Zu meiner germanistischen und hispanistischen Ausbildung gehörte ja nun neben der Sprach- auch die Literaturwissenschaft. Somit ist mir der Perspektivwechsel durchaus geläufig (nicht nur dort). Ich habe allerdings nicht verstanden, wo genau du hier einen Perspektivwechsel ausmachst und worin dieser besteht.
Biturigos beschrieb und kritisierte oben einen Perspektivwechsel von Dietrich zu Laurin, ohne ihn als solchen zu benennen. Der Begriff mag modern sein, die Methode ist jedoch sehr alt: Beispielsweise ist der Perspektivwechsel in Platons Höhlengleichnis ein Hauptthema.
Das ist definitiv eine falsche Herangehensweise. Da du die Außenseiterposition vertrittst und dich mit der germanistisch-mediävistischen Wissenschaft anlegst (der du Ignoranz vorwirfst) - in der Wissenschaft ist das - wenn du die besseren Argumente hast - sogar notwendig, müsstest du erst mal überzeugen.
Wie schon gesagt, gilt das im Rahmen einer Buchveröffentlichung oder Dissertation. In einem (anonymen) Forum reicht es erst mal zu informieren. Für interessiertere Leser, die sich mit dieser Thematik bereits ausgiebiger beschäftigten, lieferte ich weitere Hinweise zur näheren historischen Lokalisierung der av. DE. Wenn jemand damit nichts anfangen kann, hat er sich auch nicht detaillierter mit der av. DE auseinandergesetzt.
Es ist nicht notwendig, schlecht begründete Argumente zu widerlegen. Und bislang konnten deine Argumente ja noch niemanden überzeugen.
Die bislang "märchenhafte" Zuordnung der "märchenhaft-aventiurehaften DE" der germanistischen Mediävistik ist überhaupt nicht überzeugend. Einfache Spielmänner hätten sich beispielsweise nie dieses redaktionelle Unternehmen leisten können, hier Märchen zu erfinden und in mehrfachen Versionen zu verbreiten. Offensichtlich geben sich die meisten germanistischen Mediävisten mit dieser Hypothese zufrieden, obwohl sie jeglicher historischer Logik entbehrt.
Meine genannte Argumentationskette ist hingegen schon im Ansatz stringenter begründet:
Eckenlied-Virginal-Laurin hängen u.a. durch dasselbe Wegeschema (Bewegungsprofil der Helden) zusammen:
- Verona-(Trient)-TirolerGrenze-Talburg-Hochgebirge
- In diesem Zusammenhang fallen min. 15 Ortsnamen zwischen Trient und Bozen hauptsächlich auf der östlichen Talseite, die sich in einem Radius von rund 25 km lokalisieren lassen - mit der Herrschaft Enn im Zentrum. Die meisten der Orte sind Teil der Herrschaft Eppan-Enn.
- Diese Herrschaft hätte sich auch dieses redaktionelle Unternehmen leisten können - einfache Spielleute nicht.
- Hinzu kommt die Unterfertigung eines Nikolaus von Egnn, Egnna, Enn etc. im Textzeugen L16.
Das ist zwar noch nicht alles, aber für den Einstieg ausreichend.
Z.B. dein Beharren darauf, dass der Rosengartenvers in der Sammel-HS von Nicolao von Enn stamme, (1) der einzig und allein auf einer strittigen Lesung des Namens auf der einen Seite und (2) der Heftung zweier unzusamenhängender Blätter basiert, (3) die deutlichen Unterschiede der HSS und der Tinten aber genauso ausblendet, wie die Tatsache, dass es sich um eine (4) mehrsprachige Sammel-HS handelt, ist nicht sehr vertrauenerweckend.
Dem Begutachter ist schon bei der Übersetzung dieser entscheidenden Unterfertigung ein Fehler unterlaufen, was noch weniger vertrauenerweckend ist. Allerdings hat er sich offensichtlich nicht ausgiebig (topographisch) mit der av. DE beschäftigt. Dementsprechend kommt seine Egn-Übersetzung einer spekulativen Ortsangabe gleich. Bei der Gesamteinschätzung der Sammel-HS (unterschiedliche Tinte, Sprachen etc.) könnte es sich ähnlich verhalten. Mein Hinweis auf den historischen Nikolaus von Enn/Egna ist dagegen weniger spekulativ.
Sowohl die Geschichts- als auch die Literaturwissenschaft sind (weitesgehend*) Textwissenschaften. Vielleicht willst du ja mal deine Behauptungen anhand textlicher Belege fundieren?
Die genannten, zahlreichen, entscheidenden Ortsnamen, die sich in einem Radius von rund 25 km lokalisieren lassen, wo die Herrschaft Enn das Zentrum bildet, sind beispielsweise sowohl textliche, als auch historisch-topographische Belege. Was will man mehr? Mehr Zusammenhänge, Argumente etc. lassen sich in einer entsprechenden Publikation unterbringen.
