Außenpolitik des Deutschen Reiches und der Bundesstaaten

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Heinzstrunk, 13. Juli 2011.

  1. Heinzstrunk

    Heinzstrunk Neues Mitglied

    Liebes Forum,

    ich habe eine Frage bzgl der außenpolitischen Kompetenzen des Reiches und der Bundesstaaten.

    Das Reich besaß mit dem Auswärtigen Amt bzw. mit den Konsulaten und Botschaften im Ausland ein diplomatisches Netzwerk, dass im Wesentlichen die Außenpolitik bestimmte (natürlich stets in Absprache mit Kaiser - Art. 11, Reichsverfassung - und Reichskanzler, der gegenüber dem AA weisungsbefugt war).

    Nun zu meiner Frage: Der Bundesstaat Bayern hatte hier Sonderrechte und unterhielt ebenfalls diplomatische Dependance im Ausland. Kann mir jemand sagen, wo genau und warum? Und überdies: Gab es auch Botschaften andere Bundesstaaten im Ausland?

    Vielen Dank schon mal im voraus! Heinzi
     
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  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dazu habe ich keinerlei Informationen.
    Möglicherweise hilft Dir aber diese Publikation weiter, die man über Fernleihe der Bibliotheken sicher beschaffen kann:

    Konrad Reiser: Bayerische Gesandte bei deutschen und ausländischen Regierungen 1871–1918 - Ein Beitrag zur Geschichte der Teilsouveränität im Bismarckreich, 1968.
     
  3. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Im Nachgang zu der Literaturempfehlung in #2, ein Überblicksdarstellung (Lexikon). Zu den Inhalten/Aufgaben der Gesandschaften findet sich in diesem Lexikoneintrag für den Zeitraum nichts, aber eine Tabelle mit den bayerischen Gesandschaften (inkl. Literaturverzeichnis).

    Historisches Lexikon Bayerns - Bayerische Gesandtschaften (19./20. Jahrhundert)

    M.
     
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  4. Heinzstrunk

    Heinzstrunk Neues Mitglied

    "Während die übrigen deutschen Einzelstaaten – mit Ausnahme Sachsens – in den folgenden Jahrzehnten ihre Vertretungen im Ausland nach und nach aufgaben, unterhielt Bayern noch 1914 diplomatische Vertretungen in Frankreich (auch in Belgien akkreditiert), Österreich-Ungarn, Russland, Italien, beim Heiligen Stuhl sowie in der Schweiz. Diese Posten wurden nicht immer von Gesandten, sondern zum Teil von Ministerresidenten oder Geschäftsträgern versehen." (Historisches Lexikon Bayerns)

    Da steht's! Perfekt und vielen Dank, Melchior.
    Trotzdem hab ich mir das Buch von Konrad Reiser auch gleich bestellt - dankeschön... :D
     
  5. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Bundesstaatemn hatten also das aktive und passive Gesandtschaftsrecht behalten dürfen. Ergibt das denn Sinn?, denn gemäß Artikel 11 der Reichsverfassung oblag die völkerrechtliche Vertretung des Reichs dem Kaiser, konkret in der Praxis dem Reichskanzler und das ihm untergeordente Auswärtige Amt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juli 2011
  6. Heinzstrunk

    Heinzstrunk Neues Mitglied

    Ich nehme an, dass sich das Gesandtschaftsrecht lediglich auf wirtschaftliche Aspekte bezog. Vermutlich waren es eher Konsule als Botschafter, die in diesem Fall Bayern vertreten haben. Dies würde zumindest nicht den Art. 11 - die völkerrechtliche Vertretung des Reiches durch den Kaiser - zuwiderlaufen.
    Man muss bedenken, dass die Bundesstaaten zudem auch in Sachen Militär föderale Souveränität genossen (es gab z.B. kein Reichskriegsamt, sondern jeder Bundesstaat hatte sein eigenes militärisches Ministerium). Ich kann mir schon vorstellen, dass das Gesandtschaftsrecht der Länder ebf. ein Zugeständnis war, das Bismarck - vermutlich zähneknirschend - machen musste.
     
  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Heinzstrunk

    "Ich nehme an, dass sich das Gesandtschaftsrecht lediglich auf wirtschaftliche Aspekte bezog. Vermutlich waren es eher Konsule als Botschafter..."

    Das ist eine sehr mutige Arbeitshypothese.

    Neben der Literatur in den o.g. links würdest Du auch entsprechende Informationen im bayerischen Hauptstaatsarchiv finden, und zwar hier:

    "...Die Urkunden aus Abgaben des Außenministeriums bzw. nach 1933 der Staatskanzlei sind als Bayern Urkunden aufgestellt (Staats-, Grenz-, Kirchen-, Post-, Eisenbahn-, Schifffahrts- und Wirtschaftsverträge mit europäischen und außereuropäischen Staaten, mit deut­schen Bundesstaaten bzw. Bundesländern sowie mit der Reichs- bzw. Bundesregierung, 1799–1995..." (Auszug aus der Findbuchstelle)

    Bayerisches Hauptstaatsarchiv

    Meine themenferne Annahme ist, daß selbstverständlich Bayern keine eigene Außenpolitik ab 1871 betrieb, wohl aber durchaus "voroffizielle" Kontakte pflegte resp. hielt z.B. mit dem Heiligen Stuhl während des "Kulturkampfes". Darüber hinaus "Hofangelegenheiten", das Haus Wittelsbach hatte ja im Uz (1871-1918) durchaus einige dynastische Probleme zu bestehen (L. II. => Otto I. => Luitpold => L. III.).

