Auswirkung der Französischen Revolution auf das deutsche Mächtesystem

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von capone, 20. September 2006.

  1. capone

    capone Neues Mitglied

    Welche Auswirkungen hatte die französische Revolution auf die deutsche Gesellschaft ? Ich meine hier speziell Einlüsse auf die Denkweise / Kultur, eventuell Anstösse für "neues", Änderungen gesellschaftlicher Strukturen und wie man hierzulande allgemein auf die Ereignisse reagierte.

    Ich habe mich schon etwas durch das Forum durchgelesen und mir auch schon Gedanken gemacht (die ich später noch formulieren werde), aber würde mich dennoch über ein paar Antworten freuen. Müssen keine ellenlangen Texte sein, Stichwörter reichen vollkommen aus.
     
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  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    - Bildung einiger deutscher Clubs (die als Jakobinerclubs defamiert wurden), einer der bekanntesten war der in Altona -> ich schließe auf Einflüsse auf die Clubkultur/Salonkultur bis hin in die Romantik
    - Verfolgung der fortschrittlichen Eliten in München und Wien ab ca. 1792
    - Auswanderung von Demokraten nach Frankreich u.a. Eulogius Schneider ( http://de.wikipedia.org/wiki/Eulogius_Schneider ) u. Umkreis
    - selbstverständlich Einfluss auf das Schaffen deutscher Dichter wie Hölderlin
    - Einführung französischer Maße und Gewichte in nunmehr französischen Departements ab 1798
    - Erhebungen mit bleibender Wirkung gegen die franz. Truppen, so Angriffe der lokalen Bev. auf die Truppen Moreaus 1796 und Erhebung im Rheinland - Klöppelkrieg http://de.wikipedia.org/wiki/Klöppelkrieg gegen die Repressalien der Besatzer 1798 (zu Letzterem könnte ich nähere Infos beschaffen, habe selbst an Veranstaltung zu der Thematik teilgenommen. Wenn Interesse per PM an mich!)
    - Gründung der Mainzer Republik mit bisweilen extremistischen Zügen während der Belagerung von Mainz 1793
    - Gründung der Cesrhenaischen Republik (Umgebung von Köln), die sich sogleich Frkr. anschloss
     
  3. capone

    capone Neues Mitglied

    Danke für deine Antwort ...

    Kannst du mir auch sagen, inwiefern die französische Revolution Einfluss auf die deutschen Dichter hatte ?
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Bis auf Hölderlin sicherlich weniger als man gemeinhin denkt. Für Hölderlin blieb Frkr. das gelobte Land, in dem die Ideale verwirklicht wurden, er begab sich selbst. Christoph Friedrich Cotta, der von Anfang an eine sehr liberale Ansicht vertreten hatte, ging wie Eulogius Schneider nach Frankreich.
    Auf der anderen Seite gab es die sehr kritischen Stimmen wie Schiller, der sich, als die Revolution in Frankreich ausbrach, sogleich von ihr abwendete, obwohl er in Frkr. bevor die Versammlung fremdenfeindlicher wurde, mit Ehrungen versehen wurde, wohl da ein Werk wie "Die Räuber" im Gedächtnis blieben.
    Goethes Ausspruch bei der Kannonade von Valmy ist ja hinlänglich bekannt, wie auch sein Bild, das er schuf, auf dem man im Vordergrund eine Art Freiheitsbaum sieht, an dem das Schild "PASSANS CETTE EST LIBRE" angebracht ist. Goethe würde ich also schon sehr von der Revolution beeinflusst sehen. Er hatte ja auch einen großen historischen Weitblick.
     
