In der ersten Fassung des Brettspiels "Risiko" konnte man noch den Auftrag "Vernichten sie die blauen (roten, grünen,...) Armeen." erhalten. Aber schon in der zweiten Version des Spiels lautete der selbe Auftrag dann deutlich emphatischer "Befreien Sie die Welt von den blauen (roten, grünen,...) Armeen."
Nun, das mag ja sein, aber was hat ein Brettspiel nun mit dem mexikanisch-amerikanischen Krieg zu tun?
2. Außenpolitisch/diplomatisch
Schon richtig, Machtpolitisch konnten die USA am nordamerikanischen Kontinent damals tun, was sie wollten, weil sie keine ernstzunehmende Konkurrenz zu fürchten hatten.
Der ernsthafte Konkurrent in Nordamerika hieß damals nach "Großbritannien". Das dieser Konkurrent damals noch ernst zu nehmen war, hatte er im Krieg von 1812-1814 bewiesen.
Aber einfach zu sagen "Wir tun das, weil wir können" macht einfach diplomatisch keinen schlanken Fuß.
Diplomatie ist erstmal nur dann notwendig, wenn es potentielle Gegenspieler gibt, die irgendwie dazwischen funken können. Der einzige Akteur der dazu faktisch in der Lage gewesen wäre, wäre Großbritannien gewesen. Allerdings ein US-Amerikanischer Fokus auf den Südwesten, auf Mexiko und das Erreichen der Pazifik-Region im Süden, bedeutete für das britische Empire, dass potentielle Gefahr für die eigene Herrschaft in Kanada erstmal abnehmen würde. Insofern die potentielle Expansion der USA sich räumlich von den britischen Positionen weg bewegte konnte London damit leben.
Und warum genau hätten sich die USA da für irgendeine andere Macht besonders interessieren können? Auf dem amerikanischen Doppelkontinent gab es niemanden, der militärisch mithalten konnte und die übrigen europäischen Großmächte, die nicht "Großbritannien" hießen konnten so weit in Übersee nur mit sehr begrenzten Mitteln und Truppenkontingenten agieren.
Das französische "Mexiko-Abenteuer" Napoleon III. 20 Jahre später zeigt das ja.
Die anderen europäischen Mächte hätten da noch weit weniger Möglichkeiten und wahrscheinlich auch kein wirkliches Interesse gehabt. Russland besaß damals natürlich noch Alaska, aber die Tatsache, dass man das einige Jahre später an die USA verkaufte, dürfte das eher geringe Interesse an dieser Region verglichen mit dem Schwarzmeer-Raum und Zentral- wie Ostasien belegen.
Ein bißchen Märchen erzählen und eigene Interessen nicht ganz offen auszusprechen, kostet nicht viel und macht es anderen leichter, weiterhin freundlich zu bleiben (was wirklich los ist, sagt den anderen Mächten ohnehin ihr nachrichtendienstlicher Apparat).
Wozu, wenn es bei den anderen Akteuren keine generell pazifistisch eingestellte öffentlichkeit gibt und Krieg gemeinhin als legitimes Mittel der Politik gilt und Eroberungen/Imperialismus ohnehin?
Märchen erzählen war in einem näherungsweise demokratisch verfassten Land, wie den USA vielleicht innenpolitisch notwendig um den Weg für die Expansion frei zu machen, aber in den 1840er Jahren ganz gewiss nicht außenpolitisch.
Die einzige potentielle Veto-Macht Großbritannien dürfte wie gesagt froh gewesen sein die USA eine andere Expansionsrichtung einschlugen als den Nordosten, als ständig expandierendes, globales Empire, wäre Fundamentalkritik an Krieg und Eroberungen schlicht unglaubwürdig gewesen und abgesehen davon wurden ja auch die gegenseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeiten durch die steigende Nachfrage der nordenglischen Industrie nach US-Amerikanischer Baumwolle immer größer.
3. Innenpolitisch
Sobald öffentliche oder veröffentlichte Meinung existiert, sollte sich Regierungshandeln nicht allzuweit vom selbstgewählten nationalen Selbstbild entfernen um nicht innenpolitische Querelen auszulösen. Selbstbild der USA war das einer freiheitsliebenden Gesellschaft, die sich unabhängig gemacht hatte, gerade weil sie sich nicht in (europäische) Großmachtstreitereien und Kriege hineinziehen lassen wollte. Da konnte man natürlich nicht brachial einen Expanionskrieg vom Zaun brechen und den blutigen Aggressor mimen, da mußte - um diesen Widerspruch zu übertünchen - natürlich ein "moralisches Deckmäntelchen" (einer meiner Geschichtslehrer zu ähnlichen Fällen) her.