    M.
     
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  8. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Meines Wissens nach behielten "nur" Bayern, Sachsen und Württemberg ihre Kriegsministerien. Des Weiteren ist daraufhinzuweisen, das der Kaiser gleichzeitig auch der Oberbefehlshaber des Heeres war. Es war der kaiser der Offiere ernannte und beförderte. Gemäß einer besonderen Vereinbarung mit Bayern verblieb in Friedenszeiten der Oberbefehl beim bayrischen König; im Kriegsfalle ging dieser aber auf dem Kaiser über. In allen entscheidenen Belangen wurde abe die gesamtdeutsche Armee von Preußen gesteuert.
     
  9. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das Königreich Württemberg gab seine auswärtigen Gesandtschaften nach 1871 auf, behielt lediglich die in Berlin in der Voßstr. (wo zu Hitlers Zeiten dann die neue Reichskanzlei stand). Der Vorgänger der heutigen "Landesvertretung" in Berlin. 1933 -Gleichschaltung wurde sie aufgegeben und das Gebäude verkauft.
    Weizsäcker (der Großvater des Bundespräsidenten und württ. Ministerpräsident) bedauerte später, dass man den Weg in den Untergang vor 1914 wohl gesehen, aber Mangels eigener Außenpolitik machtlos, und auf die Außenpolitik des Reiches keinen Einfluss gehabt hätte .....

    Einen Kriegsminister besaß Württemberg bis 1919. Die württ. Truppen waren in einem eigenen Armeekorps zusammengefasst, und traten erst im Krieg unter den Oberbefehl des Kaisers.
    Es gab einige Besonderheiten im württ. Militär, die für mich wichtigste: es gab keine Kasinos! der württ. Offizier war Teil des Bürgertums, und sollte in ihm verkehren! Bestrebungen des König Karl Kasinos einzuführen stießen auf einhelligen Widerstand!
     
  10. Trojan

    Trojan Mitglied

    alles nur Zugeständnisse, damit König Ludwig II seine Schlösser bauen konnte.
    Die Bayern haben sich noch sehr lange als "eigenes Volk" gesehen, hier waren nach 1919 auch die Autonomiebestrebungen am höchsten.
    Ein Großteil der Bayern sah sich den Österreichern näher als den Preußen, deshalb wollte man praktisch so ein Bindeglied sein. Wenn man schon in einem deutschen Staat war, dann wenigstens noch mit eigenem Militär und Außenpolitik.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Für die Zeit ab 1871 wäre eine Literaturquelle prima, am besten noch im Reichsvergleich.

    Für 1919ff. übersiehst Du die sonstigen Separationsbestrebungen, da würde ich kein Urteil im Vergleich z.B. zum Rheinland, Ostpreußen, Schlesien wagen.
     
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  12. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ludwig II. finanzierte seinen Schlösserbau aus seiner privaten Kasse.

    Verwechselst du da nicht gerade Bayern mit der autonomen Pfalz?

    Hast du dazu konkrete Zahlen, wenn du vom Großteil der Bayern sprichst?

    Vielleicht liest du dich hier mal ein:
    Kaiserbrief ? Wikipedia
    http://de.wikipedia.org/wiki/Reservatrechte_(Deutsches_Kaiserreich)
     
  13. Trojan

    Trojan Mitglied

    aber die Zahlungen aus seiner "privatzen Kasse" kamen nach der REichsgründung größtenteils aus Berlin. Bismarck hat die Bayern bei der Reichsgründung praktisch "dazugekauft"
    Ich wollte nicht von Regionen reden, die Autonomiebestrebungen hatten. Das waren wirklich ebenso das Rheinland und die Pfalz. Allerdings waren das keine selbstständigen Buindesstaaten innerhalb des dt. Reiches. Die Pfalz gehörte zu Bayern und das Rheinland zu Preußen.
    Bayern als Staat wollte am ehesten aus dem Reich hinaus, das beklagte ja sogar Adolf Hitler 1919 (ich suche noch nach der Quelle).

    Es ist schwer hier an konkrete Zahlen zu kommen, da es damals noch keine Umfrageinstitute gab. Allerdings werden die die Kulturellen neigungen der einzelnen Deutschen Regionen ja bekannt sein und daraus kann man schonmal entnehmen, dass die Bayern den Österreichern näher standen als den Friesen z.B. Tatsächlich ist das Schimpfwort des "Preiß" für den Norddeutschen sowohl in Österreich als auch in Bayern weit verbreitet gewesen.
    das kenne ich und steht doch nicht im Wiederspruch zu meiner Aussage oder?
    Bayern bzw. König Ludwig II waren ja anfangs gegen eine preußische Dominanz im Deutschen Reich und wollten die Kaiserkrone sogar "wandern sehen".