  5. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    der wunderbare Hölderlin war allerdings ebenfalls wie Schiller und andere von der Brutalisierung der Revolution ernüchtert, sein gelobtes Land war das Land der Griechen -besser gesagt ; im Griechentum sah er Ziel und Vorbild des menschl. Strebens nach Ganzheit, Schönheit und Frömmigkeit.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. September 2006
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  6. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Die Reaktion der Literaten war durchaus unterschiedlich; nach der Phase der Begeisterung über Freiheitsreden und Revolution z.B. bei Schelling, Hegel, Hölderlin, Herder und Wieland und Schiller, kam es nach der Hinrichtung Ludwig XVI. 1793 allmählich zu ernüchternden Einsichten in die Eigendynamik der folgenden revolutionären Jahre bei den meisten Dichtern.
    Goethe sah schon in Valmy eine neue Zeit anbrechen, er war allerdings als Minister in Weimar von Anfang an besorgt um sein Konzept der " umfassenden Bildung des Menschen und die harmonische Fortentwicklung der Kultur" .
    Vom revolutionären Terror war Goethe abgestoßen und er kann daher nicht als Geistesverwandter der Revolutionsbegeisterten Kollegen gezählt werden, die Begleiterscheinungen der Rev. widersprachen fundamental seiner klassischen Ausrichtung.
    Da nach Valmy die Franzosen die Revolution ihrerseits exportierten und das linke Rheinufer besetzten, konnte es in den rhein. Städten zu Clubs und Volksgesellschaften kommen. Die Jakobinerclubs u.a. machten sich zur Aufgabe , die schreib-und leseunkundige Masse d. Bevölkerung über die Ideale der franz. Rev. aufzuklären. Mainz wurde hier zum dt. Rev.-Zentrum .(siehe Mainzer Republik)

    Zur Reaktion der Revolution unter den dt. Dichtern würde ich daher folgende Link-Einteilung empfehlen :

    1. zu den polit. Aufklärern und Wegbereitern der franz. Revolution :z.B.
    Montesquieu, Rousseau, Locke
    2. zu dt. Dichter der Sturm und Drang Zeit
    3. zu Nachwehen und Wirkungen der Rev.
    das junge Deutschland + Dichter des Vormärz

    Unter den fettgedruckten Stichwörtern läßt sich m.M. nach eine Übersicht über deine Frage und ihren Antworten zusammenstellen,
    Punkt 1) halte ich für wichtig, um die geistigen Vorraussetzungen der Revolutionsepoche zu verstehen. :)
     
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  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Im Großen und Ganzen stimme ich mit dieser Abwendung von der Revolution überein. Man sollte dabei allerdings den Einfluss der aufkommenden Romantik nicht vernachlässigen. Königtum usw. hatten für die Romantiker einen völlig anderen Stellenwert. Genau die selben Personen nahmen andere Positionen ein. Eine genauere Betrachtung, ein Blick allein auf das Werk der Dichter der Zeit, kann um diesen Einfluss zu erkennen, nicht vernachlässigt werden. Ich will mal ganz grob ein par Werke von Schiller "Die Räuber" und "Die Jungfrau von Orleans" und "Wilhelm Tell" nennen. Vielleicht sieht man auch hier schon Grundmuster der Rechtfertigung auch von Königtum, beim zweiten der genannten Stücke, welche ein wenig zum Nachdenken verhelfen.

    Hier eine Homepage zu Hölderlin:
    http://www.hoelderlin-gesellschaft.info/index.php?option=com_frontpage&Itemid=1

    Im Hl. Römischen Reich hatte natürlich auch eine ungemeine Bildpublizistik usw. zur Stimmungsmache gegen die Revolution beigetragen. Wie sich die Ablehnung durch die Romantiker und die Romantik durch die Revolution gegenseitig beeinflussten kann zu ein par Schlüsseln werden, der Frage der Ansichten der Dichter der Zeit in Dtl. auf den Grund zu gehen.
     
  8. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Zu dem Thema kann ich von
    Axel Kuhn: "Die Französische Revolution" Reclam-Verlag 1999
    empfehlen. Kuhn geht auch etwas näher in seinem Büchlein auf den Einfluss in Deutschland ein. Er spricht die Jakobinerclubs und umstürzlerische Bewegungen in Dtl. der Zeit an. Da der Reclam-Büchlein immer nur so um die 7 € liegt, kann man sich das schon mal leisten.
     
  9. capone

    capone Neues Mitglied

    Danke nochmal für die ausführlichen Antworten.