Ich würde sagen hier idealisiert du die US-Amerikanische Gesellschaft der 1840er Jahre ein wenig.
Das Selbstbild der USA war das einer freiheitsliebenden Gesellschaft, dass ist richtig. Damit war aber nicht unbedingt eine universelle Freiheit gemeint, sondern in aller erster Linie mal die eigene Freiheit und das durchaus auch auf Kosten anderer, denn sowohl der Fortbestand der Sklaverei, in den Staaten, die sie nicht abgeschafft hatten als auch die fortgestzte Verdrängung der indigenen Gruppen waren ja damals durchaus noch weitgehend konsensfähig.
Zum Selbstbild der USA, gehörte auch schon immer die Vorstellung vom eigenen Pioniergeist, die mit der Vorstellung einer eigenen, imperialen "Zivilisierungsmission", immer ganz gut vereinbar war.
Und dann kamen natürlich die realen Gegebenheiten dazu.
Die Republik Texas war nach 1836 von den USA und mehreren anderen Staaten anerkannt, daraunter Frankreich und Großbritannien anerkannt worden, nicht aber von Mexiko.
So lange Texas de facto eigenständig blieb, war das eine Art eingefrohrener Konflikt, der sich in dem Moment in einem Krieg zwischen Den USA und Mexiko entlud, in dem die USA Texas den Beitritt anboten und ein Großteil der Texaner sich dafür aussaprach.
So lange die Republik Texas eigenständig war, war es auf mexikanischer Seite möglich an der Fiktion festzuhalten, dass es sich bei Texas nach wie vor um eine rebellische, gleichwohl zum Mexiko gehörende Provinz handle, die man bei Zeiten wieder einsammeln würde.
In dem Moment in dem Texas versuchte den USA beizutreten, war der mexikanische Anspruch aber herausgefordert, weil damit klar sein musste, dass nach diesem Schritt jeder Gedanke an eine Wiederherstellung mexikanischer Hoheit über das Territorium illusorisch sein musste.
Was die Propaganda angeht, waren die USA hier von Anfang an im Vorteil, weil es den Wunsch nach Anschluss an die USA in Texas einmal realiter gab und weil mindestens ein Teil der europäischen Staaten die Republik Texas auch anerkannt hatte.
Unter diesen Gegebenheiten war es ziemlich leicht, zunächst mal zu beanspruchen, für die Freiheit und das souveräne Recht der Texaner ihr eigenes Schicksal zu bestimmen in den Krieg zu ziehen und die mexikanische Seite als despotisch darzustellen.
Innenpolitisch besorgte die real vorhandene Stimmung in Texas selbst die Rechtfertigung, außenpolitisch hatten Großbritannien und Frankreich mit der Anerkennung von Texas bereits erklärt, dass ihrer Meinung nach Mexiko keine Rechte mehr an diesem Territorium hatte, folglich war schon auch von diesem Punkt her nicht zu erwarten, dass sich diese beiden Akteure auf die mexikanische Seite schlagen würden, wenn es wegen der von Mexiko aufrecht erhaltenen Ansprüche auf Texas zum Konflikt mit den USA kam.
Was die sonstigen über Texas hinausgehenden Gebiete angeht, die seitens der USA annektiert wurden:
Es handelte sich dabei um Gebiete, die von spanischer/mexikanischer Seite kaum erschlossen waren, in denen es nur einige kleinere europäisch/mexikanisch geprägte Siedlungen und Missionsstationen gab und de facto ein Großteil des Gebiets von indigenen Gruppen bewohnt wurde.
Diese Annexion, nachdem der Krieg wegen der causa Texas einmal lief, ließen sich relativ problemfrei mit dem Pioniermythos und der üblichen kolonialen rhetorischen Figur rechtfertigen, dass es sich, da kaum bewohnt ja quasi um Niemandsland handelte, dass man für die Zivilisation im Besitz zu nehmen gedenke.
Um das rechtfertigen zu können, musste nicht viel mehr an Rechtfertigung her, als im Ideenrepertoire des 19. Jahrhunderts ohnehin vorhanden war.
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Es gab in den USA durchaus Kritik an der (perspektivischen) Süd-West-Ausdehnung der USA.
Die beruhte aber zu einem Großteil nicht auf prinzipiellen Bedenken gegen Kriege und Eroberungen, sondern darauf, dass ein so großer Gebietszuwachs für die USA, das sorgsam austarierte innenpolitische Gleichgewicht zwischen freien Staaten und Sklavenstaaten durcheinanderbringen würde, was dann mit dem Beitritt Kaliforniens zu den USA, der den "Missouri-Compromise" da facto bereits kippte (bevor er mit dem Dred Scott-Urteil dann auch de jure endgültig hinfällig wurde), durchaus auch passierte