die Nationalität ausweist und 15% der Neugeborenen haben eine syrische Staatsangehörigkeit, dann kann man diese einfach der zugewanderten Bevölkerung zuordnen. In der Vergangenheit wird es schwierig. Für die badische Stadt Karlsruhe war der Bühler Bäckermeister und der Karlsruher Gastwirt einfach nur badische Staatsbürger.
 
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