    Kann man die Herrschaft Napoleons und die daraus entstehenden Einflüsse auf Deutschland, wie z.B den "code civil", die Entstehung eines deutschen Nationalismus (jedenfalls Ansatzweise) und die "Abschaffung" des Heiligen Römischen Reichs, auch als Auswirkungen der franz. Revolution auf Deutschland bezeichnen ? Natürlich kann man die genannten Punkte auch als Auswirkungen Napoleons auf Deutschland betiteln, aber ganz Falsch ist die Nennung dieser Aspekte im Bezug zu der Ausgangsfrage nicht, oder ?
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Da Napoleon ein Kind der Revolution war und der Code Civil ein Projekt der Revolution, wenn auch die meiste Arbeit daran erst unter Napoleon geschah und von diesem maßgeblich beinflusst wurde, kann man dies tatsächlich als Auswirkung der frz. Rev. auf D sehen.
     
  11. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es mag sein, dass 1798 mit der Einrichtung der Departements, die das linksrheinische Deutschland vorerst ganz klar an die Republik Frankreich fallen ließ, eine Axt an die Wurzel des Heiligen Röm. Reiches gelegt hat. Aber im Reich wurde auch 1803 darauf reagiert und neue Kurfürsten wurden erhoben wie der Landgraf von Hessen-Kassel und der Markgraf von Baden. Dass diese Erhebungen zwecklos waren mag aus unserer Sicht stimmen, dass es damals schon den betreffenden Fürsten bewusst war, halte ich für eine übertriebene Mutmaßung, die heute aber oft schon kursiert.
    Ich würde unterschreiben, dass die Revolution zu einer erneuten Schwächung des Reiches beigetragen hat, aber der Beender des Reiches, den sehe ich in Napoléon I.. Die Franz. Republik hatte zwar die Legitimität der Kaiserwürde immer wieder in Frage gestellt, aber die militärischen und diplomatischen Aktionen nicht einzig darauf ausgerichtet, das Reich abzuschaffen.
    Ganz im Gegenteil die Revolutionskriege (der 1. und 2. Koalitionskrieg) belebten ja sogar die Reichsidee zumindest in der Bevölkerung vieler Landstriche in Westdeutschland (Brandbriefe, Flugblätter). Die Reichspublizistik bekam einen enormen Auftrieb. Das geordnete und von Gott legitimierte Kaisertum wurde dem scheinbar chaotischen Republikanertum, die Ordnung vor dem Krieg der Unordnung und den Zerstörungen im Kriege, gegenübergestellt.
    Napoléon drängte auf die Niederlegung der Kaiserwürde durch Franz II. aus dynastischem Interesse und ganz losgelöst von einer revolutionären Befreiungsidee (die von einem "Kaiser" formuliert ja auch etwas unglaubwürdig geklungen hätte). N. wollte endgültig eine Macht in Europa ausschalten, die vielleicht doch noch dazu in der Lage gewesen wäre Mitteleuropa gegen ihn zu vereinen. Die übergeordnete Wirkung des Kaisertums im Reich, bei all seinen Schwächen, als Richter und Einer darf man nicht unterschätzen.
     
  12. Mr. Adri

    Mr. Adri Neues Mitglied

    Hallo!

    Ich hab folgendes Problem: ich suche schon wie wild nach den auswirkungen der franz. revolution auf das deutsche mächtesystem, allerdings find ich dazu irgendwie nichts brauchbares. Ich Finde nur sachen wie die gründung des deutschen kaisereiches das europäische mächtesystem beeinflußt, allerdings hat das ja nich wirklich viel damit zu tun, da die aufgabe ja anders rum is.

    kann mir da einer weiterhelfen?

    danke im vorraus :)
     
  13. Telefonmann

    Telefonmann Neues Mitglied

    Das deutsche Mächtesystem beeinflusste erst Naopleon mit dem Reichsdeputationshauptschluss und nach dem Ende des "Alten Reiches" durch die Schaffung des Rheinbundes.
    Sollte dies eine schulische Aufgabe sein, kann ich mir zumindest gut vorstellen, dass dies Schwerpunkte der Klärung der Frage sein sollen. Die von den deutschen Staaten eingeleiteten Reformen (insbesondere die preußischen) sind wohl auch zu nennen.
    Das Deutsche Kaiserreich würde ich bei Fragestellung außen vor lassen. ;)
     
