Hi John,
und willkommen!
Ich, in militärischen Aspekten wenig bewandert, staune über Teil 2 deines folgenden Satzes:
Abgesehen von der Tabernas-Halbwüste in Andalusien (als Drehort u.a. für europäische Westernfilme genutzt) ist Europa wüstenfrei, mutet für mich Laien verwunderlich an, dass in der Mojave-Wüste für mögliche Konflikte in Europa trainiert wurde.
Auf den ersten Blick erscheint es widersinnig: Warum sollte die US-Armee in Mitteleuropa, mitten in der Mojave-Wüste, Panzerkriegsführung trainieren? Im Nationalen Ausbildungszentrum ging es nie um die Landschaft. Es ging um die Übung groß angelegter, mobiler Kriegsführung, und dafür war die Wüste schlichtweg der beste Ort, den die USA hatten.
Das Gelände von Fort Irwin ist riesig. Rund 2.600 Quadratkilometer, größtenteils leer und unbewohnt. Ganze Brigaden mit Panzern und Schützenpanzern konnten sich über reale Distanzen und mit hoher Geschwindigkeit bewegen, während Bataillone gleichzeitig über Dutzende von Kilometern verteilt waren. Das ist auf einem überfüllten Stützpunkt irgendwo im Osten der USA, umgeben von Wäldern, Feldern und Zäunen – und erst recht nicht in Deutschland selbst – schlichtweg unmöglich. Der Plan sah damals eine schnelle, groß angelegte Panzerschlacht in der Fulda-Lücke vor, und dafür braucht man vor allem Platz.
In der Wüste gibt es kein Versteck. Die Panzerbesatzungen konnten sich nicht einfach durch die Wälder schleichen oder in einem Dorf verstecken, um der eigentlichen Übung zu entgehen. Alles lag offen zutage. Das zwang die Einheiten, alles richtig zu machen: sich zu verteilen, das Gelände auszunutzen, gegenseitige Deckung zu geben und alle Teilstreitkräfte effektiv zusammen einzusetzen. Fehler, die in einem deutschen Wald unbemerkt geblieben wären, wurden in der Wüste gnadenlos aufgedeckt. Daher der Spruch: „Wer das Nationale Übungszentrum (NTC) überlebt, überlebt überall.“
Doch der wirklich geniale Aspekt des NTC war etwas ganz anderes: eine permanent stationierte OPFOR-Einheit, die nichts anderes tat, als wie ein sowjetisches Schützenregiment zu kämpfen. Kamfen mit sowjetisches Taktiken, Formationen und deren gesamter Denkweise. Sie nahmen das sehr ernst: Sowjetische Uniformen und Fahrzeuge wurden mit Umbausätzen optisch so verändert, dass sie der Ausrüstung des Warschauer Pakts ähnelten. Ein M551 Sheridan wurde in einen T-72 oder BMP umgebaut. Wenn man ihnen gegenüberstand, hatte man wirklich das Gefühl, gegen echte sowjetische Streitkräfte zu kämpfen, nicht gegen die eigenen Kameraden in Verkleidung. Einen Gegner zu haben, der einen so realistisch herausforderte – mit Lasersimulatoren und gründlichen Nachbesprechungen –, war letztendlich wichtiger als Bäume oder deren Fehlen.
Das Gelände gehörte bereits dem Staat, war weit genug entfernt für Übungen mit scharfer Munition, und niemand musste sich um Zivilisten sorgen. Es war schlichtweg groß genug für realistische Kampfdistanzen.
Die Wüste war also kein Ersatz für die deutsche Landschaft. Sie war die Bühne – weitläufig und unerbittlich genug, um genau die Art von Panzerschlacht zu proben, die damals jeder erwartete.
Ich lebte und arbeitete zwei Jahre lang, von 1986 bis 1988, in diesem Umfeld. Es war hart und gefährlich (sowohl die Umgebung als auch die vielen gepanzerten Fahrzeuge, die dort unterwegs waren). Rückblickend habe ich aber jede Minute dort genossen.