    Er hat sich doch dann nur durch die Zahlungen Bismarcks überzeugen lassen, mit denen er dann seine Schlösser finanzierte und in seiner Traumwelt verschwandt
     
  14. Trojan

    Trojan Mitglied

    Doch, da Bayern - wie oben bereits geschrieben - als Staat eher die Unabhängigkeit anstrebte. Das andere waren nur regionale Gebiete aber alle zu Preußen gehörig.

    In sachsen, Württemberg und Baden beispielsweise hat es diese Bestrebungen in dem Maße nie gegeben, selbst unter der Kommunistenherrschaft in Sachsen nicht.
     
  15. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Dann solltest du mit solchen Thesen vorsichtiger sein.
     
  16. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Es gab in Stuttgart eine Zeitung, den "Beobachter" liberal, großdeutsch.

    Anhand dieser Zeitung, archiviert und mikroverfilmt im Hauptstaatsarchiv Stgt., kann man den Entwicklungsverlauf sehr gut verfolgen.

    Nach der sang- und klanglos verlorenen Schlacht bei Tauberbischofsheim forderte der "Beobachter" einen Guerillakrieg nach spanischem Muster gegen die Preußen.

    Während der Luxemburg-Krise forderte der "Beobachter" einen Präventiv-Krieg gegen Frankreich.

    Am 31.7.1870 stimmte der Redakteur des Beobachters, Mayer für die Kriegskredite!

    In Anerkennung, dass seine Politik gescheitert war, trat Mayer zum 31.12.1870 von seinem Posten als Redakteur des "Beobachters" zurück.

    Zur Person Mayer:

    Man liebte sie nicht in Süddeutschland die Preußen mit ihrem Militär-Polizeistaat, ein Kleindeutschland wollte man sowieso nicht.
    Aber die Franzosenangst war noch viel größer.
     
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  17. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Du meinst vermutlich die Affaire rund um den Kaiserbrief - das war kein dazukaufen "der Bayern", sondern private Zahlungen an Ludwig II.

    Bayern hat sich im selben Jahr eine Verfassung gegeben, in dem es direkt im 1. Artikel festschreibt, dass Bayern Teil des deutschen Reiches ist. Ich halte Adolf Hitler an der Stelle auch für keine probate Quelle, er war kein Bayer, sondern Österreicher, der zudem radikalen poltischen Ideen folgte, was auch auf den Großteil der Bayern nicht zutraf.

    Und wie kommst du dann zu deiner Aussage wenn du sie nicht belegen kannst?

    Irrtum, Österreich und Bayern verband historisch nicht gerade eine Freundschaft. Fragst du in Bayern die noch lebenden Vertreter der Weltkriegsgeneration werden die an Österreichern kein gutes Haar lassen. Also bitte keine willkürlichen Mutmaßungen zu kulturellen Neigungen aus denen du meinst historische Sachverhalte ableiten zu können.

    Die Metamorphose zum Schimpfwort setzte erst nach der Reichsgründung ein.

    Damit siehst du Ludwig II. viel zu eindimensional, der ist hier aber nicht Gegenstand des Threads. Wenn dich das Thema interessiert, können wir gerne in einem anderen Thread dazu diskutieren.

    Bring doch jetzt bitte mal einen Beleg zu deinen Behauptungen. Im übrigen waren weder Sachsen noch Württemberg oder Baden "zu Preußen gehörig".
     
  18. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Das bayrische Militär wurde 1919 von der bayrischen Regierung aufgelöst und man bat um Schutz durch die Reichswehr und mir sind keinerlei Vorschläge von Regierungsseite her bekannte, die die bayrische Armee wiedererrichten wollten.

    QAndererseits war die Bayrische Volkspartei, die zumindest weitgehende Autonomie für bayern forderderte immer mit zumindest 30% der Stimmen stärkste Kraft im Landtag (erst '33 mit 27% schlechter). Allerdings gab es für die BVP nie eine absolute Mehrheit und die Wahlergebnisse 19/20 waren keinesfalls so eindeutig (34% und 39%), dass man jetzt vom mehrheitlichen Wunsch für die Unabhängigkeit Bayerns sprechen könnte.

    Außerdem wollten sich die Österreicher freiwillig anschließen, somit wäre dein Argument irgendwie hinfällig.

    Ausrufung der Republik in Österreich:
     
  19. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Ob Bayern als Staat die Unabhängigkeit anstrebte, möchte ich doch sehr in Frage stellen.

    Eine "Kommunistenherrschaft" in Sachsen ist mir auch unbekannt. Du wirst die kurzzeitige SPD-KPD Koalition meinen. Aber OT ist dies sowieso.


    Der württ. Ministerpräsident Mittnacht
    erklärte im Bundesrat mehrfach, dass der Austritt aus dem Kaiserreich seiner Ansicht nach durchaus möglich wäre.
    Aber das ist Tagespolitik das sind keine Bestrebungen.
     
  20. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Verwechselst du gerade Föderalismus mit Autonomie?
     

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