Das fehlt mir bei diesem Anspruch ein wenig die konstante wissenschaftliche Akkuratesse, wenn Grundlagen-Kenntnisse selbst von Kurrent nicht ausreichend vorhanden sind....und das Ausrufezeichen von Meinhardt nicht weiter thematisiert wird.
Die fehlende "wissenschaftliche Akkuratesse" fällt bei den hauptberuflich Beschäftigten dieser Thematik entscheidend größer aus s.o. So kam die Anmerkung Egnr dadurch zustande, da ich dem hauptberuflich Beschäftigten Menhardt vorerst keine derart große Abweichung vom Faktischen zutraute (komplette Ignoranz der n-Abbreviatur). Meine Gründlichkeit konzentriert sich hauptsächlich in den hier entscheidenden historisch-topographischen Bezugspunkten, von denen Menhardt u.a. offensichtlich keine Ahnung haben, oder sie nicht zuordnen können.
Ich fand diese Zusammenfassung sehr hilfreich: Pons Drusi in Gries?
Diese Zusammenfassung kommt aber auch zu keinem Ergebnis, außer dass sie das
Museum Pons Drusi in Gries berechtigterweise kritisiert. Dort wurde eine
Villa rustica entdeckt, die sicher nicht mit
Pons Drusi zu identifizieren ist.
Zum Befund: Der Archäologe Stefan Demetz kommt im Schlusskapitel seiner Dissertation (2000) zu folgendem Ergebnis: "In Südtirol ist die augusteische Epoche nach 15 v. Chr. bisher nirgends besser belegt als auf Sigmundskron. Lag hier die frührömische Keimzelle der Brückenkopfsiedlung
Pons Drusi, die - wohlgemerkt - erst in erheblich jüngeren römischen Quellen verzeichnet ist?" "Nach Bonfanti, 1985 dürfte der Platz im 1. Jh. n. Chr. bald wieder aufgegeben worden sein und erst im späten 4. Jh. n. Chr. wieder an Bedeutung gewonnen haben." - Also zur Zeit, wo
Pons Drusi in der
TP aufgenommen wurde und der Phase potentiell zunehmender Überschwemmungskatastrophen, die einen Umweg übers Überetsch notwendig machten.
Anzumerken ist noch, dass er sich zur späteren Benennung des Grieser
Museum Pons Drusi nicht (kritisch) äußerte. Anderenfalls wäre er vermutlich nicht von den überwiegend italienischen Stadträten von Bozen wieder zum Museumsdirektor des Stadtmuseum Bozens gewählt worden.
Zurück zu den Herren von Enn: In Südtirol werden sie auch als Edelfreie bezeichnet (nicht von Dir). Das erscheint mir etwas hoch gegriffen:
Ich muss nicht ständig erwähnen, dass diese Herren edelfrei waren. Dazu habe ich bereits den Aufsatz von W. Landi erwähnt.
Deine Argumentation für die Verortung des Rosengartens im Herrschaftsbereich der Herren von Enn fußt also, neben der Verordnung der römischen Straßenstationen, auf:
Auf mehr als die genannten Punkte: beispielsweise auf die Meilen- und die Zeitangaben, heraldische Hinweise (Laurin trägt das Wappen von Enn).... darüberhinaus hängen die Talburgen im Laurin, Virginal und Eckenlied zusammen: es handelt sich also um ein und dieselbe Talburg-Position (s.o.).
Das Ganze passt doch zeitlich überhaupt nicht zusammen!
Die ältesten Fassungen des Laurin-Epos stammen aus der Zeit um 1230. Da war Meinhard II. von Tirol noch nicht geboren.
Die Konflikte der Grafschaft von Tirol mit Eppan beginnen bereits um 1160. In dieser Zeit sind hier auch die Edelfreien von Enn belegt. Neben ihrem Herrschaftsgebiet übernehmen sie später (um 1235) auch Teile dieser benachbarten Grafschaft. Sie entsprechen höheren Ministerialen, anderenfalls hätte Ezzelin I. nicht die Gräfin von Eppan-Flavon ehelichen und das höchste Amt von Verona übernehmen können. Und über die Verbindung mit Ezzelin III. da Romano waren sie auch mit den Staufern verwandt. Das Ganze passt also auch zeitlich durchaus, ist aber insgesamt betrachtet zu komplex, um hier auf alle Zusammenhänge detaillierter darauf einzugehen. Und so nebenbei geht das erst recht nicht.
Btw. Das Thema hat im Südtiroler Raum aber ohnehin keine bis kaum eine Bedeutung - der Laurin ist nur marginal bekannt; Goldemar, Virginal, Eckenlied etc., und die Dietrichepik generell sind völlig unbekannt. Somit beschäftige ich mich auch nur am Rande damit, wenn es die Zeit erlaubt.