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  14. Mr. Adri

    Mr. Adri Neues Mitglied

    vielen dank sag ich da mal :)
     
  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Als direkte Folge der Revolution gingen ab 1798 endgültig die drei Geistlichen Kurfürstentümer Mainz, Trier und Köln für das Reich verloren. Dies Kurfürsten hatten nämlich traditionell den Rückhalt des Kaisers im Kurkolleg gebildet, da sie vom Kaiser etwas abhängig waren. 1798 wurden allerdings diese Gebiete um die Zeit der Rastatter Friedensverhandlungen französischen Departements eingegliedert. Dazu sollte man sagen, dass in der Nähe von Köln beinahe eine eigenständige Cisrhenaische Republik (google mal danach!) entstanden wäre, welche sich allerdings schließlich Frankreich selbst anschloss.
     
  16. Telefonmann

    Telefonmann Neues Mitglied

    Welche eher angeschlossen wurde. Der Erfolg Frankreichs im Ersten Koalitionskrieg führte dazu, dass man in der Lage war, das Land links des Rheins einfach an Frankreich anzuschließen. Es war gar nicht mehr nötig, einen anderen Staat zu dulden.
     
  17. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Das ist Deine Interpretation. Meines Wissens wurde von einer Vertretung der besagten Cisrhenaischen Republik ein Anschluss an Frankreich in Paris dem Parlament vorgelegt. Es war natürlich eine Entscheidung der französischen Regierung diesen Anschluss anzunehmen. Ebenso wie in Italien und in der damaligen Batavischen Republik wäre auch eine Tochter- oder Schwesterrepublik als Modell denkbar gewesen. Ähnliche Pläne gab es übrigens auch in Süddeutschland.

    Natürlich kann man sich fragen, wie die Optionen einer kleinen Schwesterrepublik direkt an der preußischen Grenze und in einem Gebiet wie um Köln waren, wo natürlich die Reichsfürsten eine Restaurierung ihrer Gebiete jederzeit betrieben.
     
  18. Telefonmann

    Telefonmann Neues Mitglied

    Das Wissen diesbezüglich entnahm ich meinem Geschichtslexikon des 19 Jahrhunderts. Aber auch bei Wikipedia ist folgender Satz zu lesen, wenn man "Cisrhenanischen Republik" eingibt:
    "Aufgrund dieser Entwicklung gab die französische Regierung die Schaffung einer Tochterrepublik zugunsten der direkten Integration in Frankreich auf."
    Das klingt für so, als wäre der Impulz von Frankreich ausgegangen. Zudem wird erwähnt, dass am 5. September 1797 die Republik sogar ausgerufen wurde und man eine Flagge bestimmte. Warum also sollten die Deutschen dann selbst darum gebeten haben, die Republik zugunsten französischer Annexionen aufzulösen?
    Und wenn es zur wirklichen Schaffung dieser Republik gekommen wäre, hätten sie wahrscheinlich unter französischem Protektorat gestanden oder wären anderweitig von Frankreich abhängig gewesen.
     
  19. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Wie auch anders möglich? Meinst Du vielleicht, dass ein paar Tausend Soldaten einer solchen Republik im Falle eines Ausgleiches zwischen Österreich und Frankreich diese hätten allein gegen den österreichischen oder preußischen Militärapperat verteidigen können? Dies halte ich schließlich auch für den ausschlaggebenden Grund. Außerdem bedeutete der Anschluss an Frankreich wohl auch einen Schutz der republikanischen Verhältnisse im Kölner Raum nach Innen. Denn auf dem Land kam es ja 1798 zu den Klöppelkriegen, einer für die Franzosen kleinen aber die Gegend bedeutenden Erhebung. Fragt sich ob eine eigenständige Cisrhenaische Republik nicht allein schon an solchen Unruhen gescheitert wäre.
     
  20. Ryker

    Ryker Neues Mitglied

    Weil es vermutlich bequemer war, v.a. in Hinblick darauf, die angeschlossene Bevoelkerung in treue Franzosen zu wandeln, wenn der Anschluss "freiwillig" durch eine Marionettenregierung erfolgte als durch Einverleibung "ueber den Kopf" der jungen Republik.
     
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